Totalitarismus, Antitotalitarismus

Angesichts des im Herbst 1922 in den Kommunen beginnenden Prozesses der Machteroberung durch die Bewegung Benito Mussolinis verwandte der Anführer der antifaschistischen Opposition, Giovanni Amendola, das Attribut „totalitär“ erstmals im politischen Sinne (Mai/Juni 1923). Gemeint war ein Herrschaftsanspruch, der auf absolute Machtausübung zielte und das für die liberale Demokratie charakteristische Wechselspiel von Mehrheit und Minderheit außer Kraft setzte. Obwohl die Faschisten die Formel als positive Selbstbezeichnung aufnahmen, verbreitete sie sich über die Grenzen Italiens hinaus als pejorative Fremdbezeichnung für jene – gegenüber älteren Formen der „Despotie“, „Tyrannis“, „Autokratie“ oder „Diktatur“ – neuartig erscheinenden Regime, die das gewaltenteilige Institutionengefüge des Rechtsstaates negierten und die politische Macht bei den Führern pseudodemokratisch legitimierter Massenbewegungen konzentrierten.

Neben dem faschistischen Italien fand der sich ausbildende Begriff des Totalitarismus zunächst Anwendung auf das bolschewistische Russland und nach 1933 auf das NS-Deutschland. Die in den 1930er Jahren einsetzende Totalitarismusforschung arbeitete die – trotz aller gravierenden Unterschiede – verblüffenden Gemeinsamkeiten der ideologischen Antagonisten heraus. Während Autoren wie Hannah Arendt und Martin Draht die Rolle der Ideologie bei der Entfaltung totalitärer Bewegungen hervorhoben, arbeiteten andere – im Anschluss an Carl J. Friedrich und Zbigniew Brzezinski – die Parallelen in der Herrschaftsstruktur totalitärer Regime (wie offizielle Ideologie, Machtmonopol, Nachrichtenmonopol, Repressionsapparat) heraus. Nach einer vor allem ideologisch motivierten „Tabuisierung des Totalitarismusbegriffs“ (Karl Dietrich Bracher) in den 1970er Jahren erlebte die Totalitarismusforschung angesichts des Zusammenbruchs des „real existierenden Sozialismus“ eine Renaissance.

Antifaschismus und Antikommunismus verbanden sich zu einem antitotalitären Konsens, der die 2. Demokratiegründung in Deutschland bestimmte. Die vom christlichen Menschenbild ausgehenden Parteien übten dabei prägenden Einfluss aus. Der antitotalitäre Konsens fand in der Äquidistanz gegenüber links- und rechtsextremistischen Bestrebungen seine Fortsetzung. Erosionstendenzen des Antitotalitarismus und Antiextremismus ist gegenzusteuern, um den Bestand des demokratischen Verfassungsstaates langfristig zu sichern.

Literatur

H. Maier (Hg.): „Totalitarismus“ und „Politische Religionen“. Konzepte des Diktaturvergleichs, 2 Bde. (1996/97); E. Jesse (Hg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung (2. Auflage, 1999).

Uwe Backes

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