Internationale Sozialpolitik

In vielen Ländern wird gegenwärtig nach einem neuen Paradigma für die Gestaltung der sozialen Sicherungssysteme gesucht. Weltwirtschaftlich ist es die zunehmende Internationalisierung des Standortwettbewerbs, die zu einer veränderten Arbeitsteilung und wachsenden regionalen Verflechtungen von Wirtschafts- und Sozialräumen geführt hat. Aus dem konkurrierenden Aufeinandertreffen unterschiedlicher sozialpolitischer Leitvorstellungen und entsprechend differenzierter Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards resultiert ein verschärfter institutioneller Wettbewerb und Anpassungsdruck (→ Systemwettbewerb). Aber auch auf nationalstaatlicher Ebene sind durch die verfestigte Massenarbeitslosigkeit und demographische Veränderungen neue Herausforderungen entstanden, die insgesamt ein konzeptionelles Umdenken in der bisherigen Abgrenzung zwischen privater und öffentlicher Risikovorsorge erzwingen.

Die internationale Sozialpolitik befasst sich in diesem Zusammenhang mit der Frage nach den grundsätzlichen Gestaltungsoptionen zur sozialen Sicherung, die sie sowohl durch den empirischen Vergleich praktizierter Sozialpolitik als auch auf dem Wege der Erschließung neuer theoretischer Konzeptionen zu beantworten versucht. Gesamtziel ist es dabei, für die einzelnen Bereich der Risikovorsorge Lösungen zu entwickeln, die sozialpolitische Orientierungen begründen und dann im Rahmen einer unmittelbaren oder angepassten Übernahme von im Ausland erprobten, erfolgreichen Lösungen (Best-Practice-Verfahren) weltweit Anwendung finden können.

Ob aus dieser wissenschaftlichen und politischen Kooperation internationale Vereinbarungen über verbindliche soziale Mindeststandards oder sogar ein konsensfähiges „Weltsozialmodell“ resultieren werden, ist angesichts der beträchtlichen nationalen Entwicklungsunterschiede, der länderspezifischen Probleme sowie nicht zuletzt der historischen und kulturellen Hintergründe eher zweifelhaft (und möglicherweise nicht einmal wünschenswert). Wohl aber sind daraus qualitative Verbesserungen hinsichtlich der sozialpolitischen Effektivität, Effizienz und Transparenz zu erwarten. Wenn und soweit es der internationalen Sozialpolitik gelingt, konzeptionelle Bausteine für eine allgemein anwendbare Theorie der sozialen Risikovorsorge zu entwickeln, können diese weltweit sowohl für den Aufbau als auch für die Reform und Transformation nationaler sozialer Sicherungssysteme eingesetzt werden und auf diese Weise zur internationalen Harmonisierung und Integration beitragen.

Literaturhinweise

  • Offe, K. (2000), The democratic welfare state, in: Political Science Series No.68, IHS, Wien;
  • Rösner, H. J. (1999), Soziale Sicherung im konzeptionellen Wandel – ein Rückblick auf grundlegende Gestaltungsprinzipien, in: Hauser R. (Hrsg.), Alternative Konzeptionen der sozialen Sicherung, Schriften des Vereins für Socialpolitik, Bd. 265, Berlin, S. 11-83;
  • Schmid, J. (2002), Wohlfahrtsstaaten im Vergleich: soziale Sicherung in Europa, 2. Auflage, Leske & Budrich, Opladen;
  • Schubert/Hegelich/Bazant (Hrsg.) (2008), Europäische Wohlfahrtssysteme, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden;
Hans Jürgen Rösner