Methodeneinsatz - Visualisieren

Der Begriff “Bildung” ist mit dem Begriff “Bild” in der deutschen Sprache eng verbunden. Schon bei der Begriffsschöpfung im Mittelalter durch den Theologen und Philosophen Meister Eckhart verstand man darunter ein “gebildet werden nach dem Abbild Gottes”. Die menschliche Seele war dann gebildet, wenn sie “nachgebildet” wurde. Später schuf Comenius die erste gezielte Visualisierung von Wissen, die erste Bilddidaktik: Der “orbis sensualium pictus” (Die sichtbare Welt) illustriert mit 150 dem Text gleichrangigen Bildern die Welt. Der Ahnherr unseres gegliederten Bildungssystems Wilhelm von Humboldt schließlich erhob Bildung zum Programm. Er verband mit dem “Sich-Bilden” sowohl ein bestimmtes Menschenbild als auch das Ziel der eigenen Vervollkommnung.

Bilder und Bildgeschichten spielen für die Vermittlung von Wissen und die Dokumentation von Ereignissen seit frühester Menschheit eine wichtige Rolle: von den Höhlenmalereien über die ägyptischen Hieroglyphen und die Deckenfresken in Kirchen bis hin zu den Comics der Gegenwart. Funktion der Bilder war und ist es, Vorstellungen im Kopf (mentale Bilder) zu generieren, die ein Verstehen befördern und damit Bildung.

Heute wissen wir, dass Denk-, Lern-, Dialog- und Planungsprozesse unter Zuhilfenahme von Bildern und Bildsprache deutlich besser funktioniert, als rein verbale Interaktion. Lernen wir etwas Neues, so können wir es besonders gut aufnehmen und merken, wenn es unsere Emotionen anspricht und wir es mit bereits im Gedächtnis Vorhandenem verknüpfen können.

Diese Überlegungen führten zum Beispiel Tony Buzan zur Erfindung der Visualisierungstechnik „Mind Mapping“ (s.u.). Aber auch Designer und Architekten, später vor allem Consultants und Facilitators an der Westküste der USA in den 70er und 80er Jahren entdeckten die mit Bildern und Gruppenarbeit verbundenen Chancen. In dieser Zeit entstanden in Workshops und Meetings die ersten visualisierten Wandzeigungen, Collagen, Mandalas, Landkarten, Zeitlinien und Cluster. Visualisierung und visuelle Moderation wurde als Motor für gelungene Kommunikation eingesetzt. Heute ist sie in Unternehmen gerade bei Personalentwicklungs- oder Organisationsentwicklungsmaßnahmen nicht mehr wegzudenken.

Aber auch in der politischen Bildung, bei der es in besonderem Maße um Austausch von Meinungen und Ideen geht, sollten Visualisierungstechniken zur Unterstützung der Lernprozesse nicht fehlen.

Wie Kommunikation und Lernen funktionieren

Kommunikation funktioniert immer dann,

  • wenn es gelingt, Interesse zu wecken,
  • wenn das, worum es geht, für den Teilnehmer von relevanter Bedeutung ist,
  • wenn wir mit allen Sinnen wahrnehmen und
  • wenn unser Intellekt gefordert wird.
Machen die Teilnehmer darüber hinaus ganz konkrete Erfahrungen (körperlich und aktiv handelnd), probieren Neues zeitnah aus und reflektieren über den Prozess, dann findet echtes Lernen statt.

Bilder erleichtern in diesem Prozess die Erfahrung von Wirklichkeit. Diese ist zunächst einmal eine individuelle Angelegenheit. Jeder erlebt die Realität und selbst so genannte Fakten nicht gleich und zieht unterschiedliche Schlüsse. Dies führt besonders in gruppendynamischen Prozessen immer wieder zu Verunsicherung und Missverständnissen. Wir reden im Diskurs über ein Thema aneinander vorbei und merken es nicht.

Visualisierungstechniken wecken die Neugier, machen Zusammenhänge und Klärungsbedarf deutlich. Sie dienen als Brückenbauer zwischen unterschiedlichen Auffassungen, als Katalysatoren für besseres Verstehen und effektivere Dialoge. Sie helfen aber auch, Erkenntnisse zu sichern (“Dies geht uns nicht mehr verloren”), Aussagen auf den Punkt zu bringen (“Habe ich das tatsächlich so gesagt?”) und Vereinbarungen festzuhalten.

Einsatzmöglichkeiten

In jeder Tagung ist Visualisierung sinnvoll:

  • als Eisbrecher zum Einstieg (Humor öffnet die Herzen),
  • um die Aufmerksamkeit der Teilnehmer zu fokussieren,
  • um Informationen leichter erfassbar zu machen und den Behaltensgrad zu steigern,
  • um Orientierung und Übersicht zu geben,
  • zur Anfertigung eines visuellen Verlaufsprotokolls,
  • zur Anfertigung einer Wandzeitung als Komplettansicht aller Agendapunkte inklusive wichtiger O-Töne, beispielsweise während einer Reflektion oder Feedbackrunde,
  • zur Anfertigung von Einzelbildern, die anschließend chronologisch und mit Titel oder Zwischentitel versehen auf Pinnwänden aufgehängt werden können,
  • u.a.m.
!Methoden der Visualisierung

Es gibt sehr viele unterschiedliche Techniken und Stile der Visualisierung. Nachstehend finden Sie einige Anregungen und Erklärungen.

1. Graphiken, Zeichnungen und Skizzen

Beeindruckende Arbeiten gelingen bereits durch kreative Kombination von Schrift, Grafik und Illustration. Zur Hervorhebung von Text und Strukturierung von Inhalten eignen sich Kästchen (sog. Container). Linien und Pfeile sind wichtige graphische Helfer, um Hierarchien, Chronologien, Abläufe und Zusammenhänge deutlich zu machen.

Bei der Auswahl der Schrift gibt es vielfältige Möglichkeiten, angefangen von der Farbe über Schriftarten wie Blockschrift und Schattierungen.

Bildsymbole können Abstraktes sichtbar machen: die Glühbirne steht z.B. Für Ideen, die Waage für Ausgleich, die Haifischflosse für Gefahr u.a.m..

Männchen dienen dazu, Interaktion zwischen Menschen darzustellen. Gerade wenn es um Zusammenarbeit, Teamentwicklung und Kommunikation geht, dürfen Männchen nicht fehlen. Sie sind in der Regel sehr abstrakt. So besteht das Basis-Männchen nur aus einem “O” für den Kopf und einem umgedrehten “U” für den Rumpf. Ergänzt man noch ein “W”, kann es sogar stehen oder sitzen und laufen.

Versuchen Sie es einmal. Es ist gar nicht so schwer.

Tipp: Sie müssen kein Künstler sein, um erfolgreich zu visualisieren. Gehen Sie auf Partnersuche. Im Team zwischen einem grafisch/visuell talentierten Teamleiter resp. Dozenten und dem Hauptamtlichen Mitarbeiter lässt sich das methodisches Repertoire deutlich erweitern.

Tipp: Im Ausnahmefall, z.B. bei Großveranstaltungen, können mittels externer Visualisierer einmalige bleibende Erinnerungen geschaffen werden.

2. Mindmapping

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Demgemäß wird beim Mindmapping eine übersichtliche „Karte“ skizziert, die die wichtigsten Gedanken sichtbar machen soll. Dazu werden

  • der zentrale Gedanke in der Mitte einer leeren Pinwand notiert,
  • Schlüsselworte, die zum Hauptgedanken passen, gesammelt, um das Hauptthema herum gruppiert und mit Ästen verbunden,
  • ggfs. weitere Einzelaspekte mit zusätzlichen Verzweigungen sichtbar gemacht.
Die Reihenfolge spielt dabei keine Rolle. Der Kreativität, dem Einsatz von Farben und Bildern bzw. Skizzen sind keine Grenzen gesetzt.

Mindmapping eignet sich besonders gut, um Ideen der Teilnehmer im Brainstorming-Verfahren zu sammeln und sichtbar zu machen. Die offene Baumstruktur ermöglicht es, im Prozess, immer weitere Schlüsselwörter oder auch Bilder und Symbole zu ergänzen. Die graphische Struktur stützt das nachträgliche Erinnern. Die Methode sollte mit viel Kreativität und Humor umgesetzt werden.

3. Wandzeitung

Die Wandzeitung ist gerade in der politischen Bildung eine beliebte und äußerst wirkungsvolle Methode. Wissenswertes, Aktuelles, Interessantes, Kontroverses und Ungewöhnliches wird von den Teilnehmern gemeinschaftlich in Texten, Bildern, Skizzen, Fotos und Karikaturen großformatig arrangiert und damit für die Präsentation im öffentlichen Raum aufbereitet.

Ziel der Wandzeitung ist es, dem Betrachter einen Überblick zu einem Thema zu verschaffen. Dazu müssen die Teilnehmer vorgegebenes Material sichten oder selber recherchieren. Der Entscheidungsprozess über das, was als Quintessenz in der Wandzeitung verwendet werden soll oder welche Überschriften verwendet werden sollen, fördert den Diskurs und die Interaktion.

Eine gute Wandzeitung lädt zum Verweilen und Lesen ein. Sie ist also neben der inhaltlichen Komponente auch grafische Gestaltung ansprechend gestaltet.

Tipp: Es bietet sich an, die Arbeit auf mehrere Teilnehmer zu verteilen. Entsprechend wird Material für mehrere Personen benötigt (Papier, Packpapier oder Tapetenrollen, Filzstifte, Klebestifte, Klebe-Bänder, Klammern, Scheren, Schnur, Farben).

Tipp: Die Ausstattung bezüglich der gestalterischen Möglichkeiten sollte vorab geklärt werden. Ein Hauptraum, in dem alle Beteiligten Platz nehmen können, und einige Gruppenräume sollten zur Verfügung stehen. Aber auch andere Settings sind denkbar: lassen Sie die Teilnehmer auch in den Fluren oder im Park arbeiten.

Tipp: Eine andere Idee ist es, die Teilnehmer schon vor dem Seminar aufzufordern, Material zu recherchieren und mitzubringen. Dies erzeugt Spannung (was passiert damit?) und erhöht die Vorfreude. Achten Sie darauf, dass das mitgebrachte Material in der Tagung durchmischt wird und (auch) von anderen Personen bearbeitet wird, um den Lernerfolg zu steigern. Zudem sollte der Hauptamtliche Mitarbeiter bzw. verantwortliche Dozent sicherstellen, dass das zusammengetragene Material alle relevanten Themen beinhaltet (ggfs. Reservetexte, Bilder o.ä. bereit halten).

4. Kartenabfrage

Die Kartenabfrage ist ein Brainstormingverfahren, welches sich sehr gut eignet, um die Teilnehmer zu aktivieren und um ihnen zu zeigen, dass Ihre Meinungen und Erfahrungen ernst genommen werden. Dabei werden möglichst viele divergente Ideen, Anregungen und Vorschläge zur Lösung eines Problems gesammelt.

Jede Kartenabfrage beginnt mit einer eindeutigen Frage. Beispiel: „Was sind die entscheidenden Herausforderungen unserer Gesellschaft?“ oder „Was sind die Ziele unseres Vereins?“ oder „Was könnte jemanden hindern, sich bei Wahlen zu beteiligen?“ und „Welche Lösungsideen gibt es dafür?“

Die Durchführung einer Kartenabfrage umfasst folgende Schritte:

1. Fragestellung / Ziel der Abfrage erklären

2. Methode erklären

3. Karten und Filzstifte austeilen

4. jeder Teilnehmer schreibt seine Ideen auf seine Karten (z.B. 10 Minuten)

5. jede Karte wird an die Wand gepinnt (anregend für weitere Ideen)

6. Ordnen und Gruppieren der Karten (gemeinsames Verständnis der Karten). Die Karten werden nach Themen gruppiert in „Cluster“ oder Spalten. Die Gruppen werden mit Überschriften versehen. Dabei können weitere Ideen auf Karten geschrieben werden. Die Gruppen werden mit Überschriften versehen. Beziehungen und Zusammenhänge werden mit farbigen Filzschreibern dargestellt (Linien, Pfeile, Piktogramme, Bilder, Comics, Mindmap, Grafik, Tabelle, etc.).

7. eventuell bewerten der Karten nach der Mehrpunktabfrage (s.u.).

Tipp: Stecken Sie die Karten zum Ordnen auf eine zweite Pinwand um.

Je nach Verlauf und Seminarziel können sodann Visionen konkretisiert und in Ziele übersetzt, Probleme analysiert, Prioritäten gesetzt, Prozesse gestaltet, Projekte entwickelt und Aktionen geplant werden.

5. Zurufabfrage

Eine Alternative zur Kartenabfrage ist die Zurufabfrage. Dabei wird wie gewohnt eine eindeutige Frage gestellt, und die Teilnehmer rufen ihre Antworten einem Schreiber zu, der diese dann in einem Halbsatz auf je eine Karte schreibt. Anschließend werden die Karten vom Moderator vorgelesen und mit Hilfe der Gruppe nach Themen geordnet an die Wand gepinnt. Dies beschleunigt das Verfahren und hilft bei Teilnehmern mit wenig Übung im Formulieren und Schreiben. Auch können so Tagungsleiter und Dozent im Team arbeiten. Die Zurufabfrage mindert aber gleichzeitig die Eigenverantwortung und Aktivität.

6. Mehrpunktabfrage

Die Mehrpunktabfrage ist eine einfache und wirkungsvolle Methode, um Transparenz zu schaffen und Bewertungen abzugeben. Dazu erhält jeder Teilnehmer beispielsweise sechs Klebepunkte und klebt davon drei Punkte an sein Favoritenthema, zwei an die zweitwichtigste Karte und einen an die drittwichtigste Karte. Nachdem alle Teilnehmer ihre Punkte verteilt haben, ist auf einen Blick erkennbar, welche Karten als besonders wichtig empfunden werden. Statt Punkte zu kleben können auch wie beim Kartenspielen Striche verteilt und in 5-er-Blöcken gezählt werden. Anschließend wird das Ergebnis und die Folgen diskutiert.

Hinweise zur praktischen Umsetzung

  1. Gute Vorbereitung
Visualisierungen sollten gut vorbereitet werden. Wenn Sie die Möglichkeiten und Techniken ausloten möchten, sollten Sie sich die folgenden Fragen stellen:

  • Was ist das Ziel der Tagung und wie soll mittels Visualisierung das Ziel unterstützt werden (z.B. Inhaltsdarstellung (welche?), Aktivierung und Zusammenarbeit der Teilnehmer, u.a.m.)?
  • Welche Methoden kommen auf der Tagung zum Einsatz? Wie können diese Methoden (z.B. Open Space, World Café) oder auch einzelne Schritte (z.B. Vortrag, Gruppenarbeit, Reflektion, Feedback) visuell unterstützt werden?
  • Werden vorab angefertigte Bilder benötigt (im Internet findet sich viel Bildmaterial)?
  • Soll die Visualisierung live im Prozess entstehen?
  • Soll nach der Tagung mit den Bildern weitergearbeitet werden? Wie können den Teilnehmern die Bilder zugänglich gemacht werden? (Die Ergebnisse können zum Beispiel mit einer Digitalkamera festgehalten werden. Auch Verlauf und Zwischenergebnisse können so dokumentiert werden. Bilder können per E-Mail verschickt oder als Protokoll ausgedruckt werden. Zum Schluss können die Karten mit einem Klebestift auf das Packpapier geklebt und das Ergebnis im Projektraum zur Visualisierung und weiteren Verwendung aufgestellt werden)
Bei der optischen Darstellung ist darauf zu achten, dass die Visualisierungselemente übersichtlich angeordnet werden. Die Inhalte sollten auf die zentralen Aspekte reduziert und gut geordnet werden.

Elemente der Visualisierung

Elemente der Visualisierung sind die in jedem Seminarraum zu findende mit Packpapier bespannte Pinnwand, das Flipchart, der Overhead-Projektor und der Beamer.

Für das Sichtbarmachen von Meinungen, Stimmungen, Ideen der Teilnehmer werden Karten in verschiedenen Farben und Formen sowie Stifte und Pin-Nadeln benötigt – das klassische Moderationsmaterial.

Ressourcen und Links

http://www.visuelle-protokolle.de

http://www.innovation-factory.ch

http://www.graphicfacilitation.com

Eine ausführliche Anleitung zur Moderation finden Sie unter http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/moderation.shtml

Didaktik und Methodik