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Länderberichte

Klarer Verstand, starke Arme, brennendes Herz

von Sebastian Grundberger, Lara Manderla

Zum 100. Geburtstag von Luis Bedoya, dem großen Christdemokraten Perus

Der 100. Geburtstag des Luis Bedoya am 20. Februar 2019 war das erste große politische Ereignis des Jahres 2019 in Peru. Dabei gelang dem ehemaligen Bürgermeister von Lima und Gründer der Christlichen Volkspartei Perus das große Kunststück, das politisch zerstrittene Land für wenige Tage zu einen. Wie kaum eine Persönlichkeit sonst wird Bedoya in allen politischen Lagern des Landes als ein Vorbild an demokratischer Gesinnung, Ehrlichkeit, und Dialogbereitschaft bewundert. Dabei bleibt der „junge Hundertjährige“ auch in seinem reifen Alter eine der stärksten Stimmen der peruanischen Demokratie.

„Ich bin durch die 100 Jahre meines Lebens gerannt“, bescheinigt sich Luis Bedoya Reyes zum 100. Geburtstag selbst. Von Altersmüdigkeit will „El Tucán“ (Der Tukan), wie er aufgrund seiner Hakennase genannt wird, nichts wissen. Der Alarm, das Lachen, das Drama, der Aufstand und der Erfolg der peruanischen Politik hielten ihn fit betont er.

Trotz seines Alters ist Luis Bedoya Reyes weiterhin eine der stärksten Stimmen der peruanischen Demokratie. Er fordert, lobt, warnt, klagt an und witzelt über die Tagespolitik. Dabei hat Bedoya einen klaren Kompass. So nutzte er seine Geburtstagsfeier am 20. Februar für eine deutliche politische Botschaft. Mit Blick auf den neben ihm sitzenden Staatspräsidenten Martín Vizcarra erinnerte er die Politik an ihre Verantwortung für den Mittelstand. Nur mit einem starken Mittelstand könne Peru eine wirklich „geeinte Gesellschaft“ werden, so Bedoya.

Wenigstens für die Tage um den runden Geburtstag war zumindest das sonst notorisch zerstrittene politische Peru geeint. Präsident Vizcarra sprach vielen Peruanern aus der Seele als er Bedoya als “Beispiel an Ehrhaftigkeit, an Ehrlichkeit und an Hingabe“ bezeichnete. In einer Zeit, in der die peruanische Politik nicht zuletzt aufgrund der Auswirkungen des Odebrecht-Korruptionsskandals und des Ansehensverlustes der Politik „schwere Zeiten“ durchmache, erhalte Bedoya „den Glauben und den Optimismus, dass man gute Politik nicht nur in der Theorie sondern auch in der Wirklichkeit“ machen könne, so der Präsident.

Luis Bedoya, der seinen schelmischen und scharfsinnigen Humor nicht verloren hat, genießt es sichtlich, dass er der politischen Klasse in Peru in einer Art und Weise die Leviten lesen kann, wie wohl kaum jemand sonst. „In Peru haben wir verlernt, großzügig zu sein, wenn wir Macht haben“, schrieb er der versammelten politischen Elite etwa auf der Jubiläumsveranstaltung zu 50 Jahren KAS-Arbeit in Peru im November 2018 ins Stammbuch.

Außergewöhnliches politisches Talent

Schon in jungen Jahren trat das außergewöhnliche politische Talent des am 20. Februar 1919 in Callao/ Peru geborenen Luis Bedoya zu Tage. Mit 17 Jahren wurde er von Präsident Óscar Benavides in den Regierungspalast eingeladen, um eine kurze Rede zu halten. Der Präsident und die eingeladenen Gäste waren so beeindruckt, dass er gebeten wurde, neben seinem Jurastudium im Regierungspalast zu arbeiten. So nahm ein politisches Leben seinen Anfang. Schnell war für den engagierten Katholiken Bedoya klar, wo seine politische Heimat lag – in der Christdemokratie. In den 50er Jahren schloss er sich der neu formierten christdemokratischen Partei Perus (PDC) an, welche 1963 die erfolgreiche Kandidatur des liberalen Kandidaten Fernando Belaúnde Terry für das höchste Staatsamt unterstützte. Nach seiner Wahl nahm Belaúnde Bedoya als Justizminister in sein Kabinett auf.

Nur ein Jahr später entschied sich Bedoya, für das Amt des Bürgermeisters der peruanischen Hauptstadt Lima zu kandidieren. Es war dieses Amt, das er bis 1969 ausfüllte, welches ihn am nachhaltigsten im politischen Gedächtnis Perus bewahrte. Insbesondere seine vorausschauende Art der langfristigen Stadtplanung machte ihn bekannt. So setzte Bedoya gegen zahlreiche Widerstände den Bau einer tiefer gelegten Stadtautobahnlinie durch, der sogenannten „Vía Expresa“. Heute ist diese, im Volksmund „Bedoya-Graben“ genannte Autobahn die Hauptverkehrsachse der im notorischen Verkehrschaos versinkenden peruanischen Hauptstadt.

Eine Politik ohne strategischen und langfristigen Plan ist Bedoya auch mit 100 Jahren noch ein Graus. Daran erinnerte er auch Präsident Vizcarra in einem jüngsten Zeitungsinterview. Wenn der Präsident nicht beginne, “die Ziele für die nächsten Jahre aufzustellen und Grundlinien für die nächste Regierung zu hinterlassen“, werde seine Amtsperiode nur eine “interessante aber belanglose Anekdote” bleiben.

Im gleichen Interview reflektierte der siebenfache Familienvater Bedoya auch über die Endlichkeit des Lebens: „Ich weiß, dass mir Stunden, Minuten, Monate oder Jahre bleiben, aber der Tod ist der einzige Vertrag den man nicht auflösen kann“, stellt er fest. Doch auch einen anderen Vertrag hat der leidenschaftliche Jurist nie aufgelöst - den Vertrag mit der peruanischen Demokratie. Gemeinsam mit seinen politischen Gefolgsleuten traf er im Jahr 1966 eine folgenschwere Entscheidung. Da die Gruppe um Bedoya das Kokettieren von Teilen der Partei mit Befreiungstheologie und marxistischen Ideen nicht teilte, spaltete sie sich von der PDC ab und gründete die „Christliche Volkspartei“ (PPC). Im Gegensatz zur PDC hielt die PPC auch während der Zeit der linken Militärdiktatur unter General Juan Velasco zwischen 1968 und 1975 klaren demokratischen Kurs. Selbst der Diktator Velasco zollte seinem erbitterten Gegner mit einem in die Annalen der peruanischen Politik eingegangenen Satz Respekt: „Du hast mich bis aufs Blut geärgert, aber Du warst dabei brillant“.

Ein Mann der großen Geste

Nicht nur der bedingungslose Einsatz für die Demokratie und deren Verteidigung gegen Angriffe von links und rechts zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben Bedoyas. Auch die Großherzigkeit und der pragmatische Wille zum Dialog zeichneten Bedoya stets aus. Bei einem Festakt im peruanischen Kongress zu seinem 100. Geburtstag schrieb er den oft verstrittenen und in gegenseitige Beleidigungen verfallenden peruanischen Parlamentariern ins Stammbuch: „Die Politik ist der Bereich, wo es am wichtigsten ist, sich gegenseitig zu verstehen“.

Während seines langen Lebens war Bedoya stets ein Mann des Dialogs und der großen republikanischen Geste. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang seine Rolle während der verfassungsgebenden Versammlung im Jahr 1978. Als ihm die Präsidentschaft dieser Versammlung angetragen wurde, lehnte er ab und schlug überraschend seinen alternden historischen politischen Widersacher Raúl Haya de la Torre von der APRA-Partei für den Posten vor. Somit gab er Haya de la Torre, einem der großen Staatsmänner Perus, kurz vor dessen Tod noch zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben die Gelegenheit, ein politisches Spitzenamt zu bekleiden und die neue Verfassung zu unterzeichnen.

Bedoya schaffte es trotz zweier Kandidaturen 1980 und 1985 nie ins höchste Staatsamt. Bei den Wahlen im Jahr 1990 sahen ihn viele Peruaner nach Jahren von Hyperinflation und verzweifeltem Kampf gegen die maoistische Terror-Organisation „Leuchtender Pfad“ unter Präsident Alan García als Hoffnung. Doch Bedoya zog es vor, eine eigene Kandidatur zurückzustellen und stattdessen die demokratische Sammelbewegung „Frente Democrático“ um den letztlich knapp gegen Alberto Fujiimori unterlegenen späteren Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa zu unterstützen. Die Einheit der gemäßigten Demokraten war Bedoya wichtiger als persönliche Machtambitionen.

seiner aktiven politischen Karriere und danach behielt Luis Bedoya stets einen „klaren Verstand, starke Arme und ein brennendes Herz“, wie es Mario Polar, ebenfalls Gründer der PPC und enger politischer Weggefährte Bedoyas ausdrückte. Besonders ist es auch die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, die Bedoya in den Augen vieler Peruaner über die aktuelle Politikergeneration erheben. Er verteidigt auch die ehemalige PPC-Spitzenkandidatin für das Präsidentenamt im Jahr 2006, Lourdes Flores, die zur Zeit beschuldigt wird, ihre Wahlkampagnen teilweise durch den brasilianischen Baukonzern Odebrecht finanziert zu haben. Er finde die Anschuldigungen eines möglichen „kriminellen Handelns“ ihrerseits „übertrieben“ dargestellt „vertraue“ ihr. Trotz dieser jüngsten Anschuldigungen und des nationalen Bedeutungsverlustes seiner Partei in den letzten Jahren ist sich Bedoya sicher: „Die PPC wird wiederkommen“.

Demokratisches Gewissen Perus

Mit einem Jahrhundert Lebensalter ist Luis Bedoya heute das unumstrittene demokratische Gewissen Perus. Mit ungebrochener Lebenslust und wachem Geist absolvierte der „junge Hundertjährige“, wie er sich gerne selbst nennt, die zahlreichen Festveranstaltungen rund um seinen großen Feiertag. Dabei schaffte er etwas, was in der politischen Hitze Perus kaum noch möglich erschien. Er einte das Land – Rechte und Linke, Christdemokraten und Sozialdemokraten, Junge und Alte, Bewohner Limas und der Provinzen sprachen ihm gleichermaßen ihre Hochachtung aus. Peru, so die einhellige Meinung, kann stolz sein, einen der bedeutendsten Demokraten Lateinamerikas hervorgebracht zu haben.

Eines der vielen Geschenke an Luis Bedoya ist dabei ein Gesetzesentwurf im peruanischen Kongress, den „Bedoya-Graben“ endlich offiziell nach seinem Initiator zu benennen. Seinen langjährigen Widerstand, etwas noch zu Lebzeiten nach ihm zu benennen, gibt Bedoya langsam auf. Wenn die „Via Expresa“ seinen Namen trüge, würden ihn die Menschen länger im Gedächtnis behalten. Und wenn dies per Gesetz geschehe, sei es auch nicht so leicht, die Hauptverkehrsader wieder umzubenennen, hofft Bedoya.

Auch nach 100 Jahren scheint es, als ob Luis Bedoya gerne noch ein weiteres Stück durch sein Leben rennen möchte. Vom Tod will er bis auf weiteres jedenfalls noch nichts wissen. Er sehe diesen „nicht in der nahen Zukunft“, so der Jubilar: „Mein Leben geht weiter. Heute ist die Fortsetzung von gestern und morgen sehen wir weiter“.

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Sebastian Grundberger

Sebastian Grundberger bild

Leiter des Auslandsbüros Peru

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