Veranstaltungsberichte

Auf dem Weg zur regionalen Militärmacht: Wie stark ist die Volksbefreiungsarmee Chinas?

Wunstorfer Gespräche 2010

Vor über 200 Zuhörern referierte Prof. Dr. Martin Wagener von der Universität Trier im Rahmen der „Wunstorfer Gespräche“ zu dem Thema „Auf dem Weg zur regionalen Militärmacht: Wie stark ist die Volksbefreiungsarmee Chinas?“ im Offiziersheim in Wunstorf.

Die Volksbefreiungsarmee Chinas wurde 1927 als „Rote Armee“ gegründet. Offiziell soll sie für Souveränität, Sicherheit, territoriale Integrität und die Absicherung ökonomischer und sozialer Entwicklungen sorgen. Inoffiziell ist sie die zentrale Stütze der Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh).

Laut Professor Wagener ist die Rückeroberung Taiwans, das in China als „abtrünnige Provinz“ angesehen wird, ein wichtiges Ziel der People's Liberation Army (PLA). So sei die PLA im Schwerpunkt auf ein mögliches „Taiwan-Szenario“ vorbereitet. Des Weiteren sei die PLA für die Verteidigung der „core interests“ Chinas zuständig. Zu diesen „Kerninteressen“ Chinas zählen Taiwan, Tibet, die nordwestliche Region Xinjiang, Hongkong, Macao und das Südchinesische Meer. Zu der strategischen Ausrichtung der PLA gehörten außerdem die militärische Abschreckung gegenüber den USA, die Entwicklung Chinas zur Seemacht, Anti-Piraterie-Missionen und der Schutz und die Autonomie der chinesischen Seewege (insbesondere der Straße von Malakka) und somit die Stärkung der globalen Machtposition Chinas.

Zwar erhöhte China seinen Verteidigungsetat von 2000 – 2009 um Durchschnittlich 11,8 % pro Jahr, während das Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 9,6 % wuchs, allerdings stünden China und die PLA laut Wagener insbesondere hinter den USA militärisch zurück. Trotz diverser Modernisierungsmaßnahmen (bsp. bei der U-Boot-Flotte) seien z.B. die Raketen der PLA veraltet. Auch wirtschaftlich liegt China trotz der aktuell dynamischen Entwicklung hinter den USA. Während die USA im Jahr 2009 ein BIP von 14,26 Bio. US-Dollar verzeichneten, lag das BIP von China lediglich bei 4,91 Bio. US-Dollar. Die Ausgaben für Verteidigung sind in den USA mit ca. 690 Mrd. US-Dollar im Jahr 2009 fast 10 Mal so hoch gewesen wie in China (70 Mrd. im Jahr 2009). Militärisch sei die PLA außerdem wenig kampferprobt und leide unter erheblichen logistischen Problemen.

Neben den militärischen und wirtschaftlichen Nachteilen gegenüber den USA gibt es laut Wagener in der Volksrepublik China außerdem innere, ökologische, ökonomische und diplomatische Machtbegrenzungen. Hierzu zählten Umweltkatastrophen, das fehlende soziale Sicherungssystem, ein hohes Protestpotential und massive ökologische Probleme. 16 der 20 meistverschmutzten Städte der Welt liegen in China, 700 Mio. Chinesen haben keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser. Die Wirtschaft sei auf ein permanentes ökonomisches Wachstum angewiesen. Diplomatisch müsse China sich laut Wagener zurückhalten, Aggressionen würden nur den USA nutzen. Die Strategie Chinas sei nun die Unterwanderung des Status quo. Dies wird u.a. durch Zunahme der Stimmanteile in der Weltbank und dem IWF umgesetzt.

Letztlich sei die Pax Americana die ultimative Begrenzung für die PLA. Wirtschaftlich und militärisch gäbe es eine große machtpolitische Lücke zwischen den USA und China. Washington sei China hier überlegen.

Laut Wagener ist die PLA eine Armee im Aufbau. Ihre Machtprojektionsfähigkeiten seien begrenzt, aber zunehmend. Das größte Hindernis stellten die USA dar. Für Wagener ist die Modernisierung der PLA bei zeitgleicher Aufrechterhaltung des Bildes des friedlichen Chinas eine der großen Herausforderungen für die Volksbefreiungsarmee. In der Praxis seien für die PLA derzeit nur Störmanöver, Eskortierungen und Anti-Piraterie-Einsätze sowie Eingriffe im Notfall (Taiwan-Szenario) denkbar.

Hannes Hogeback

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