Horst Köhler

Volkswirt, Finanzfachmann, Bundespräsident, Professor Dr. rer. pol. 22. Februar 1943 Skierbieszów/Polen
von Ina vom Hofe
"Ich will offen sein und notfalls unbequem" - Jahrzehnte deutscher Geschichte spiegeln sich in der Biographie Horst Köhlers: Der in Polen geborene Deutsche wird Sachse, Schwabe, Chef des Internationalen Währungsfonds und Staatsoberhaupt Deutschlands – Krieg, Flucht, Neuanfänge haben das Leben Köhlers geprägt.

Jahre der Flucht

Als siebtes von acht Kindern einer bessarabiendeutschen Bauernfamilie wird Horst Köhler am 22. Februar 1943 im polnischen Ort Skierbieszów geboren. Ein Jahr später, am 18. März 1944, flieht die Familie Köhler vor der sowjetischen Armee nach Markkleeberg. In dem sächsischen Ort nahe Leipzig wird Horst Köhler 1949 eingeschult.

1953 flüchten die Köhlers nach Baden-Württemberg, um einem Leben unter kommunistischer Diktatur zu entgehen. Über West-Berlin und ein Übergangslager in Weinsberg erreicht die Familie im Oktober 1953 Ludwigsburg. Auch hier wohnt sie in einem Flüchtlingslager. In seinen Erinnerungen schildert Horst Köhler die kargen Verhältnisse: „Wir hatten eine Ecke mit drei Stockbetten. Diese Zimmerecke wurde mit grauen Militärdecken abgehängt.“

Im April 1957 erfolgt ein Umzug in eine Wohnung. Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Für den 13-Jährigen kommt es im gleichen Jahr zu einem Wechsel von der Oststadtschule auf das Mörike-Gymnasium. Hier beendet er 1963 seine Schulzeit.

Soldat und Student

Mit bestandenem Abitur tritt der 19-Jährige bei der Bundeswehr, die sich noch im Aufbau befindet, seinen Wehrdienst an. Für weitere sechs Monate verpflichtet er sich als Zeitsoldat. Nach dem Ausscheiden im März 1965 beginnt er sein Studium der Volkswirtschaftlehre und Politikwissenschaft an der Universität in Tübingen. Durch ein Darlehen und Nebenarbeiten finanziert er seine Ausbildung und schließt nach nur vier Jahren das Studium als Diplom-Volkswirt ab.

Einstieg ins Berufsleben, politisches Engagement und Familiengründung

1969 heiratet der Ökonom seine langjährige Freundin Eva Luise Bohnet. Sie hat im gleichen Jahr ihre 1. Prüfung für das Lehramt abgeschlossen und ist im Anschluss an Sonderschulen tätig. Horst Köhler arbeitet als wissenschaftlicher Referent am Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen. Dort legt er bereits mit der Abfassung einer Studie zum Thema des technischen Fortschritts und der Arbeitsproduktivität in der Bundesrepublik Deutschland seinen thematischen Schwerpunkt, der in seiner späteren Doktorarbeit mit dem Titel: „Freisetzung von Arbeit durch technischen Fortschritt“, von Bedeutung ist.

Beim Abschluss seiner Promotion 1977 ist Horst Köhler bereits in der Grundsatzabteilung im Bundesministerium für Wirtschaft unter dem damaligen Minister Otto Graf Lambsdorff tätig. „Ich war damals 33 Jahre alt, und das Wirtschaftsministerium suchte einen theoretisch versierten, ordnungspolitischen, standfesten Ökonomen. Diese Formulierung hatte es mir angetan“, so begründete Köhler später seine Entscheidung, dort zu arbeiten.

Auch die Familiengründung fällt in diesen Zeitraum. Das Ehepaar bekommt 1973 eine Tochter und 1977 einen Sohn.

Sein parteipolitisches Engagement nimmt der zweifache Familienvater mit dem Eintritt in die CDU 1981 auf und wechselt nach einem Treffen mit dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg als Referent vom Rhein an die Kieler Förde. Mit der Ernennung Stoltenbergs zum Bundesminister der Finanzen ein Jahr später ändert sich das Aufgabenfeld Horst Köhlers. Aus Kiel zurück nach Bonn, wird der überzeugte Anhänger der Sozialen Marktwirtschaft Leiter des Büros des Bundesministers und 1987 Abteilungsleiter für Grundsatzfragen der Finanzpolitik. Die beruflichen Veränderungen haben ebenfalls ein Ende des familiären Lebens im Schwabenland zur Konsequenz. Die Familie zieht nach Bonn um.

Ernennung zum Staatssekretär

Nach drei Jahren rückt Horst Köhler in die höchste Position auf, die ein Beamter in einem Ministerium erreichen kann: Er wird – als Nachfolger von Hans Tietmeyer am 1. Januar 1990 unter Bundesminister Theo Waigel – Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen. Damit ist er in der Wiedervereinigungsphase in die Verhandlungen über die deutsch-deutsche Währungsunion und zum Überleitungsabkommen für den Abzug der sowjetischen Truppen eingebunden. Des Weiteren gehört die Treuhandanstalt zu seinem Kompetenzbereich. Horst Köhler erwirbt sich den Ruf, ein harter und hochqualifizierter Unterhändler zu sein – ein „Sherpa“, der wichtige Vorarbeit für ein späteres Abkommen auf höchster Ebene leistet. Besonders bei Absprachen im Vorfeld der Wirtschaftsgipfel der wichtigsten Industriestaaten (G8) von 1990 bis 1993 stellt der Staatssekretär sein Können unter Beweis.

Als Horst Köhler den Ministerialdienst nach drei Jahren verlässt und Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes wird, hat dies insbesondere private Gründe. Als konkreten Anlass nennt Köhler die Erblindung seiner Tochter und den Wunsch, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.

Wechsel von der Politik in die Wirtschaft

Nach sechs Jahren an der Spitze der Sparkassenorganisation erfolgt der Ruf in die internationale Wirtschaft: Auf Wunsch Bundeskanzler Helmut Kohls geht er zur 1991 gegründeten Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London. Seine Aufgabe ist es, den Transformationsprozess in Ost- und Mitteleuropa hin zur Sozialen Marktwirtschaft zu koordinieren und zu unterstützen. Er beweist auf internationalem Parkett Führungsstärke, die Anerkennung findet. Nachdem der erste Kandidat aus Deutschland, Caio Koch-Weser, am Widerstand der USA gescheitert ist, wechselt Köhler an die Spitze des Internationalen Währungsfonds. Am 1. Mai 2000 nimmt er seine Arbeit in Washington auf. Er ist der erste Deutsche, der diesen bedeutenden Posten innehat. Seine vierjährige Tätigkeit ist besonders geprägt von Krisenprävention und seinen Einsatz für die Belange der Entwicklungsländer.

Die Universität Tübingen verleiht ihm am 16. Oktober 2003 den Titel des Honorarprofessors.

Rückkehr nach Deutschland ins Bundespräsidialamt

Eine vollständige Rückkehr aus Washington nach Deutschland erfolgt mit seiner Wahl zum Bundespräsidenten am 23. Mai 2004 im ersten Wahlgang. Bei Amtsantritt ist der damals 61-Jährige der Öffentlichkeit – nicht zuletzt wegen seiner Auslandstätigkeiten – kaum bekannt. So titelte die Bild-Zeitung: „Horst…wer?“. Mit dem Ziel, ein Bundespräsident aller Deutschen und für alle Menschen, die in Deutschland leben, zu sein, tritt er seine erste Amtszeit an. Er setzt sich für ein „Deutschland der Ideen“ ein, will den Menschen Mut machen und „die Wahrheit auf den Tisch legen“. Er möchte Reformen anstoßen, gibt sich volksnah. Die Beliebtheit des Präsidenten in der Bevölkerung wächst. Zu seinem Leitspruch wird: „Ich will offen sein und notfalls unbequem“. Er mischt sich ein.

So widerspricht der Bundespräsident wirtschaftspolitischen Überlegungen der Bundesregierung, den Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober auf den ersten Sonntag des Oktobers zu legen. Außerdem fordert er kurz vor Weihnachten 2004 die erneute Aufnahme der gescheiterten Verhandlungen über die Neuaufteilung der Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern. Bis zur regulären Bundestagwahl 2006 sollten die Gespräche wieder aufgenommen werden.

Aufsehen erregt er ebenso mit seiner Anordnung das Gesetz zur Neuregelung des Rechts der Verbraucherinformation nicht auszufertigen, da es gegen eine Bestimmung der Föderalismusreform verstoße.

Von besonderer innenpolitischer Tragweite ist die Entscheidung des Ökonomen zur Auflösung des Deutschen Bundestages, nach dem Bundeskanzler Gerhard Schröder die Vertrauensfrage gestellt hat. Es kommt am 18. September 2005 zu vorzeitigen Neuwahlen.

Auch außenpolitisch setzt Horst Köhler neue Schwerpunkte. Seine ersten Staatsbesuche macht er in Afrika und zeigt – durch das stetige Werben für eine Kooperation zwischen Deutschland und Afrika –, wie wichtig ihm die deutsch-afrikanischen Beziehungen sind.

Die Herausforderung eines Staatsbesuchs in Israel für einen Bundespräsidenten meistert Köhler: Seine Rede vor der Knesset und der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem im Februar 2005 finden ein positives Medienecho.

Köhler empfängt insgesamt 79 ausländische Staatsoberhäupter und Regierungschefs in den ersten beiden Jahren seiner Amtszeit.

Im Mai 2009 stellt er sich erneut zur Wahl als Bundespräsident. Er wird wieder gewählt. Doch es folgt nur eine kurze Amtszeit. Nach einem Interview auf der Rückreise von einem Besuch der deutschen Soldaten in Afghanistan wird ihm im Anschluss unterstellt, er fordere, die Bundeswehr auch zur Verteidigung wirtschaftlicher Interessen einsetzen zu wollen. Seinen überraschenden Rückritt als Staatsoberhaupt am 31. Mai 2010 begründet er mit dem fehlenden Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten.

"Elder Statesman"

Anschließend setzt er sich weiterhin für Afrika und eine nachhaltige internationale Politik ein. Er engagiert sich vor Ort und wirbt in Deutschland für Investitionen in afrikanische Projekte. „Für mich entscheidet sich die Menschlichkeit unserer Welt am Schicksal Afrikas.“ 2012 wird er von Ban Ki-Moon, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, zum Mitglied des High Level Panel of Eminent Persons on the Post-2015 Development Agenda ernannt. Das Panel erarbeitete die Grundlage für die Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung, die 2015 von der UNO verabschiedet wurde. Zusammen mit Kofi Annan leitet er 2016/17 ein Special Panel der Afrikanischen Entwicklungsbank, das die Bank bei der Umsetzung ihrer Strategien berät. Seit August 2017 ist Köhler Sondergesandter des UN-Generalsekretärs António Guterres für die Westsahara. Zudem hat er weiterhin an der Universität Tübingen eine Honorarprofessur inne.

Lebenslauf

  • 1963 Abitur
  • 1963–1965 Wehrdienst und Zeitsoldat
  • 1965–1969 Studium der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Tübingen
  • 1969 Diplom-Volkswirt
  • 1969–1976 wissenschaftlicher Referent am Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen
  • 1976–1980 Mitarbeiter der Grundsatzabteilung im Bundesministerium für Wirtschaft
  • 1977 Promotion
  • 1981 CDU (2004–2010 ruhend)
  • 1981–1982 Referent beim schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg
  • 1982–1987 Leiter des Ministerbüros im Bundesministerium der Finanzen
  • 1987–1990 Abteilungsleiter im Bundesministerium der Finanzen
  • 1990–1993 Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen
  • 1993–1998 Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes
  • 1998–2000 Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London
  • 2000–2004 Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF)
  • 2003 Honorarprofessor an der Universität Tübingen
  • 2004–2010 Bundespräsident.

Veröffentlichungen

  • Bundespräsidialamt (Hrsg.): Reden und Interviews, Berlin 2010.
  • Bundespräsidialamt (Hrsg.): Reden und Interviews, Berlin 2005.

Literatur

  • Langguth, Gerd: Horst Köhler. Biografie, München 2007.
  • Müller-Vogg, Hugo: Horst Köhler. „Offen will ich sein und notfalls unbequem“. Ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg, Freiburg 2004.
  • „Sie leisten wirklich Großartiges unter schwierigsten Bedingungen". Ein Gespräch Horst Köhler im Gespräch mit Christopher Ricke, gesendet am 22. Mai 2010 im Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur.