Abendland

Der Begriff ist als Entsprechung zu der durch die Luther-Bibel geläufig gewordenen Übersetzung „Morgenland“ für lat. oriens entstanden, wurde jedoch gemeinhin nicht eigentlich als geographischer Begriff, sondern als Kennzeichnung für die kulturelle Gemeinsamkeit und Eigenart des lateinischen Westens verstanden. Dieser ist – anders als der politisch und kirchlich auf Byzanz orientierte Raum des östlichen Christentums – durch die Verbindung von Antike und Christentum und das in ihm zeitweilig dominante Element des Germanentums geprägt. In andere Sprachen kaum übersetzbar, wird Abendland dort meist mit Europa gleichgesetzt, das dann wiederum nicht geographisch, sondern kulturell als Raum der Latinität begriffen werden muss. Politisch hat der Begriff Abendland erst im Laufe des 20. Jahrhunderts gewirkt, weil die Rückwendung der Romantik zur Geschichte des Mittelalters literarischer Natur blieb. Populär geworden durch Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ (2 Bände 1918), das Abendland allerdings als Metapher für die international gewordene moderne Kultur nahm, setzte in der Zwischenkriegszeit eine intensivere Diskussion ein, in der insbesondere der Bonner Romanist Hermann Platz durch eine Reihe von Aufsätzen und die von ihm geleitete Zeitschrift „Abendland“ betonte, dass darunter nicht allein die gelungene Synthese von Antike, Christentum und Germanentum, sondern auch das Modell einer universalen Gemeinschaftsordnung – im europäischen Mittelalter historisch realisiert – zu begreifen sei. Die Verengung der eigenen Geschichte und Kultur durch zeitgenössische nationalistische und völkische Ideen war damit abgelehnt. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde Abendland noch stärker zur Chiffre für die den Mächten des Tages entgegenstehende Welt des Christentums und der Humanität (Reinhold Schneider: „Stimme des Abendlandes“, 1944). Darum konnte Abendland nach 1945 zu einem Leitbegriff politischer Orientierung werden. Nach dem zeitweiligen Verlust ihrer Nationalität bot der historische Rückgriff auf das Abendland den Deutschen die Möglichkeit einer politischen Ortsbestimmung, welche die Kriegsfronten zum Westen hin überwinden konnte, wie insbesondere das Kölner Domfest von 1948 augenfällig machte. Freilich wurden damit auch konservative, föderalistische und ständische Ordnungsprinzipien verbunden, die u.a. in der Zeitschrift „Neues Abendland“ und bei den Tagungen der „Abendländischen Akademie“ Ausdruck fanden.

Die Betonung der Zugehörigkeit Deutschlands zum•Abendland bedeutete eine Absage an eine ausschließlich nationalstaatliche Orientierung der Politik, somit eine Unterstützung der europäischen Integration und einen Verzicht auf eine noch in der Zwischenkriegszeit literarisch beanspruchte „deutsche Sendung“ oder Führungsrolle für den europäischen Osten. Sie stand den Theorien von seiner Brücken- und Vermittlerfunktion zwischen Ost und West (wie immer man diesen Gegensatz beschreiben mochte) oder von Deutschland als Kern eines von Ost und West abgehobenen „Mitteleuropa“ diametral entgegen.

Literatur

H. Hürten, Der Topos vom christlichen Abendland, in: A. Langner (Hg.), Katholizismus, nationaler Gedanke und Europa seit 1800 (1985); Ders., Abendland. Ein Topos bei Besinnung und Neubeginn, in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 7 (1988); A. Schildt, Zwischen Abendland und Amerika (1999); W. Becker, Europa – Erbe des Mittelalters in den historischen Schriften von Novalis, Adam Müller und Friedrich Schlegel, in: T. Frenz (Hg.), Papst Innozenz III. Weichensteller der Geschichte Europas (2000).

Heinz Hürten

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