Weltanschauung: Christliche Demokratie

Stationen der Entwicklung

Wenn damit ein „ultramontaner“, „intransigenter“ Katholizismus, der – ganz im Gegensatz zu den Behauptungen seiner Gegner – freiheitliche Forderungen erhob und sich liberaler Methoden und demokratischer Organisationsformen bediente, zur unmittelbaren Vorstufe des christlich-demokratischen Durchbruchs nach 1945 erklärt wird (auch John W. Boyer, in: M. Gehler u.a.), so stellt sich die Frage nach der Definition der inhaltlichen Unterschiede und historischen Übergänge zur eigentlichen, mit der demokratischen Staatsform verbundenen Christlichen Demokratie. Die Schwierigkeit liegt in der Absteckung der Interferenzbereiche. Wohl hat der Katholizismus, obzwar nicht mehr in seiner gewohnten Form, als maßgeblicher politischer Faktor noch in der Geschichte der Bundesrepublik weitergewirkt (Albrecht Langner, Martin Conway). Andererseits bildeten sich bereits im 19. Jahrhundert gewisse Spezifika der Christlichen Demokratie innerhalb der katholischen Bewegung aus, ohne allerdings über diese hinausgreifen zu können, weil ihnen in Deutschland der im Kulturkampf eskalierende konfessionelle Zwiespalt, in Frankreich der zum republikanischen Credo emporstilisierte antiklerikale Laizismus und überhaupt die Tendenz zur Säkularisierung der Neuzeit entgegenstanden. Auf den Weg zur Christlichen Demokratie führte die Bereitschaft zur parlamentarischen Arbeit, zur Vereinsgründung (gegen obrigkeitliche Verbote) und zum Zusammengehen mit gleichgesinnten Evangelischen (Ludwig Windthorst, Julius Bachem). Auf dieser Linie lag bereits die nicht bloß konfessionell motivierte Ablehnung des Staatskirchentums und des staatsliberalen „Absolutismus“ (Wilhelm E. von Ketteler). Die sich moderner liberaler oder demokratischer Mittel bedienenden „Ultramontanen“ grenzten sich von ausgesprochen konservativen Positionen mancher Konfessionsgenossen, die den sich modernisierenden Staat verwarfen, aber auch von den nationalistischen oder Staatskatholiken ab, die ihr Heil in der Anpassung an säkulare Entwicklungen suchten. Sie setzten sich gegenüber diesen kleineren Gruppen durch und prägten das Profil christlich motivierter Volksbewegungen.

Einen mit der laizistischen Republik konkurrierenden Demokratiebegriff entwickelte indes schon zwischen 1890 und 1910 der linke Flügel des Katholizismus in Frankreich („Sillon“, Abbés démocrates). Er erstrebte die Versöhnung von Autorität und Freiheit, Tradition und Fortschritt, die Gründung des Staates und der Gesetze auf die persönliche Verantwortlichkeit der Einzelnen, die soziale Gleichstellung der Arbeiter, die gegliederte Gesellschaft, die Weiterentwicklung des Staates zu einer von christlicher Brüderlichkeit getragenen „cité future“ und schließlich die internationale Zusammenarbeit der Völker.

Der Arbeitersekretär und preußische Landtagsabgeordnete Georg Stieler aus Gladbeck, eine Stimme aus der „christlichen Arbeiterschaft“, bekannte sich 1920 in der Broschüre „Zentrum und Arbeiterschaft“ zu dem Ziel einer „ehrlichen Demokratie, einer christlichen Demokratie“ im Sinne des am Gemeinwohl orientierten Interessenausgleichs unter Einbeziehung auch der schwächeren Schichten innerhalb der „Lebens- und Schicksalsgemeinschaft des Staates“. Er sah mittlerweile das Zentrum als eine diesem Ziel verpflichtete „demokratische Partei“ an. Ähnlich forderte das Essener Programm der christliche Gewerkschaften vom November 1920 (Adam Stegerwald, Heinrich Brauns, Heinrich Brüning) die Umwandlung des bisher vorwiegend kulturpolitisch ausgerichteten Zentrums in eine christlich-demokratische, mehr die allgemein politischen und sozialen Anliegen in den Vordergrund rückende, breite Schichten der Arbeiter- und Angestelltenschaft nachhaltig erfassende Volkspartei. Die neue, gemäß dem damaligen Zeitverständnis „deutsch“ und „christlich“, „demokratisch“ und „sozial“ orientierte Sammlung schien dazu berufen, die Überspanntheiten des extremen Individualismus und des kollektiven Sozialismus zu meiden.

Die Zwischenkriegszeit ließ diese und andere Ansätze zu einer den sozialistischen Massenparteien stärkemäßig gewachsenen, diese auf ideologischem Gebiet konterkarierenden Volkspartei der Mitte nicht reifen. Der unerwartete Übergang zur republikanischen Staatsform, die Niederlage des Deutschen Reiches, die mühsame Abwendung der Räterevolution bestärkten die ohnehin starken konservativen Tendenzen und bereiteten den Boden für neue, radikal nationalistische, antiparlamentarische Gruppen und Entwicklungen. Die Anfänge weltwirtschaftlicher Verknüpfungen aus der Vor-Weltkriegszeit wurden durch die restriktive Handelspolitik der Staaten sogar unterbunden.

Erst die Abkehr von den verheerend wirkenden totalitären Bewegungen und die Orientierungskrise der zweiten Nachkriegszeit in Kontinentaleuropa führten zum dauerhaften Aufschwung der christlich-demokratischen Parteien, wenngleich dieser auf einer in früheren Jahrzehnten grundgelegten politischen Kultur aufbaute. Die Kritik an der Weimarer Republik und am liberalen Staat Italiens, wo der Aufstieg des Nationalsozialismus und des Faschismus nicht hatten verhindert werden können, führte zur neuen Wertschätzung einer gefestigten Demokratie auf parlamentarischer Grundlage. Entsprechende Überlegungen kennzeichneten die Diskussion in Kreisen der Emigration (Heinrich Brüning, Don Luigi Sturzo) und des Widerstands, waren aber schon vorher in den Gesichtskreis junger Nachwuchspolitiker und Intellektueller getreten (Heinrich Brüning, Robert Schuman, Hermann Platz). Angesichts der Verführungskraft, die von weltimmanenten Ideologien, pseudoreligiösen Heilslehren oder den Appellen an niedrige Instinkte ausgegangen war, schien vielen Zeitbeobachtern nur der Rückgriff auf Grundwerte und auf die transzendent begründete Unverfügbarkeit der Person Aussichten auch auf eine politische Zukunft zu eröffnen. Mit Nachdruck muss betont werden, dass der Widerstand und das Exil nicht nur nationalkonservative vormoderne Verfassungsmuster wiederbelebten und dass es keineswegs nur Sozialisten waren, die in Abwehr der rechtsradikalen Volksverhetzung demokratische und soziale Ziele aufstellten.

Die neu gebildeten großen Volksparteien (Deutschland, Italien, Frankreich) definierten ihre Werten, in Deutschland unter protestantischem Einfluss, teils deutlicher als die ehemals bevorzugt sachpolitisch auftretenden katholischen Parteien mit ihrem eingestanden konfessionellen Hintergrund. Sie wirkten an der Schaffung und Erhaltung ihres realen Entfaltungsraums, des dem vorgerückten Herrschaftsbereich des Kommunismus entzogenen Kontinentaleuropa, selbst mit. In diesem Rahmen leisteten sie, bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1989, wesentliche Beiträge zur langsam voranschreitenden Einigung Europas. Sie schufen sich erstmals eine Organisation auf europäischer Ebene in den Nouvelles Équipes Internationales (NEI). Die christlich-demokratischen Parteien erhoben das Eintreten für eine ideell motivierte – mehr konföderativ als streng supranational konzipierte – Europapolitik in den Rang einer epochalen Weichenstellung. Die in der Zwischenkriegszeit verbreiteten Visionen der friedlichen Verständigung und internationalen Zusammenarbeit, die aber noch im Vorraum der offiziellen Politik der Mächte geblieben waren, haben die Überwindung der tiefen Gräben, die durch den Nationalsozialismus und Faschismus aufgerissen worden waren, im Zeichen einer neuen Europapolitik erst möglich gemacht.

Die lange anhaltenden Erfolge der Unionsparteien in Deutschland – im Unterschied zur Auszehrung der christlich-demokratischen Mitte in Frankreich – erklären sich sicherlich auch aus der getrennten historischen Entwicklung beider Länder: In Deutschland war die Säkularisierung, jedenfalls nach außen hin, weniger weit fortgeschritten als in Frankreich. Sie war auch nicht wie dort seit der Großen Revolution mit dem nationalen Aufstieg identifiziert worden. Der konfessionelle Gegensatz, die durch ihn verstärkten politischen Meinungsunterschiede und kulturellen Prägungen in Nord und Süd, West und Ost, hatten das Zusammenwachsen der deutschen Staatsnation gehemmt, diese andererseits vor einer in anderen europäischen Ländern zu beobachtenden Zentralisierung und Egalisierung, jedenfalls vor 1933, bewahrt. Nach 1949 schien darum die langjährige Regierung der Unionsparteien mit dem Aufstieg und der Regenerierung des westdeutschen Staatswesens eng verbunden zu sein. Nicht verwunderlich war, dass über die Unionsparteien hinaus und keineswegs nur aufgrund der Einflussnahme der Westalliierten sich rasch der Konsens über eine politisch und kulturell zu begründende bundesstaatliche Ordnung in Deutschland abzeichnete.

Die Auflösung der christlich-demokratischen Parteien in Frankreich (1967) und in Italien (1993), aber auch ihr Rückgang bei den Wahlen z.B. in der Bundesrepublik Deutschland, Belgien und in den Niederlanden, hat vielfältige Ursachen. Das nach dem 2. Weltkrieg in Kernregionen der Unionsparteien wiederhergestellte katholische Milieu erodierte. Die Christliche Demokratie wurde von dem allgemein zu beobachtenden Prozess beeinträchtigt, dass die soziale Verankerung oder Versäulung der Parteien, die aus dem 19. Jahrhundert stammte, und die dadurch verursachte Wählerbindung an bestimmte Parteien schwand. Die Bevölkerung vieler europäischer Länder wurde seit Ende der 1950er Jahre von einem rapiden, die gesellschaftlichen Veränderungen begleitenden und durch diese hervorgerufenen Rückgang kirchlicher Bindungen erfasst. Dagegen hatte sich die geistige Säkularisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert mehr auf eingrenzbare soziale Gruppen, auf die liberalen Führungsschichten, die Bürokratie, auf manche Staatsorgane oder auf Teile der Arbeiterschaft beschränkt. Nun gaben sich breite Kreise der Bevölkerung einem neuen Freizeit- und Konsumverhalten hin. Die materiellen Aspekte des Lebens traten in den Vordergrund, ein auf den Wohlfahrtsstaat vertrauendes Versorgungsdenken breitete sich aus, die Familienbande lockerten sich. Ein Bevölkerungsrückgang erstaunlichen Ausmaßes zeichnete sich seit den 1970er Jahren nicht nur in Deutschland ab. Zunächst von der Politik nicht wahrgenommen oder aus wahltaktischen Rücksichten verdrängt, erwuchs aus der Verweigerung des Nachwuchses eine tiefgehende, nach manchen Prognosen bereits unvermeidliche Gefährdung des Generationenvertrags, damit der Grundlage des Sozialstaats und des Kulturstaats sowie der Zukunft der jungen Generation.

Wahrlich nicht leichter ließen sich die Aufgaben an, die sich nach der Katastrophe von 1945 den mit der Regierungsverantwortung betrauten Unionsparteien stellten: Während der ersten Periode einer 20jährigen Regierung war neben der Stabilisierung alsbald die Modernisierung anzugehen, um den Veränderungen einer fortgeschrittenen Industriegesellschaft Rechnung zu tragen. Es ergaben sich neue berufliche Anforderungen. Die Stellung der Frau in der Gesellschaft begann sich grundlegend zu wandeln. Teils bewährte, teils überholte Formen des Zusammenlebens wichen neuen Verhaltensmustern. Auf der Basis der Sozialen Marktwirtschaft, nicht neomarxistischer Ideen wurde in der Bundesrepublik während der Regierungszeiten Konrad Adenauers, Ludwig Erhards und Kurt Georg Kiesingers erstmals in der deutschen Geschichte eine Art klassenloser Gesellschaft erreicht, auf deren beginnende Verzerrungen die 16jährige Ära Helmut Kohls mit dem Versuch eines Reform- und Modernisierungsschubs reagierte, der von der seit 1998 regierenden rot-grünen Koalition wieder abgebrochen worden ist, jedoch durch die Sozialreformen auf anderem Gebiet wieder aufgegriffen wurde. Die von 2005 bis 2009 sich daran anschließende große Koalition unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel berücksichtigte z.B. in der Familienpolitik mit dem Elterngeld und dem Ausbau der Kindertagesstätten sowie bei der Rente mit 67 verstärkt den demographischen Faktor, reagierte in Sachen Migration auf die zunehmenden Veränderungen in der Gesellschaft und versuchte mit der Föderalismusreform das verflochtene Verhältnis zwischen Bund und Ländern auf eine transparentere Grundlage zu stellen.

Winfried Becker