Franz Hitze

Priester, Sozialpolitiker Dr. theol. h. c. 16. März 1851 Hanemicke/Olpe 20. Juli 1921 Bad Nauheim
von Markus Lingen

Der junge Hitze, der 1880 in seiner Theorie von der Reorganisation der Gesellschaft noch mittelalterlich-zünftige Vorstellungen gepflegt hatte, wandte sich mit der Übernahme der praktisch-sozialen Arbeit im Verband Arbeiterwohl der pragmatischen Lösung der Sozialen Frage zu. Ein erster Schritt war 1890 die Gründung des Volksvereins für das katholische Deutschland, der mit über 800.000 Mitgliedern 1914 nicht nur das katholische Vereinswesen förderte, sondern auch konkrete Hilfe bei der Gründung christlicher Gewerkschaften seit 1894 leistete. In den Parlamenten des Reichs und Preußens hat Hitze fast 40 Jahre die Sozialpolitik mit gestaltet. 1883 unterstützte er die Zentrumsfraktion als Experte bei den Beratungen über den Bismarckschen Entwurf zur gesetzlichen Krankenversicherung. Im Reichstag arbeitete er an allen sozialen Sicherungsgesetzen mit. Sein besonderes Interesse galt dem Arbeiterschutz. Die Gewerbeordnung von 1891 und deren Novellierungen sind der aktiven Mitgestaltung Hitzes zu verdanken. Die Sozialgesetzgebung des Kaiserreiches ist ohne die kompromissbereite Verhandlungsführung des Sprechers der Zentrumsfraktion nicht denkbar. Aber nicht nur für die Arbeiter, auch für das Handwerk und die Bauern setzte Hitze sich ein. Eine besondere Ehre wurde ihm zuteil, als ihn Wilhelm II. 1890 zu den Sitzungen des Preußischen Staatsrates einlud. Auf der vom Kaiser im gleichen Jahr nach Berlin einberufenen Internationalen Arbeiterschutz-Konferenz wurde Hitze zum Berater von Fürstbischof Georg Kopp aus Breslau berufen, der als Beauftragter des Papstes an der Konferenz teilnahm. Nach dem 1. Weltkrieg vertrat Hitze zusammen mit Heinrich Brauns die Zentrumsfraktion bei den Beratungen der sozialen Artikel im Verfassungsausschuss der Nationalversammlung. Beide waren an der Gestaltung des Artikel 165 (Arbeiter- und Wirtschaftsräte) maßgeblich beteiligt und verhinderten mit anderen Parlamentariern, dass der radikale Rätegedanke in das Betriebsrätegesetz von 1920 Eingang fand.

Lebenslauf

  • 1872–1877 Studium der Theologie in Würzburg und Paderborn
  • 1878 Priesterweihe
  • 1878–1880 Kaplan am Kolleg Campo Santo im Vatikan
  • 1880–1921 Generalsekretär des Verbandes Arbeiterwohl
  • 1882–1893 und 1898–1912 Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses (Zentrum)
  • 1884–1918 und 1920-21 Mitglied des Reichstages
  • 1890–1921 Schriftführer und Mitglied im Vorstand des Volksvereins für das katholische Deutschland
  • 1893–1920 Professor für christliche Gesellschaftslehre an der Universität Münster
  • 1919-20 Mitglied der Deutschen Nationalversammlung.

Literatur

  • F. Müller: Wer war Franz Hitze? (1959)
  • H. Mockenhaupt, in: ZGiLB 1 (1973)
  • W. Pfeiffer: Der Sozialreformer Franz Hitze (1998)
  • R. Morsey: Franz Hitze 1851–1921 (2001)
  • K. Gabriel/H.J. Große Kracht (Hg.): Franz Hitze (1851–1921). Sozialpolitik und Sozialreform (2006)
  • M. Peters: Franz Hitze und die Sozialpolitik des politischen Katholizismus im Deutschen Kaiserreich (2009)

Teilen

Kontakt

Markus Lingen

Markus Lingen bild

Sachbearbeiter/Bibliothekar-Mitarbeiter Digitalisierung

Markus.Lingen@kas.de +49 2241 246-2443 +49 2241 246-2669