Zentrumspartei – Programme

Die sich abzeichnende Bildung des protestantisch-preußischen Nationalstaates provozierte die programmatisch fruchtbarste Phase des Politischen Katholizismus. Schon im Blick auf eine Parteigründung wurden das Programm von Münster (14. Juni 1870) und der Aufruf zur Sammlung der Katholiken Preußens (11. Juni 1870) vorgelegt. Diesen folgten die Vorstellungen des Westfälischen Bauernvereins (18. Juni 1870) und die beiden Essener Programme (30. Juni bzw. 30. Oktober 1870) der katholischen Vereine. Die größte Resonanz hatte das ebenfalls nur regionale Soester Programm (28. Oktober 1870). Damit lag die Programmatik für die am 13. Dezember 1870 (Preußen) bzw. am 20. März 1871 (Reich) konstituierte Deutsche Zentrumspartei fest.

Das Christentum war für sie moralische Grundlage für den einzelnen, die Gesellschaft wie den Staat (katholische Soziallehre). Daraus ergaben sich die Wahrung der Autonomie und Freiheiten der katholischen Kirche wie die Sicherung christlicher Erziehung, besonders durch die Konfessionsschule. Zur Rechtfertigung dieser Anliegen berief sich die „Verfassungspartei“ vornehmlich auf die Grundrechte. Die Hochschätzung des Staates als Garant des Gemeinwohls ging einher mit der Beschneidung von staatlicher Allmacht durch einen starken Föderalismus, gemeindliche Selbstverwaltung und korporative Gliederung einer „organisch“ aufgebauten Gesellschaft. Die „Volkspartei“ orientierte sich an der Gleichwertigkeit der Produktivkräfte Arbeit, Kapital und Grundbesitz und erstrebte die Förderung des „materiellen und geistigen Wohls aller Volksklassen“. In der Steuer- und Sozialpolitik war die Rücksicht auf die Familie zentral. Durch die eigene Arbeiterschaft mit der sozialen Frage und dem Arbeitsschutz konfrontiert, hat sich das Zentrum darum bemüht, die christlich-nationale Arbeiterschaft auf sozialreformerischem Kurs zu halten. Der langwierige Streit um das Verhältnis von Partei und Konfession fand am 28. November 1909 in einer Erklärung über den politischen Charakter der Partei seinen Abschluss.

Die „Richtlinien für die Parteiarbeit“ (30. Juni 1918) gaben den kriegsmüden Massen keine Zukunftsperspektive, da Parlamentarisierung und neues Wahlrecht nicht angesprochen wurden. Umso vehementer brach die Diskussion in der führungslosen Partei während der Revolution aus. Sie mündete in die „Leitsätze der Deutschen Zentrumspartei“ vom 30. Dezember 1918. Nun wollte sich das Zentrum verstärkt auch um Christen anderer Konfessionen bemühen, lehnte aber die Umwandlung zu einer christlich-demokratischen Partei ab. Man setzte auf Demokratie (gegen Räteherrschaft) und bürgerliche Freiheit (gegen sozialistische Experimente und Klassenherrschaft). Föderalismus und Selbstverwaltung erhielten als Schutzwälle für Konfessionsschule, Kirchen und christliche Kultur zusätzliches Gewicht.

Der 2. Reichsparteitag verabschiedete am 16. Januar 1922 einstimmig das einzige offizielle Parteiprogramm. In den „Richtlinien der Deutschen Zentrumspartei“ definierte diese sich als eine christliche Gesinnungsgemeinschaft, die in Tradition und Volk wurzele und sich am Recht (Naturrecht und „göttliches Gesetz“) orientiere. Mit der Formel vom „Volksstaat“ wurde die Frage der Staatsform zwar offengelassen, faktisch aber die bestehende Republik sanktioniert. Deutlicher als zuvor wurden Mitbestimmung und Ertragsbeteiligung der Arbeitnehmer verlangt. Innerhalb der umfassenden Kulturpolitik („Festigung der geistigen und sittlichen Volksgemeinschaft“) blieb die Privilegierung der christlicher Kirchen und deren Einfluss auf Erziehung und Schule weiterhin ein Essential. Auf dem Reichsparteitag 1925 und der Erfurter Tagung 1926 wurden erste Schritte unternommen, das Zentrum auch ideologisch zu einer republikanischen „Volks- und Staatspartei der Mitte“ fortzuentwickeln. Seit 1928 bemühte sich die Partei um ein Wirtschaftsprogramm, das im Gemeinwohl den Schlüssel für den Ausgleich der antagonistischen Kräfte fand.

Literatur

Offizielle Berichte der Reichsparteitage der Deutschen Zentrumspartei von 1920, 1922, 1925,1928. – K. Bachem: Vorgeschichte, Geschichte und Politik der Deutschen Zentrumspartei, 9 Bde. (1927–1932, Ndr. 1967/68); R. Morsey: Die Deutsche Zentrumspartei 1917–1923 (1966); K. Ruppert: Die Deutsche Zentrumspartei in der Mitverantwortung für die Weimarer Republik, in: W. Becker (Hg.): Die Minderheit als Mitte (1986); K. Ruppert: Im Dienst am Staat von Weimar (1992); H. Lepper (Bearb.): Volk, Kirche und Vaterland. Wahlaufrufe, Aufrufe, Satzungen und Statuten des Zentrums 1870–1933 (1998).

Karsten Ruppert