Werte, Wertediskussion

1. Begriff allgemein

Unter dem Begriff Werte versteht man im allgemeinen grundlegende, konsensuelle Zustimmung einfordernde, normierend und motivierend gleichermaßen wirkende Zielvorstellungen, Orientierungsgrößen und Qualitäten, die – weil sie sich mit Bezug auf anthropologische Grundkonstanten als unabdingbar oder mit Blick auf kontingent (historisch, situativ, kulturell) bedingte Bedürfnis- und Handlungskontexte als zuträglich erwiesen haben – auch tatsächlich angestrebt und gewünscht werden, so dass sich Individuen und Gruppen von ihnen bei ihrer Handlungswahl und ihrer Weltgestaltung leiten lassen. Die Vielfalt der vorkommenden Anwendungskontexte der Rede von Werten gibt dem Begriff den Charakter eines Sammel- und Einheitsbegriffs.

2. Funktion

Die primäre Orientierungsleistung von Werten besteht in der Bildung von Präferenzen. Präferenzurteile oder Wertungen intendieren die Bevorzugung einer Handlung vor einer anderen bzw. eines Gegenstandes/Sachverhaltes vor einem anderen. Die tatsächliche Orientierung an und Bevorzugung von bestimmten Werten, in denen Vorstellungen gelungenen (Zusammen-)Lebens zum Tragen kommen, machen in ihrer Gesamtheit das Ethos von Gesellschaften und Gruppen aus.

3. Moralisch-sittliche Werte

Da jede Handlung als wertrealisierender Akt gedeutet werden kann, kommt moralisch-sittlichen Werten (Werten im engeren Sinne; bonum morale) eine besondere Bedeutung zu. Diese sind zu unterscheiden von objektiv vorgegebenen Werten im weiteren Sinne, den Gütern (bonum physicum). Moralische oder Werte im engeren Sinne sind bestimmte stereotype Werthaltungen (klassisch: Tugenden wie Gerechtigkeit, Klugheit, Treue, Solidarität etc.); sie stellen Willenshaltungen dar, die als nicht-materielle Ziele den wertrealisierenden Akt leiten. Bei Gütern (Werten im weiteren Sinne) dagegen handelt es sich immer um reale Gegebenheiten, die unabhängig vom Denken und Wollen existieren und objektiv gelten, d. h. der freien Selbstbestimmung des Menschen vorgegeben, zugleich aber dem verantwortlichen Handeln aufgegeben sind – als unabdingbare Voraussetzung geordneten (Zusammen-)Lebens. Güter sind lediglich in den konkreten Realisationsformen, nicht aber in ihrem prinzipiellen Anspruch kulturell und geschichtlich variabel. Hierzu zählen auch fundamentale Rechtsgüter wie Leben, leibliche Integrität, geistiges wie materielles Eigentum, ferner jene objektgerichteten Wertschätzungen, die sich mehr auf konkrete Aspekte und Bereiche des soziokulturellen Lebenszusammenhanges beziehen (z. B. Gesundheit, Umweltschutz, ferner Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit oder Institutionen wie Ehe und Familie und Staat). Diese Güter sind als objektiv vorgegebene Ziele des Handelns nicht der Grund der sittlichen Verpflichtung, sondern sie sind Objekte verantwortlichen Handelns (sogenannte vorsittliche Werte). Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit, die sogenannten Grundwerte der freiheitlichen Demokratie, intendieren nicht innere Willensqualitäten, sondern – im Sinne von freier Entfaltung und solidarischer Ordnung – in sozialen Strukturen herzustellende und durch politisches Handeln zu ermöglichende Gegebenheiten (sogenannte Güter). Auch die Menschenwürde als objektive Vorgabe ist in diesem Sinne ein – wenngleich absolutes – Gut, ein präsittlicher Wert, der unbedingte Anerkennung, und damit ein Wertverhalten im Sinne einer Willensqualität einfordert.

4. Werte und Demokratie

Demokratische Werthaltungen und Tugenden wie Toleranz, Gerechtigkeit, Verantwortung, Klugheit etc. können nicht verordnet werden; sie bedürfen entsprechender Institutionen, um vermittelt, eingelebt und tradiert werden zu können. Das Ethos der Demokratie verdankt sich demnach dem Zusammenwirken realen Werteverhaltens der Bürger wie auch den institutionellen Stabilisierungs- und Realisationsformen. Trotz der Orientierung an gemeinsamen Werten bleibt die genaue Bestimmung von Werten und deren Einordnung in eine Wertehierarchie zumeist Gegenstand des politischen Diskurses und führt daher nicht von selbst schon zu konsensfähigen konkret-situativen Handlungsstrategien. Gerade aber um der Erhaltung der im demokratischen Verfassungsstaat garantierten Pluralität der Weltanschauungen und Lebensformen willen können Wertoptionen von Individuen und Gruppen nur dann sanktionsfrei bleiben, wenn sie ihrerseits die Möglichkeit des Präferenzverhaltens anderer Individuen nicht beeinträchtigen und die für das Funktionieren des Zusammenlebens unabdingbaren grundlegenden Zielvorstellungen und Orientierungsstandards, wie sie sich in der Verfassung finden, nicht außer Kraft setzen.

Literatur

K. Weigelt (Hg.): Werte, Leitbilder, Tugenden (1985); W. Korff/P. Mikat: Moral – Vernunft – Natur. Beiträge zur Ethik (1997); J. B. Müller: Werteverfassung und Werteverfall. Eine kulturkritische Betrachtung (2000).

Armin G. Wildfeuer

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