Demographische Entwicklung

1. Fakten

Das 20. Jahrhundert wird als das Jahrhundert der größten Bevölkerungszunahme in die Geschichte der Menschheit eingehen. Lebten um 1900 weltweit gut 1,5 Milliarden Menschen, waren es 1950 bereits 2,5 Milliarden. Am Ende des Jahrhunderts bevölkerten mehr als 6 Milliarden Menschen unseren Planeten, 2011 wird voraussichtlich die 7-Milliarden-Schwelle überschritten. Was vorher mehrerer tausend Jahre bedurfte, erfolgte im 20. Jahrhundert innerhalb weniger Dekaden – eine Vervielfachung der Bevölkerung.

1.1 Wachsende Weltbevölkerung

Das Bevölkerungswachstum wird auch in diesem Jahrhundert weitergehen, wenn auch verlangsamt. Nach Schätzungen der UN dürften im Jahr 2030 etwas mehr als 8 Milliarden Menschen und im Jahr 2050 rund 9 Milliarden Menschen leben. Diese Zahl ist weit von den Katastrophenszenarien entfernt, die eine Bevölkerungsexplosion prognostiziert hatten. Sie bedeutet aber trotzdem eine gewaltige Herausforderung, weil noch einmal gut 2 Milliarden Menschen mehr als heute Wasser, Nahrungsmittel, Energie und Rohstoffe beanspruchen werden! Allerdings sind knapper werdende natürliche Ressourcen und zunehmende ökologische Probleme weniger die Folge des globalen Bevölkerungswachstums als eher die Konsequenz des individuellen Produktions- und Konsumverhaltens.

1.2 schrumpfende Bevölkerung in Europa

In Deutschland und den anderen OECD-Ländern in Europa und Nordamerika ist das Bevölkerungswachstum kein Thema mehr. Im Gegenteil, es zeichnet sich ein Schrumpfen der Bevölkerung ab. Leben heute in Deutschland etwas weniger als 82 Millionen Menschen, dürften es 2025 knapp unter 80 Millionen und 2050 nur noch 70 bis 75 Millionen sein, je nach Annahmen über die Größe der Zuwanderung (Internationale Wanderungen).

2. Ursachen

Die Entwicklung der Bevölkerung ist nur vom Verlauf zweier unabhängiger Variablen bestimmt: Geburtenhäufigkeit (Fruchtbarkeit, Fertilität) und Sterblichkeit (Mortalität). Für die nationalen Bevölkerungsgrößen kommt als dritte Unbekannte der (internationale) Wanderungssaldo dazu.

2.1 Viele Geburten bei sinkender Sterblichkeit außerhalb Europas

Das starke Wachstum der Weltbevölkerung im letzten Jahrhundert lässt sich im Kern auf eine ganz einfache Ungleichung zurückführen: Die Zahl der Geborenen übertraf bei weitem die Zahl der Gestorbenen. Damit bleibt die Frage zu beantworten, was zu diesem Auseinanderklaffen von Fruchtbarkeit und Sterblichkeit führte. Hier ist zunächst auf die demographische Transformation zu verweisen. Damit ist der Rückgang der Sterblichkeit in Afrika, Asien und Lateinamerika vor allem als Folge verbesserter medizinischer, hygienischer und wirtschaftlicher Lebensbedingungen angesprochen, dem erst zeitlich verzögert ein Rückgang der Fruchtbarkeit folgte. Dadurch entstanden die relativ starken Differenzen zwischen Geburten und Sterbefällen.

Zweitens haben die hohen Geburtenziffern der jüngeren Vergangenheit in Afrika, Asien und Lateinamerika zu einem Altersaufbau mit einem relativ gewichtigen Anteil von jungen Frauen geführt, die sich im reproduktionsfähigen Alter befinden oder gar erst in dieses hinein wachsen. Selbst wenn die Fruchtbarkeit ab heute, hypothetisch und aus welchen Gründen auch immer, sehr stark zurück ginge (bspw. auf 2 Kinder pro Familie), würden die Bevölkerungen noch sehr lange sehr stark wachsen. Diese Eigendynamik der Bevölkerungsentwicklung wird noch für einige Jahrzehnte eine weiterhin stark positive Wachstumsrate der Bevölkerung zur Folge haben.

2.2 starker Geburtenrückgang bei steigender Lebenserwartung in Europa

Seit Mitte der sechziger Jahre gehen in den industrialisierten Staaten die Geburtenzahlen zurück. Deutschland bildet dabei keine Ausnahme. Seit dem Höhepunkt des „Baby-Booms“ Mitte der sechziger Jahre ist die Fertilität stark zurückgegangen. 1965 brachten 100 in Deutschland lebende Frauen im Laufe ihres Lebens durchschnittlich etwa 250 Kinder zur Welt. Innerhalb einer Dekade (also bis 1975) sank die Geburtenhäufigkeit auf weniger als 150 Kinder. Seither ging diese Zahl weiter zurück – besonders dramatisch nach der deutschen Wiedervereinigung, weil vor allem in den neuen Bundesländern der Kinderwunsch stark zurückging. 1998 brachten 100 Frauen in Deutschland durchschnittlich gerade noch 133 Kinder zur Welt – halb so viele wie eine Generation früher.

Die Nettoreproduktionsrate (NRR) misst die Anzahl der lebendgeborenen Mädchen, die von 100 Frauen einer Generation zur Welt gebracht werden. Eine NRR von 100 bedeutet, dass ein Bevölkerungsstand konstant bleibt, weil eine Frauengeneration gerade durch die von ihr geborenen Töchter „ersetzt“ wird. Eine NRR < 100 (> 100) bedeutet, dass eine Bevölkerung schrumpft (steigt). Bspw. bedeutet eine NRR von 70, dass eine Bevölkerung innerhalb einer Generation um 30 v. H. schrumpft. Für Deutschland lag die NRR 1960 bei 110, 1975 bei 68, 1990 bei 70 und 1998 sowie 2008 bei 66, was bedeutet, dass innerhalb der nächsten Generation die deutsche Bevölkerung um rund 1/3 schrumpfen wird.

Die Gründe für den Geburtenrückgang lassen sich nicht allein in einem singulären Schlüsselereignis finden. So ist auch die These vom „Pillenknick“ nicht haltbar. Verhütungsmittel führen zwar zu einem Rückgang der ungewollten Geburten; ihre Verfügbarkeit stellt hingegen nur eine Bedingung, nicht aber die Ursache für den Geburtenrückgang dar. Nicht das Vorhandensein von Verhütungsmitteln ist entscheidend, sondern die Absicht, sie anzuwenden. Für die Erklärung des Geburtenrückgangs wichtiger dürften sein:

  1. der Funktionswandel der Familie
  2. das neue Rollenverständnis der Frau („Emanzipation“)
  3. die Individualisierung der Gesellschaft.
Der Wunsch nach Kindern wird heute verstärkt von den individuellen Interessen beider Lebenspartner geleitet. Hierbei fördert die Tatsache, dass Kinder „kostspielig“ sind, die Tendenz zur Klein- und Kleinstfamilie. Dabei geht es nicht nur um „direkte“ Kosten, sondern ebenso um indirekte (Zeit-) Kosten, die dadurch entstehen, dass wegen der Kinder berufliche (Karriere-) Chancen nicht wahrgenommen werden können.

Das 20. Jahrhundert hat in Deutschland zu einem markanten Anstieg der Lebenserwartung geführt. 1871 lag die Lebenserwartung bei Geburt für Knaben bei 36 Jahren und für Mädchen bei 38 Jahren. 1910 erreichte sie 45 Jahre für Knaben und 48 Jahre für Mädchen. Wer 2008 geboren wurde, darf damit rechnen, 77-jährig (Männer) bzw. über 82-jährig (Frauen) zu werden. Vor allem die Sterblichkeit im ersten Lebensjahr und zwischen 60 und 80 Jahren ist stark zurückgegangen. Ein weiterer Rückgang der Sterblichkeit wird in diesem Jahrhundert nach dem Stand des heutigen medizinischen Wissens nur sehr verlangsamt vorangehen. Noch ist die Formel zum ewigen Leben nicht gefunden, und so konnte gerade die maximale Lebenslänge auch im 20. Jahrhundert nur unwesentlich ausgedehnt werden.

3. Folgen

Mit der Schrumpfung der Bevölkerung in Europa entstehen gewaltige Probleme, die sich aus der veränderten Altersstruktur der Bevölkerung ergeben. Die Zahl der Jungen geht zurück, die Zahl der älteren und alten Deutschen und übrigen Europäer steigt. Es kommt zu einer Alterung der deutschen und europäischen Bevölkerung. Ist heute noch knapp die Hälfte der Deutschen weniger als 40 Jahre alt, steigt dieses Medianalter bis 2050 um runde 10 Jahre: Zur Jahrhundertmitte wird die Hälfte der in Deutschland lebenden Menschen demnach älter als 50-jährig sein.

Die Alterung der Gesellschaft lässt sich durch den sogenannten Altersquotienten eindrücklich veranschaulichen. Der Altersquotient (ALQ) drückt das Verhältnis von Rentner(innen) im Alter von 65 Jahren oder älter zur erwerbsfähigen Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren aus. Ein ALQ von 0,5 bedeutet also, dass einem Rentner zwei Erwerbsfähige gegenüberstehen oder anders ausgedrückt: Es gibt doppelt so viele Erwerbstätige als Rentner(innen). Ein steigender ALQ zeigt, dass einem Rentner immer weniger Erwerbstätige gegenüberstehen. Bei einem ALQ von eins gibt es gerade gleich viele Rentner wie Erwerbstätige. Für Deutschland ergeben sich für den ALQ folgende Werte: 1991: 0,22; 2000: 0,23; 2020: 0,32; 2040: 0,48. Also: Statt heute vier kommen in 40 Jahren nur noch zwei erwerbstätige Deutsche auf einen nicht mehr erwerbstätigen Deutschen.

3.1 Makroökonomische Folgen der demographischen Alterung Europas

Kaum ein Bereich der modernen Dienstleistungsgesellschaft wird von den Folgen der Alterung ausgespart bleiben. Zunächst wird sich eine Veränderung im Arbeitskräfteangebot ergeben. Immer weniger junge Arbeitskräfte werden bereit stehen, um die aus dem Produktionsprozess scheidenden älteren Arbeitskräfte zu ersetzen. Das heutige Problem der Arbeitslosigkeit wird hier also in Teilen durch demographische Prozesse entschärft. In einigen vom demographischen Wandel besonders betroffenen Regionen, etwa in Ostdeutschland, ist bereits zu beobachten, dass es sogar zu einem Mangel an jüngeren, leistungsfähigen Arbeitskräften kommt, der dann durch verschiedene Maßnahmen behoben werden könnte:

  • Das Ausschöpfen heute nicht beanspruchter „stiller“ Reserven (vor allem Frauen und „Frührentner“).
  • Die Flexibilisierung des Rentenalters auch nach oben (bspw. eine Erhöhung des Renteneintrittsalters entsprechend der längeren und weiter steigenden Lebenserwartung).
  • Eine verstärkte Zuwanderung (besonders von jungen Fachkräften).
  • Die Beschleunigung des (arbeitssparenden) Produktivitätsfortschritts.
Kurz gesagt, gerade die demographische Entwicklung wird einen stärkeren Einbezug der Frauen und älteren Menschen als Arbeitskräfte- und als Know-how-Reservoir erforderlich machen.

3.2 Wie sicher sind die Renten?

Längerfristig wird die Alterung der (deutschen) Gesellschaft zu einem Problem der Rentenversicherung führen. In Deutschland und nahezu allen anderen europäischen Ländern beruht der größte Teil der Altersvorsorge auf einem staatlichen Pflichtversicherungssystem, das nach dem Umlageverfahren finanziert wird.

In einem Umlagesystem finanzieren die Erwerbstätigen durch laufende Einzahlungen in das Rentensystem die auszubezahlenden Renten der nicht mehr Erwerbstätigen. Vereinfacht dargestellt gilt folgende Rentenformel: Die Summe der Beiträge (= Anzahl der Zahlenden multipliziert mit dem durchschnittlichen Beitragssatz, multipliziert mit dem Durchschnittseinkommen) muss der Summe der Auszahlungen (= Anzahl der Rentner multipliziert mit dem durchschnittlichen Rentensatz, multipliziert mit dem durchschnittlichen letzten Erwerbseinkommen) entsprechen.

Umlagesysteme reagieren relativ sensitiv auf Änderungen in der Altersstruktur einer Bevölkerung. Bei der sich in Deutschland abzeichnenden Alterung wird nämlich in der o. g. Rentenformel einerseits die Zahl der Einzahlenden geringer und andererseits die Zahl der Rentenbezugsberechtigten größer. Dadurch müssen entweder die durchschnittlichen Beitragssätze erhöht und/oder die durchschnittlichen Rentenauszahlungen (durch Reduktion der Höhe pro Periode oder durch späteren Renteneintritt) verringert werden (eine dritte Lösung bestünde in einer ungleichen Verteilung künftiger Produktivitätsfortschritte). Immer stärker gilt es wohl, die (gesetzliche, staatliche, obligatorische) Rentenversicherung auch durch eine zusätzliche zweite Säule zu ergänzen, die auf individueller und/oder betrieblicher Eigenvorsorge basiert (d.h. auf privaten Ersparnissen oder betrieblichen Fonds). Eine andere Lösung, deren Effekt aber zu schnell überschätzt wird, liegt in der Zuwanderung. Allerdings bedarf es je nach Prognosemodell jährlicher Zuwanderungsströme von mehreren hunderttausend Menschen, um den ALQ auf dem heutigen Niveau halten zu können. Zudem wirken die Zuwanderungseffekte nur temporär, da auch die Einwandernden früher oder später Ansprüche an das von ihnen mitfinanzierte Rentensystem stellen werden (Altersrente).

Schaubild: Durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland (1871-2011)

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Schaubild: Bevölkerungsanteile in Deutschland 2008 und 2060 nach Altersgruppen

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Schaubild: Bevölkerungsentwicklung Deutschland 1960-2050

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Literaturhinweise:

  • Bundesinstitut Für Bevölkerungsforschung (BiB) beim Statistischen Bundesamt, Materialien zur Bevölkerungswissenschaft, laufende Hefte, Wiesbaden;
  • Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch für Deutschland, (jährlich), Wiesbaden;
  • Statistisches Bundesamt (2009), Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden;
  • Vereinte Nationen (2008), World Population Prospects. The 2008 Revision, New York;
  • Weltbank, World Development Report, (jährlich), Washington.

Stefan Kolev

Thomas Straubhaar

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