Pierre Wigny

Jurist, Abg. im belg. Parlament und in der parlamentar. Versammlung der EGKS, Minister (Belgien) Dr. jur. 18. April 1905 Lüttich 21. September 1986 Brüssel

Als Sohn eines Juristen kam Pierre Wigny am 18. April 1905 in Lüttich zur Welt. Nach seiner schulischen Ausbildung begann er sein Studium der Rechtswissenschaft an der Universität seiner Heimatstadt und setzte es an der Universität Harvard fort. Er spezialisierte sich vor allem auf das internationale Recht. Sein Studium schloss er als Dr. jur. an der Harvard Universität ab.

Von 1935 bis 1939 hatte Wigny das Amt des Generalsekretärs des „Centre d’Etudes pour la réforme de l’Etat“ inne. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besetzung Belgiens wurde er Sekretär der Bewegung „Pro Juventute“. Diese Bewegung, gegründet 1912, setzt sich für die Jugend auf verschiedenen Ebenen ein, um ihr eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Wigny schon bald der Direktor der Repatriierungskommission (1944-1945). Diese Kommission setzte sich dafür ein, dass Personen, die in den Wirren des Krieges gezwungen waren ihr Heimatland zu verlassen, in ihr Heimatland zurückgeführt werden konnten („repatriieren“). Von 1947 bis 1950 folgte er Robert Godding als Kolonialminister Belgiens nach. In dieser Zeit entwickelte er den Zehn-Jahresplan für Belgisch-Kongo, der darauf ausgelegt war, die industrielle und landwirtschaftliche Entwicklung dieses Gebiets zu fördern. Dieser Plan beinhaltete Entwicklung der Verkehrswege, Elektrifizierung und Bildung mittelgroßer Farmen sowie die Förderung der reichen Bodenschätze. Er sollte vor allem belgische Siedler ins Land locken, die der einheimischen Bevölkerung das Bauernwesen nahebringen sollten. Wigny setzte sich gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung ein, damit keine Übervorteilung der weißen Bevölkerung entstand.

Zwischen 1949 und 1971 saß er als Abgeordneter im belgischen Parlament. Dort vertrat er die katholisch christliche Volkspartei, deren Vorsitzender er gleichzeitig war. Von 1952 bis 1958 war Wigny zusätzlich Abgeordneter in der parlamentarischen Versammlung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montanunion). Anschließend wurde er für ein Jahr zum Fraktionsvorsitzenden der EVP gewählt. Im selben Jahr übernahm er im Minderheitskabinett Eyskens Ende Juni 1958 das Außenministeramt (bis 1961). In diesem Zeitraum kam es zur Kongo-Krise. Durch die überraschende Gewährung der Unabhängigkeit des Kongo von Belgien am 30. Juni 1960 konnte die neue Regierung die öffentliche Ordnung nicht aufrechterhalten. Belgien sah sich gezwungen, Truppen zu entsenden, um die belgischen Siedler zu schützen. Außenstehende Beobachter kritisierten, dass Belgien auf diese Weise die Arbeit der UN behindere und versuche, seinen verlorenen Machteinfluss zurückzugewinnen. Auch wurde dem Land vorgeworfen, die Regierung des Kongo nicht ausreichend auf die Selbständigkeit vorbereitet zu haben. In dieser Zeit war Wigny gefordert, den Standpunkt Belgiens in der Welt zu vertreten und die Regierungsmaßnahmen vor dem UN-Sicherheitsrat und der UN-Generalversammlung mit allem Nachdruck zu verteidigen.

Nach seiner Zeit als Außenminister bekleidete er das Amt des Justizministers (1965/66) und 1968, zum Abschluss seiner politischen Laufbahn, das Amt des Kultusministers. 1986 wird Wigny für die Verdienste um die europäische Einigung die Robert-Schuman-Medaille verliehen.

Wigny verstarb am 21. September 1986 in Brüssel. Er war mit Lily, geb. Borboux, verheiratet und hatte drei Söhne und eine Tochter.

Katharina Riechel

Lebenslauf


Veröffentlichungen


Literatur