Christliche Arbeiterbewegung

Christliche Arbeiterbewegung ist ein Sammelbegriff für katholische, evangelische und interkonfessionelle Arbeitervereinigungen. Die Entwurzelung der Arbeiterschaft in der Industriegesellschaft und das Anwachsen von Marxismus und Sozialismus weckten ein neues Bewusstsein innerhalb der christlichen Arbeiterschaft. Erste katholische Arbeitervereine entstanden seit 1849. Ihre Intentionen waren anfänglich seelsorgliche Betreuung und karitative Hilfen. Initiativen Adolph Kolpings 1847, Wilhelm Emmanuel von Kettelers 1848/1869, Franz Brandts 1880 und Franz Hitzes 1884 bewirkten in wenigen Jahrzehnten ein rasches Anwachsen katholischer Gesellen-, Knappen- und Arbeitervereine mit Männer-, Frauen- sowie weiblichen und männlichen Jugendverbänden. Wachsende Bildungsarbeit und sozialpolitische Aktivitäten wurden unterstützt durch den Volksverein für das katholische Deutschland (1890–1933; mit bedeutendem Schrifttum).

Festere Basis und stärkere Ausdehnung der christlichen Arbeiterbewegung bewirkte die Sozialenzyklika „Rerum novarum“ Leos XIII. 1891: „Über die Arbeiterfrage“. Neben kirchlich-sittlicher und staatlich-rechtlicher Zuständigkeit propagierte die Enzyklika die Mitverantwortung der Arbeitnehmer und Arbeitgeber bei der Gestaltung betrieblicher und gesellschaftlicher Ordnung; strittig blieb in Deutschland jedoch der Emanzipationsgrad katholischer Arbeitervereine von kirchlicher Bevormundung angesichts interkonfessioneller Christlicher Gewerkschaften (Gewerkschaftsstreit 1900–1912).

Zusammengefasst waren die regional gegliederten Arbeitervereine (1892 Süddeutscher Verband, 1894 Katholischer Arbeitervereine Berlin, 1904 Westdeutscher Verband) seit 1911 im Kartellverband, seit 1928 im Reichsverband katholischer Arbeiter- und Arbeiterinnenverbände Deutschlands (mit internationaler Organisation, Zentrale in Köln). Mehrere Verbandsführer und Arbeitersekretäre (Nikolaus Groß, Bernhard Letterhaus, Otto Müller) leisteten aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus und bezahlten dafür mit ihrem Leben.

Nach 1945 waren Mitglieder der christlichen Arbeiterbewegung (Johannes Albers, Karl Arnold, Jakob Kaiser u.a.) führend bei der Gründung der CDU und beim Aufbau der CDA beteiligt. Trotz Orientierung am Verbandswesen vor 1933 erfolgte die Wiedergründung der katholischen Arbeitervereine 1945/46 (durch Josef Gockeln und Hermann Joseph Schmitt) als Neuansatz. Westdeutsche und Süddeutsche Arbeitervereine („Werkvolk“) sind seit 1971 zusammengefasst im Bundesverband der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Deutschlands (KAB). Auseinandersetzungen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) führten zu inneren Spannungen und 1955 zur Wiedergründung der Christlichen Gewerkschaften.

Evangelische Arbeitervereine entstanden – nach zaghaften Anfängen Mitte des 19. Jahrhunderts – 1882 im Ruhrgebiet und in Süddeutschland; sie waren seit 1890 im Gesamtverband der evangelischen Arbeitervereine Deutschlands zusammengeschlossen. Organisatorisch ähnelten die evangelischen Arbeitervereine den katholischen; sie waren sehr konfessionsbewusst und mehr als jene den Arbeitgebern zugewandt, entbehrten jedoch weitgehend kirchlicher Weisungen. Sie proklamierten religiöse und sittliche Bildung, ein friedliches Verhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern, solidarische Hilfe sowie Treue zu Kaiser und Reich. Wichtige Impulsgeber waren Johann Hinrich Wiehern, Viktor Aimé Huber und Adolf Stoecker. Die Evangelisch-Soziale Schule in Bethel, seit 1921 zusammen mit der Sozialen Geschäftsstelle (Leiter: Reinhard Mumm) in Berlin-Spandau, war die zentrale Bildungsstätte der evangelischen Arbeitervereine, die 1933 weitgehend zerschlagen wurden.

Nach 1945 entstanden gegen innerkirchliche Widerstände die evangelischen Arbeitervereine neu, vornehmlich in Nordrhein-Westfalen (führend Richard Mattin); sie sind seit 1952 organisiert in der Evangelischen Arbeitnehmerbewegung in Deutschland (EAB), die sich mit anderen evangelischen Arbeitervereinen 1971 zum Bundesverband evangelischer Arbeitnehmer zusammengeschlossen haben.

Literatur

H. Grebing: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (9. Auflage, 1979); J. Aretz: Katholische Arbeiterbewegung und christliche Gewerkschaften, in: A. Rauscher (Hg.): Der soziale und politische Katholizismus, 2 (1982); H. Beyer: Arbeit steht auf uns'rer Fahne und das Evangelium. Sozialer Protestantismus und bürgerlicher Antisozialismus in Wuppertal 1880–1914 (1985); G. Besier: Arbeiterbewegung, in: Religion in Geschichte und Gegenwart 1(4. Auflage, 1998); H. Grebing (Hg.): Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland (2000).

Rudolf Uertz, Markus Lingen