Arbeit

Zu ersten Ansätzen einer systematischen Arbeitspolitik kam es durch die mit der „Kaiserlichen Botschaft von 1881“ initiierten Sozialversicherungspolitik. Was im Kaiserreich begonnen worden war, wurde in der Weimarer Republik systematisch weiter entwickelt, jetzt in der „Weimarer Koalition“ (Zentrum, SPD, DDP). Dass die elementaren Risiken des Arbeitslebens in einer öffentlich-rechtlich verfassten Solidarität abgesichert werden müssen, stellt Artikel 151 der Weimarer Reichsverfassung fest. Damit war der Weg zur „sozialen“ Demokratie grundgelegt, die in Artikel 20 Absatz 1 und 28. Absatz 1 Grundgesetz verankert ist.

Nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges kam es zunächst darauf an, die Menschen wieder „in Arbeit und Brot“ zu bringen und zusätzlich zwölf Millionen Heimatvertriebene einzugliedern. Dass dies in erstaunlicher Schnelligkeit gelang, ist vor allem der Ordnungspolitik Soziale Marktwirtschaft zu verdanken. Ein wesentliches Element dieser „Leitkultur“ des ordnungspolitischen Neubaus der deutschen Wirtschaftsgesellschaft wurde eine rechtliche Verfassung der „abhängigen“ Arbeit, die dieser im Montanbereich eine „paritätische“ (1951) und in den übrigen Großunternehmen eine fast paritätische (1956) Mitbestimmung in allen unternehmerischen Entscheidungen einräumte. Von praktisch größerer Bedeutung wurde jedoch das neue Betriebsverfassungsgesetz (1952) mit seinen Mitbestimmungsbefugnissen der Betriebs- bzw. Personalräte in sozialen und personellen Angelegenheiten (Einstellungen, Entlassungen). Weniger erfolgreich war die vor allem von der katholischen Soziallehre inspirierte Idee einer breiten Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivkapital, wie sie innerhalb der Union z.B. von Fritz Burgbacher postuliert wurde. Eine damit intendierte grundlegende Überwindung der Interessenunterschiede von „Arbeit“ und „Kapital“ scheiterte vor allem am Desinteresse der DGB-Gewerkschaften, die davon eine „kapitalistische Entfremdung“ ihrer Mitglieder befürchteten. Eine praktisch viel wichtigere indirekte Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivkapital stellt die Rentenreform von 1957 dar, in der die Alterseinkommen an das (steigende) Niveau der Arbeitseinkommen angeglichen werden. Da die Rentenansprüche rechtlich als Eigentum gelten, kann man sie virtuell „kapitalisieren“ und kommt dann auf ein „Kapitalkonto“ zugunsten der „abhängigen Arbeit“, dessen Wert höher ist als der des Produktivkapitals.

Der in den 1960er Jahren erreichte Massenwohlstand ließ die Vollbeschäftigung zum Normalfall werden. Spätestens seit Mitte der 1970er Jahre führte der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel jedoch zu zwei neuen, bisher noch nicht gelösten Problemen der „Arbeitsgesellschaft“: Zum einen zeigte sich das überwunden geglaubte Problem der Massenarbeitslosigkeit in neuer Gestalt. Zum anderen löste sich die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Familien- und Erwerbsarbeit in dem Maße auf, als aufgrund veränderter Bildungsstandards und des gewandelten Selbstverständnisses der Erwerbsberuf für immer mehr Frauen zur Regel wurde. Im Folgenden sollen diese Probleme näher betrachtet und mögliche Lösungsansätze dargelegt werden.

1. Während zum Beginn der 1970er Jahre in Deutschland noch Arbeitskräftemangel herrschte (Anwerben von „Gastarbeitern“), erhöhte sich seit dem „Anwerbestop“ die Arbeitslosenquote bis Mitte der 1980er Jahre auf 8%, Ende der 1990er Jahre auf ca. 10% und sank zehn Jahre später wieder auf 8%. Trotz leichter Verbesserungen in jüngster Zeit, die vor allem demographisch induziert sind, muss man von einer andauernden, strukturell bedingten Krise des Arbeitsmarkts ausgehen. In Europa stieg die Zahl der Arbeitslosen von 3 Millionen (1970; EG-6) auf fast 18 Millionen (1997, EU-15) und knapp 23 Millionen (2009/10, EU-27). Als Hauptursachen der „Massenarbeitslosigkeit“ in Deutschland und der meisten anderen europäischen Staaten sind die strukturellen Verkrustungen des Arbeitsmarktes, Höhe und zeitliche Ausdehnung der sozialstaatlichen Lohnersatzleistungen und die Dichte staatlicher Reglementierungen zu nennen, die mit entsprechenden Mentalitäten einhergehen (z. B. überzogene Zumutbarkeitskriterien, mangelnde Bereitschaft zur Verrichtung einfacher, gering bezahlter Arbeit). Aufschlussreich ist der statistische Befund, der – wenn auch in der Höhe, nicht aber grundsätzlich bestritten – im Dienstleistungssektor im Vergleich zwischen Deutschland und den USA eine Beschäftigungslücke von ca. 14 % = 7 Millionen Arbeitsplätze ausweist.

Eine neue Arbeitspolitik, die zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit führt, verlangt zum einen veränderte Einstellungen. Zudem ist ein flexibleres Tarifsystem erforderlich. Ohne den Tarifschutz als soziales Gut aufzugeben, sollten unter bestimmten Umständen mit Zustimmung des Betriebsrates bzw. der Belegschaft bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten Lohntarife modifizierbar sein. Dem müsste auf Seiten der Unternehmen die Bereitschaft entsprechen, in „guten Zeiten“ die Mitarbeiter entsprechend am Gewinn zu beteiligen. Weiter ist von den Unternehmen und ihren Mitarbeitern eine größere Bereitschaft zur Teilzeit-Arbeit erforderlich. Zudem müsste der Gesetzgeber die hohe Regulierungsdichte zugunsten von mehr Subsidiarität lockern. Das Lohnersatzsystem, insbesondere die Brücke von der Sozial- bzw. Arbeitslosenhilfe zum Arbeitsmarkt, ist in Teilen so verändert worden, dass Anreize zur Aufnahme einer Arbeit verstärkt werden sollen (z.B. durch einen „Kombi-Lohn“ und den Aufbau eines Niedriglohnsektors). Schließlich sind die Belastungen der Arbeit durch Personalzusatzkosten zu verringern, was nur durch eine Verstärkung der privaten Vorsorge mit steuerlicher Flankierung möglich ist.

2. In der Diskussion um die Zukunft einer humanen Arbeitsgesellschaft wurde bisher die Bedeutung der „Erwerbsarbeit“ überbetont, während die nicht minder wichtige Familienarbeit (insbesondere Erziehungs- und Pflegearbeit) sowie freiwillige Eigenarbeit und ehrenamtliche Arbeit geringgeachtet werden, obgleich ihr Volumen von Statistikern auf etwa die Hälfte des gesamten Arbeitsvolumens geschätzt wird.

3. Die richtigen Weichen für eine humane Zukunft der Arbeitsgesellschaft zu stellen, wird für die westlichen Demokratien immer dringlicher. Für die an der Sozialethik orientierte christliche Demokratie müssen dabei die Grundwerte Freiheit und soziale Gerechtigkeit maßgebend sein. Dies bedeutet angesichts der arbeitsrechtlichen Überregulierung: Schaffung neuer Freiheitsspielräume auf dem Arbeitsmarkt und in der Tarifpolitik. Des weiteren ist eine Entlastung des Faktors Arbeit von sozialen Abgaben anzustreben, weil es angesichts des demographischen Wandels nicht möglich ist, die Kosten für die Altersversorgung und das Gesundheitssystem allein durch das Umlageverfahren von den Arbeitsentgelten aufzubringen. Die gravierendste Form der Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft ist die faktische Kündigung des Generationenvertrags. Wenn es nicht gelingt, die Solidargemeinschaft der Familie zu regenerieren, um so einer genügenden Anzahl von Kindern das Leben zu ermöglichen, hat die hochentwickelte Arbeitsgesellschaft eine unsichere Zukunft.

Dabei ist vor der Illusion zu warnen, dass der negative demographische Trend durch „gezielte Einwanderung“ gestoppt oder gar umgekehrt werden könne. Zum einen ist es höchst fragwürdig, aus weniger entwickelten Ländern hochqualifizierte Arbeit abzuziehen, die dann diesen Ländern fehlt. Zum anderen konnte bisher niemand auch nur andeutungsweise beschreiben, wie eine solche „gezielte“ Einwanderungspolitik aussehen und funktionieren soll. Wahrscheinlich fehlt den Verfechtern solcher Theorien die Vorstellungskraft, wie sich solche „Überlebensversuche“ auswirken und wie sich die in der Agonie einer solchen Gesellschaft unumgängliche Zuspitzung des Verteilungskampfes zwischen „Alt- und Neubürgern“ unter multikulturellen Bedingungen verkraften lässt. Stattdessen sollte man sich mehr über eine ethische Regeneration der Familie und eine kinderfreundlichere Gesellschaft mit einem gerechten Familienleistungsausgleich Gedanken machen.

Literatur

L. Roos/W. Then: Christliches Arbeitsethos und moderne Arbeitskultur (1990); J. Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft (1995); J. Visser/A. Hemerijck: Ein holländisches Wunder? Reform des Sozialstaats und Beschäftigungswachstum in den Niederlanden (1998); W. Klauder: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Mit offensiven Strategien zu mehr Beschäftigung (1999); U. Beck (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie (2000); J. Althammer: Wandel der Arbeitswelt – Zukunft der Arbeit (2001); A. Rauscher (Hg.): Die Arbeitswelt im Wandel (2001).

Lothar Roos