Florian Hofmann

Veranstaltungsberichte

„Lasst euch von niemandem sagen, wen ihr zu lieben oder zu hassen habt!“

Veranstaltungsbericht zum Besuch von Charlotte Knobloch in Sachsen (Timo Lanzner)

Am 1. November 2018 sprach Charlotte Knobloch, die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sowie ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, in Markkleeberg und Torgau über die Vergangenheit und Gegenwart des Antisemitismus in Deutschland.

Vor interessierten Schülerinnen und Schülern in Markkleeberg berichtete Frau Knobloch von ihren persönlichen Erfahrungen im Nationalsozialismus. Sie erlebte als junges Mädchen die Novemberpogrome in München mit und überlebte die Verfolgung nur unter falscher Identität in einem Versteck auf dem Land. Das Erinnern daran, ist für sie „heute aktueller denn je“ und sie betonte mehrfach, dass „Erinnern nichts mehr mit Schuld zu tun hat, aber sehr viel mit Verantwortung.“ Durch dieses Erinnern könne sichergestellt werden, dass das „nie wieder“ nicht zum „jetzt wieder“ wird.

Beim Torgauer Schlossgespräch am Abend betonte Frau Knobloch, dass die Frage nach dem Dazugehören die „wichtigste und brennendste der jüdischen Diaspora“ sei und nach wie vor ungeklärt bleibe. Der Titel ihres Vortrags in Torgau „Bauen, Bleiben, Dazugehören“ hätte für sie auch als Motto für das gesamte jüdische Leben in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert stehen können. Ihr großer Traum sei dabei, dass die Juden „ohne Angst ihre Religion leben können“, was einen „Schritt zur Normalität“ bedeuten würde.

Charlotte Knobloch spannte den großen historischen Bogen, als sie erklärte, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Situation der jüdischen Bevölkerung schon einmal so gut und so normal geworden war, dass das Problem des Antisemitismus für viele Juden schon als gelöst erschien. Doch die Katastrophen des NS-Regimes und des Holocaust setzten diesen Träumen ein jähes Ende. Aus eigener Erfahrung konnte sie berichten, dass es damals für die persönliche Sicherheit unabdingbar war, „nicht als jüdischer Mensch erkennbar zu sein.“

In der gegenwärtigen Gesellschaft sehe Frau Knobloch wieder eine ähnliche Tendenz. Vermehrte antisemitisch motivierte Schmähungen gegen, oder Angriffe auf jüdische Menschen, oder Einrichtungen führen sie zu der Einschätzung, dass dort „wo vor 10 Jahren Optimismus herrschte, heute Sorge und Verunsicherung steht.“ Hieraus leitet sie die Verantwortung ab, Antisemitismus, Hass und Ausgrenzung entschieden entgegenzutreten, um einen Rückfall in die überwunden geglaubten Muster zu verhindern.

Zum Abschluss zog Frau Knobloch ein positiveres Fazit und sagte sie sei „sehr glücklich miterlebt und ein bisschen mitgewirkt zu haben, dass das jüdische Leben wieder eine Heimat in diesem Land hat.“ Und den jungen Menschen gibt sie mit auf den Weg: „Lasst euch von niemandem sagen, wen ihr zu lieben oder zu hassen habt!“