Porträt von Paul Pagel als Innen- und Kultusminister in Schleswig-Holstein, ca. 1952 Porträt von Paul Pagel als Innen- und Kultusminister in Schleswig-Holstein, ca. 1952 © ACDP/KAS

Paul Pagel

Diplom-Landwirt, Landrat, Minister Dr. Dr. 29. Dezember 1894 Bredenfelde/Mecklenburg 11. August 1955 Kiel
von Dorothea Oelze
„Selbstverantwortung heißt auch Selbstbewusstsein, zum Teufel! Warum hat man nicht selbst den Stolz zu sagen: Ich will das so und so, ich bin bereit, die Verantwortung zu übernehmen.“ (aus einer Rede Pagels in Sarau, 22.08.1946, in: ACDP. Nachlass Pagel, 01-287-012/5)Er weiß, was er will und er macht sich nicht immer Freunde damit. Pagel gehört zu den wichtigsten Christdemokraten Schleswig-Holsteins und ist dennoch in Vergessenheit geraten.

Kindheit in Mecklenburg und 1. Weltkrieg

Paul Pagel kommt am 29. Dezember 1894 in der mecklenburgischen Gemeinde Bredenfelde zur Welt. Zusammen mit seinen beiden Brüdern wächst er auf dem elterlichen Bauernhof auf. Schon früh fördern seine Eltern die Bildung des Sohnes. Zunächst erhält er Privatunterricht beim Pfarrer, dann wird er auf das humanistische Carolinum Gymnasium in Neustrelitz geschickt, wo er das Abitur ablegt. Die Übernahme des elterlichen Hofes kommt nicht in Frage, da seine Mutter ein Zahnarztstudium für ihn vorsieht, für das er sich 1914 in Greifswald einschreibt.

Bereits zwei Wochen nach der Immatrikulation meldet er sich jedoch, wie tausende andere auch, freiwillig zum Kriegsdienst. Er dient zuerst im heutigen Weißrussland und Litauen, schließlich an der Westfront.

Studium und Familiengründung

Nach seiner Demoblisierung im Januar 1919 geht Pagel nach Berlin und schreibt sich dort an der Universität für Landwirtschaftswissenschaft ein. Bereits 1920 schließt er sein Studium mit einer Promotion ab.

Noch im Juli 1919 heiratet er seine frühere Greifswalder Kommilitonin Ilse Wiener, die Tochter eines jüdischen Kaufmanns. 1920 bekommt das Paar einen Sohn, Hans-Joachim, genannt Jochen. 1923 folgt ihre Tochter Johanna-Helene, genannt Hanna.

Eintritt in Verwaltung und Politik

Nach Abschluss seines Studiums erhält Pagel 1921 eine Stelle im Landratsamt von Neustrelitz. Hier bekommt er einen tiefen Einblick in die Sorgen der örtlichen Bevölkerung und in die Herausforderungen der kommunalen Selbstverwaltung. Auch tritt er, der sich bereits seit 1914 mit den Ideen Friedrich Naumanns auseinandersetzt, in die DDP ein, deren Vorsitz er in Alt-Strelitz übernimmt und in deren Reichsagrarausschuss er entsandt wird. 1928 kandidiert er für den Mecklenburgischen Landtag, verpasst mit dem von ihm gegründeten Dorfbund allerdings den Einzug ins Landesparlament.

1928 kehrt Pagel nach Greifswald zurück und wird Direktor des dort gerade eingerichteten Arbeitsamtes. Ist der Kreis zunächst unproblematisch, gerät auch dieser mit der zunehmenden Wirtschaftskrise in einen Strudel von Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsnot. Die einsetzende Landflucht, die immer mehr Landarbeiter in die Stadt schwemmt, verschlechtert die Lage weiter.

Politisch engagiert sich der liberale Pagel nicht in Greifswald. Er bildet sich in dieser Zeit akademisch weiter und promoviert 1932 in Staatswissenschaften.

Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wird der bekennende Demokrat und Republikaner Pagel als politisch unzuverlässig von seinem Direktorenamt im Arbeitsamt entbunden und in den Ruhestand versetzt. Pläne zur Übernahme einer Farm in den USA scheitern am Einverständnis seiner Frau, weil diese nicht auf dem Land leben will. Ilse Pagel schickt die beiden Kinder, die als Halbjuden zunehmend Schikanen ausgesetzt sind, 1936 nach England. Sie selbst folgt ihnen 1939, als sich die Ehepartner zunehmend auseinandergelebt haben. Die Familie wird fortan in England bleiben und nur noch sporadisch Kontakt zu Pagel pflegen.

Seit Mitte der 1930er Jahre gehört Pagel zum Führungskreis der liberalen Widerstandsgruppe um Hans Robinsohn und Ernst Strassmann. Die Arbeit des Kreises bleibt allerdings wenig erfolgreich, 1942 bricht er mit der Verhaftung Ernst Strassmanns endgültig zusammen. Für Pagel weitaus bedeutsamer sind seine Treffen mit Eugen Gerstenmaier und Josef Wirmer, die in Pagels Charlottenburger Wohnung stattfinden. Hier werden eigene Ideen sowie die des Kreisauer Kreises diskutiert. Inwiefern auch die Vorstellungen des Goerdeler-Kreises miteinander geteilt werden, ist nicht klar.

Ankunft in Schleswig-Holstein

Aus Angst vor Verfolgung taucht Pagel nach dem Scheitern des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 unter. Mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen flüchtet er im Fiat Topolino aus Berlin nach Schleswig, wo er bei Bekannten unterkommen will. Allerdings strandet Pagel bereits im Kreis Segeberg, weil ihm das Benzin ausgeht. Hier fallen bald seine guten Englischkenntnisse auf, so dass er zu den Verhandlungen mit der britischen Besatzungsmacht hinzugezogen wird. Schon einen Monat nach seiner Ankunft in Segeberg wird er zum Bürgermeister ernannt, ein halbes Jahr später, im Januar 1946, zum Landrat gewählt. Die Verbesserung der Versorgungslage sowie die Integration der vielen Flüchtlinge, die in den Kreis drängen, stellen die größten Herausforderungen seiner bis 1950 währenden Amtszeit dar.

Gründung einer neuen Partei

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches ist für Pagel klar, dass die bürgerliche demokratische Politik auf neue Beine gestellt werden muss. Verhandlungen zur Bildung einer Partei aller demokratischen Lager, vor allem unter Einbeziehung der Sozialdemokraten, scheitern an der Wiedergründung der SPD. Daher entschließt sich Pagel zur Gründung einer demokratischen Partei auf christlicher Basis. Am 15. September 1945, einen Tag nach der Zulassung der Gründung von Parteien durch die Besatzungsmacht, meldet Pagel die „Christlich-Demokratische Partei“ Segeberg bei den Briten an – die erste christlich-demokratische Partei in Schleswig-Holstein. Parallel dazu entstehen auch in anderen Kreisen Schleswig-Holsteins Parteien auf christdemokratischer Grundlage.

Bei der Bildung einer neuen bürgerlichen Landespartei kann sich Pagel mit dem christlich-ethischen Ansatz jedoch nicht gegen liberale Kräfte durchsetzen. In Schleswig-Holstein wird zunächst die Demokratische Union (DU) gegründet, die Pagel zwar ablehnt, dennoch mangels Alternativen zur Mitarbeit bereit ist. Erst unter dem Eindruck der Tagung des CDU-Zonenausschusses in Herford schwenkt die DU in Schleswig-Holstein auf den Kurs der CDU ein – allerdings aus taktischen Überlegungen heraus, nicht aus Überzeugung.

Obwohl der selbstbewusste Segeberger nicht immer mit der Politik der CDU einverstanden ist, wird er wiederholt zum stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt. 1954 übernimmt er darüber hinaus den Vorsitz des EAK in Schleswig-Holstein.

Kurzer Ausflug ins Kabinett

Als sich 1946 der erste Landtag Schleswig-Holsteins konstituiert, gehört auch Pagel zu den Abgeordneten. Das Amt des Landwirtschaftsministers, das ihm der Landespräsident Theodor Steltzer zuvor anbietet, lehnt er dagegen wegen des beschränkten Handlungsspielraumes ab. Doch bereits im März 1947 ergibt sich mit der Affäre um den Volkswohlfahrtsminister Franz Ryba für den pflichtbewussten Pagel die Notwendigkeit, dem Ruf ins Kabinett als Rybas Nachfolger zu folgen. Parallel dazu wird ihm die Amtsführung des erkrankten Landwirtschaftsministers übertragen.

Bei den Landtagswahlen im April 1947 erleidet die CDU eine Niederlage, während die SPD die absolute Mehrheit erreicht. Pagel verlässt Landesregierung wie auch Landtag ohne Wehmut, wird allerdings vom Landesparlament als einer von zwei Christdemokraten in den Zonenbeirat der britischen Besatzungszone entsandt.

Spitzenkandidat zur Landtagswahl 1950

1950 kandidiert Pagel erneut für den Landtag, dieses Mal als Spitzenkandidat. Der Deutsche Wahlblock, ein Wahlbündnis von CDU, DP und FDP, verpasst jedoch knapp die absolute Mehrheit. Es beginnen Verhandlungen mit dem BHE zur Bildung einer neuen, CDU-geführten Landesregierung. Allerdings verwehrt die neu gebildete Flüchtlingspartei BHE Pagel bei der Abstimmung im Landtag überraschend die Zustimmung. CDU, DP, FDP und BHE bilden daraufhin eine Regierung der Kompromisse unter dem führungsschwachen Politik-Neuling Walter Bartram (CDU). Gleichwohl gelingt es Pagel, als Innen- und Kultusminister die wichtigsten Ressorts in der Hand zu behalten. Im neuen Landeskabinett ist Pagel das einzige Mitglied ohne NS-Vergangenheit. Dies und sein stets demonstriertes moralisches Überlegenheitsgefühl führen schnell zu seiner politischen Isolation.

Innen- und Kultusminister

Das erste Gesetzgebungsverfahren der neuen Landesregierung ist die Beendigung der Entnazifizierung. Pagel kann als zuständiger Innenminister zwar die weitreichendsten Forderungen seiner Koalitionspartner abwenden, jedoch nicht verhindern, dass das Gesetz zur Beendigung der Entnazifizierung in Schleswig-Holstein zu den großzügigsten der jungen Bundesrepublik gehört.

Des Weiteren setzt Pagel die Reform des Schulwesens und die Änderung des Polizeigesetzes durch. Auch hilft er bei der Deeskalation der Beziehungen zur britischen Besatzungsmacht im Zuge der Besetzung Helgolands.

Sein zentrales politisches Anliegen ist die Reform der Landesverwaltung, die er demokratischer, effizienter und kostengünstiger gestalten möchte. Das über viele Jahre intensiv verfolgte Projekt scheitert allerdings am massiven Widerstand der anderen Parteien und der Verwaltung.

Bei der Regierungsbildung 1954 wird Pagel das Kultusministerium entzogen. Ärger und Enttäuschung darüber halten sich inzwischen die Waage mit politischer Desillusionierung. Am 11. August 1955 stirbt Pagel überraschend an einem Herzinfarkt. Er wird zwar mit großen Ehren auf dem Segeberger Friedhof beigesetzt, das Andenken an das Wirken dieses mitunter unbequemen Mannes wird allerdings weder von der Landesregierung noch von der eigenen Partei gepflegt.

Lebenslauf

  • 29.12.1894 geboren in Bredenfelde, Mecklenburg, evangelisch
  • bis 1914 Gymnasium Neustrelitz, Abitur
  • 1914-1918 freiwilliger Kriegsdienst (1916 Eisernes Kreuz)
  • 1918-1920 Studium der Agrarwissenschaften in Greifswald, Promotion zum Dr. agr., Diplomlandwirt
  • 1919 Heirat mit Ilse Wiener (†1952), Kinder: Hans-Joachim (1920) und Johanna-Helene (1923)
  • 1920-1928 stellvertretender Landrat und Kreisrat beim Landratsamt Strelitz
  • 1928-1934 Regierungsrat und Direktor des Arbeitsamtes in Greifswald
  • 1932 Promotion zum Dr. rer. pol. nach dem Studium der Staatswissenschaften in Berlin
  • 1934 Im Zuge des BBG Versetzung in den Ruhestand und Übersiedlung nach Berlin
  • 1934-1945 freiberufliche Tätigkeit u.a. als landwirtschaftlicher Sachverständiger, Verwalter schwedischen Grundbesitzes und als Lektor bei IG-Farben, bei der japanischen Botschaft, Auslandsreisen
  • 1934-1942 Mitglied der Widerstandsgruppe um Hans Robinson
  • 1939 Reise nach England zur Information der britischen Regierung über den deutschen Widerstand gegen das 3. Reich
  • 1945 Mitgründer der CDP Segeberg, später CDU Segeberg
  • 1945-1955 Kreisvorsitzender der CDP Segeberg bzw. CDU Segeberg
  • 1945-1946 Stabsleiter bei der Kreisbauernschaft Segeberg
  • 1945-1955 Bürgermeister der Landgemeinde Kükels
  • 25.01.1946-19.04.1950 Landrat des Kreises Segeberg
  • 1946-1947 Mitglied des zweiten ernannten Landtags Schleswig-Holsteins
  • 03.1947-04.1947 Landesminister für Volkswohlfahrt, Ernährung und Forsten
  • 20.04.1950-18.09.1950 Kreispräsident in Segeberg
  • 1950 Vorsitzender der Landtagsfraktion des Deutschen Wahlblocks (CDU, FDP, DP)
  • 1950-1955 Mitglied des Landtags
  • 1950 Kandidatur zum Ministerpräsidenten
  • 09.1950-06.1951 Landesminister für Volksbildung
  • 06.1951-07.1951 Stellvertreter des Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein
  • 06.1951-08.1955 Innenminister des Landes Schleswig-Holstein
  • 07.1951-10.1954 Kultusminister des Landes Schleswig-Holstein
  • 1952 Heirat mit Marga Tödt
  • 11.1953-10.1954 Stellvertreter des Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein
  • 1954-1955 Vorsitzender des EAK Schleswig-Holstein
  • 11.08.1955 gestorben in einer Kieler Herzklinik

Veröffentlichungen


Literatur

Kontakt

Dorothea Oelze