Veranstaltungsberichte

"Das war die DDR"

von Caroline Lasserre

Über den Alltag im SED-Regime

Die Bürgerrechtlerin, Autorin und Regisseurin Freya Klier berichtete in ihrem 45-minütigen Vortrag vor knapp 300 Gästen im Ratskeller in Bückeburg über ihr Heranwachsen in dem totalitären Regime der DDR sowie dessen Wandlungen im Lauf ihrer vierzigjährigen Existenz.

Bereits mit drei Jahren bekam die junge Freya Klier die Macht der autoritären Regierung der DDR am eigenen Leib zu spüren. Als ihr Vater im Bus ihre Mutter gegen einen rüden Übergriff eines Polizisten verteidigte, wurde dieser mit der Begründung „ er habe sich an der Staatsmacht der DDR vergriffen“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Freya Klier sowie ihr Bruder, welcher die DDR nicht überlebte, wurden vom Gericht in ein Kinderheim geschickt. Sehr anschaulich beschrieb die Autorin die stalinistischen Erziehungsmethoden, die ihr in den Folgejahren jede Form der Freiheit raubten. Zweimal täglich mussten sie z.B. zur „Stalin-Gedächtnisecke“ marschieren und sich bei dem „geliebten Führer“ dafür entschuldigen, dass deren Eltern sich zu „Feinden des Friedens“ geworden seien.

Auch in den kommenden Jahren, in der Schule und im Leistungssport, trieben ihre Lehrer und Trainer ihr jegliche Formen von „Individualität“ aus. Sie wurde wie alle Bürger der DDR in Kollektive sozialistisch ein“geordnet“, was ihre Angst vor den Staatsorganen weiter erhöhte. Diese steigerte sich noch, als ihr Bruders aufgrund des Hörens westlicher Musik zu einer vierjährigen Haft verurteilt wurde.

Die staatliche Zwangsmaßnahmen und Drangsalierungen nahmen an Umfang und Intensität nach dem Mauerbau in den 1960er- und 1970er Jahren erheblich zu. Nicht zuletzt deshalb erreichte die Selbstmordrate in der DDR hinter Ungarn einen unrühmlichen zweiten Platz weltweit. Allein in Freya Kliers Klasse nahmen sich drei Jugendliche das Leben. Abgesehen davon bekam das junge Mädchen den Unterschied zwischen den Kindern von „Genossen“ und denen „normaler“ Eltern zu spüren. So brach ihr nach einem Unfall beim Eiskunstlaufen der Chefarzt persönlich das Bein – ohne Einsatz jeglicher Betäubungsmittel – ein zweites Mal. Besonders die Schilderung dieses Vorfalls löste bei den anwesenden Schülern eine erhebliche Betroffenheit aus.

Erst angesichts der sich dramatisch verschlechternden wirtschaftlichen Lage und der damit einhergehenden Probleme bei der Versorgung sah sich das Regime dazu gezwungen, „vorsichtiger“ mit der Bevölkerung umzugehen. So ging man sogar dazu über, besonders begabte Naturwissenschaftler für ihre herausragenden Leistungen zu belohnen, indem sie sogar vom Dienst in der Armee ausgenommen wurden. In den Jugendclubs durften fortan bis zu 70% westliche Musik gespielt werden. Im Vergleich zu ihrer eigenen Jugend sei ihre Tochter weitaus freier aufgewachsen als sie selbst.

Aber auch dieser letzte Versuch, die Wirtschaft anzukurbeln, war zum Scheitern verurteilt. Und so sprach Klier am Ende ihrer Rede über 1990, das Jahr des Umbruchs. „Wer diese Zeit miterlebte, wird sie nie vergessen“, so die Autorin. „40 Jahre Diktatur lassen sich nicht einfach abschütteln.“ Und doch blickte die Mehrheit der Ostdeutschen damals mit großen Hoffnungen in die Zukunft.

In der nachfolgenden Diskussion stand dann vor allem das Phänomen der „Ostalgie“ und deren Ursachen und Wirkungen im Mittelpunkt. Freya Klier deutete dieses als Reaktion auf enttäuschte Hoffnung vieler, die die Eingliederung in die Markwirtschaft nicht bewältigen konnten. Unter den „Ostalgikern“ seien aber auch viele, die von dem alten System profitiert hätten und von einer nachträglichen Glorifizierung profitierten.

Autorin: Caroline Lasserre, FSJ

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Jörg Jäger