Altersrente

Es gehörte von Beginn an zu den tragenden Säulen des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft, den alten Menschen eine auskömmliche Ruhestandsperiode frei von Armut zu ermöglichen. Dabei sollten die Einkünfte im Alter nicht den Charakter von Almosen haben, sondern ein Anspruch sein, der sich aus geleisteten Beiträgen während der Erwerbsphase ableitet. Deshalb gibt es in Deutschland ein so genanntes beitragsfinanziertes Rentensystem, in das jeder Arbeitnehmer einen festgelegten Prozentsatz seines Arbeitseinkommens einzahlt und aus dem jeder Rentner nach Maßgabe seiner geleisteten Beiträge sein Altersruhegeld bezieht.

Leider liest sich dies einfacher, als es in der Realität ist. Ein Grund dafür ist, dass entschieden werden muss, in welcher Form die von den Arbeitnehmern und den Arbeitgebern hälftig eingezahlten Beiträge verwendet werden sollen. In Deutschland ist es bisher so, dass die von den Arbeitnehmern und den Arbeitgebern hälftig in die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) eingezahlten Beiträge unmittelbar an die Rentner ausgeschüttet werden. Man nennt dieses Verfahren das Umlageverfahren. Werden die eingezahlten Beiträge hingegen nicht direkt ausgeschüttet, sondern zunächst zinsbringend angelegt, so spricht man vom Kapitaldeckungsverfahren. Dabei wird für jeden Rentner im Laufe der Zeit ein Vermögen angespart. Später werden die Renten dann aus den daraus erwachsenden Zinserträgen finanziert und daraus, dass das Vermögen schrittweise wieder aufgelöst wird. Das Kapitaldeckungsverfahren entspricht im Prinzip der Logik einer Lebensversicherung.

Das zentrale Problem des in Deutschland - und übrigens auch des in den meisten anderen Ländern - praktizierten Umlageverfahrens ist, dass seine Finanzierbarkeit direkt von der Entwicklung der Erwerbsbevölkerung abhängt. Der Grund ist einfach: Die Einnahmen der Rentenkasse ergeben sich aus dem Durchschnitt der Beiträge, multipliziert mit der Zahl der Arbeitnehmer. Die Ausgaben ergeben sich aus der durchschnittlichen Rente, multipliziert mit der Anzahl der Rentner. Wenn nun die Zahl der Rentner steigt oder die Zahl der Arbeitnehmer sinkt (oder beides), dann steigen die Ausgaben oder es sinken die Einnahmen (oder beides). Da die Rentenkasse aber kein Defizit aufweisen darf, muss in einem solchen Falle die Rente gesenkt oder es müssen die Beiträge angehoben werden. Genau dieses Problem eines Anstiegs der Zahl der Rentner und eines Rückgangs der Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter wird in Deutschland ab etwa dem Jahr 2015 bedeutsam werden. So kamen im Jahr 2000 auf jede Person über 65 Jahren noch 4,1 Personen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren. Im Jahre 2020 werden es noch 2,9 sein, und im Jahre 2040 werden auf jeden über 65 Jährigen sogar nur noch 1,9 Personen zwischen 20 und 64 Jahren kommen. Der Grund ist, dass seit etwa Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts jede Frau in Deutschland statistisch gesehen nur noch 1,4 Kinder zur Welt bringt. Die sich hieraus ergebende „Lücke" in der Zahl der Personen im Erwerbsalter könnte nur durch eine sehr starke Zuwanderung von mindestens 1 Mio. Personen pro Jahr ausgeglichen werden (Demographische Entwicklung).

Nun steht Deutschland mit dieser Entwicklung nicht allein. In fast allen Industrieländern ist die Bevölkerungsentwicklung ähnlich, wenngleich in den meisten Fällen nicht ganz so drastisch. Häufig wird daher gefordert, das zumeist praktizierte Umlageverfahren aufzugeben und die Altersvorsorge nach dem Kapitaldeckungsverfahren zu organisieren. Dies stößt aber auf zwei Probleme: Erstens fehlen in der Übergangsphase die Mittel für die Rente einer ganzen Generation. Denn wenn heute das Verfahren umgestellt würde, so würden die eingezahlten Beiträge ja nicht mehr direkt ausgeschüttet, sondern zunächst zinsbringend angelegt. Wenn aber die Rentenbeiträge nicht mehr direkt ausgeschüttet werden, dann stellt sich die Frage: Woher sollen die Mittel für die heutigen Rentner kommen? Hierauf gibt es keine zufrieden stellende Antwort. Ein zweites Problem ist, dass auch das Kapitaldeckungsverfahren nicht völlig unabhängig von der Bevölkerungsentwicklung ist. Der Grund: Die Beiträge zur Rentenversicherung müssen ja irgendwo angelegt werden. Man kauft dafür zum Beispiel Aktien und sonstige Wertpapiere oder auch Immobilien. Wenn man diese Anlagen im Rentenalter wieder „zu Geld machen will", so wird man sie verkaufen müssen. Zu diesem Zeitpunkt werden aber wegen des Bevölkerungsrückgangs nur noch relativ wenige junge Leute da sein, und so wird auch die Nachfrage nach Aktien, Wertpapieren und Immobilien vergleichsweise gering sein. Die Rentenkassen werden dann Schwierigkeiten haben, ihre Anlagen an die nächste Generation zu verkaufen. Sie müssen die Preise möglicherweise dafür senken, und dadurch fallen die Einnahmen der Rentenkasse: Die Rente muss wiederum sinken. So bleibt auch das Kapitaldeckungsverfahren vom Bevölkerungsrückgang nicht verschont, wenngleich die Wirkung nach Ansicht der meisten Fachleute weniger stark ausfällt.

Vor diesem Hintergrund wird in fast allen Industrieländern an Reformen der Rentenversicherung gearbeitet. Zumeist laufen diese Reformen auf einen Mix von Umlageverfahren und Kapitaldeckungsverfahren hinaus, und zwar auf der Basis von so genannten Zwei- oder Drei-Säulen-Systemen. Dabei ist die erste Säule eine reduzierte Version des Umlageverfahrens. Die hieraus gezahlten Renten sollen hierzu schrittweise abgesenkt werden, so dass sich alle Beteiligten in angemessener Zeit darauf einstellen können. Die finanziellen Einbußen, die durch die Absenkung für die Rentner entstehen, sollen dann mit Hilfe einer oder zweier weiterer Säulen ausgeglichen werden, die beide nach dem Kapitaldeckungsverfahren aufgebaut sind. Im Falle der zweiten Säule werden meist zusätzliche Zwangsbeiträge erhoben, die dann zinstragend angelegt werden. Im Falle der dritten Säule handelt es sich um freiwillige Beiträge zu einer finanziellen Anlage mit dem Zweck der Altersvorsorge, die dann aber durch staatliche Zuschüsse - etwa in Form von Steuervergünstigungen - gefördert wird.

In Deutschland wurde mit der sogenannten Riester-Rente ein Zwei-Säulen-System eingeführt. Hierzu wurde zunächst ein demographischer Faktor eingeführt, um den das Verhältnis von Rentenzahlungen zum Bruttolohn (Brutto-Rentenniveau) schrittweise abgesenkt wird. In einem zweiten Schritt wurde ein System von Zuschüssen für private Vorsorgeprodukte entwickelt, welches es den Beitragszahlern erleichtern soll, die Absenkung des Brutto-Rentenniveaus durch eigene Ersparnisse auszugleichen. Diese Ersparnisse müssen nach der Logik des Kapitaldeckungsverfahrens am Kapitalmarkt angelegt werden, um später für private Renteneinkünfte zur Verfügung stehen zu können. Seit Einführung der Riester-Rente hat die Politik das ursprüngliche System durch eine Vielzahl weiterer Eingriffe fortlaufend verändert. Hierzu gehört unter anderem die schrittweise Anhebung des Eintrittsalters in den Ruhestand von 65 auf 67 Jahre.

Zudem wird bereits seit vielen Jahren einem politisch nicht gewollten zu starken Absinken der Altersrenten entgegen gewirkt, indem schon das ursprüngliche Rentensystem nach dem Umlageverfahren größere Mittel aus dem Steueraufkommen erhält.

Die GRV gilt heute unter Fachleuten im Vergleich zum Gesundheits- und Pflegesystem als das am besten an die künftigen demografischen Veränderungen angepasste soziale Sicherungssystem. Gleichwohl stehen die eigentlichen Belastungen der Rentner und Beitragszahler ab 2015 erst noch an. Es wird sich auch erst dann erweisen, ob die eingeführten Reformen zur Sicherung der Finanzierbarkeit der GRV tatsächlich politisch akzeptiert werden.

Literaturhinweise:

  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2010), Ratgeber zur Rente, Berlin;
  • Schnabel, R.; Ottnad, A. (2008), Gesetzliche und private Altersvorsorge, Köln (Deutsches Institut für Altersvorsoge);
  • Eichenhofer, E.; Schmähl, W.; Rische, H. (2010), Handbuch der gesetzlichen Rentenversicherung – SGB VI, Köln (Luchterhand).
Thomas Apolte