Schutz des Lebens

Der Schutz des menschlichen Lebens ist besonders zum Beginn und am Ende des Lebens gefährdet. Nach Artikel 2 Absatz 2 des Grundgesetzes hat jeder „das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“. Ein Recht auf Leben hat nicht nur der geborene Mensch, sondern auch der ungeborene (Bundesverfassungsgericht 88, 203ff.). Biologisch beginnt das Leben des Menschen mit der Befruchtung, d.h. nach der Vereinigung der Chromosomen der Eizelle und der Samenzelle zu der Zygote.

1. Schwangerschaftsabbruch

Derzeit werden auf der Welt pro Jahr etwa 50 Millionen Schwangerschaften unterbrochen (etwa jede dritte). Im Preußischen Strafgesetzbuch von 1851 und im Reichsstrafgesetzbuch von 1871 wird im § 218 der Abbruch als Tötungsdelikt aufgeführt. Eine medizinische Indikation gibt es in Deutschland seit der Reichsgerichtsentscheidung vom 11. März 1927, wonach „die Schwangerschaftsunterbrechung“ nicht rechtswidrig sei, „wenn sie das einzige Mittel ist, um die Schwangere aus einer gegenwärtigen Gefahr des Todes und einer schweren Gesundheitsschädigung zu befreien“. Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 1975 besteht Straffreiheit bei medizinischer Indikation, bei einer eugenisch-kindlichen Indikation bis zur 22. Schwangerschaftswoche und – bei sozialer Indikation – bis zur 14. Schwangerschaftswoche. Nach dem 21. August 1995 ist der Abbruch nach § 218 des Strafgesetzbuches innerhalb der ersten 12 Wochen ohne Indikation rechtswidrig, nach Beratung aber straffrei (modifizierte Fristenlösung). Als Schutzkonzept für das Kind gilt die Pflichtberatung; sie soll im Ergebnis offen sein, d. h. die Entscheidung trifft kein Berater oder Arzt, sondern diese verbleibt bei der Frau; jedoch soll die Beratung auf das Ziel gerichtet sein, zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und dabei das familiäre und soziale Umfeld in die Verantwortung miteinzubeziehen. Auch im reformierten § 218 nach dem 1. Oktober 1995 bestehen das Lebensrecht und der Würdeanspruch des ungeborenen, u. U. behinderten, Kindes uneingeschränkt weiter. Die Qualität des Lebens steht nicht zur Diskussion. Auch bei einer schweren Behinderung kann nach dem Grundgesetz dem Menschen das Lebensrecht nicht abgesprochen werden. Der Gesetzgeber umgeht das Problem der Selektion durch den Hinweis auf die Gesundheitsgefährdung der Schwangeren und die Überforderung der Mutter durch die Last eines geschädigten Kindes nach der Geburt. In weiten Teilen der Welt gibt es de facto eine Fristenlösung, obwohl die Menschenrechte auch dem ungeborenen Kind von Beginn des Lebens an zukommen.

2. Sterbehilfe, Sterbebegleitung

Der Arzt ist verpflichtet, Sterbenden bis zum Tod zu helfen, durch Behandlung, Beistand und Pflege. Auch bei Patienten mit rasch fortschreitendem Krankheitsprozess bleibt unverzichtbar eine Basishilfe mit Zuwendung, Körperpflege, Schmerzlinderung, Freihaltung der Atemwege, Flüssigkeitszufuhr und natürlicher Ernährung. Zu unterscheiden ist zwischen der aktiven Sterbehilfe (gezielte Lebensverkürzung durch Tötung des Sterbenden) und der passiven Sterbehilfe mit Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen bei Todkranken. Die aktive Sterbehilfe und die Tötung auf Verlangen ist in Deutschland grundsätzlich strafbar, unabhängig davon, wer sie betreibt, ob Arzt, Angehöriger oder Dritter. Das niederländische Gesetz vom April 2001 toleriert aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen – eine Entscheidung, die in Deutschland weithin auf Ablehnung gestoßen ist.

3. Präimplantationsdiagnostik (PID) und Genforschung,

insbesondere die Embryonenforschung, werfen neue ethische und rechtliche Fragen auf. Insbesondere gilt es, den Status des Embryos zu präzisieren und zu sichern.

Literatur

M. Gante: § 218 in der Diskussion. Meinungs- und Willensbildung 1945–1976 (1991); CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag: Dokumente. Das ungeborene Leben schützen (1992); Bundesärztekammer: Entwurf der Richtlinie der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung und den Grenzen zumutbarer Behandlung, in: Deutsches Ärzteblatt 94/20 (1997); L. Beck/C. Woopen: Schwangerschaftsabbruch aus rechtlicher und ärztlicher Sicht, in: Der Gynäkologe 31 (1998).

Lutwin Beck