Internationale Arbeitsorganisation

Die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) wurde 1919 als dreigliedrige Organisation gegründet. Vertreter von Arbeitnehmern und Arbeitgebern arbeiten gleichberechtigt mit Regierungen zusammen. Ziel ist die Entwicklung gemeinsamer Maßnahmen zur Förderung der sozialen Gerechtigkeit und zur Verbesserung der Lebensbedingungen in aller Welt.

Dieses Ziel gründet sich auf die Feststellung in der Präambel der IAO-Verfassung, dass der Weltfrieden auf die Dauer nur auf sozialer Gerechtigkeit aufgebaut werden kann. Dies ist die nach wie vor richtige und aktuelle Grundorientierung für alle Tätigkeiten der IAO. Die Erklärung von Philadelphia (1944 als Anhang zur Verfassung der IAO beschlossen) konkretisiert diese Grundorientierung. Sie verkündet das Recht aller Menschen, materiellen Wohlstand und geistige Entwicklung in Freiheit und Würde, in wirtschaftlicher Sicherheit und unter gleich günstigen Bedingungen zu erstreben. Ferner heißt es in der Erklärung: „Armut, wo immer sie besteht, gefährdet den Wohlstand aller."

Im Jahre 1946 wurde die IAO die erste Sonderorganisation der Vereinten Nationen. 1969 wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen. Der IAO gehören 183 Mitgliedstaaten an (Stand 2010). Ihr Sekretariat, das Internationale Arbeitsamt (IAA), hat seinen Hauptsitz in Genf.

Höchstes Exekutivorgan ist die jährlich für einige Wochen tagende Internationale Arbeitskonferenz. Der Verwaltungsrat arbeitet gemeinsam mit dem IAA im Wesentlichen dieser Konferenz zu. Daneben wirkt die IAO durch weitere Gremien wie Regionalkonferenzen, Industrieausschüsse und Sachverständigenausschüsse. Das Internationale Arbeitsamt wird von einem durch den Verwaltungsrat gewählten Generaldirektor geleitet.

Von Anfang an bestand die Hauptaufgabe der IAO darin, die Arbeits- und Lebensbedingungen durch die Ausarbeitung von Übereinkommen und Empfehlungen zu verbessern. Diese Aufgabe der Normensetzung steht weiterhin im Zentrum der Aktivitäten der IAO. Bis heute (Stand 2010) hat die Internationale Arbeitskonferenz insgesamt 388 internationale Arbeitsurkunden (188 Übereinkommen und 200 Empfehlungen) angenommen. Ferner wurden rund 7700 Ratifikationen von Übereinkommen eingetragen.

Die Übereinkommen erfassen einen weiten Bereich sozialer Probleme, einschließlich zentraler Grundrechte (wie Vereinigungsfreiheit, Abschaffung der Zwangsarbeit und Beseitigung der Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf), Mindestlöhne, Arbeitsverwaltung, Arbeitsbeziehungen, Beschäftigungspolitik, Arbeitsbedingungen, soziale Sicherheit und Arbeitsschutz. Die Übereinkommen und Empfehlungen bilden das Internationale Arbeitsgesetzbuch (International Labour Code). Die Bedeutung der darin enthaltenen Normen geht weit über die geregelten Gegenstände hinaus. Diese Normen setzen eine große Anzahl von Grundsätzen in die konkrete Praxis um, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in den Internationalen Menschenrechtspakten der Vereinten Nationen zum Ausdruck gebracht werden. Sie stellen ferner einen Erfahrungsschatz dar, der Ländern aller Entwicklungsstufen zur Verfügung steht. Das Internationale Arbeitsgesetzbuch beeinflusst in hohem Maße die Entwicklung der Sozialgesetzgebung in der ganzen Welt.

Durch die Ratifikation eines Übereinkommens gehen die Mitgliedstaaten eine doppelte Verpflichtung ein: Zum einen wird die Anwendung der Bestimmungen des Übereinkommens für sie verbindlich; zum anderen unterwerfen sie sich in gewissem Umfang einer internationalen ‚Kontrolle’. Diese hat aber weniger den Charakter gerichtlicher Entscheidungen als den eines ständigen Dialogs, über den politischer Druck ausgeübt wird, wenn die Einhaltung der Vorschriften zu wünschen übrig lässt.

Seit 1964 konnte auf Grund der von den Überwachungsorganen der IAO unterbreiteten Bemerkungen in rund 2.300 Fällen die innerstaatliche Gesetzgebung und Praxis mit den Bestimmungen ratifizierter Übereinkommen in Einklang gebracht werden. Ferner hat die Organisation auf diesem Gebiet ihre Tätigkeiten zur Unterstützung von Mitgliedstaaten verstärkt, insbesondere durch eine immer häufigere Anwendung des Verfahrens der direkten Kontakte mit Regierungen, durch ihre Regionalberater für internationale Arbeitsnormen, durch die Veranstaltung von Seminaren und Lehrgängen sowie durch die Verbreitung von Informationen über Normen und Grundsätze der IAO.

Die Programme der so genannten technischen Zusammenarbeit konzentrieren sich heute auf folgende Hauptbereiche:

  • Beschäftigung und Entwicklung: Definition nationaler Politik und Strategien; Arbeitskräfteplanung; besondere arbeitsintensive Programme für öffentliche Arbeiten; Linderung der Armut in ländlichen Gebieten; Technologiewahl und Entwicklung des Kleingewerbes;
  • Ausbildung: Unterstützung bei der Ausarbeitung von Ausbildungspolitik und -systemen; Ausbildung von Führungskräften und Unternehmensentwicklung; Berufsbildung in der Industrie, in ländlichen Gebieten und im Gewerbe sowie Ausarbeitung von Lehrmethodologien und -material. Der Berufsbildung Behinderter und der Ausbildung von Frauen und Jugendlichen, die keine Schule besuchten, wird besondere Aufmerksamkeit zuteil;
  • Tätigkeiten nach Wirtschaftszweigen, insbesondere zugunsten der Entwicklung von Genossenschaften, und Programme für die Schifffahrtsindustrie;
  • Arbeitsbedingungen und Arbeitsumwelt: Arbeitsschutz, Arbeits- und Lebensbedingungen;
  • Arbeitsbeziehungen (einschließlich Arbeitsverwaltung), soziale Sicherheit, Arbeiterbildung und Unterstützung von Arbeitgeberverbänden;
  • die Organisation hilft schwerpunktmäßig vielen Staaten bei der Beseitigung der Kinderarbeit.
Die Forschungstätigkeiten des IAA sollen zu neuen Erkenntnissen über Arbeitsprobleme führen und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. Derartige Forschungsarbeiten werden z. B. bei der Ausarbeitung von Berichten für die Internationale Arbeitskonferenz und für andere Tagungen geleistet.

Normsetzung, technische Zusammenarbeit, Forschung: Diese drei Arbeitsansätze der IAO stützen sich gegenseitig und sind interdependent. In aktiver Partnerschaft mit Regierungen, Arbeitgebern und Arbeitnehmern geht es um die Schaffung von sozialer Gerechtigkeit auf der ganzen Welt.

Literaturhinweise

  • Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (1994), Weltfriede durch Soziale Gerechtigkeit, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und Deutscher Gewerk-schaftsbund, Baden-Baden;
  • Honecker, M. (Hrsg.) (2001), Evangelisches Soziallexikon Stichwort: Internationale Arbeitsorganisation, Stuttgart;
  • International Labour Office (2000), World Labour Report 2000, Genf;
  • Dreigliedrige Grundsatzerklärung über multinationale Unternehmen und Sozialpolitik der ILO; ILO (2004) Weltkommission für die soziale Dimension der Globalisierung: Eine faire Globalisierung. Chancen für Alle schaffen;
Peter Clever