Veranstaltungsberichte

Vom Messias zum Mechaniker

Die Unterschiede zwischen Amerikanern und Deutschen sind vielfältig. Sie divergieren jedoch besonders in Hinblick auf die aktuelle Bewertung der Präsidentschaft Barack Obamas. Warum das so ist, erläuterte Dr. Christoph von Marschall, US-Korrespondent des Berliner Tagesspiegel, beim Braunschweiger Mittagsgespräch.

Bereits 2007, im letzten US-Vorwahlkampf, war Christoph von Marschall mit Barack Obama sowie Hillary Clinton im Wahlkampf unterwegs. Dort habe er ein „Gespür dafür bekommen, was möglich wäre“ und setzte fortan stärker als andere Journalisten seinen Schwerpunkt auf die Berichterstattung Barack Obamas. Von Marschall ist aktuell der einzige deutsche Journalist mit einem ständigen Zugangspass zum Weißen Haus. Er sagt über sich selbst, „er sei unter dem Eindruck einer amerikanischer Sichtweise“, was ihn zu einem profunden Experten im Hinblick auf die Bewertung und Analyse des diesjährigen amerikanischen Wahljahres macht.

Um die Einstellung als auch die Sichtweise der Amerikaner besser verstehen zu können, erläutert von Marschall nicht nur die Gründe für die Wahl Obamas zum Präsidenten 2008 und die damit verbundenen Hoffnungen und Erwartungen an seine Präsidentschaft, er geht auch auf die Erfolge und Misserfolge eben dieser Präsidentschaft ein. „Amerika wählte in der Krise“ in der Obama den amerikanischen Optimismus verkörpert habe. Diese Aussage galt bereits bei der letzten Wahl 2008. Heute seien die USA erst recht in der Krise, in der Obama jedoch nicht mehr für den Aufbruch stehe.

Allgemein gesagt könne den Amerikanern eine ausgeprägte Staats- und Regierungsverachtung zugesprochen werden. Sie würden, ungleich uns Deutschen, keine Erwartungshaltung an die soziale Gerechtigkeit besitzen, sondern stattdessen einzig an die freie Marktwirtschaft sowie den Kapitalismus glauben. Das Prinzip Eigenverantwortung sei in Amerika viel stärker ausgeprägt als hierzulande. In Deutschland heißt es: „Der Staat muss Gerechtigkeit organisieren.“ In den USA hingegen wünscht man „die Wirtschaft geregelt zu lassen, damit sie sich entwickeln kann.“

Dabei sei die Trennung zwischen Politik und Wirtschaft ein elementarer Bestandteil einer erfolgreichen Regierung. Genau dort liegt die Ursache für den Unmut der Bevölkerung. Die Finanzmarktreform offenbarte, dass es sich bei Barack Obama nicht um den scheinbaren „Messias“ handelt, der die USA aus der finanziellen Krise führt, der Wirtschaft zu neuem Aufschwung verhilft und der Arbeitslosigkeit entgegenwirkt. Vielmehr wurde deutlich, dass es sich bei dem 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten um einen Wirtschaftspräsidenten handelt. Einen der sich, aus Sicht der Amerikaner, nicht um die Interessen der Wähler kümmert, sondern stattdessen zunehmend in die Wirtschaft eingreife. Das dies unvermeidbar sei, werde dabei übersehen, so von Marschall.

Die Hoffnung der Europäer und insbesondere der Deutschen lag hingegen in der Popularität Obamas. Man versprach sich intensivere und bessere bilaterale Beziehungen. Es schien, als würde Obama den Schwerpunkt auf die Außen- und nicht die Innenpolitik legen, was sich jedoch durch die ökonomisch instabile Situation damals schwierig gestaltete. So hat Obama bei Amtsantritt eine enorme Staatsverschuldung von seinem Vorgänger George W. Bush übernommen. Hinzu kamen die Insolvenz der Lehmann Brothers welche in der Bankenkrise mündete. Der Präsident sei zum „Mechaniker“ fungiert, jemandem der mit den Altlasten seines Vorgängers agiert und dem es an einer entscheidenden Mehrheit im Parlament mangelt, was es schwierig gestalte notwendige Gesetze zu verabschieden.

Kurzum, den Amerikanern hat Obama zu viel von „den falschen Dingen“ geleistet, den Europäern hingegen zu wenig von „den richtigen“.

Im Hinblick auf die Vorwahlen zu den diesjährigen Präsidentschaftswahlen erläutert von Marschall kurz die prägnantesten Merkmale des US-Wahlsystems, informiert über die zur Wahl stehenden Kandidaten und geht des Weiteren kurz auf die Finanzierung der Wahlkämpfe ein.

Wichtig und entscheidend sei die Politische Kultur. Diese unterscheidet sich im Wesentlichen in Bezug auf nicht vorhandene Parteimitgliedschaften von der deutschen und setzt eine ausschließliche private Finanzierung des Wahlkampfes voraus, getreu dem Motto: „Wer für einen Kandidaten spendet, der wählt diesen auch.“

Dem zur Zeit vorherrschenden Umfragetief Obamas sieht von Marschall gelassen entgegen und meint „es sei noch alles offen“. Er glaubt, das Obama in Mitt Romney vermutlich seinen Gegenkandidaten findet. Einem, dem man „nicht glaubt, das er ein ideologischer Konservativer ist.“ Vielmehr sei Romney ein „Flip Flopper“, also jemand der seine Meinung durchaus mehrfach revidiere und das so, das sie denen Obamas in vielen Aspekten gleiche.

Von Marschall macht deutlich, dass es wichtig für die Republikaner sei, einen Gegenkandidaten zu nominieren, der sich in seinen Meinungen und Äußerungen von denen des amtierenden Präsidenten unterscheide. Romney würde oftmals „eine zu moderate“ anstelle einer konservativen Meinung vertreten, weswegen der weitere Ausgang der Vorwahlen abzuwarten sei.

Katharina Heckh

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Jörg Jäger