Sozialenzykliken

Sozialenzykliken sind Weltrundschreiben der Päpste, die sich mit Grundfragen der Ordnung der gesellschaftlichen Lebensbereiche befassen. Dieses Instrument wurde von Leo XIII. (1878–1903) entwickelt, um die mit der Auflösung der alten Gesellschaft entstandene Kluft zwischen Kirche und Staat und ebenso zwischen Kirche und Gesellschaft zu überwinden. Während die Kirche früher Orientierungen der Gerechtigkeit und der Solidarität direkt geltend machen konnte, ist dies in der pluralistischen Gesellschaft, in der die einzelnen Bereiche eine (relative) Autonomie besitzen, nur möglich, wenn die Wertorientierungen und ihre Begründungen einleuchten. Die Sozialenzykliken sind nicht als systematische Reflexion entstanden, sondern als Antwort auf besonders drängende Fragen. Als erste Sozialenzyklika gilt „Rerum novarum“ Leos XIII. (1891), die sich mit der sozialen Frage auseinandersetzte und Gerechtigkeit für die Lohnarbeiter und für die Industriegesellschaft forderte. 40 Jahre später befasste sich Pius XI. (1922–1939) in „Quadragesimo anno“ (1931) mit der Überwindung der kapitalistischen Klassenspaltung durch eine Neuordnung des Verhältnisses von Arbeit und Kapital, durch die Formulierung des Subsidiaritätsprinzips und durch die Feststellung der Unvereinbarkeit der christlichen und sozialistischen Gesellschaftsauffassung. Auch wenn sie nicht als Sozialenzykliken gelten, hatten die Rundschreiben Pius’ XI. "Mit brennender Sorge"(gegen den Nationalsozialismus) und „Divini Redemptoris“ (gegen den Kommunismus; beide 1937) große soziale Wirkung. Hier muss auch die nicht erschienene Enzyklika gegen Nationalismus und Rassismus erwähnt werden, die im Auftrage Pius’ XI. im Sommer 1938 vorbereitet wurde, aber wegen des Todes des Papstes nicht mehr veröffentlicht werden konnte.

Pius XII. (1939–1958), dessen Regierungszeit vom 2. Weltkrieg und vom Ost-West-Konflikt gezeichnet war, erließ keine Sozialenzykliken, nahm aber in einer Vielzahl von Ansprachen und Erklärungen zu grundsätzlichen und aktuellen Fragen des wirtschaftlichen und sozialen, des politischen und des internationalen Lebens Stellung. Er war um das personale Fundament der katholische Soziallehre bemüht. In seiner Weihnachtsansprache von 1944 äußerte er sich zu Fragen der Demokratie und erklärte, sie sei die dem Menschen am meisten angemessene Regierungsform. Mit seinen Aussagen inspirierte er die Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils „Gaudium et spes“ (1965), die der Sozialverkündigung der Päpste eine konziliare Grundlage bietet. Johannes XXIII. (1958–1963) veröffentlichte neben „Mater et Magistra“ (1961) „Pacem in terris“ (1963), die die Menschenrechte rezipierte und die Wertgrundlagen des Friedens aufzeigte. 1967 erließ Paul VI. (1963–1978) die Entwicklungsenzyklika „Populorem progressio“, in der er für eine solidarische Entwicklung der Menschheit eintrat: „Entwicklung ist der neue Name für Friede“. In „Octogesima adveniens“ (1971) werden die Lebensbedingungen in den industriellen Ballungsräumen, der Generationenkonflikt, die Gleichberechtigung der Frau aufgegriffen. Zugleich werden die Grenzlinien zu den Ideologien wieder schärfer gezogen, vor allem zu den sozialistischen, die über die Theologie der Befreiung in Lateinamerika große Anziehungskraft auf Christen ausübten. Johannes Paul II. (1978-2005) erließ drei Sozialenzykliken: „Laborem exercens“ (1981), „Sollicitudo rei socialis“ (1987) und „Centesimus annus“ (1991). Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus werden die Positionen der katholische Soziallehre im Hinblick auf die freie Marktwirtschaft und ihre Einbettung in den Sozialstaat geklärt.

Literatur

  • Oswald von Nell-Breuning, Soziallehre der Kirche. Erläuterungen der lehramtlichen Dokumente (3. Auflage 1983).
  • KAB-Bundesverband (Hrsg.), Texte zur katholischen Soziallehre (8. Auflage 1992).
  • École Française de Rome (Hrsg.), „Rerum novarum“. Écriture, contenu et réception d’une encyclique (1997).
Anton Rauscher, Markus Lingen

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