Institutionenökonomik

Die Institutionenökonomik beschäftigt sich mit der Rolle von Institutionen als Beschränkungen menschlichen Handelns. Unter Institutionen werden Langfristverträge, Organisationen, formelle Regeln wie Gesetze und Verfassungsregeln, aber auch informelle, nicht-formgebundene Regeln wie Moral, Sitten und Gebräuche verstanden. Als Vorläufer der modernen „Neuen Institutionenökonomik“ können der ältere amerikanische Institutionalismus, die deutsche Historische Schule und der Ordoliberalismus genannt werden. Innerhalb der Neuen Institutionenökonomik existieren verschiedene Forschungsgebiete, von denen die Prinzipal-Agent-Theorie, die Governance-Kosten-Theorie, die Property-Rights-Theorie einschließlich der Analyse des Rechts, die Public-Choice-Theorie und die Konstitutionenökonomik sowie die institutionenorientierte Wirtschaftsgeschichte die bedeutendsten sind. Auf diese Gebiete soll im Folgenden kurz eingegangen werden.

Moderne Wirtschaftssysteme beruhen auf einer mannigfaltigen Arbeitsteilung. Für nahezu jede Aufgabe gibt es einen Spezialisten, der die Kompetenz besitzt, schwierigste Probleme in einem eng abgesteckten Arbeitsfeld zu lösen. In anderen Arbeitsgebieten hat er in der Regel aber nur wenig oder gar kein Knowhow. So sind an der Produktion von Gütern wie z. B. Autos sehr viele Spezialisten beteiligt. Diese müssen gut organisiert zusammenarbeiten, um Güter und Leistungen zu erstellen, die sich im Wettbewerb behaupten können. Innerhalb solcher Zusammenarbeit gibt es Akteure, die die Verwirklichung von Projekten initiieren, und andere, die Auftragsarbeit leisten. Erstere werden innerhalb der Ökonomik als Prinzipale, letztere als Agenten bezeichnet. Ein grundlegendes Problem besteht nun darin, dass eine qualitativ hochwertige Leistungserstellung nur dann für einen Prinzipal überhaupt möglich ist, wenn der Agent auch gute Arbeit im Sinne des Prinzipals leistet.

Dies ist in der Realität ein gravierendes Problem, weil der Prinzipal den Agenten nicht perfekt überwachen kann. Zum einen kann er dies nicht, weil bereits das Informieren kostspielig ist. Man benötigt Zeit, die für andere Dinge nicht mehr zur Verfügung steht. Aber selbst, wenn der Prinzipal alles sehen könnte, was der Agent so treibt, könnte er die Tätigkeit doch nicht immer richtig beurteilen. Wenn wir z. B. eine Ingenieurin bei der Arbeit beobachten, wissen wir immer noch nicht, ob sie gut arbeitet oder nicht. Weil in der Realität Kosten des Informierens, des Verhandelns und des Überwachens – sogenannte Transaktionskosten – bestehen, hat der Agent einen Informationsvorsprung. Diesen kann er zum Nachteil des Prinzipals ausnutzen. Das ist z. B. der Fall, wenn Manager als Agenten den Aktionär-Prinzipalen vorgeben, sie bräuchten ein riesiges Budget sowie mehrere Sekretärinnen und Dienstwagen, obschon bei der Hälfte der Ausstattung kein Qualitätsverlust ihrer Arbeit einträte. Dies wiederum kann dazu führen, dass Projekte, die sowohl für den Prinzipal als auch für den Agenten grundsätzlich vorteilhaft sind, gar nicht durchgeführt werden, weil der Prinzipal das Risiko, ausgebeutet zu werden, nicht eingehen will. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die Prinzipal-Agent-Theorie mit der Frage: Wie können Verträge so gestaltet werden, dass der Agent durch die Art der Vergütung oder andere Verfahren Anreize erhält, die von ihm übernommenen Aufgaben im Sinne des Prinzipals zu erfüllen?

Ein ähnliches Problem behandelt die Governance-Kosten-Theorie. Hier stehen vertragliche und organisatorische Lösungen zur Absicherung von Investitionsvorhaben im Mittelpunkt der Betrachtung. Werden bestimmte Investitionsprojekte in die Tat umgesetzt, ist es keine Seltenheit, dass ein Handelspartner sich spezialisieren muss. Das bedeutet, er trägt etwas zu dem Investitionsvorhaben bei, das für das spezielle Projekt von immens großer Bedeutung ist, dessen Wert für andere Verwendungen aber gering ausfällt. Im Extremfall rüstet jemand seinen gesamten Maschinenpark um, damit ausschließlich die Fertigung für ein bestimmtes Großprojekt pünktlich und zu vereinbarter Qualität erfolgen kann.

Eine solche Spezialisierung wird sicherlich nur dann vorgenommen, wenn es sich um ein sehr gewinnträchtiges Objekt handelt. Aber selbst dann besteht für den sich spezialisierenden Akteur die Gefahr, dass er von seinem Partner ausgebeutet wird. Der Partner weiß schließlich, dass die Spezialisierung zu einer Abhängigkeit geführt hat und wird versuchen, dies nach und nach durch geschicktes Verhandeln zu seinen Gunsten auszunutzen. Wenn allerdings der sich spezialisierende Handelspartner derartige Ausbeutungspraktiken erahnt, wird er Absicherungen dagegen verlangen oder im Extremfall eine Projektbeteiligung ablehnen. In diesem Fall würde eine Investition, von der grundsätzlich alle profitieren würden, gar nicht durchgeführt. Die Governance-Kosten-Theorie befasst sich vor diesem Hintergrund mit Möglichkeiten, durch geschickte Vertragsgestaltung oder organisatorische Veränderungen die angesprochenen Ausbeutungsgefahren der Spezialisierung zu entschärfen, damit Investitionen zum wechselseitigen Vorteil relativ gefahrlos durchgeführt werden können.

Doch nicht nur Verträge und Organisationen dienen der Absicherung produktiver Tauschgeschäfte, sondern auch die Regeln des Rechts. Erst durch die Existenz verlässlicher Regeln entstehen gesicherte Freiräume, innerhalb derer Individuen Verträge zum wechselseitigen Vorteil schließen können. Absolute Freiheit, ein Zustand der Anarchie also, bei dem jeder tun und lassen kann, was er will, ist ähnlich unproduktiv wie ein Zustand umfassender staatlicher Planung, der keine individuellen Freiräume zulässt. Fortschritt in Form neuer Produkte und Verfahren, die von den Nachfragern gewünscht werden, können nur dann entstehen, wenn das Recht dafür sorgt, dass Freiheit zum Wettbewerb unter fairen Bedingungen entsteht. „Fair“ bedeutet hierbei, dass der Staat auf der einen Seite akzeptable Wettbewerbsregeln (Monopol- und Kartellrecht) schafft und zum anderen sicherstellt, dass die Wettbewerber nur solche Instrumente einsetzen, die keine unerwünschten Effekte auf Dritte (sogenannte Externalitäten) abladen. Mit solchen Fragen, wie die Handlungs- oder Verfügungsrechte der Akteure gestaltet sein sollten, um Externalitäten wirksam und kostengünstig zu beseitigen oder zu verringern, beschäftigen sich die Property-Rights-Theorie und die ökonomische Analyse des Rechts.

Nicht nur auf Gütermärkten herrscht Wettbewerb, sondern auch im politischen Sektor. Analog hängt es auch hier von den institutionellen Bedingungen ab, ob der Wettbewerb zwischen Politikern und anderen Staatsdienern (den politischen Agenten) zu wünschenswerten Ergebnissen im Sinne der Bürger (der Prinzipale) führt. Es ist das Verdienst der Public-Choice-Theorie (Theorie öffentlicher Entscheidungsprozesse) herausgestellt zu haben, dass Politiker nicht per se als Diener des Volkes agieren, sondern erst durch demokratische Kontrolle und andere Mechanismen Anreize erhalten, den Willen des Volkes zu vertreten. Mit der Folgefrage, wie produktive (Verfassungs-) Beschränkungen von politischen Agenten ausgestaltet sein sollten, beschäftigt sich die konstitutionelle Ökonomik (constitutional economics).

Die institutionenorientierte Wirtschaftsgeschichte geht davon aus, dass es im Laufe der Geschichte Phasen unterschiedlicher institutioneller Bedingungen gab, die die Gewinnaussichten von Innovationen maßgeblich beeinflusst haben. Sind die gesellschaftlichen Institutionen so beschaffen, dass Innovationen und Investitionen für den experimentierenden Akteur lohnend erscheinen, steigt die Zahl technischer Neuerungen in der Gesellschaft. Genau umgekehrt verhält es sich, wenn die potenziellen Innovatoren aufgrund der Beschaffenheit der gesellschaftlichen Institutionen keine finanziellen Anreize haben, ihre Ideen in Innovationen umzuwandeln. Neben dieser These geht die institutionenorientierte Wirtschaftsgeschichte der Frage nach, wie sich unterschiedliche formelle und informelle Institutionen (geschriebenes Recht und ungeschriebene Regeln der Moral sowie Sitten und Gebräuche) an sich wandelnde Knappheitsbedingungen anpassen und wie der Wohlstand durch solchen Wandel verändert wird.

Obschon den angesprochenen Gebieten der Institutionenökonomik unterschiedliche Erkenntnisobjekte zugrunde liegen, ist ihnen gemein, dass sie davon ausgehen, dass das Handeln der Wirtschaftssubjekte maßgeblich durch deren institutionelle Umgebung beeinflusst wird. Institutionen reduzieren Transaktionskosten, schaffen eine gewisse Erwartungssicherheit und eröffnen den Wirtschaftsakteuren Möglichkeiten, vielfältige Tauschvorteile zu realisieren. Deshalb ist die Verbesserung des institutionellen Rahmens auf der Ebene des Marktes und in der Politik eine niemals endende Daueraufgabe von höchster Dringlichkeit.

Literaturhinweise

  • Erlei, M./ Leschke, M./ Sauerland, D. (1999), Neue Institutionenökonomik, Stuttgart;
  • Richter, R./ Furubotn, E. (2003), Neue Institutionenökonomik, 3. Aufl., Tübingen.
Martin Leschke

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