Veranstaltungsberichte

Zwischen Verhetzung und Verklärung - Pro und Contra des Umbruchjahres 1968

von Julia Rieger

Neusser Kulturtreff

1968 war ein ereignisreiches Jahr, es steht vor allem für Umbrüche, politisch und kulturell. Politik und Kultur hängen in der 68er-Bewegung unweigerlich zusammen. Was hat sich in dieser Zeit gesellschaftlich durch die Studentenproteste verändert? Und wie kann ein Blick auf die Zeit gelingen, ohne sie zu verhetzen oder zu verklären?

Professor Dr. Friedbert Pflüger kam mit den Nachwirkungen der Bewegung direkt in Berührung. Von 1977 bis 1978 war er Bundesvorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS). Beim Neusser Kulturtreff teilt er seine Erfahrungen mit etwa 100 Gästen. Simone Habig, die Leiterin des Regionalbüros Rheinland der Konrad-Adenauer-Stiftung, spricht in ihrer Begrüßung über die 68er-Bewegung, „in der neue Denkweisen eine ganze Generation prägten“. Pflügers Perspektive soll einen differenzierten Blick auf die Proteste zeigen, sagt Schirmherr Hermann Gröhe in seinem Grußwort. Die Frage nach der Zerrissenheit dieser Zeit und auch die der Definition der 68er-Bewegung würden heute nicht vollständig beantwortet werden können, aber dafür eine andere wichtige Frage, die die Generation prägte: „Stones oder Beatles?“

„Die Beatles waren ein Vorbild mit Haut und Haaren“

Beim Neusser Kulturtreff lautet die Antwort ganz klar: Beatles. Mit der „The Beatles Forever Band“ spielt eine der bekanntesten Beatles-Coverband den Soundtrack der 60er Jahre. Doch bevor der erste Hit angestimmt wird, richtet Manfred Hansen von der Band das Wort an das Publikum. „Ohne die 60er hätte es das, was es heute alles gibt, nicht gegeben. Die Jugend hat sich von der Erwachsenenwelt abgegrenzt.“ Und die Beatles haben mit ihrem Auftreten und ihrer Musik dazu beigetragen. Dann legt die Band los: Lieder wie „I wanna hold your hand“ und „Drive my car“ sorgen beim Publikum für gute Stimmung und auch die Band ist begeistert: „Ihr Neusser seid echt textsicher!“

„Wir hatten alle lange Haare“

Nach dem ersten Set der Band gibt Pflüger seinen Impuls. Die Musikkultur hätten in seiner Jugend alle gelebt, doch in der kulturellen Bewegung habe es irgendwann eine Politisierung gegeben. Das führte dazu, dass der älteren Generation Fragen gestellt wurden. Auch in der Schule seien die linke Bewegung angekommen, der Pflüger durch einen Schulclub etwas entgegensetzen wollte. „Wir wollten auch, dass etwas verändert wird, aber auf Grundlage von Rechtsstaatlichkeit.“

Muff unter den Talaren

Die antiautoritäre Bewegung sei notwendig gewesen, „keiner von uns wollte an einer Hochschule von 1964 studieren.“ Doch dass der Nationalsozialismus nicht aufgearbeitet war zu der Zeit, war laut Pflüger Voraussetzung dafür, dass das Wirtschaftswunder geschehen konnte. Pflüger zitiert Konrad Adenauer: „Bevor ich kein sauberes Wasser habe, kann ich das dreckige nicht wegwerfen.“ Die Herausforderung der Elterngeneration, die Frage, warum sie weggeschaut haben, sei aber extrem wichtig gewesen. „Solange die 68er ein Putztrupp gegen alte Nazis war, war das eine gute Bewegung.“

„Jede sozialistische Utopie ist an der Realität gescheitert“

Pflüger geht auch auf Rudi Dutschke ein, den Anführer der 68er Bewegung. Er sei mit für Gewalt an Sachen gewesen und habe nicht versucht, einen Konsens zu schaffen. Er spricht auch über seine persönlichen Erfahrungen, er habe „einen Stempel als Reaktionär aufgedrückt bekommen“, obwohl er Demokrat gewesen sei. Es sei in der Politik und im Staat nicht alles ideal, doch „es gibt nichts besseres als die Demokratie, mit all ihren Fehlern.“ Deswegen müsse die Politik mehr zusammenhalten und der Rechtsstaat müsse durchgesetzt werden: „Maßvoll, aber klar.“

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