Hans Maier

Politikwissenschaftler, Minister, o. Professor Dr. phil., Dr. h. c. (mult.) 18. Juni 1931 Freiburg/Br.
von Heinrich Oberreuter

Hans Maier hat als erster Herkunft und geistige Grundlagen der christlich-demokratischen Parteien Europas erforscht und aufgeklärt, wie die Idee der christlichen Demokratie sich während des durch die Französische Revolution ausgelösten Kampfes zwischen dem revolutionär aufgeklärten Staat und der Katholischen Kirche geformt hat (Revolution und Kirche 1959, 5. Auflage 1988). Maiers Forschungen zeigen Herausbildung und Politisierung des Laientums in der französischen Kirche, die allmähliche Akzeptanz der Demokratie und die Zuwendung zur sich säkularisierenden Gesellschaft.

In seinen späteren Studien zum Verhältnis von Staat und Kirche hat Maier stets entschieden für eine aktiv mitgestaltende Rolle der Christen im pluralen Wettbewerb der Demokratie plädiert und frühzeitig herausgearbeitet, dass aus der Bibel keine unmittelbaren politischen Handlungskonzepte abgeleitet werden und dass christliches politisches Engagement in unterschiedlichen Parteien beheimatet sein kann. Maier gehört zu jenen Gelehrten, die nach der Wiederbegründung des Faches in Deutschland entscheidende Impulse zur Konsolidierung ihrer Disziplin gegeben haben. Mit seinen staatswissenschaftlichen Forschungen hat er die Geschichte und Lehrtradition der Politikwissenschaft aufgeklärt (Die ältere deutsche Staats- und Verwaltungslehre 1966, 3. Auflage 1986, 2009). Ein dritter Forschungsschwerpunkt beschäftigt sich interdisziplinär vergleichend mit religionsähnlichen Phänomenen in totalitären Systemen (Totalitarismus und Politische Religionen, 3 Bde., 1996, 1997, 2003).

In seinen Werken zeigt Maier sich als profunder Kenner der politischen Ideengeschichte, der deutschen und französischen Sozial- und Verfassungsgeschichte, als Vertreter einer historisch fundierten vergleichenden Institutionenlehre und als ein der Moderne zugewandter Analytiker der sozialen und politischen Stellung der Kirche im nachrevolutionären Zeitalter. Beschäftigt hat ihn gleichermaßen das Problem der deutschen Staatsanschauung und -tradition. Sein Gesamtwerk repräsentiert die historisch-geistesgeschichtliche Tradition der Politikwissenschaft in Deutschland, die auch normativen Fragestellungen nicht ausweicht.

Als Kultusminister hat Maier in den ideologischen Auseinandersetzungen der 1970er Jahre Funktions- und Leistungsfähigkeit der Bildungsinstitutionen verteidigt und deren in Bayern bis heute bestimmenden Fundamente gelegt, zugleich auch breit die Kultur gefördert. Bildungspolitisch folgte er der Maxime, Berufs- und Universitätsbildung in gleicher Weise zu fördern, leistungsspezifisch unterschiedliche Begabungen zu entfalten und die auf eine „Wiedergewinnung des Erzieherischen“ beruhende innere Bildungsreform voranzutreiben.

Das Bestreben Maiers war stets, Politik, Bildung, Kirchen, Kunst und Wissenschaft zusammenzuführen und Konservatives zeitgemäß neu zu bedenken und zu formulieren.

Lebenslauf

  • Studium der Geschichte, Germanistik und Romanistik in Freiburg, München und Paris
  • 1956 Staatsexamen für das Höhere Lehramt
  • 1958 Promotion
  • 1962 Habilitation für Politikwissenschaft bei Arnold Bergstraesser in Freiburg
  • 1962 Prof. für Politische Wissenschaft in München
  • 1966-1970 Mitglied des Deutschen Bildungsrates
  • 1970-1986 Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus
  • 1973 CSU
  • 1976-1988 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken
  • 1978-1987 Mitglied des Bayerischen Landtages
  • 1988-1999 Prof. für Christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie (Guardini-Lehrstuhl) in München

Veröffentlichungen

  • Politische Wissenschaft in Deutschland (1969, 1985)
  • Anstöße. Beiträge zur Kultur- und Verfassungspolitik (1978)
  • Katholizismus und Demokratie (1983)
  • Staat – Kirche – Bildung (1984)
  • Religion und moderne Gesellschaft (1985)
  • Welt ohne Christentum – was wäre anders? (1999, 2. Auflage 2000)
  • Wege in die Gewalt. Die modernen politischen Religionen (2000)
  • Totalitarismus und Politische Religionen. Konzepte des Diktaturvergleichs, Bd. I. (1996), Bd. II. (1997), Bd. III: Deutungsgeschichte und Theorie (2003)
Gesammelte Schriften:

  • Bd. I: Revolution und Kirche. Zur Frühgeschichte der Christlichen Demokratie (2006)
  • Bd. II: Politische Religionen (2007)
  • Bd. III: Kultur und politische Welt (2008)
  • Bd. IV: Die ältere deutsche Staats- und Verwaltungslehre (2009)
  • Bd. V: Die Deutschen und ihre Geschichte (2010)

Literatur

  • Th. Noetzel: H. M.: Traditionsbestände des summum bonum, in: H. K. Rupp/Ders. (Hg.): Macht, Freiheit, Demokratie. Bd. 2: (1994)
  • Th. Stammen/H. Oberreuter/P. Mikat (Hg.): Politik – Bildung – Religion. Hans Maier zum 65. Geburtstag (1996)
  • H. Oberreuter: Verantwortung in Gesellschaft, Staat und Kirche: H. M., in: H.-R. Schwab (Hg.): Eigensinn und Bindung. Katholische deutsche Intellektuelle im 20. Jahrhundert. 39 Porträts (2009)