Naher Osten und Ferner Osten zusammen in Berlin

Masayo und Omer leben in einer großen Altbauwohnung in Neukölln. „Vor allem viele Künstler aus Spanien und den USA haben sich in letzter Zeit hier niedergelassen, weil die Mieten so günstig sind“, erklärt Masayo, die Filmemacherin, Videokünstlerin und Übersetzerin ist. Abends ist der Reuterkiez eine wahre Partymeile. Jetzt spielen draußen die Kinder, es ist ein sonniger Frühlingsmorgen. Beim Paar in der Wohnung sind die Fenster geöffnet und wir setzen uns aufs niedrige Futon-Bett.

Masayo ist in West-Berlin geboren und aufgewachsen und wundert sich selber über den raschen Wandel der einst geteilten Stadt. Omer kam in die deutsche Metropole als sie schon fast zehn Jahre wiedervereinigt war. Er blieb damals nach einer Europareise in Berlin hängen und begann eine japanische Kampfkunst zu erlernen.

„Aikido ist eine Bewegungstechnik, die Menschen zusammenführt. Das passiert bei jeder Begegnung - es gibt immer ein Zeitpunkt, ab dem sich Dinge zusammen entwickeln. Im Aikido geht es genau darum. Es geht nicht um ein „Ich“, sondern um ein „Wir“. Und das „Wir“ ist ein Teil des Universums, das sich bewegt. Es ist diese Gemeinsamkeit, die mich reizt. Und es sieht auch noch schön aus“, so Omer.

Masayo und Omer beim Aikido-Training im Dojo in Berlin

Gleichzeitig begann auch Masayo im selben Dojo in Kreuzberg Aikido zu lernen. Sieben Jahre lang trainierten beide zusammen bevor sie sich ineinander verliebten.

Hat dich das „Japanische“ und „Exotische“ bei Masayo angezogen?

OMER:

So war Omer erst nachdem Masayo und er ein Paar wurden zum ersten Mal in Japan, um sich dort ein Jahr lang auf Aikido zu konzentrieren. Mittlerweile gibt er selber Aikido-Unterricht. Seitdem er zurück ist, habe er ein besseres Gefühl, wo einige von Masayos kulturellen Eigenschaften herkommen könnten, sagt Omer. Im Aikido muss man die Basis sehr gut können. Das sei auch in der japanischen Kultur präsent. „Wiederhole die Basisbewegungen dreitausend Mal, dann bist du erst am Anfang deines Wegs. Es ist ein anderes Verständnis von Handeln und von Geduld.“

Auch Masayo hat das Herkunftsland ihres Freundes besucht. Sie waren drei Mal gemeinsam in Israel. „Mir war wichtig zu sehen, wo Omer groß geworden ist, die Freunde zu treffen mit denen er aufgewachsen ist und natürlich auch seine Familie kennenzulernen“, sagt Masayo. Gerade weil Israel so konfliktgeladen sei, könne sie seitdem verstehen, warum das gewaltfreie Aikido für Omer so interessant ist. „Kulturelle Unterschiede standen in unserer Beziehung aber nie wirklich im Vordergrund.“

Beide sind von vielen Schichten geprägt. Masayos Eltern, die in den 70er Jahren nach West-Berlin zogen, vermittelten ihr viel von der japanischen Kultur. Omers Großeltern kommen aus Polen, seine Eltern aus Israel.

„Ich kann auch überhaupt nicht sagen, „ok, das ist jetzt typisch Deutsch und das ist Japanisch“. Als polnisch-stammender Israeli, der in Berlin wohnt und eine japanische Kampfkunst praktiziert, passt sie einfach gut zu mir“, erzählt der Aikido-Lehrer und fügt hinzu: „Wir haben uns auf der Ebene der Vielfalt gefunden.“

Ihr habt euch auf Englisch kennengelernt. Welche Sprache spricht ihr heute miteinander?

BEIDE:

Zwischen den Büchern auf Japanisch und Hebräisch versteckt sich auch ein Werk in deutscher Sprache. Finden Sie es?

Viel Israelisches, außer den Büchern auf Hebräisch, ist in der Wohnung nicht sichtbar. Ein Futon-Bett und andere japanische Gegenstände dominieren den Lebensraum. In der Küche werden meistens japanische Gerichte gekocht.

Wird bei euch zu Hause eine Kultur mehr ausgelebt als die andere?

BEIDE:

Welche Bedeutung hat die Religion in deinem Leben?

OMER:

„…und ich sehe mich als Israeli und auch als Jude. Aber ich kann nicht sagen, dass ich streng jüdisch bin.“ Als Jude dürfe man eigentlich gar nicht mit einem Nicht-Juden zusammen sein. Das sei ein heikles Thema in Israel, so Omer. Für ihn ist das ein triftiger Grund nicht dort zu leben. Für seine Eltern sei es nicht so schockierend gewesen, dass Omer nicht mit einer Jüdin zusammen gekommen ist. „Ich war vorher schon mit einer Deutschen verheiratet gewesen. Und meinen Eltern war auch klar, dass ich hier in Berlin bleiben und mich höchstwahrscheinlich daher nicht in eine Jüdin verlieben würde.“

Haben eure Eltern an eure Beziehung gezweifelt?

BEIDE:

Wenn beide auf der Straße Hand in Hand spazieren ernten sie mehr oder weniger neugierige Blicke, je nachdem in welchem Land sie sind. In Japan käme es darauf an, wen man begegnet, erklärt Masayo. „Bei konservativeren Menschen, die eine puristische Vorstellung von „Japanisch-Sein“ haben, merke ich ein Unverständnis für unsere Beziehung. In Israel ist unser Auftreten für mich nicht so wahrnehmbar, da ich sowieso dort als Sonderling gesehen werde. Dort bin ich nicht Deutsch. Und ich bin weder Christlich, noch Muslimisch, noch Jüdisch. Das hat mir immer eine gewisse Neutralität gebracht.“ In Berlin sei es für das Paar am Einfachsten, wobei „die Kombination ‚asiatische Frau und weißer Mann’ leider noch immer viele Klischees hervorruft“, sagt Masayo. Doch diese äußeren Blicke könne man auch ausblenden, erzählt Omer. „Man kann sich darauf einlassen, man kann aber auch beschließen, diese Blicke nicht zu problematisieren und sie als ‚unwichtig’ einzustufen.“

Wie definiert ihr eine binationale Beziehung?

BEIDE: