Volksverein für das katholische Deutschland

Der Volksverein, ein zentraler Massenverein der deutschen Katholiken mit Sitz in Mönchengladbach, wurde als Laieninitiative (Franz Brandts und Ludwig Windthorst) am 24. Oktober 1890 in Köln gegründet; 1914, auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung, zählte er 805.909 Mitglieder (davon 5,2% Frauen) mit Schwerpunkt im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Programmatisch beruhte seine Bildungstätigkeit auf der von Papst Leo XIII. initiierten katholischen Soziallehre. In deutlicher Abgrenzung gegenüber dem atheistischen Sozialismus hat der Volksverein seine Mitglieder in Führer- und Massenschulungen zur sozialen, politischen und religiösen Partizipation befähigt und sie damit weitgehend in das „wilhelminische Deutschland“ integriert. Im republikanischen Alltag unterstützte er dann aus christlichem Verantwortungsbewusstsein die angesichts permanenter politischer und wirtschaftlicher Schwierigkeiten weitgehend unpopulären Regierungen der Zentrumspartei. Seit 1922 sank die Anzahl seiner Mitglieder kontinuierlich (1928: 417.288; 1933: 330.017). Der organisatorische Ausbau interkonfessioneller Parteien und Gewerkschaften sowie katholischer Spezialorganisationen, die der Volksverein bisher gefördert hatte, drohte ihm selbst die Massenbasis zu entziehen. In Abkehr von der bisher gepflegten sozialpolitischen Aktion verlagerte sich die von Anton Heinen und August Pieper maßgeblich gestaltete Führerschulung auf „Gesinnungsreform“ und „intensive Volksbildung“ in kleine Arbeitsgemeinschaften. Die „lebenskundlich“ überformte Bildungsarbeit erreichte immer weniger die künftigen Führungskräfte des deutschen Katholizismus und stieß bei der Masse der einstigen Anhänger aus der Arbeiterschaft auf offene Ablehnung. Noch verhängnisvoller war der finanzielle Zusammenbruch des vielgestaltigen Volksverein-Verlags, dem selbst Spekulationsgeschäfte nicht fremd waren.

Die von Heinrich Brauns intendierte Reorganisation des angeschlagenen Volksvereins als eine Art Zentrumsverein, der von Berlin aus staatsbürgerliche Bildungsarbeit durchführen sollte, fand nicht die Zustimmung der Bischöfe. Eine stärkere Anbindung an die kirchliche Hierarchie („Verkirchlichung“) im Zuge der 1928 festgelegten „Eingliederung“ in die Katholische Aktion war von der Volksvereinsleitung in erster Linie aus pragmatischen Gründen gesucht worden. Der Volksverein blieb auch weiterhin ein privater, kirchlich empfohlener Verein, dessen Vorstand zu einem Drittel aus Vertretern katholischer Standesorganisationen bestand. Im Einvernehmen mit dem Episkopat hat der Volksverein die in der pluralistischen Gesellschaft expandierende Freidenker- und Gottlosenpropaganda des „Neuheidentums“, die „Bolschewismusgefahr“ und den Nationalsozialismus bekämpft. Zur Unterstützung der katholischen Parteien in Wahlkampfzeiten entstand die Staatspolitische Arbeitsgemeinschaft katholischer Verbände, die „Rassenhass“ ebenso entschieden ablehnte wie den Klassenkampf der Kommunisten. In Verkennung des totalitären Wesens der NS-Machthaber hat der Volksverein seit März 1933 versucht, durch loyale Mitgestaltung seine weitere Existenz zu sichern. Der geplanten Selbstauflösung des Volksvereins kam die zentral gesteuerte Polizeiaktion vom 1. Juli 1933 zuvor. Versuchen nach 1945, den Volksverein wiederzubeleben, war angesichts des beschleunigten Gestaltwandels innerhalb des deutschen Katholizismus kein Erfolg beschieden.

Literatur

H. Heitzer: Der Volksverein im Kaiserreich 1890–1918 (1979); G. Schoelen: Bibliographisch-historisches Handbuch des Volksvereins (1982; Nachträge: Geschichte im Bistum Aachen, 1/1993); G. Klein: Der Volksverein 1890–1933 (1996); D. H. Müller: Arbeiter – Katholizismus – Staat. Der Volksverein und die katholische Arbeiterorganisation in der Weimarer Republik (1996); D. Grothmann: „Verein der Vereine?“ (1997); W. Löhr: Der Volksverein zwischen Anerkennung und Ablehnung (2009).

Gotthard Klein