Veranstaltungsberichte

Alte Heimat, neue Heimat. Deutsche aus Russland im Gespräch über ihre Geschichte und Identität

von Brigitta Triebel
Abendveranstaltung im Neuen Rathaus in Hannover

Es ist nichts Ungewöhnliches für viele Deutsche aus Russland, verschiedene Heimaten zu haben oder gehabt zu haben. Deutlich wurde das auf unserer Veranstaltung über die Geschichte und die Identität(en) der Deutschen aus Russland. Zunächst führte Professor Jannis Panagiotidis in die Geschichte der deutschen Minderheit im russischen Zarenreich und später in der Sowjetunion ein. Er forscht über die Migration und Integration der Zuwanderungsgruppe am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. In seinem historischen Überblick machte er deutlich, wie stark die Geschichte der Deutschen aus Russland durch die Erfahrungen von Wanderung, Vertreibung und Aussiedlung geprägt ist. Bis zum 18. Jahrhundert wanderten viele deutsche Siedler freiwillig ins Zarenreich aus, da ihnen die Zarin Katharina die Große religiöse Freiheit und wirtschaftliche Möglichkeiten versprochen hatte. Als sich die Situation für die Minderheit am Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der nationalistischeren Politik im Zarenreich erschwerte, wanderte bereits vor dem 1. Weltkrieg ein erheblicher Teil der deutschen Minderheit in die USA emigriert. Die Nachfahren der Siedler wurden im Zuge des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 1941 nach Sibirien deportiert. Der Titel der Zeitschrift der Landsmannschaft „Volk auf dem Weg“ passe, so der Wissenschaftler, demnach sehr gut zur Vergangenheit der Russlanddeutschen und nun mit dem Ankommen in Deutschland die wiederholten und unfreiwilligen Wanderungsbewegungen hoffentlich ein Ende gefunden haben.

Im Anschluss an die fachliche Einführung sprachen wir mit Erika Herr und Valerie Cholodow über die Erfahrungen von Diktatur, Vertreibung und Aussiedlung sowie das Ankommen in einem anderen Land, die sie persönlich und ihre Familien geprägt haben. Beide Frauen verband, dass sie aus der Sowjetunion bzw. aus Kasachstan, einem Nachfolgestaat der Sowjetunion, nach Deutschland gekommen sind. Damit kennen sie zwei Sprachen, zwei Kulturen und zwei Gesellschaften. Eine Hybridität, die beide als Vorteil gesehen und sich bewusst als Deutsche aus Russland bezeichnet haben. Ihr Ankommen in Deutschland war jedoch sehr unterschiedlich. Während Erika Herr bereits zu Beginn der 1980er-Jahre nach Niedersachsen gekommen ist, lebt Valerie Cholodow erst seit 2001 in Hannover. Erika Herr traf auf kaum vorbereitete Behörden und musste sich weitestgehend alleine zurechtfinden. Zwar war Deutsch ihre Muttersprache, aber angekommen in der Bundesrepublik merkte sie, wie stark sich die Sprache verändert hatte und das elterliche Deutsch ein altertümlicher Dialekt gewesen ist. Auch aus diesem Grund fühlte sich die Bundesrepublik zunächst nicht heimisch an. Valerie Cholodows Familie kam zwei Jahrzehnte später nach Deutschland und fand besser vorbereite Strukturen vor. Als kleines Kind konnte sie sich sehr schnell einfinden. Ihren Bezug zu Russland verliert sie dennoch nicht. Während ihres Studiums ging sie beispielsweise für ein Semester nach Moskau, um ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen und das Land besser kennenzulernen. Erfahrungen in Deutschland und in Russland gesammelt zu haben, sieht sie als Bereicherung und als Möglichkeit, Mittler zwischen den Gesellschaften und Kulturen werden zu können.

Der Abend sollte interessierten Bürgerinnen und Bürgern, die die Geschichte der Deutschen aus Russland nicht im Detail kennen, einen Perspektivwechsel ermöglichen. Rund 100 Gäste nutzten die Gelegenheit, mehr über die komplexe, mitunter tragische, Geschichte der Minderheit zu erfahren. Zudem bot die Veranstaltung auch die Möglichkeit für Deutsche aus Russland öffentlich ihre Sicht der Dinge zu artikulieren. Das Programm gelang dank der Unterstützung der Landesbeauftragten für Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler, Editha Westmann MdL, und dem Landesverband der Deutschen aus Russland in Niedersachsen, den die Vorsitzende Lilli Bischoff bei der Veranstaltung vertreten hat. Die Diskussion an dem Abend zeigte, wie tief die teilweise sehr negativen Erfahrungen der Deutschen aus Russland liegen. Jahrzehntelang ist die Frage von Außen an sie herangetragen wurden: In der Sowjetunion galten sie als Deutsche (häufig gleichgesetzt mit „Faschisten“), später in der Bundesrepublik waren sie für viele Russen. In Frage nach den Gründen für die Zuwanderung und der Frage nach der Zugehörigkeit sehr deutlich hervorgetreten. Es scheint deshalb notwendig, weiter ins Gespräch miteinander zu kommen und die sehr komplexe Geschichte der Deutschen aus Russland in die Erinnerungslandschaft einzubinden. ​​​​​​​