Veranstaltungsberichte

Vaterlos! - und wer sind die Verlierer?

von Karl-Heinz B. van Lier

Politischer Salon am 20. März 2010 im Erbacher Hof, Mainz

Hier können Sie das Resümmé der Tagung vom 20.3.2010 nachlesen !

Angesichts einer rapiden Zunahme von allein Erziehenden in Deutschland – in den neuen Bundesländern sind es bereits 56 Prozent, in den alten Bundesländern sind es 39 Prozent – und den damit verbundenen negativen Entwicklungen für Väter, Mütter und Kinder, aber auch mittelbar für die Gesellschaft, hat die Konrad-Adenauer-Stiftung Mainz namhafte Experten und Vertreter der Politik eingeladen, um über die Folgen dieser Entwicklungen für den Einzelnen - vor allem aber für die Kinder - und die Gesamtgesellschaft zu diskutieren und Lösungsansätze zu finden.

Prof. Dr. Matthias Franz vom Klinischen Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uniklinik Düsseldorf referierte neueste wissenschaftliche Ergebnisse zum Thema „Vaterlos – das Dilemma der Alleinerziehenden, kritische Langzeitentwicklungen für die Jungen, Lösungsansätze“. In seinem Vortrag zeichnete er die Entwicklung von der vaterlosen Nachkriegsgesellschaft („der patriarchalische Vater, der soldatische Vater, der tote Vater“) hin zur vaterarmen Gesellschaft der Gegenwart („der abwesende Vater“) nach und verdeutlichte die entwicklungspsychologischen Folgen von Vaterlosigkeit für die Kinder. So ergab sich in der sog. Mannheimer Kohortenstudie, dass das Risiko psychischer Erkrankungen beim Fehlen des Vaters auch noch nach 50 Jahren um das 2,5 fache höher ist. Die Generation derer, die ihren Vater durch den Krieg verloren haben oder entbehren mussten, war traumatisiert, entfremdet und emotional erstarrt. Die männliche Nachkriegsgeneration verzichtete in der Folge aufgrund ihrer Schuldgefühle und der Verinnerlichung der mütterlichen Depression auf die eigene Entwicklung zugunsten der Mutter. Überfordernde Parentifizierung ging hier mit gestörter Separation einher. Auszumachen sei hier, so Prof. Franz, „ein kollektiver Neglekt des katastrophalen Traumatas, auch aus Loyalität gegenüber der geschädigten Elterngeneration“. Erst bei den 68ern wurde - zweifelsfrei ideologisch anders besetzt - eigentlich nach dem verlorenen Vater gesucht.

Die trennungsbedingte, bzw. strukturelle, Vaterlosigkeit der Gegenwart bedingt sich in der Regel durch berufliche Abwesenheit und die damit verbundene geringe instrumentelle Zuwendung zum Kind (z. B. durch gemeinsamen Einkauf, Arztbesuche, etc.). Aber auch der Männermangel in Erziehungsstätten und die tendenziell väterfeindlichen Sorgerechtsregelungen im Trennungs- oder Scheidungsfall tragen zu einem Mangel an männlichen Rollenvorbildern bei, so Prof. Franz. Stattdessen wenden sich Jungen makrophallischen Ersatzvätern und Projektionsfiguren (z. B. in Filmen) zu. Aber das kindliche Problemverhalten nach einer Trennung und angesichts der daraus resultierenden Vaterlosigkeit geht noch weiter: die quantitativ nachweisbare Häufigkeit für kriminelle Delikte seitens der Kinder ist im Rahmen von sog. Patchworkfamilien am höchsten, hiernach folgt die Gruppe der Kinder von Alleinerziehenden (zumeist Müttern). Prof. Franz sieht trennungsbedingte Problemlagen der Mutter, wie Armut und Einsamkeit, als Auslöser für mütterliche Belastungen. „Diese wiederum bedingen das kindliche Verhalten vor allem der Jungen und haben Langzeiteffekte im Bereich der Bildung, der Gesundheit und können auch zu einem latent aversiven Frauenbild führen“, erklärt der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein hoher Grad maternaler Depressivität korreliert, das zeigen die Studien, stark mit kindlichen Verhaltensauffälligkeiten besonders bei Jungen. Durch Verhaltensstörungen, bzw. Verhaltensauffälligkeiten, machen Kinder auf ihre Probleme und ihre Stresssituation aufmerksam: „Sie sind dann nicht gestört, sondern reagieren normal auf eine unnormale Situation.“ Kinder dürfen im Umgang mit einer Trennung nicht als Spielball benutzt werden, aber wenn es dazu kommt, dass Eltern anfangen in kindlicher Weise zu funktionieren, muss Hilfe angeboten werden, um dem Konflikt entgegen zu treten. Die betroffenen Jungen werden als Heranwachsende und später als Männer mit großer Wahrscheinlichkeit selbst die Vaterschaft ablehnen, da ihre männliche Selbstwertregulation beeinträchtigt ist. Die Vermittlung vor allem auch sexuellen Selbstbewusstseins, die Explorationsfähigkeit und die Perspektive hin zur eigenen Familie im späteren Leben lässt sich kleinen Jungen nicht durch Frauen vermitteln („latente Kastrationsangst“). Der Vaterlosigkeit folgt demnach nicht nur ein demografisches, sondern auch ein demokratisches Defizit.

Prof. Gerhard Amendt vom Institut für Generationen- und Geschlechterforschung Bremen bezog anschließend Stellung zur Thematik „Feminismus und Vaterlosigkeit: weg vom Feindbild, hin zu einer partnerschaftlichen Beziehung von Mann und Frau“. Er betonte hierbei den Unterschied zwischen einer alleinerziehenden und einer in Partnerschaft lebenden Mutter: „Eine alleinerziehende Mutter ist eine andere Mutter als eine in Beziehung lebende Mutter mit einem Vater an der Seite. Mütterlichkeit ist nur in Ergänzung des Väterlichen möglich.“ Prof. Amendt kritisierte, dass die Vaterlosigkeit hierzulande offenbar nicht nur Schicksal sei, sondern vielmehr als eine politische Konzeption aus den Ministerien heraus forciert zu werden scheint. Als Folge der 68er stellte sich eine bis heute noch nicht politisch beantwortete Frage: Kann man Männlichkeit korrigieren, verbessern oder lässt man sie außen vor? Väter, so die Auffassung Amendts, seien immer nur unter dem Blickpunkt ihrer vergangenen Fehler betrachtet worden, nicht aber ihr Fehlen durch den Krieg. Die in den 80er Jahren durch den Feminismus zutage getretene Ansicht „Männer sind böse, Frauen gut“ zementierte zusätzlich die unversöhnbaren Verhältnisse. Die Geschlechterdebatte nach `68 führte, so Prof. Amendt, zu einer Idealisierung der Mutter, aber auch des Alleinerziehens.

Warum aber schweigen die Männer zu dieser Entwertung der Männlichkeit und der Abwertung der Väter? Bei der Ideologisierung des Alleinerziehens sei die Phantasie am Werk, dass die von der Frau gestaltete Männlichkeit eine bessere sei. Amendt weiter: „Mütter haben den Schlüssel zur Formung der Söhne und damit die Möglichkeit der Gestaltung einer besseren Welt in der Hand. Wenn Frauen ihre Söhne gut erziehen, wird die Welt besser, als sie jetzt ist. Ist aber das Alleinerziehen gleichbedeutend mit dem Schaffen einer besseren Welt?“. Wenden sich Jungen den Vätern zu, so kommen sie - nach feministischer Auffassung - in Kontakt mit der schlechten männlichen Welt und so war für Feministinnen klar, dass der Weggang des Sohnes von der Mutter schlecht für ihn selbst, aber auch für die ganze Gesellschaft ist. Amendt aber gab hier zu bedenken, dass die Zuwendung zum Vater für den Sohn eine neue Welt erschließt und für die Mutter eine Entlastung sein kann. Der produktive Ablösungsprozess kommt im Alleinerziehungsmodell so nicht mehr vor und wird vielmehr als Quelle allen Übels in der Gesellschaft angesehen. Um die politische Illusion der Zerstörung von Väterlichkeit im Sinne eines gesellschaftlichen Konzepts zur Verbesserung der Welt zu verwirklichen, sollen die Söhne bis zu ihrer Pubertät bei den Müttern belassen werden, damit eine Identifikation mit dem Vater nicht stattfinden kann. Dies trage von politischer Seite zu Störungen und Polarisierungen in der Debatte bei, mahnte Amendt an. Und auch die Feminisierung von Schule und Erziehung werde bewusst gefördert, da das Väterliche derart destruktiv sei, dass Väter nichts mehr zur Erziehung ihres Sohnes oder ihrer Kinder beitragen könnten, so die einhellige poltische Meinung. Prof. Amendt weiter: „Das Väterliche soll politisch zielbewusst aus der Erziehung ausgegrenzt werden, solange Väter nicht werden wie Mütter, sollten sie auch nichts zur Erziehung beitragen.“ Das Leid der Männer wird öffentlich viel zu wenig diskutiert wird zu wenig diskutiert. Vor allem Männer in der unteren Schicht leiden am meisten, zeitgleich sind sie erfahrungsgemäß sehr offen für Beratungen und Hilfsangebote. Daher mahnte Prof. Amendt abschließend: „Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass Scheidung ein gesellschaftliches Problem ist, dass sich beispielsweise auch progressiv auf den Kinderwunsch auswirkt. Es darf in der öffentlichen Diskussion nicht darum gehen, wer bevorzugt wird und wer benachteiligt.“ Amendt plädiert daher für eine `Kultur der gegenseitigen Anerkennung` von Mann und Frau und eine Rückkehr der Debatte zur Konfliktorientierung.

Marlies Kohnle-Gros, MdL, gab in der folgenden Diskussion ihre Sichtweise auf die „Vaterlose Gesellschaft aus der Sicht einer Politikerin“ wider. Sie räumte ein, dass die Politik im Umgang mit der Rolle der Väter und Männer problembehaftet sei, vor allem beim Umgang mit dem Patriarchat der Zuwanderungsgesellschaften und bei der Bewältigung der Kriminalitätsprobleme in diesen Bevölkerungsgruppen. Das Problem des Schulabgangs ohne Abschluss bei vielen Jungen wird, nach Einschätzung von Kohnle-Gros, auch in den nächsten Generationen zu Problemen führen: „Hier ist die Politik aufgefordert gegenzusteuern.“ Männliche Autoritäten seien ihrer Auffassung zufolge vor allem im schulischen Bereich durchaus nützlich und man könnten dazu benutzt werden Jungen besser in der Schule zu integrieren, indem man sich ihren Bedürfnissen stärker zuwendet. Auch sei es wichtig grundsätzlich ein spezifisch männliches Problembewusstsein zu schaffen: „ Denn auch Männer sind Opfer in Familien.“, so die Landtagsabgeordnete. Denke man die Familie an sich vom naturrechtlich Ganzen her und nicht nur aus dem maternalistischen oder dem patriarchalischen Blickwinkel heraus, so ergebe sich unweigerlich auch ein Abstandsgebot für die Ehe zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, meint die Juristin. Die Familie sollte daher als schützenswerter Dreh- und Angelpunkt in der Diskussion um die Rolle der Männer und der Väter dienen und zu einer neuen Wertschätzung der einzelnen Familienrollen führen. Die Alleinerziehung darf kein Lebensentwurf sein, der idealisiert wird.

Karl-Heinz B. van Lier , Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung brachte in einem kleinen Epilog seine Hoffnung zum Ausdruck, dass nach einer langen Phase des Paternalismus und dem anschließend feministisch propagierten Maternalismus unserer Tage, sich zukünftig eine Entspannung zugunsten einer Gesamtsicht auf Familie vollziehen möge, bei welcher das Wohl des Kindes verstärkt zum Vorschein kommen könne. Wenn dereinst bei der Bezeichnung des Bundesfamilienministeriums der Mann/Vater nicht mehr ausklammert würde, könne dies als positives Zeichen gewertet werden.

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