1. Arbeit und Soziale Marktwirtschaft

  2. “Der Mensch ist das einzige Tier, das arbeiten muss“ (Kant)

  3. Arbeit im Kontext wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse: Adam Smith, Marx/Engels und Max Weber

  4. Arbeit in der Marktwirtschaft

  5. Arbeit in freiheitlichen Demokratien: Soziale Rechte im gesellschaftlichen Lebenszusammenhang

  6. Der Arbeitsbegriff der Wissenschaft

  7. Schlussbemerkung

!1. Arbeit und Soziale Marktwirtschaft

Über Soziale Marktwirtschaft kann nicht ernsthaft diskutiert werden, ohne die Welt der Arbeit einzubeziehen. Arbeit ist – als ein bewusstes Handeln zur Befriedigung von Bedürfnissen – eine zweckgerichtete Aktivität. Arbeit liefert die Grundlage dafür, dass sich Individuen, Haushalte und Familien in Eigeninitiative im Lebenszyklus erhalten können, bemüht, eine Lebenslage zu erreichen, die sie für angemessen halten. Arbeit ist seit der Grundlegung marktwirtschaftlich-ökonomischen Denkens durch Adam Smith immer auch der Ausdruck gewesen für die Anstrengungen der Menschen, die Bedingungen, unter denen der Ablauf ihres Lebens steht, so zu gestalten, wie es ihren persönlichen Vorstellungen entspricht. „Wohlfahrt“ bedeutet hier zunächst nur, dass eine Lebenslage von den jeweils betroffenen Menschen als wünschenswert, wertvoll oder auch als menschenwürdig empfunden wird. Zu Recht zählen deshalb zu den Zielen der Sozialen Marktwirtschaft: Arbeit für alle, Gerechtigkeit für alle, Wohlstand für alle (Röpke).

2. „Der Mensch ist das einzige Tier, das arbeiten muss“ (Kant)

Viele Jahrhunderte lang bis hin zur Neuzeit war „Arbeit" ein Begriff, der alle Tätigkeiten zur Daseinsvorsorge im Lebenszusammenhang sozialer Gruppen (Horden, Clans, Stämmen, Gesellschaften), von Frauen, Männern, heranwachsenden Jugendlichen und Kindern in gleicher Weise bezeichnete. Zwar gab es immer Zuschreibungen von bestimmten Aufgaben zu bestimmten Personen, die an das jeweilige Geschlecht und soziale Rangplätze gebunden waren. Dennoch galt Arbeit stets grundlegend als Mittel, das Überleben von Individuen, Gruppen und Gesellschaften in ihrer physischen, technischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwelt durch den Einsatz von Aktivitäten, Interaktionen und Gefühlen zu sichern. Deshalb war sie stets sozial geregelt.

„Arbeit” umfasst demnach alle Tätigkeiten zur Daseinsvorsorge, die im Lebenszusammenhang von Frauen und Männern geleistet werden. Arbeit als Tätigkeit zur Daseinsvorsorge, als habituell geleitetes oder auch bewusstes zweckgerichtetes Handeln erstreckt sich somit auf alle Lebensbereiche. Zu Recht beschreibt R. König Arbeit als ein „soziales Totalphänomen“, als einen Tatbestand, der „durch viele Schichten des Lebens reicht und demzufolge eine Vielheit von Blickweisen provoziert“ und als „Mittel, mit dessen Hilfe sich die menschliche Gesellschaft die Außenwelt aneignet und sie im Sinne einer schöpferischen Anpassung umgestaltet“. Damit werde sowohl der primär gesellschaftliche Charakter der Arbeit bestimmt als auch die Tatsache, dass Arbeit in einer besonders engen Beziehung zu den Wertvorstellungen und Verhaltensnormen einer gegebenen Gesellschaft steht (hierzu R. König 1967, 102, 343). Beides ist selbst dann im Spiel, wenn Ökonomen Arbeit als Produktionsfaktor betrachten: dieser Aspekt wird vielfach übersehen.

Die gesellschaftliche Auseinandersetzung um das Phänomen der Arbeit erfolgt in miteinander rivalisierenden Deutungen, die wesentlich durch gegebene soziale Verhältnisse geprägt sind, was stets die Bewertung von Arbeit beeinflusst. So erscheint Arbeit einmal als Teil von Selbstverwirklichung, als positiv und belohnend oder zum anderen als Mühe und Last, als Fremdbestimmung.

In diesem Kontext lohnt es sich, jenen „Entwicklungslinien im Verständnis und in der Bewertung der Arbeit“ nachzuspüren, die auf die griechisch-römische, die jüdisch-christliche Tradition und die mittelalterliche Rezeption zurückführen, wie es Alois Baumgartner und Wilhelm Korff im Handbuch der Wirtschaftsethik 1999, Bd.1, 88 ff. unternommen haben. Dort trifft man auf Themen wie die Spannung zwischen Freiheit und Notwendigkeit, die Gleichheit der Menschen vor Gott und die Geschwisterlichkeit aller Menschen sowie die Gottgefälligkeit redlich geleisteter Arbeit, - heute aktuell wie eh und je.

Ähnliches gilt für die knappe Anmerkung von Immanuel Kant (1724-1804) über Arbeit. In seiner „Kritik der Urteilskraft“ (1790, 2.A. 1793) bezeichnete er Arbeit als „eine Beschäftigung, die für sich selbst unangenehm (beschwerlich) und nur durch ihre Wirkung (z.B. den Lohn) anlockend ist“. Deshalb unternimmt man Arbeit nicht der Beschäftigung wegen wie das Spiel, sondern „wegen einer anderen Absicht“. „Der Mensch ist das einzige Tier, das arbeiten muss“. Er muss schon als Kind „zum Arbeiten gewöhnt werden“. (Kant-Lexikon S.42, 505 f.).

Allerdings betonen Baumgartner und Korff zu Recht, dass eigentlich erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts „der Arbeitsbegriff als eine zentrale geschichtsphilosophische Kategorie entdeckt und ausgearbeitet wird“ (ebd. 93), womit dann für das Verständnis (und Selbstverständnis) der Arbeit in der „Neuzeit“ wegweisende Weichenstellungen erfolgen. In der Literatur ist man sich einig, dass spätestens mit der französischen Revolution und der französischen Verfassung von 1793 und ganz nachdrücklich mit der beginnenden Industriegesellschaft jene Entwicklung einsetzte, die immer deutlicher das Phänomen der Entstehung von Arbeitsmärkten für "Berufs"-mäßig ausgeübte, zeitlich geregelte und geldlich entlohnte Erwerbsarbeit in das Zentrum der Aufmerksamkeit rückte.

Es ist zugleich die Zeit, in der jene historische Entwicklungen stattfinden, deren Spuren sich im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft niederschlagen (siehe dazu den Überblick über die Geschichte der Politischen Ökonomik in: Schüller, Krüsselberg, Grundbegriffe zur Ordnungstheorie und Politischen Ökonomik, Marburg 2005).

3. Smith, Marx/Engels und Max Weber über: Arbeit im Kontext wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse

Viele der heutigen Debatten über Arbeit sind geprägt durch Interpretationen klassischer Autoren. Dabei geht es nicht nur um Versuche, Legitimationen für eigene Ausdeutungen von Arbeit und Wirtschaft zu erhalten; es zeigt sich stets auch das Bemühen, Wertmuster zu begründen oder auch zu diskriminieren.

An dieser Stelle sollen daher die Positionen einiger jener Autoren etwas genauer dargestellt werden, die für die Debatte „Arbeit in einem kapitalistischen System“ besondere Schwerpunkte gesetzt haben. Dabei sollen speziell jene Wertmuster beleuchtet werden, die im Pro und Contra für ein Konzept Sozialer Marktwirtschaft Bedeutung erlangt haben.

Adam Smith (1723-1790) steht hier nach meiner Auffassung für eine sozialliberale Grundlegung, Marx (1818-1883) und Engels (1830-1895) für eine revolutionäre Umdeutung der klassischen Tradition und Max Weber (1864-1920) für die Entwicklung der Berufsidee in der Ausgestaltung der Arbeits- und Wirtschaftsethik vermögensfundierter marktwirtschaftlich geleiteter Volkswirtschaften.

3.1. Adam Smith

In seinem ökonomischen Hauptwerk, „Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“ (noch aktuelle deutsche Ausgabe 1974, zitiert WN, in Klammern die Seitenangaben der englischen Ausgabe, An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, Oxford 1976) bezeichnet Adam Smith die jährliche Arbeit der Bevölkerung als jene Kategorie, die sich als angemessenster Ausgangspunkt erweist, wenn es gilt, eine Wissenschaft vom Menschen zu entwickeln. Mehrfach taucht in seinen einführenden Worten die Wendung auf, der Wohlstand der Nationen sei das Ergebnis der „Geschicklichkeit, Sachkenntnis und Erfahrung“, des Urteilsvermögens, die mit dem Einsatz der menschlichen Arbeit in Produktionsprozessen ihre Wirkung entfalten. Für Smith ist – wie bereits erwähnt - der Mensch grundlegend mit der Befähigung ausgestattet, aktiv sein Leben zu gestalten.

Die von Smith begründete klassische Tradition der Volkswirtschaftslehre geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus mit dem Verlangen nach eigener Wohlfahrt und nach Erhaltung der Gesellschaft ausgestattet sei. Ebenso verfüge er aber mit seiner Befähigung zur Arbeit zugleich über die Möglichkeit, diesem Verlangen nachzukommen und über seine tägliche und jährliche Arbeit Gestalt zu verleihen. Es gibt nur wenige Sätze in der Weltliteratur, denen ähnliche Bedeutung für die gesellschaftliche Zuordnung von menschlicher Arbeit zugesprochen werden muss wie diesem: „The property which every man has in his own labour, as it is the original foundation of all other property, so it is the most sacred and inviolable“ (WN 138) Für Adam Smith also ist für jeden Menschen das Vermögen, welches sich in „seiner eigenen Arbeit“ verkörpert, heilig und unverletzlich. Es ist deshalb „das heiligste und unverletzlichste“ aller vorstellbaren Varianten von Eigentum und Vermögen, weil es vom Ursprung her der Ausgangspunkt ist für das Entstehen aller potenziellen Varianten von Eigentum und Vermögen.

In vielen Einzelbeispielen legt Smith dar, welche Schlussfolgerungen aus dieser Erkenntnis zu ziehen sind. So dürfen z.B. Zunftregeln besitzlose, arme Menschen nicht daran hindern, in die Lehre zu gehen. Sie müssen diese Freiheit besitzen, um dort jene Qualifikation zu erwerben, die ihnen die Freiheit einräumt, später ungehindert ein Gewerbe ausüben zu können. Als Grund nennt Smith, dass allein die Kraft und die Geschicklichkeit der Hände das ist, was „a poor man“ von seinen Vorvätern ererbt hat. Solche Behinderungen der Zugangsmöglichkeiten in Beschäftigung sind für den besitzlosen, nur auf seine Arbeitskraft verwiesenen Menschen eine offene Verletzung seines heiligen und unverletzlichen Rechts, sein Handlungsvermögen dort einzusetzen, wo er es für richtig hält, sofern er dabei seinen Nachbarn nicht schädigt. Nur auf diese Weise bleibt ihm das Recht gewahrt, im Arbeitsprozess „skill, dexterity and judgment“ zu vergrößern. „Jeder sammelt Erfahrung und wird zum Fachmann in seiner Disziplin, alles in einem wird mehr geleistet, und der Wissensstand wächst beträchtlich“ (WN: 13 f.; 18 f.).

Freiheit des Menschen bedeutet für Smith vor allem Freiheit von „Leibeigenschaft und Sklaverei“. Deshalb ist ein Mensch wirtschaftlich erst dann wirklich frei, wenn er fähig ist, in einem doppelten Sinne Vermögen zu besitzen: einmal an der eigenen Person, zum anderen –zumindest anteilig – an jenen Gütern, die er über seinen Lebensunterhalt hinaus produziert. Sobald die Gesetze eines Landes jene Freiheit zur ungeteilten Vermögensbildung sichern als Freiheit der Person und als Freiheit zum persönlichen Erwerb nicht-humanen Vermögens, vollzieht sich jene „so wichtige Revolution“ (WN: 320/389), die wirtschaftlichen Fortschritt institutionell absichert.

Da das Recht der selbst bestimmten Nutzung des individuellen Handlungsvermögens zugleich der selbst verantworteten Sicherung der wirtschaftlichen Existenz dienen soll, muss, wenn immer der Mensch darauf angewiesen ist, von den Erträgen seiner Arbeit zu leben, sein Lohn ausreichen, ihm einen angemessenen Unterhalt zu gewährleisten: „Reichlicher Unterhalt“ und “eine großzügige Entlohnung derjenigen“, die „alle ernähren, kleiden und mit Wohnung versorgen“, sei nur „recht und billig“. Zudem seien überall dort, wo die Löhne hoch sind, „die Arbeiter immer fleißiger, gewissenhafter und auch schneller bei der Hand als dort, wo sie niedrig sind“ (WN: 68 ff./ 96 ff.). Smith fügt hinzu, das Einkommen müsse auch ausreichen, eine Familie zu gründen, damit „Kinderreichtum, anstatt eine Last zu sein, eine Quelle des Wohlstands und des Glücks für die Eltern ist“. Armut wirke sich zudem „äußerst ungünstig auf die Erziehung der Kinder aus“ (WN 59 ff./85 ff.). Smith weiß, die verbesserte Lebenslage des überwiegenden Teils der Bevölkerung kann „niemals als Nachteil für das Ganze“ gelten (siehe hierzu im Überblick Krüsselberg 1984, 185-216; ferner 1999, 421- 429).

Freiheitsrechte werden damit zur Grundlage für die Entfaltung aller Lebensverhältnisse und die Voraussetzung für die Entstehung von Wohlstand. Für Smith ist der Mensch begabt zur Arbeit. Sie vor allem verschafft ihm seine Ausnahmenstellung im Universum. Der arbeitende Mensch ist unter handlungstheoretischem Aspekt vor allem kein Passivum, keine Ware, sondern ein Aktivum, das einzigartige Aktivum Handlungs-, besser Humanvermögen (siehe dazu Krüsselberg 2007).

In jeder ihrer Transaktionen, in jeder ihrer gesellschaftlichen Rollen setzen Menschen ihre persönliche, individuelle Arbeit ein - als Produzenten, als Bürger, als Eltern oder Jugendliche, selbst als Kinder. Sie entdecken dabei Lebenschancen und Lebensrisiken, die wiederum alltäglich auf dem Prüfstand stehen und ständig der Anpassung an veränderte Lebensbedingungen bedürfen.

3.2. Karl Marx und Friedrich Engels

Ohne Rückgriff auf Karl Marx (1818- 1883) und Friedrich Engels (1830-1895) kann keine sozialwissenschaftliche Debatte über Arbeit erfolgen. Ihr konzeptioneller Einfluss reicht bis weit in die Gegenwart. Für beide steht wie bei Smith das Thema Arbeit analytisch und politisch weit im Vordergrund. Meist ist es nahezu unmöglich, ihre Aussagen voneinander zu trennen. So heißt es etwa bei Engels: „Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums… - neben der Natur, die ihr den Stoff liefert, den sie zu Reichtum verwandelt. Aber sie ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, dass wir sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen“ (Engels 1990, 444).

Für Marx und Engels ist die Geschichte der menschlichen Arbeit, soll sie realitätsbezogen sein, einer materialistischen Geschichtsauffassung zu unterwerfen. Deren Grundthese lautet, durch die Produktionsverhältnisse, also die jeweilige ökonomische Struktur der Gesellschaft, werde „in letzter Instanz“ bestimmt, wie die „rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie (die) religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweisen eines jeden geschichtlichen Zeitabschnitts“ sich darstellen und damit „das Bewusstsein der Menschen“ prägen. Es gilt, „das Bewusstsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewusstsein zu erklären“. Sie betonen den Prozesscharakter allen Seins und sind sich sicher, die Existenz eines dem Prozess der „Negation durch Negation“ unterworfenen Bewegungsgesetzes in der von ihnen entworfenen „Dialektik“ als „Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens“ bewiesen zu haben. Überall zeigten sich „Prozesse, die ihrer Natur nach antagonisti sch sind, einen Widerspruch in sich enthalten, Umschlagen eines Extrems in sein Gegenteil, endlich als Kern des Ganzen die Negation der Negation“.

Im „Anti-Dühring“ spricht Engels, gegen Rousseau und Dühring gewandt, davon, in deren Philosophie werde zunächst von einer Gleichheit der Menschen in einem „Urzustand“ gesprochen, der wohl auch als Ideal zu verstehen sei. Dieser werde später „notwendigerweise durch das ‚Raubsystem‘ aufgehoben“. Dieses aufzuheben durch die Einführung eines auf Gleichheit beruhenden Wirtschaftssystems sei die „Intention marxistischen politischen Bemühens“ (Engels 1990, 25, 131 f.).

Interessanterweise ist damit die Denkfigur angezeigt, der Marx und Engels in ihrer Argumentation über Arbeit folgen. „In den primitiveren Gemeinwesen ging die Arbeit gemeinsam vonstatten und der gemeinsame Ertrag wurde außer dem für die Aussaat reservierten Anteil nach Maßgabe der Bedürfnisse des Verbrauchs verteilt“ (Marx 1988, 702). „Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert“. Im „urzeitlichen“ Zustand unterstellt Marx der Arbeit eine „Form, worin sie dem Menschen (von Marx hervorgehoben) ausschließlich gehört“. - Das ist seines Erachtens in einer kapitalistischen Gesellschaft völlig anders. Dort arbeitet der Arbeiter „unter der Kontrolle des Kapitalisten, dem seine Arbeit gehört“ (Marx 1955, 185 f., 193). Engels liefert – wie vielfach sonst für Texte von Marx - auch für Band 1 des Kapitals eine systematisch angelegte schlüssige Zusammenfassung (Engels 1955). Danach findet der Kapitalist „unter den gegenwärtigen Bedingungen auf dem Warenmarkt eine Ware, welche die eigentümliche Beschaffenheit hat, dass ihr Verbrauch eine Quelle von neuem Wert, Schöpfung neuen Wertes ist, … diese Ware ist – die Arbeitskraft“ (Engels 1955, 819). Wiederholt sprechen Marx (1955, 175, 181) und Engels (1990, 189) von Arbeitsvermögen, womit sie zu Recht auf die Tatsache aufmerksam machen, dass Arbeit nur dann ein Potenzialfaktor bleibt, wenn ihre Erhaltung gewährleistet ist; gemeint ist explizit sowohl die Erhaltung von Arbeit in deren arbeitsfähigem Zustand (als individuelles Arbeitsvermögen) als auch die „Fortpflanzung des Geschlechts“ (als volkswirtschaftliches Arbeitsvermögen). Zu Unrecht insistieren sie allerdings, dass Arbeitsvermögen „nichts“ sei, wenn es nicht verkauft wird (Marx 1955, 178 f.).

An diese Idee, an diese Vorstellung von Arbeitskraft anknüpfend konstruieren Marx und Engels einen ihrer Schlüsselbegriffe, den Mehrwert. Sie stellen fest, dass eine bestimmte Menge an „Lebensmitteln“ nutzen zu können zur Erhaltung des Arbeitsvermögens erforderlich sei, und dies kann nur mit dem Einsatz eines konkreten Volumens an Arbeitszeit bereitgestellt werden, z.B. mit 6 Stunden Arbeitseinsatz. Zahle nun der Kapitalist, der Arbeitsplätze anbietet, dem Arbeiter eine Geldsumme, die jene sechs Arbeitsstunden „vertritt“, welche ihrerseits jene Überleben sichernden Lebensmittel „Tag für Tag… repräsentieren“, entspräche dies dem „vollen Tageswert seiner Arbeitskraft“. Da aber nur sechs Stunden von vierundzwanzig nötig sind, das Leben zu erhalten, könne der „Geldbesitzer“, dem durch diese Zahlung der Gebrauch des Arbeitskraft während des ganzen Tages „gehört“, den Arbeiter auch zwölf Stunden lang arbeiten lassen. Nun liefert ihm der Arbeiter täglich „das Wertprodukt von zwölf Arbeitsstunden. Differenz zugunsten des Geldbesitzers - sechs Stunden unbezahlte Mehrarbeit, ein unbezahltes Mehrprodukt, in dem die Arbeit von sechs Stunden verkörpert ist“.

Engels fasst zusammen (1990, 189 f.).: „Das Kunststück ist gemacht. Mehrwert ist erzeugt, Geld ist in Kapital verwandelt. Indem Marx auf diese Weise nachwies, wie Mehrwert entsteht und wie allein Mehrwert unter der Herrschaft der den Austausch von Waren regelnden Gesetzen entstehn kann, … enthüllte er den Kristallkern, um den die ganze heutige Gesellschaftsordnung sich angesetzt hat“. Das heißt insbesondere: Er legte „den Mechanismus der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der auf ihr beruhenden Aneignungsweise bloß“.

Das Kapital habe – so Marx – die Mehrarbeit nicht erfunden (1955,243). Gleichwohl „übergipfelt es (als … Exploiteur an Arbeitskraft) alle früheren auf direkter Zwangsarbeit beruhenden Produktionssysteme“ (ebd. 325). So liegt es nahe, dass die Länge des Arbeitstages für Marx zum Kriterium für Ausbeutung wird. Marx klagt die weltweite Fortdauer von Sklaverei und Leibeigenschaft in der Lohnarbeit an und sucht nach Möglichkeiten, sie zu überwinden. Er selbst registriert bereits zu seiner Zeit aktuelle Eingriffe des Gesetzgebers (Marx 1955, 275 ff., 290 ff., 799 ff.), ohne ihnen echte Humanisierungschancen einzuräumen. Historisch beginnt damit der „Kampf um Feststellung des Arbeitstages“, konkret um dessen faktische Länge, von dem Engels 1868 sagt, er dauere „bis zum heutigen Tag“ (1955, 821).

Wenig fehlt jetzt an 150 Jahren Laufzeit dieses Prozesses. Die Entwicklung neuartiger Institutionen entschärfte - wie zu beobachten ist - nachhaltig das von Marx erwartete und erhoffte revolutionäre Potenzial. Aktuell verlagert hat sich das Thema Arbeitswelt in ordnungspolitische Regelungen mit Verfassungsrang (siehe oben Kapitel 5.).

Nicht der Siegeszug des Proletariats, sondern die Entstehung einer neuen Wirtschaftsgesinnung prägte den Weg zu „Reichtum und Armut der Nationen“. Viel zu wenig konkret wird daher vielfach dieses Thema behandelt und mit ihm die Frage, warum bis heute in der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung der Gegenwart die Menschen ihrem Beruf, ihrer Arbeit, ihrer Tätigkeit eine so große Bedeutung zumessen. Hier dürfte nach wie vor die von Max Weber initiierte Debatte über Zusammenhänge zwischen Protestantismus und Kapitalismus, konkreter: „dessen These von einer `inneren Verwandtschaft` bestimmter Ausprägungen Protestantischen Geistes und moderner kapitalistischer Kultur“ (Käsler 2010, 8, 29) von Interesse sein. Modern ist an diesem Kapitalismus seine alle Lebensbereiche durchdringende, alle Lebensweisen prägende Rationalität.

3.3. Max Weber

Max Weber (1864-1920) hatte sich in Teilen seines Werkes mit der Frage beschäftigt, warum sich gerade nur in bestimmten Regionen Europas jene wirtschaftliche Entwicklung vollzogen hatte, die hinfort alle Länder der Welt in ihren Bann zog. Er meinte, dass der entscheidende Anstoß für diese Wohlstandsmehrung eine mit der Reformation sich durchsetzende allmähliche asketische Veränderung in der Einstellung zur Arbeit war, die er „Geist des Kapitalismus“ nannte. Eine neue Art, über Wirtschaft zu denken, mit Geld und Wirtschaft umzugehen, sich selbst als wirtschaftlich handelnde Person in Wirtschaft und Gesellschaft einzubringen, habe sich mit starkem religiösen Hintergrund in unterschiedlichen zeitlichen Abschnitten und inhaltlichen Ausprägungen der Reformation entwickelt. Handeln wurde zunehmend zweckrational nach seinen Zielen, Mitteln und Nebenwirkungen befragt und wertrational nach seinem Sinn.

Bereits bei Martin Luther (1483-1546) hieß es, dass die Erfüllung der innerweltlichen Pflichten der einzige Weg sei, Gott wohlzugefallen, dass nur damit Gottes Wille erfüllt werde und deshalb jeder ausgeübte Beruf vor Gott gleich viel wert sei. Damit war eine enorme Aufwertung jeder Form von Arbeit im Alltag erfolgt. Der Calvinismus und die protestantischen Sekten – das war die entscheidende Beobachtung Max Webers – gingen weit über die Lutherposition hinaus. Für sie galt Berufsarbeit als die dem Menschen von Gott gestellte Aufgabe. Sie ein Leben lang gottgefällig auszuüben, war die einzige Chance, das Seelenheil zu gewinnen. Allerdings gab es für niemanden eine Gewissheit, zu den letztlich Auserwählten zu gehören. So wurde die Berufspflicht zum Dreh- und Angelpunkt auch der religiösen Welt. Sie verlangte lebenslang rastlose Berufsarbeit, eine „Tätigkeit, die den ganzen Menschen erfüllt“ und als „Berufung“ erlebt wird.

Die christliche Askese, die den ganzen Menschen in seiner Berufung zur Arbeit in der Welt leitet, rückt über die Berufspflicht – so Kaesler (13 f., 29, 30) zu Recht – in die Mitte der Idee vom „Geist des Kapitalismus“. Zum „Leitmotiv“ des Kapitalismus sei geworden, dass der Mensch für sein Geschäft da ist und nicht umgekehrt. Der Sinn von Arbeit sei nicht länger in der unmittelbaren Befriedigung materieller Bedürfnisse zu sehen; hinfort gelte die Überzeugung , „Erwerb“ sei der eigentliche „Zweck des Lebens“, er diene der Gottgefälligkeit. „Unter strenger Vermeidung alles unbefangenen Genießens“ soll auch immer mehr Geld erworben werden.

Nach Weber veranlasst der „neue“ Geist des Kapitalismus, da, wo er wirkt, die Akteure in harter Nüchternheit so zu handeln, dass sie nicht arbeiten, um zu verbrauchen, sondern um zu erwerben. Erstes Mittel ihres Wirkens ist der Erwerb von Geld. Geldhaltung (heute: „Kassenhaltung“) ist die erste Form der Vermögensbildung. Geld ist Vermögen in seiner liquidesten Gestalt und deshalb stets verfügbar. Liquide Mittel dienen der wirtschaftlichen Sicherheit. Aber wichtiger ist die Akkumulation, ihr Einsatz zum Zweck der Ausdehnung des Bestands an produktiven Mitteln, die „Investition“. Antrieb ist hier nicht die Schaffung von Reichtum für die Person (Weber: sie „hat nichts“ davon), Schließlich ist der Mensch immer nur Verwalter der durch Gottes Gnade ihm zugewendeten Güter (192 f.). Antrieb ist „die irrationale Empfindung guter Berufserfüllung“. Auf diese Weise wird „stete Arbeit (dem Menschen) zum Leben unentbehrlich“ (siehe Weber 2010, etwa 36 f., 46 f., 52 – 56, 91 f.; ebd. Kaeslers exzellentes Vorwort zu dieser seiner Edition der Weber-Ausgabe).

Weber arbeitet während seiner Reflexionen über den „Geist des Kapitalismus“ mit dem Terminus „historisches Individuum“. Gemeint ist ein „Komplex von Zusammenhängen in der geschichtlichen Wirklichkeit, die wir unter dem Gesichtspunkt ihrer Kulturbedeutung begrifflich zu einem Ganzen zusammenfassen“. Gefragt wird nach dessen wesentlichen Bestandteilen, die, um ein Bild zu gewinnen, – zumindest in „provisorischer Veranschaulichung“ allmählich aus der Beobachtung und Analyse von Kontexten in ihren Einzeleinheiten zu einer Perspektive „komponiert“ werden sollen.

Weber bedient sich einiger Aussagen von Benjamin Franklin, um die Wesenszüge dieses Konstrukts in ihrer Kulturbedeutung, konkret: dessen „Tugenden“, bestimmen zu können. Es sind Handlungsempfehlungen in Sachen Berufsethik, die hier gebündelt werden:

  • „Fleiß“, stetige Bereitschaft zur Arbeit, führt zu Gelderwerb, dessen weiterer Einsatz weiteren Gelderwerb leistet.
  • Geld ist „von zeugungskräftiger und fruchtbarer Natur“. „Zeit ist Geld“.
  • Wer ein Geldstück „umbringt (nach Franklin „im Wirtshaus, wenn Du bei der Arbeit sein solltest“), mordet (!) alles, was mit ihm hätte produziert werden können: ganze Kolonnen von Pfunden Sterling“.
  • Fleiß und Mäßigkeit sowie Pünktlichkeit und Gerechtigkeit bei allen Geschäften, das Gedächtnis für Schulden und eine genaue Rechnung über Ausgaben und Einkommen tragen dazu bei, einen jungen Menschen in der Welt vorwärts zu bringen, nicht zuletzt auch „zu jeder Zeit alles Geld (zu) entlehnen, was seine Freunde gerade nicht brauchen“. „Auch Kredit ist Geld“.
  • „Mangel an Sorgfalt mit dem Gelde“ erscheint (in den Augen von Weber) Franklin als „ein ethischer Defekt“, und zwar deshalb, weil im Puritanismus dieses Arbeitsethos verknüpft wird mit dessen Lehre der Gnadenwahl. Wirtschaftlicher Erfolg kann, muss aber nicht ein Zeichen sein für Gottes Gnade. „Rastlose Berufsarbeit“ (Weber 2010, 105) fördert in einer Welt, die wunderbar zweckvoll gestaltet dem Nutzen des Menschengeschlechts dient, Gottes Ruhm, ist somit gottgewollt (101). Der Einzelne aber hat jedoch objektiv allein durch eine Lebensführung, die Gottes Ruhm mehrt, die Chance, seine Beziehung zu Gott zu erkennen (108/109). Ihr Grundmerkmal ist eine „systematische Selbstkontrolle“ (111) jeglichen eigenen Handelns in asketischer Prägung. Die „Qualitäten, welche die ihr entsprechenden Lebensführung charakterisieren“(113) lassen sich erkennen und benennen.
Weber folgert: Die Normen dieser Lebensform (in Alltag und Wirtschaft) verpflichten jeden Einzelnen auf das „Ideal des kreditwürdigen Ehrenmannes“ und mehr noch auf ein „als Selbstzweck vorausgesetztes Interesse an der Vergrößerung seines Kapitals“. Das sei schon eine im Vergleich zur damals traditionellen „eigentümliche ´Ethik`, deren Verletzung nicht nur als Torheit, sondern als eine Art von Pflichtvergessenheit behandelt wird: dies vor allem gehört zum Wesen der Sache … Es ist ein Ethos, welches sich äußert, und in eben dieser Sache „interessiert es uns.“

Sobald sich dieses Ethos in der Wirklichkeit äußert und als soziale Norm anerkannt und im Sozialisationsprozess internalisiert (46) ist, wird „die ethische Praxis des Alltagsmenschen … so ihrer Plan- und Sinnlosigkeit entkleidet und zu einer konsequenten Methode der gesamten Lebensführung ausgestaltet“ (115). Mit dem “Gedanken der Notwendigkeit der Bewährung des Glaubens im weltlichen Berufsleben“ (120) wurde ein Arbeitsethos, “etwas gänzlich Transzendentales” (78), entwickelt, das Menschen dazu antrieb, die Vorstellung von Arbeit mit einem hoch entwickelten „Verantwortlichkeitsgefühl“ zu verbinden und Arbeit so zu betreiben, als ob sie „absoluter Selbstzweck, ´Beruf`, wäre“ (46).

Dass “Gelderwerb … sofern er in legaler Weise erfolgt – innerhalb der modernen Wirtschaftsordnung das Resultat und der Ausdruck der Tüchtigkeit im Beruf” sei und “diese Tüchtigkeit … das A und O der Moral”, wurde für den Arbeiter „ebenso charakteristisch“ wie für den Unternehmer: die Auffassung von Erwerb im Beruf war dabei deckungsgleich mit der einer rationalen Lebensführung auf der Grundlage der Berufsidee (78, 81, 199f.). Nach Weber erzieht und schafft sich der moderne Kapitalismus im Wege der ökonomischen Auslese die Wirtschaftssubjekte – Unternehmer und Arbeiter – deren er bedarf. Weil sich im Prinzip kein Mensch solcher Berufspflicht entziehen kann, entsteht eine wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche, kulturelle und mentale Ordnung, die Weber Kapitalismus nennt, ein moderner, rationaler Betriebskapitalismus, der dem Einzelnen, soweit er in den Zusammenhang des Marktes verflochten ist, unwiderruflich die Normen seines wirtschaftlichen Handelns aufzwingt (79) (siehe dazu auch Kaesler, 2010, 14).

Historisch registriert David Landes in seiner sorgfältig recherchierenden Studie über „Reichtum und Armut der Nationen“ zunächst für das 18. und 19. Jahrhundert „eine ökonomische Gewichtsverlagerung in den Norden Europas“. Bei der Suche nach der Ursache für diese Entwicklung sieht er, dass die verlierenden Länder sich bei der beginnenden Erschließung der Welt im Fall Italiens auf ihre alten Handels- und Handwerkszentren (im Mittelmeerraum) und im Fall von Spanien auf die Verwaltung und Nutzung der in Übersee geplünderten Reichtümer beschränkt hätten. Dagegen setzten die gewinnenden Länder eher auf Fischfang, Getreideanbau, die Fertigung von Textilien, Holz-, Kohle- und Eisenproduktion: „Sie bauten auf Arbeit“ (Landes 1999, 191 f.).

1904/05 habe nun Max Weber, ein „Muster an sozialwissenschaftlicher Vielseitigkeit“, einen „der bedeutsamsten und provokativsten Essays, die je geschrieben wurden: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, veröffentlicht. Dort habe er eine überzeugende Erklärung vorgetragen für die sich damals abzeichnenden strukturellen Veränderungen im Wirtschaftsverhalten. Mit der Reformation habe sich insbesondere über dessen Variante des Calvinismus eine kulturelle Transformation der Alltagsethik vollzogen, die Arbeit zu einer Lebensform machte, die sich grundlegend von der bisherigen unterschied: „rational, ordentlich, fleißig, produktiv“, kurzum: „die Schaffung eines neuen Menschen“ (Landes 1999, 195 f.).

Aber bereits Max Weber ahnte die Gefahr, dass sich mit den wirtschaftlichen Erfolgen des kapitalistischen Systems, die selbst Marx kommen sah, dieses asketisch geprägte Ethos ausdünnen mochte, womit sich der Kapitalismus seiner ethischen Grundlage zu entledigen drohte, als „Gehäuse“ aber weiter funktionierte. Weber drückte seine Sorge in Worten aus, die sowohl seine visionäre Stärke als auch die Kraft seiner Sprache eindrucksvoll belegen: “Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden, oder aber – wenn keins von beiden, mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krampfhaften Sich-Wichtig-Nehmen verbrämt. Dann aber könnte für die ‚letzten Menschen‘ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: `Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben ` “(201).

Das sind die Fragen und Sorgen eines Sozialwissenschaftlers, der Befürchtungen hegt, die in Wirtschaft und Gesellschaft mit Aufklärung und ethisch fundierter Marktwirtschaft gewonnenen Freiheiten könnten verloren gehen in einer Welt der Bürokratie, die Weber einst als “Herrschaft der Experten(Fachleute)” definiert hatte und sich inzwischen als gängige Herrschaftsform aller großen Organisationen entpuppte. Dort droht mit dem Ausufern rein rechenhafter Versachlichungskalküle eine Verletzung der Würde von Einzelmenschen. Wo dann reiner Gelderwerb und reines Herrschaftsstreben den Vorrang erhalten vor steten Wohlstand fördernder Berufs- und Sinnerfüllung im Sinne innerweltwirtschaftlicher Askese und der Ansammlung und Bewahrung von Vermögen aller Art, ersticken Fachmenschen ohne Geist, residierend in “stahlharten Gehäusen” mit dem Anspruch auf deren vorgebliche Rationalitäten, letztlich jegliche Spontaneität menschlichen Handeln in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, weil diese Welt sich ihres religiös- ethischen Sinnes entledigt hat.

Jedoch, was immer geschieht, Menschen werden stets nach dem Sinn ihrer Arbeit fragen. Wie sich die Kultur einer Gesellschaft entwickelt, dürfte daher bestimmt sein durch den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Umgang mit ihrer Arbeit.

4. Arbeit in der Marktwirtschaft

Offensichtlich gilt gegenwärtig die Erwerbsvariante der Arbeit als rationalisierteste Form gesellschaftlich relevanter Tätigkeit. In sich entwickelnden Marktwirtschaften schien es normal zu sein, den mutmasslich gesellschaftlichen Wert von Arbeit über Marktpreise zu erfassen. Das war wichtig, um sie besteuern zu können. All das galt für Erwerbsarbeit. Zudem konnte deren Gesamtsumme als Wert der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung ausgegeben werden.

Weniger interessierte den Staat in der Marktwirtschaft der gesellschaftliche Wert der Arbeit, die in den privaten Haushalten von Familien geleistet wird. Das aber ist exakt die Arbeit, die wegen der unmittelbaren Versorgung, Pflege und Erziehung der Haushaltsmitglieder, insbesondere einer umfassenden Verantwortlichkeit für das Wohl der Kinder, ein unentbehrliches Kernstück jeglicher Art der gesellschaftlichen Daseinsfürsorge ist. Dass jene Leistungen nahezu selbstverständlich - ohne besondere Einkommensanreize – angeboten wurden, ließ den Eindruck aufkommen, sie erfolgten kostenlos. So ergab sich eine groteske Entwicklung: Alle Aufwendungen, die für die nachwachsende Generation und die Erhaltung der Schaffenskraft der produzierenden Generation erbracht wurden, verloren das Prädikat, Arbeit zu sein. Alle Leistungen zur Förderung der produktiven Kräfte einer Gesellschaft schienen unter diesem Aspekt mangelnder unmittelbarer Messbarkeit zur "Wertlosigkeit" zu entarten. Im Gegensatz dazu stieg Erwerbstätigkeit in den Rang eines all umfassenden Arbeitsbegriffs auf. Dazu reichte anscheinend die Eigenschaft, solche Leistungen über den Maßstab der am Markt sichtbar werdenden Tauschwerte numerisch zu erfassen.

Familientätigkeit als Arbeit war hinfort kein Thema, dem in der Öffentlichkeit und Politikebene sonderliche Bedeutung zugemessen wurde. - Auch in den entstehenden Systemen der sozialen Sicherung erhielt Erwerbsarbeit einen höheren Stellenwert für das Ausmaß der Alterssicherung des Einzelnen als dessen konkrete Daseinsvorsorge für Kinder und andere Familienmitglieder. Dogmenhistorisch von Bedeutung ist allerdings der Streit, den Friedrich List gegen die Klassik führte – mit dem Vorwurf, für sie stehe fest: Wer Schweine züchtet, ist produktiv. Wer Menschen erzieht, ist unproduktiv (siehe Krüsselberg, H. G., Die Fabel von der Unproduktivität der Arbeit im Familienhaushalt, in: Uta Meier (Hg.), Vom Oikos zum modernen Dienstleistungshaushalt. Der Strukturwandel privater Haushaltsführung. Frankfurt/New York 1997, S. 85-100.

Erst allmählich tritt die Tatsache, die jedermann alltäglich erlebt, wiederum in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, dass in den Familienhaushalten jene werteschaffenden Leistungen erbracht werden, die den privaten Lebensbereich der Menschen mit Inhalten erfüllen und dessen Lebensqualität und Sinngehalt bewirken. Natürlich fallen diese für andere zu erbringenden Versorgungs-, Pflege- und Erziehungsleistungen der Familien im Lebenszyklus der Menschen, insbesondere im Familienzyklus mit unterschiedlicher Belastungsintensität an. Dennoch kann grundsätzlich gesagt werden, dass Familientätigkeit (jeweils für andere Familienmitglieder erbracht) zusätzlich zur Erwerbsarbeit - von zahlreichen Personen unabdingbar - zu leisten ist. In den Familienhaushalten verknüpfen sich stets Arbeitsleistungen unterschiedlicher Art in einem System der Gegenseitigkeit von Begünstigungen und Hilfen.

Daraus folgt zwingend die gesellschaftspolitische Notwendigkeit, Arbeit stets umfassend zu definieren und nicht etwa auf Erwerbstätigkeit zu beschränken. In diesem Sinn ist Arbeit zunächst zu verstehen als das bewusste Handeln zur Befriedigung von Bedürfnissen, als Teil der Daseinserfüllung des Menschen. Arbeit ist zweckgerichtete, dem arbeitsteiligengesellschaftlichen System eingefügte und in mannigfaltiger Weise nützliche Tätigkeit. Jeglicher Wohlstand einer Gesellschaft ist das Ergebnis der Existenz von Geschicklichkeit, Sachkenntnis, Erfahrung und Urteilsvermögen, die beim Einsatz menschlicher Arbeit in Wirtschaft und Gesellschaft zur Wirkung gelangen. Menschliche Arbeit ist deshalb eine Aktivität besonderer Qualität. Sie ist – das sei erneut nachdrücklich hervorgehoben - die Basis für die wohl grundlegendste Eigenschaft des Menschen, permanent danach zu streben, seine Lebensbedingungen zu verbessern. Arbeit genießt deshalb den besonderen Schutz der Gesellschaft – zunächst den des Grundgesetzes, dann den des auf dessen Basis errichteten Systems organisierter Arbeit Arbeitsmarktordnung, ergänzt durch den Schutz des Sozialgesetzbuches, nicht zuletzt dort formuliert in § 1 der Aufgabenstellung und § 2 (mit dem Stichwort der sozialen Rechte).

5. Arbeit in freiheitlichen Demokratien: Soziale Rechte im gesellschaftlichen Lebenszusammenhang

Freiheitliche Demokratien sind der Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit verpflichtet. Sie wollen den Menschen Lebensbedingungen bieten, die dazu beitragen,

  • ein menschenwürdiges Dasein zu sichern,
  • gleiche Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere auch für junge Menschen, zu schaffen,
  • die Familie zu schützen und zu fördern,
  • den Erwerb des Lebensunterhalts durch eine frei gewählte Tätigkeit zu ermöglichen und
  • besondere Belastungen des Lebens, auch durch Hilfe zur Selbsthilfe, abzuwenden oder auszugleichen.
Jeder Mensch hat zur Entfaltung seiner Persönlichkeit ein Recht auf Erziehung, ein Recht auf eine Ausbildung, die seiner Neigung, Eignung und Leistung entspricht, ein Recht auf Hilfe zur Erlangung und Erhaltung eines angemessenen Arbeitsplatzes, auf wirtschaftliche Sicherung bei Arbeitslosigkeit und bei Zahlungsunfähigkeit des Arbeitgebers sowie ein Recht auf Zugang zur Sozialversicherung (siehe dazu §§ 1 bis 10 des Sozialgesetzbuches der Bundesrepublik Deutschland)

Zu dieser Auflistung von humanen Rechten im Sozialgesetzbuch äußerte sich eigens die Sachverständigenkommission für den Fünften Familienbericht (1994). Sie meinte, dort thematisiere der Gesetzgeber in bislang kaum zureichend gewürdigter Weise den fundamentalen gesellschaftlichen Kontext, in den Arbeit in Demokratien liberalen Zuschnitts einzubetten sei. Dezidiert war hier die Rede von einer „Charta der sozialen Rechte“. Dabei war klar, dass der Begriff „Charta“ nicht im Sinne eines (Staats-)Grundgesetzes verwendet wurde, sondern eher (wie im Völkerrecht) als Programm für eine zukünftige (Friedens-)Ordnung, wie es vielfach in den Arbeiten von Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack der Fall war.

In der aktuellsten Fassung der „Übersicht über das Sozialrecht“ der Bundesrepublik Deutschland wird nun angemerkt, „die Hoffnung des Gesetzgebers, die er in § 2 Abs. 2 SGB I ausgedrückt hat, dass nämlich die sozialen Rechte bei der Auslegung der Vorschriften der Sozialgesetzbuches und bei der Ausübung von Ermessen zu beachten seien, hat sich nicht erfüllt“ (Übersicht 2010, 9). Damit wird aber nichts anders gesagt, als dass die deutsche Rechtsprechung in diesem Bereich die Intention des Gesetzgebers missachtet hat und ihr ein Versäumnis gegen die Prinzipien einer Sozialen Marktwirtschaft anzulasten ist. Schließlich hatte der Gesetzgeber formuliert: “Die nachfolgenden sozialen Rechte sind bei der Auslegung der Vorschriften dieses Gesetzbuchs und bei der Ausübung von Ermessen zu beachten; dabei ist sicherzustellen, dass die sozialen Rechte möglichst weitgehend verwirklicht werden.“ In diesen Worten wird wohl nicht lediglich nur eine „Hoffnung“ angedeutet; mit ihnen erfolgt eine unmissverständliche Anweisung, die auf ihre Anwendung gleichwohl noch wartet.

6. Der Arbeitsbegriff der Wissenschaft

Deshalb erweist es sich als notwendig, Arbeit in der Wissenschaft so zu definieren, dass sowohl deren individuelle als auch ihre gesellschaftliche Bedeutung sichtbar wird. Hilfreich dürfte hier sein, sie so zu sehen, wie es in der Konzeption von Zeitbudgetstudien geschieht. Arbeit ist immer Zeitverwendung. Sie ist immer auch Leistung. Zeit ist aus der Perspektive der Ökonomik gesehen die individuell knappste, weil nicht beliebig vermehrbare Ressource. Grundsätzlich ist es eine Frage von hoher gesellschaftlicher Bedeutung, welchen Stellenwert eine Gesellschaft unterschiedlichen Zeitverwendungsmustern zubilligt. Im Prinzip geht es um die Beantwortung der Frage nach Lösungen für potenzielle Wertunterschiede oder gar Zielkonflikte beim „Einsatz“ knapper Zeit etwa für „Arbeit“ oder „Muße“, für „Konsum“ oder „Investition“, für „Familienarbeit“, „Erwerbsarbeit“ und „gesellschaftlich notwendige oder erwünschte Arbeit“. Permanent muss in Haushalten, Unternehmen, Staat und Gesellschaft entschieden werden, welche Art von Arbeit gerade jetzt eingesetzt werden soll. Dabei ist nicht immer ein Preis bekannt, der den jeweiligen Wert des Arbeitseinsatzes signalisiert. Das gilt gleichermaßen für Individuen, Familienhaushalte, Unternehmen, Organisationen und Gesellschaften.

In den Sozialwissenschaften ist Arbeit das Stichwort für den konkreten Einsatz, die individuelle Entfaltung von persönlichen Handlungspotenzialen physischer, psychischer, sozialer und kultureller Art, also für den Einsatz von Humanvermögen in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen. Arbeit ist eine zweckgerichtete Aktivität, deren Formen und Inhalte sich im Lebenszyklus verändern. Schon dessen Beginn, die Geburt von Kindern und der damit einhergehende Sozialisationsprozess, ist äußerst arbeits-, weil zeitintensiv, ohne dass dies den beteiligten Akteuren immer bewusst sein muss. Das Erlernen von Fähigkeiten, das zu leisten, was später Arbeit genannt werden kann, stellt sicherlich das erste und zugleich zentralste Element des Sozialisationsprozesses dar. Hier ist mehrfach Aktivität verlangt, schon vom Kind, zugleich von Eltern, Geburts- und Pflegehelfern, Lehrern u. a., - Aktivität in Gestalt nicht monetär entlohnter Arbeit und auch monetär entgoltener mit dem Ziel der Qualifizierung von Arbeitskraft.

Unter diesem Aspekt muss dann auch bedacht werden, wie stark von Lebensbeginn an Arbeit investiven Charakter hat. Wenn nach moderner Auffassung selbst Kinder, sobald sie geboren sind, beginnen müssen, „selbst in sich zu investieren“, wird die bisher dominierende Sicht von Arbeit, sie müsse auf Erwerbsarbeit bezogen sein, obsolet. Wenn zudem derzeit zur Erhaltung ihrer Erwerbsfähigkeit von allen Beschäftigten gefordert wird, lebenslang „in sich selbst zu investieren“, und dies für die Produktionspotenziale in der Generationenfolge ständig gewichtiger wird (siehe dazu Krüsselberg 1992, 31 ff.), bedarf es eines nahezu revolutionären neuen Zugangs zum Thema „Arbeit in modernen Gesellschaften“, was vielen gesellschaftlichen Entscheidungsträgern nur allmählich bewusst zu werden scheint.

Allerdings scheint die Meinung langsam konsensfähiger zu werden, dass der Wohlstand moderner Gesellschaften das Ergebnis eines ständigen Prozesses der Bildung von Humanvermögen ist, der auf den Pflege-, Fürsorge- und Erziehungsleistungen in den Familien der Gesellschaft (als Sozialisationsprozess), dann auch in den gesellschaftlich geprägten Bildungsprozessen in Schule, Wirtschaft und den demokratischen Institutionen des politischen Lebens basiert. Die Bildung von Human vermögen bedeutet die Verkörperung von Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung in Menschen, den Erwerb von Geschicklichkeit, Sachkenntnis, Erfahrung und Urteilsvermögen.

Mit dem Fünften Familienbericht (1994) ist die Botschaft ins Land gegangen: Nur über eine erfolgreiche Humanvermögensbildung in Familie und Schule wird eine innovative und effiziente Wirtschaft und darüber hinaus eine dynamische, weltoffene Gesellschaft möglich.

Zu erinnern bleibt:

In allen Lebensbereichen ist zu deren Erhalt Arbeit erforderlich.

Arbeit ist jedoch nicht natürwüchsig existent; Arbeit ist ein Kulturprodukt.

Arbeit zu finden – so sollte die marktwirtschaftliche Position umschrieben werden – hängt von der Fähigkeit der Einkommen für ihre Arbeit suchenden Mitglieder von Haushalten ab, sich am Markt mit Leistungsangeboten so anzubieten, dass sie auf eine Nachfrage stoßen.

Solche Angebote können produktive Leistungen wie Güter bestimmter Art oder auch eigene Dienstleistungen sein, die sie selbständig, also als Unternehmer anbieten. Sie auszuüben setzt voraus, dass sie sowohl über Startkapital verfügen oder sich solches beschaffen können – in kleinen oder großen Volumina - , um Produktivvermögen (Anlagen, Rohmaterialien u.ä.) erwerben oder auch Mitarbeiter (Humanvermögen) anwerben zu können, als auch über ein Bewusstsein, bestimmte berufliche Qualifikationen zu besitzen, und Risikobereitschaft sowie Durchsetzungsvermögen. Vielfach wird moniert, wie hoch allein der bürokratische Aufwand an Zeit und Geld bei Unternehmensgründungen ist. Für ihre Aktivitäten erzielen Unternehmer ein Unternehmer- oder Gewinneinkommen.

Unselbständige Arbeit übt derjenige aus, der bereit ist, in freier Entscheidung, weil er das unantastbare Vermögen an der eigenen Person besitzt, sich von Unternehmern oder Unternehmen anwerben zu lassen und seine Tätigkeit gegen Entlohnung in einen organisatorischen Rahmen weisungsgebunden einzubringen. Er überträgt das Risiko, die erzeugten Produkte selbst vermarkten zu müssen, an andere für ein vereinbartes festes Lohn- oder Erwerbseinkommen

Prinzipiell sind alle Wirtschaftssubjekte, die irgendeine Variante von Vermögen besitzen und diese investiv nutzen, Unternehmer. Das gilt für Immobilien ebenso wie für Sparguthaben, Wertpapiere u.ä. und ganz gewiss für Humanvermögen. Als Investoren erzielen sie ein Gewinneinkommen, wie immer es sich nennen mag, etwa Zins, Dividende oder Nettomiete. Das weiss die marktwirtschaftliche Ordnungstheorie seit Adam Smith (siehe oben 3.1.): Für Adam Smith ist – wie bewusst noch einmal wiederholt werden soll - ein Mensch wirtschaftlich erst dann wirklich frei, wenn er fähig ist, in einem doppelten Sinne Vermögen zu erwerben und zu besitzen: einmal an der eigenen Person, zum anderen –zumindest anteilig – an jenen Gütern, die er über seinen Lebensunterhalt hinaus durch seine Arbeit produziert.

In freier Entscheidung, weil er das unantastbare Vermögen der eigenen Person besitzt, kann er Unternehmertätigkeit oder Unselbständige Arbeit zum Schwerpunkt seiner Arbeit machen, auch beides miteinander kombinieren. Darüber hinaus kann jede Person Vermögen unterschiedlicher Spielart akkumulieren und für dessen Anlage Renditen, also weiteres Einkommen erzielen.

Arbeit und Anlageformen zu finden – so wurde oben die marktwirtschaftliche Position umschrieben – hängt von der Fähigkeit der Einkommen für den Einsatz ihres Arbeits- und wirtschaftlichen Vermögens suchenden Mitglieder von Haushalten ab, sich am Markt mit Leistungsangeboten so anzubieten, dass sie auf eine Nachfrage stoßen.

Grundsätzlich gilt, dass sich der Selektionsprozess der Gründung von Unternehmen, der Anlage von Vermögen und auch der Arbeitsplatzsuche über alle Sektoren der Wirtschaft erstreckt. Dies umfasst auch die Gründung von staatlichen, kirchlichen, genossenschaftlichen u. ä. Unternehmen (Krüsselberg 1995, 31 ff.). Eine moderne Gesellschaft eröffnet somit Chancen, wenn sie die grundlegenden Freiheiten schützt sowie eine große Breite an Möglichkeiten schafft, mit Arbeit Einkommen zu erzielen. Es gibt

1) Arbeit, die in einem gesellschaftlich geordneten Feld angeboten wird, in einem Bereich, der gesetzlich sorgsam abgegrenzt und geregelt wird, das ist in weitesten Sinne sowohl der offizielle Arbeitsmarkt als auch der Markt für Unternehmensgründungen. Allerdings findet

2) Arbeit ebenfalls außerhalb dieser regulierten Beschäftigung statt, in einem Sektor, der als irregulär oder inoffiziell oder auch als „Schattenwirtschaft“ bezeichnet wird, gleichwohl Arbeitskapazität, also Arbeitskräfte bindet. Vielfach wird betont, die Bürger wichen hier vornehmlich dem Zugriff der fiskalischen Interessen des Staates aus. Vielleicht aber sollte dennoch darüber nachgedacht werden, wie viel an wechselseitiger Solidarität im Spiel ist, wenn hier Menschen untereinander Leistungen austauschen, die punktgenau eigene Interessen widerspiegeln. Aktuell bleiben deshalb Fragen z.B., inwieweit unternehmerische Potenziale an bürokratischen Hürden scheitern.

Unser Überblick über die Chancen der Einkommenserzielung durch Arbeit sollte nicht enden ohne Erwähnung der Frage, ob nicht auch Einkommen erzielt werden können, ohne Arbeit zu leisten. Schließlich zeigt ein Blick in die Realität unserer Gesellschaft, dass in den vergangenen Jahrzehnten der Anteil der „Übertragungen“, von Zahlungen für und Einnahmen an Personen „ohne spezielle Gegenleistung“, das Volumen der sogenannten „Transfereinkommen“ (Renten, Pensionen, Unterstützungen, Beihilfen, Versicherungsleistungen) Einkommen, stetig gewachsen ist. Hier wird die marktwirtschaftliche, auf Entlohnung durch Marktleistungen basierende Einkommensverteilung durch eine staatliche Umverteilung ergänzt. Damit soll denjenigen, die einkommenslos sind, das Existenzminimum gesichert werden.

Die Idee der sozialen Marktwirtschaft geht jedoch dahin, dass die Qualität des humanen Arbeitsvermögens mehr als die Sicherung des sozialen Existenzminimums gewährleisten soll, nicht zuletzt durch die Befähigung zum Unternehmertum, dass darüber hinaus die Bildung privater Vermögen zur Abdeckung allgemeiner wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Risiken staatlich zu fördern und der Umfang kollektiver sozialer Sicherung zu minimieren sei.

Ein anderes Thema als das in diesem Beitrag gestellte lautet deshalb: Darf es Einkommen ohne Arbeit geben und wenn ja, unter welchen Bedingungen? (Arbeitslosigkeit: Soziale Sicherung)

7. Schlussbemerkung

Arbeit zum Zweck des Erwerbs dient der Ansammlung von Mitteln zum Lebensunterhalt und der Akkumulation von Vermögen, wobei Humanvermögen dessen wichtigste Variante ist. Jeder Mensch ist Unternehmer seiner Selbst und damit für die Entwicklung seiner Persönlichkeit im Rahmen seiner Begabung ebenso verantwortlich wie für den Einsatz seiner Handlungspotenziale in Familie, Wirtschaft, Staat und Gesellschaft.

Vor welcher Instanz er verantwortlich ist, bleibt in einer „offenen Gesellschaft“ jedem Einzelnen, also seiner Wahl vorbehalten. Da aber auch hier von der Verfassung eine gesellschaftliche Verantwortung für jeden Einzelnen gefordert wird („Die Würde des Menschen ist unverletztlich“), bleibt für ihn ebenso wie für alle anderen eine Pflicht zur Mitwirkung an öffentlichen Aufgaben, an der gesellschaftlich notwendigen Arbeit bestehen.

Die Ordnungsphilosophie der Sozialen Marktwirtschaft wurzelt nach der Überzeugung ihrer wichtigsten Vertreter, hier nach Erhard/Müller-Armack (1972: 12 f., 61) in „Kategorien, die (...) den Menschen in den Mittelpunkt stellen“. Im „zentralen Punkt des Systems“ gibt es „keinen Kompromiss: Das Prinzip der freien Entfaltung der Persönlichkeit und der Selbstbestimmung ist unantastbar; es ist erforderlich, die Handlungs- und Entscheidungsfreiheit des Einzelnen ständig zu erweitern“. Dabei erhält die Annahme grundlegendes Gewicht (Nell-Breuning 1960: 13 f.), dass „der arbeitende Mensch“ seine „Selbstverwirklichung in seiner Arbeit erleben“ will, dass er seine Arbeit als „sinnvoll“, „als eine für die Gesellschaft, d.h. für seine Mitmenschen wichtige, ja unersetzliche Leistung (...) ansehen kann“ und sich selbst als ein „um seiner Leistung willen achtenswertes Glied der menschlichen Gemeinschaft“.

Für ein System der Sozialen Marktwirtschaft folgt daraus, dass es sinnvoll ist, alle Varianten menschlicher Arbeit, menschlicher Geschicklichkeiten und menschlichen Wissens zu fördern und ihnen Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten. Die Handlungsfreiheiten der Menschen zu erweitern – das betonte bereits die marktwirtschaftliche Klassik - heißt zugleich den gesellschaftlichen Wohlstand zu steigern. Menschliches Handlungsvermögen, Humanvermögen, konstituiert sich in einem immer währenden Prozess der Entfaltung von Arbeit. In der gesellschaftlichen Bewertung steht dieser Prozess unter dem Aspekt vor allem der Kriterien der Freiheit, Gerechtigkeit, sozialen Sicherheit, der Solidarität und Subsidiarität sowie der Verantwortlichkeit bis hin zur Verantwortung des informierten aufgeklärten Bürgers für die Wahrung der Freiheit des Gemeinwesens. Arbeit ist immer Leistung. Deshalb gilt es, jedem Bürger Arbeit zu ermöglichen und ihm Leistungschancen zu eröffnen. Leistungsgerechtigkeit ist eine zu Recht vieldiskutierte Variante von Gerechtigkeit und zugleich ein Pfeiler im Bündel der Gerechtigkeitskriterien der Sozialen Marktwirtschaft (Soziale Gerechtigkeit).

Literaturhinweise:

  • Bundesministerium für Familie und Senioren (Hrsg.) (1994), Familien und Familienpolitik im geeinten Deutschland - Zukunft des Humanvermögens, Fünfter Familienbericht, Bonn;
  • Eisler, R., Hrsg. (2008), Kant-Lexikon, Hildesheim;
  • Engels, F. (1955),, Das Kapital“, in: Marx (1955), 817 – 824.;
  • Engels, F.(1990), Herrn Eugen Dühring´s Umwälzung der Wissenschaft (1894), in: Karl Marx, Friedrich Engels (1990), Werke, Band 20, Berlin;
  • Erhard, L./Müller-Armack, A. (1972), Soziale Marktwirtschaft: Manifest 72, Frankfurt/Berlin/Wien;
  • Kaufmann, F.X./Krüsselberg, H.G. (1984), Markt, Staat und Solidarität bei Adam Smith, Frankfurt, New York;
  • König, R.(1967), Soziologie, Frankfurt/M.;
  • Korff, W. u.a.(Hrsg.) (1999), Handbuch der Wirtschaftsethik, Band 1: Verhältnisbestimmung von Wirtschaft und Ethik, Gütersloh, 88-99; 375-461;
  • Krüsselberg, H.-G. (2007), Humanvermögen - Ein Blick auf die Quelle des gesellschaftlichen Wohlstandes, Universitätsreden 174, Oldenburg;
  • Landes, D. (1999), Reichtum und Armut der Nationen, Darmstadt;
  • Marx, K.( 1955), Das Kapital, Erster Band, Berlin;
  • Marx-Lexikon (1988), Lieber, H.J./ Helmer, G.,Hrsg.;
  • Nell-Breuning, O. von (1960), Die Stellung der Arbeit unter den Werten, in: Heidelberger Studio (Hrsg.), Unser Verhältnis zur Arbeit, Stuttgart, 9-15;
  • Smith, A. (1974), Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, München;
  • Weber M. (2010.), Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, herausgegeben und eingeleitet von Dirk Kaesler, München.
Hans-Günter Krüsselberg