Josef („Ochsensepp“) Müller

Rechtsanwalt, CSU-Landesvorsitzender, Minister Dr. oec. publ. 27. März 1898 Steinwiesen/Oberfranken 12. September 1979 München
von Karl-Ulrich Gelberg

Müllers politische Leistung ist die Gründung der CSU 1945 als interkonfessioneller liberal-konservativer Volkspartei in Bayern, die ihm gegen Bemühungen gelang, die BVP wiederzubeleben. Dabei setzte sich der Franke gegen die altbayerisch geprägte BVP-Führungsriege aus den Jahren vor 1933 durch. Seine Konzeption von der CSU als einem Landesverband in einer dezentral verfassten Gesamtunion war jedoch nicht mehrheitsfähig. Beim Griff nach dem Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten scheiterte Müller zweimal. Seinen Versuch, im Herbst 1945 Fritz Schäffer abzulösen, vereitelte die amerikanische Militärregierung durch die Berufung von Wilhelm Hoegner (SPD). Müllers Wahl zum Ministerpräsidenten am 21. Dezember 1946 durch den Bayerischen Landtag verhinderte der Hundhammer-Flügel der CSU, der sich mit der SPD auf die Wahl Hans Ehards (CSU) einigte. Der politische Handlungsspielraum des nie unumstrittenen Landesvorsitzenden war durch die Auseinandersetzungen mit dem Schäffer-Hundhammer-Flügel der CSU stets eingeschränkt. Ein Punktsieg gelang ihm in diesem Ringen, als er das Amt eines Staatspräsidenten bei den bayerischen Verfassungsberatungen 1946 verhinderte. Der für die Partei bis 1949 bestimmende Dualismus wurde dadurch noch verschärft. Müller beherrschte bis 1949 zwar den Parteiapparat, ein substantieller Einfluss auf die CSU-Landtagsfraktion blieb ihm jedoch versagt. Die Popularität von Ministerpräsident Ehard, dessen sachliches Regierungshandeln sich von Müllers eher durch Taktik geprägtem Politikstil unterschied, erreichte während der Grundgesetz-Beratungen einen Höhepunkt. Auf der CSU-Landesversammlung in Straubing (27.–29. Mai 1949) verlor Müller den Landesvorsitz an Ehard und damit auch seine Machtbasis. Aus seiner Tätigkeit als Justizminister blieben insbesondere seine Intervention in das laufende Verfahren gegen Alfred Loritz (WAV) 1949 sowie finanzielle Unregelmäßigkeiten in der „Auerbach-Affäre“ in Erinnerung, die am 26. Mai 1952 zu seinem Rücktritt führten.

Bestand: ACSP.

Lebenslauf

  • 1916–1918 Kriegsdienst
  • 1919–1923 Nationalökonomie- und Rechtswissenschaftsstudium in München
  • 1925 Promotion
  • 1927 große juristische Staatsprüfung, vor 1933 BVP-Mitglied
  • 1933 kurzzeitig Mitglied und stellvertretender Vorsitzender des Kreistages von Oberbayern, bis 1939 Anwalt für kirchliche Einrichtungen, Beteiligung an Arisierungen (nach 1945 vom Vorwurf der Bereicherung entlastet)
  • 1934 Verhaftung
  • 1939 Einberufung zur Abwehr, bis Januar 1940 Verbindungsmann eines über den Vatikan laufenden Kontakts zwischen dem militärischen Widerstand und der britischen Regierung
  • 1943 Verhaftung, trotz Freispruchs vor dem Reichskriegsgericht am 03./04.03.1944 weiter in Haft (Gestapo-Gefängnis Berlin sowie KZ Buchenwald, Flossenbürg und Dachau)
  • 04.05.1945 Befreiung
  • 1945 Vorsitzender des Vorläufigen Landesausschusses der CSU
  • 1946–1949 Landesvorsitzender
  • 1946–1949 und 1963–1965 Mitglied des geschäftsführenden Landesvorstands
  • 1946–1960 und 1963–1968 des Landesvorstands
  • 1951–1960 Vorsitzender des CSU-Bezirksverbands München
  • 1947 Mitglied des Vorstands der Arbeitsgemeinschaft der CDU und CSU Deutschlands
  • 1946 Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung Bayern
  • 1946–1962 MdL Bayern
  • 1947–1950 stellvertretender Ministerpräsident und Justizminister
  • 1950–1952 Justizminister
  • 1960 erfolglose Kandidatur bei der Münchner Oberbürgermeisterwahl.

Veröffentlichungen

  • Bis zur letzten Konsequenz. Ein Leben für Frieden und Freiheit (1975)

Literatur

  • K.-U. Gelberg, in: ZGiLB 8 (1997)
  • Hanns-Seidel-Stiftung (Hg.): Josef Müller. Der erste Vorsitzende der CSU (1998)
  • T. Schlemmer: Aufbruch, Krise und Erneuerung. Die Christlich-Soziale Union 1945–1955 (1998)