Eigenverantwortung

Grundsatz der Eigenverantwortung

Eigenverantwortung bedeutet, dass jedes Individuum für sein Handeln und für die aus diesem Handeln resultierenden Folgen selbst verantwortlich ist.

Eigenverantwortung im Bereich marktwirtschaftlicher Handlungen

Dieser Grundsatz ist in denjenigen Fällen allgemein akzeptiert, in denen ein enger Zusammenhang zwischen Handlung und Folge der Handlung besteht. Beispiele sind unmittelbare Verletzungen des Freiheitsrechts anderer und die Erfüllung von Verträgen: Wer die Freiheitssphäre eines anderen verletzt, fügt diesem materiellen (Sachbeschädigung), immateriellen (Rufschädigung) oder körperlichen Schaden (Körperverletzung) zu. Hier ist es ein fundamentaler Rechtsgrundsatz, dass der Schädiger für den von ihm verursachten Schaden verantwortlich ist und deshalb für diesen aufkommen muss. Ebenso gilt, dass jemand, der sich durch einen Vertrag bindet, grundsätzlich dafür verantwortlich ist, dass er seine vertraglichen Pflichten erfüllt. Andernfalls kann sein Vertragspartner Schadenersatz verlangen.

In anderen Bereichen dagegen ist der Zusammenhang zwischen Handlung und Folge der Handlung weniger offensichtlich. Dies betrifft vor allem die Fälle, in denen ein Marktteilnehmer Einkommensverluste erleidet, ohne sich eines Fehlverhaltens bewusst zu sein. Auch hier gilt aber der Grundsatz der Eigenverantwortung: Bei der Berufswahl etwa werden sich einige Individuen für die Selbstständigkeit entscheiden. Andere werden eine abhängige Beschäftigung vorziehen. Nun bedeutet die Entscheidung für diese oder jene berufliche Tätigkeit keineswegs, dass damit ein bestimmtes Einkommen dauerhaft gewährleistet wäre. Sie bedeutet nicht einmal, dass das Einkommen allein von dem eigenen Verhalten abhängt. Zwar wird man den Konkurs eines Unternehmers, der aus Nachlässigkeit seine Anlagen veralten lässt oder keine zureichende Kostenkontrolle betreibt, als selbstverschuldet bezeichnen. Aber ebenso ist es möglich, dass er ohne eigenes Zutun aus dem Markt verdrängt wird, weil neue Wettbewerber mit völlig neuen und patentierten Produkten in den Markt treten (Offene Märkte: Markteintritt und Marktaustritt).

Ähnliches gilt für den Arbeitnehmer. Eine Entlassung wegen der Verletzung von Arbeitspflichten kann ihm unmittelbar als eigenes Verschulden zugeschrieben werden. Dies gilt jedoch nicht, wenn ihm trotz Fleiß und Engagement gekündigt wird, weil sein Arbeitgeber aus Rationalisierungsgründen die Stelle streicht oder gar in Konkurs geht. In dem Verhältnis zwischen Leistung und Erfolg spielen neben den individuellen Kenntnissen und Fähigkeiten viele Unwägbarkeiten und auch der Zufall eine erhebliche Rolle. Die Entlohnung richtet sich in der Marktwirtschaft nicht ausschließlich nach den Verdiensten und persönlichen Anstrengungen des Unternehmers oder des Arbeitnehmers, sondern nach der anonymen Bewertung der Leistung durch den Markt.

In Fällen, in denen der Unternehmer oder der Arbeitnehmer ohne ihr Zutun ihre Beschäftigung verlieren, gibt es nun meistens auch niemand anderen, der hierfür zur Rechenschaft gezogen werden darf. Beispielsweise ergibt sich aus einem Arbeitsvertrag kein genereller Anspruch auf unbegrenzte Beschäftigung, nicht gegenüber dem Arbeitgeber und schon gar nicht gegenüber Dritten wie etwa den Geschäftspartnern des Arbeitgebers. Daher muss jedes Individuum selbst die Konsequenzen seiner wirtschaftlichen Handlungen tragen, und zwar auch dann, wenn ihn am Scheitern seiner Anstrengungen kein Verschulden trifft.

Da die unmittelbar Beteiligten – der neue Konkurrent des Unternehmers oder der Arbeitgeber des Arbeitnehmers – nicht gezwungen werden können, Abhilfe zu schaffen, könnte man sagen, dass es Aufgabe der Gesellschaft sei, das Unternehmen bzw. die Arbeitsplätze vor der Vernichtung zu retten. Auch das ist jedoch verfehlt. Die Gesellschaft kann nur für das Scheitern einzelner Menschen am Markt einstehen, indem die hieraus resultierenden Lasten den übrigen Individuen auferlegt werden. Da diese in der Regel hierzu nicht freiwillig bereit sind, wäre dies ohne Zwang nicht möglich. Ein solcher Zwang ist jedoch ein unzulässiger Eingriff in die Freiheit des Einzelnen. Hieraus folgt, dass die umfassende individuelle Freiheit aller Bürger nur aufrechterhalten werden kann, wenn sie mit einer gleichermaßen umfassenden Verantwortung für das eigene Schicksal verbunden ist. In der marktwirtschaftlichen Ordnung hat somit jedes Individuum die Konsequenzen seiner wirtschaftlichen Handlungen auch dann zu tragen, wenn ihn am Scheitern seiner Anstrengungen kein Verschulden trifft.

Konsequenzen der Kollektivierung von Verantwortung

Für eine Gesellschaft, in der die Bürger ihre individuelle Verantwortung auf die Gemeinschaft verlagern können, ergeben sich langfristig Auswirkungen, die weit über die in jedem Einzelfall auftretende Verletzung des Freiheitsrechts hinausgehen. Erstens wird durch die fortgesetzte Abschiebung von Verantwortung auf die Gesellschaft die individuelle Freiheit in der Gesellschaft immer mehr von der Macht eines gesellschaftlichen Kollektivs verdrängt, welches den Menschen in dem Maße, wie es deren Verantwortung übernimmt, die Freiheit entziehen muss. Zweitens wird bei den Menschen die zunehmende Erwartung erzeugt, dass andere sich schon um die individuellen Probleme kümmern werden. Die Menschen sind dann immer weniger bereit oder verlernen sogar, Verantwortung zu tragen. Das Streben nach individueller Verantwortungslosigkeit führt somit nicht nur zu einer Verlagerung der Verantwortung auf die Gemeinschaft, sondern auf diese Weise letztlich auch zu ihrer Beseitigung. Dadurch werden auf Dauer die Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung der Freiheit und damit auch der Sozialen Marktwirtschaft zerstört. Denn ein Gemeinwesen, in dem sich die Menschen weder für sich selbst noch für die Gemeinschaft verantwortlich fühlen, ist nicht überlebensfähig.

Literaturhinweise

  • Eucken, W. (1990), Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 6. Aufl., Tübingen, S. 279-285;
  • Hayek, F. A. von (1991), Die Verfassung der Freiheit, 3. Aufl., Tübingen, S. 89-104.
Lüder Gerken