Integration

Wirtschaftliche Integration wird definiert als die Öffnung nationaler Volkswirtschaften für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit anderen Ländern, zumeist in der Nachbarschaft. Die zwischenstaatliche Vereinbarung ist dadurch gekennzeichnet, dass der Handel zwischen den Staaten gestärkt wird (Handelsschaffung) und der Austausch von Gütern und Dienstleistungen mit Drittstaaten (Staaten, die an der Integration nicht teilnehmen) zugunsten des Austauschs zwischen den Teilnehmern umgelenkt wird (Handelsumlenkung). Integration von Volkswirtschaften wird auch daran deutlich, dass das Netz gegenseitiger Beziehungen im kurz- und langfristigen Kapitalverkehr engmaschig wird. Sofern die institutionellen und rechtlichen Voraussetzungen bestehen, wird Integration auch durch andauernde Wanderungsmöglichkeiten von Arbeitskräften und durch den Austausch von kommerziell geschütztem und wirtschaftlich verwendbarem Wissen geprägt. Ebenso zählt dazu, den Unternehmen das Recht einzuräumen, ihren Produktionsstandort im In- oder Ausland frei zu wählen.

Die Unternehmen in den beteiligten Staaten werden als Folge des verschärften Wettbewerbs und der veränderten Marktgröße ermuntert, den technischen Fortschritt zu beschleunigen, die Fähigkeiten des Managements zu verbessern und zusätzliche Kenntnis für die Belieferung weiterer Auslandsmärkte zu gewinnen. Kritiker von derartigen Zusammenschlüssen sehen indes die Gefahr, dass sich die beteiligten Staaten gegenüber dritten Staaten abschotten und die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung behindern. Wenn dies eintritt, wird die Lenkungsfunktion der Weltmarktpreise für die Produktionsfaktoren behindert; für den Schutz von international nicht mehr wettbewerbsfähigen Erzeugnissen zahlen die Konsumenten dann Preise, die über denen auf den vergleichbaren internationalen Märkten liegen. Gefordert wird deshalb, dass regionale Wirtschaftsräume eine liberale Handelspolitik (Marktöffnung für Drittstaaten) und damit eine gleichzeitige Integration in die Weltwirtschaft betreiben.

Zwischen Integration und Sozialer Marktwirtschaft gibt es einander ergänzende Beziehungen. Dem Wesen der Sozialen Marktwirtschaft entspricht es, wenn die Märkte geöffnet werden und der Wettbewerb die Funktionsfähigkeit von Preisen und Märkten stärkt (Offene Märkte: Markteintritt und Marktaustritt). Integration kann – wie es auch in der Sozialen Marktwirtschaft gefordert wird – die Produktionsfaktoren in die beste Verwendung lenken, den Wohlstand erhöhen und Vollbeschäftigung sichern. Es dient der Fortentwicklung von Sozialen Marktwirtschaften, wenn Unternehmen durch die regionale Integration veranlasst werden, Innovationen im Zuge der Ausbreitung des technischen Fortschritts vorzunehmen. Die Soziale Marktwirtschaft verpflichtet Arbeitnehmer und Unternehmen, unrentable Arbeitsplätze und nicht mehr wettbewerbsfähige Produktionsstätten aufzugeben. Es gehört aber auch zur Sozialen Marktwirtschaft, solche Anpassungsprozesse dadurch zu unterstützen, dass die Arbeitnehmer und Unternehmen im Rahmen zeitlich und sachlich begrenzter Fördermaßnahmen befähigt werden, die Produktivität zu steigern und Leistungen auf den Märkten erfolgreich anzubieten (Strukturpolitik).

Derartige Überlegungen haben ihren Niederschlag in den Regeln für wirtschaftliche Zusammenschlüsse in der Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) gefunden. Artikel XXIV des GATT gestattet die Bildung von Zollunionen oder Freihandelszonen, wenn dadurch die Zölle gegenüber Drittstaaten nicht höher sind als die Zölle der Mitgliedsländer vor der Einrichtung der Zollunion oder der Freihandelszone. Darüber hinaus ist es erforderlich, einen Zeitplan festzulegen, der den Ablauf der Maßnahmen und die Inhalte zur Zollsenkung regelt (Gebot der Transparenz).

Seit der Verabschiedung des Marrakesh-Abkommens 1994 wird in Art. V GATT für den Austausch von Dienstleistungen innerhalb von Freihandelszonen oder von Zollunionen verlangt, dass gegenüber Drittstaaten Benachteiligungen unterbleiben und/ oder bestehende Hindernisse für den Marktzugang von Unternehmen in Drittstaaten aufgehoben werden. Jede Zollunion und jede Freihandelszone bedarf der Zustimmung durch die Welthandelsorganisation. Verletzen Zusammenschlüsse die Rechte von Drittstaaten, so besteht die Möglichkeit, im Rahmen eines Streitschlichtungsverfahrens in der Welthandelsorganisation (WTO) die Benachteiligungen zu beseitigen und ggf. Kompensationen für entstandene Verluste zu erzwingen.

Nach Angaben der WTO wurden zwischen 1958 und 2009 186 Freihandelsabkommen (englische Bezeichnung: RTA, regional trade agreements) registriert. Weitere 100 Abkommen sind beantragt, aber noch nicht notifiziert von der WTO. Weitere 100 Abkommen werden derzeit zwischen verschiedenen Ländern verhandelt. Nach Ansicht der WTO stellen diese Vereinbarungen einen wichtigen Baustein in der Architektur des freien Welthandels dar, und sie sind besonders verbreitet in Mittel- und Südamerika, weniger in Afrika und nur zu einem geringen Teil in Asien. Umfang, Form und Organisation der Integration werden unter anderem durch den ökonomischen Leistungsstand, durch die Ausstattung mit Produktionsfaktoren und durch die Bereitschaft zur Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten geprägt. Präferenzräume oder Assoziationen sind dadurch gekennzeichnet, dass sich die Mitglieder gegenseitig Zollvergünstigungen gewähren. Man unterscheidet:

  • Ist nur Zollfreiheit zwischen den Mitgliedstaaten vereinbart, wird eine Freihandelszone gebildet.
  • Werden gemeinsame Außenzölle gegenüber Drittstaaten festgesetzt, so spricht man von einer Zollunion.
  • Können sich Produktionsfaktoren zwischen den Staaten frei bewegen, entsteht ein (gemeinsamer) Binnenmarkt (Arbeit = Freizügigkeit; Kapital = Niederlassungsfreiheit, freier Kapitalverkehr).
  • Verständigen sich die Mitgliedstaaten auf eine gemeinsame/ harmonisierte Wirtschaftspolitik, handelt es sich um eine Wirtschaftsgemeinschaft oder um eine Wirtschaftsunion.
  • Eine gemeinsame Währung lässt eine Währungsunion entstehen.
  • Entschließen sich die Mitgliedstaaten, die nationalstaatlichen Organe und Regelwerke in gemeinschaftlichen Einrichtungen und Rechtsvorschriften zu vereinigen, ist die wirtschaftliche und die politische Integration abgeschlossen.
Das Beispiel der EU zeigt, dass eine Integration auf marktwirtschaftlicher Grundlage den Integrationsprozess vertiefen und die Mitgliederzahl ausweiten kann. Der rasche Zusammenbruch einer regionalen Zusammenarbeit auf der Grundlage zentralistischer Planwirtschaften – wie im Fall des Rates für gegenseitige wirtschaftliche Zusammenarbeit (RGW) – demonstriert umgekehrt die Schwäche derartiger Wirtschaftssysteme und die Risiken nicht-marktwirtschaftlicher Integration. Denn diese Integrationen sind rein politische Integrationen, da in Planwirtschaften die Wirtschaft zentralistisch und politisch organisiert ist (Sozialismus-Planwirtschaft).

Die wirtschaftstheoretische und außenwirtschaftspolitische Analyse hat den Begriff Integration um den Terminus Globalisierung erweitert und vertieft. Dieser Sachverhalt ist nicht eindeutig definiert. Gemeinsames Merkmal aller Kennzeichnungen ist, über den Abbau von Handelsbarrieren und einen stark wachsenden Handelsverkehr hinaus, die Verlagerung von Produktionsstandorten über nationale Grenzen und herkömmliche Wirtschaftszonen hinweg durch Anwendung neuer Management- und Kommunikationstechnologien sowie die Beschleunigung von technischem Fortschritt und Innovationen durch einen unternehmensinternen Forschungsverbund grenzüberschreitend handelnder Unternehmen. Ferner bilden sich Dienstleistungs- und Finanzmärkte über die nationalen Grenzen hinweg. In der Globalisierung verbinden sich neue unternehmerische Strategien von nicht mehr allein national agierenden Unternehmen und Fortschritte bei der Liberalisierung des Handels-, des Kapital- und des Dienstleitungsaustauschs. Kennzeichnend für die Globalisierung ist schließlich die hohe Beschleunigung dieses Prozesses, der auch über kurzfristige konjunkturelle Schwankungen hinweg nicht zurückgehalten oder gebremst wird.

Die Wirkungen der Globalisierung werden uneinheitlich beurteilt: vor allem Schwellenländer und ehemalige osteuropäische nicht marktwirtschaftliche Industrieländer können sich schnell in den Welthandel und die internationalen Finanz- und Dienstleistungsmärkte integrieren. Der Strukturwandel vor allem in den herkömmlichen Industrieländern wird beschleunigt und erzwingt Spezialisierung und Arbeitsteilung. Als nachteilig wird angeführt steigender Wettbewerbsdruck in Verbindung mit dem Abbau von bislang geschützten Arbeitsplätzen, ohne dass neue Beschäftigungsmöglichkeiten binnen kurzer Zeit entstehen. Darüber hinaus wird der Gestaltungsraum der einzelstaatlichen Wirtschaftspolitik beschränkt, und der Handlungsbereich verlagert sich auf grenzüberschreitende Wirtschaftspolitiken. Umstritten ist, ob damit ein Verlust an Gestaltungsmöglichkeiten marktwirtschaftlicher Wirtschaftspolitik verbunden ist.

Literaturhinweise:

  • Frankel, J. A. (Hrsg.) (1998), The Regionalization of the World Economy, Chicago, London;
  • International Bank for Reconstruction and Development (2000), Trade Blocs, Oxford u. a.;
  • Panagariya, A. (2000) , Preferential Trade Liberalization: The Traditional Theory and New Developments, in: Journal of Economic Literature, Vol. 38, Juni, S. 287-331;
  • De Lomabaerde, Philipp (Hrsg.) (2007), Multilateralism, regionalism and bilaterlism in trade and investment: 2006 world report on regional integration, Dordrecht;
  • O’Brian, Robert, Williams, Marc (2010), Global political economy, Basingstoke;
  • Schelhase, Marc (2008), Globalization, regionalization and business: conflict, convergence and influence, Basingstoke.
Karl Wolfgang Menck

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