Internationale Wanderungen

Fakten

Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Wanderungen. Seit es den „homo sapiens“ gibt, finden wir auch den „homo migrans“, denn bekanntlich steht am Anfang der Bibel die Geschichte einer Vertreibung, und das Neue Testament beginnt mit der Geschichte einer Flucht. In vielen weiteren Episoden zieht sich die Geschichte der Wanderung durch die Weltgeschichte, sei es in Form der Eroberung, der Zerstörung, der Unterdrückung, der Ausgrenzung oder der Abschottung. Wanderungen sind nach Geburt und Tod der dritte Faktor, der Umfang und Entwicklung der Bevölkerung bestimmt (Demographische Entwicklung).

Die vergessene historische Dimension

Die Geschichte der Menschheit kannte immer schon starke Wanderungsbewegungen. Erinnert sei an die Völkerwanderungen der Antike und des Mittelalters oder die interkontinentalen Auswanderungswellen aus Europa in die Neue Welt und in die fernen Kolonien. Die Wanderungsströme des 19. Jahrhunderts waren vor allem eine interkontinentale permanente Aussiedlung aus relativ reichen europäischen Ländern nach den relativ armen traditionellen Aufnahmeländern USA, Kanada, Australien und Neuseeland sowie Lateinamerika. Damals interessierten vor allem die Folgen der Emigration. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten die Wanderungsströme die Richtung. Dominierend wurde zunächst die Arbeitsmigration aus ärmeren Ländern des Südens nach reicheren Industriestaaten des Nordens, die in der Regel lediglich temporär geplant war – so etwa die Gastarbeiterprogramme in Europa oder das Bracero-Programm zwischen Mexiko und den USA. Bald erwies sich jedoch, dass nichts permanenter war als die temporär gedachte Migration. Die Gastarbeiter brachten früher oder später ihre Familien mit, die soziale Kontakte knüpften und politische Mitsprache suchten. Neben den ökonomischen Konsequenzen der Einwanderung traten damit die sozialen und (verteilungs-) politischen Folgen in den Vordergrund. Letztere wurden umso augenfälliger, je mehr gegen Ende des 20. Jahrhunderts Asylsuchende und (Gewalt-) Flüchtlinge die europäischen Migrationsstatistiken zu prägen begannen.

Und die überschätzte aktuelle Dimension!

Weltweit leben heute etwa 200 Millionen Menschen außerhalb ihres Heimatlandes. Das entspricht zwar etwa der Bevölkerung Brasiliens, das bezogen auf seine Einwohnerzahl auf Platz 5 der Weltrangliste steht. Wenn aber die Weltbevölkerung von insgesamt etwas unter 7 Milliarden als Vergleichsmaßstab gewählt wird, schrumpft der Anteil der Aussiedler auf 2-3 Prozent! 97 v. H. der Menschen leben demnach in dem Land, dessen Staatsbürgerschaft sie besitzen. Natürlich ließe sich hier argumentieren, dass viele „Inländer“ als „Ausländer“ geboren wurden, im Laufe ihres Lebens die Staatsbürgerschaft gewechselt haben und somit aus den Ausländerstatistiken gefallen sind. Tatsächlich dürften die Wanderungszahlen demnach höher als bei den angegebenen 200 Millionen Menschen liegen.

Selbst innerhalb kulturell und sprachlich sehr ähnlichen „natürlichen“ Lebensräumen bleibt die grenzüberschreitende, internationale Migration schwach – so auch innerhalb der Europäischen Union. Obwohl innerhalb der EU Freizügigkeit für alle Arbeitskräfte und ihre Angehörigen gilt, ist es bis zur Erweiterungsrunde des Jahres 2004 kaum zu starken Inner-EU-Wanderungsbewegungen gekommen. Seit den Ost-Erweiterungen 2004 und 2007 hat es durchaus einen nennenswerten Migrationsstrom in diejenigen EU-Länder gegeben, die ihre Arbeitsmärkte gegenüber Bürgern aus den damaligen Beitrittsländern nicht abgeschlossen haben, besonders nach Großbritannien und Irland: So betrug der Anteil der EU-Ausländer in Irland im Jahre 2008 knapp 9% der Gesamtbevölkerung. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat allerdings ab 2008 aufgrund der zunehmend schwierigen Verhältnisse auf den Arbeitsmärkten in den Zielländern zu wesentlichen Rückwanderungen in die Heimatländer geführt. Es bleibt abzuwarten, wie sich die vertraglich notwendige Öffnung der Arbeitsmärkte aller EU-Länder für die Beitrittsländer aus dem Jahre 2004 ab Mai 2011 auswirken wird, besonders im Falle Deutschlands und Österreichs, wenn diese Länder die volle Freizügikeit gewähren müssen.

Alles in allem bleibt der „homo migrans“ auch im Zeitalter der Globalisierung noch immer eine Minderheit. Dabei darf aus einer eurozentrierten Sicht nicht vergessen werden, dass die Süd-Süd-Wanderungen in Afrika oder Asien noch immer quantitativ bedeutender sind als die Süd-Nord- oder Ost-West-Wanderungen. Dramatischer wurden sie vor allem dadurch, dass im vergangenen 20. Jahrhundert die von (europäischen) Kolonialisten und deren Nachfahren künstlich gezeichneten Staatsgrenzen dazu führten, dass in Afrika, Asien und Lateinamerika oft innerhalb desselben Kulturkreises starke Wanderungsbewegungen entstanden. Weltkriege und politische Reißbrettentscheidungen taten ein Übriges dafür, dass im 20. Jahrhundert nicht nur Menschen auf der Flucht waren, sondern in Europa ebenso wie in Afrika und Asien wohl weit mehr Grenzen über Menschen verschoben wurden als Menschen über Grenzen gewandert sind.

Ursachen

Wanderungsströme sind durch eine Kombination mehrerer verschiedener Ursachen gekennzeichnet. In der Regel sind ökonomische Faktoren nur ein notwendiges, längst aber nicht hinreichendes Migrationsmotiv.

Mikroökonomische Faktoren

Aus ökonomischer Sicht ist der Wanderungsentscheid das Ergebnis eines individuellen Such- und Optimierungsprozesses. Angenommen wird, dass Menschen Vor- und Nachteile des Wanderns bzw. des Verharrens rational abwägen und anstreben, mit ihrem Verhalten den persönlichen Nutzen (die Lebensqualität) zu maximieren. Folgerichtig sind Menschen dann bereit zu wandern, wenn die Migration im Vergleich zum Verbleiben einen höheren persönlichen Nutzen erwarten lässt.

Die Migrationsentscheidung ist aus Sicht des Einzelnen also das wohlüberlegte Ergebnis eines Bewertungsprozesses. Einflüsse des persönlichen Lebenszyklus (Alter, Geschlecht, Gesundheit, Familienstand, Kinderzahl, Investitionen in das eigene Humankapital) prägen das individuelle Migrationsverhalten. Das Kalkül macht verständlich, weshalb jüngere, ledige Männer mit guter Gesundheit allgemein eine höhere Mobilitätsbereitschaft aufweisen als ältere Verheiratete mit Kindern.

Anstatt Migration als wohldurchdachtes Ergebnis eines individuellen Entscheides zu betrachten, kann die Auswanderung eines Einzelnen als strategisches Verhalten einer Familie oder Kleingruppe verstanden werden. Die Familie oder Gruppe beschließt im Sinne einer Risikoverteilung, einzelne ihrer Mitglieder „auf Wanderung zu schicken“ (mit der Risikostreuungsstrategie innerhalb des Portfolios eines Kapitalanlegers zu vergleichen). Erfolgreiche Zuwanderer ziehen andere Familien- oder Gruppenmitglieder nach und erleichtern diesen den Einstieg im Zielland („Schneeballeffekt“, der zu Netzwerkmigration führen kann). Weniger erfolgreiche wandern entweder zurück oder versuchen ihr „Glück“ in einem anderen Zielland. Für die Familie oder die Gruppe ergibt sich aus diesem kollektiven Verhalten eine Risikominderung („einer kommt durch“) und längerfristig eine Kostensenkung („schlechte“ Zielländer können durch „erfolgversprechende“ ersetzt werden).

Makroökonomische Faktoren

Aus einer gesamtwirtschaftlichen Sicht sind unterschiedliche Lebensbedingungen zwischen verschiedenen Weltregionen eine wesentliche Voraussetzung für das Auslösen von Wanderungsprozessen. Die Unterschiede können wirtschaftliche Gründe (unterschiedliche Pro-Kopf-Einkommen), aber auch politische Ursachen haben (z.B. Krieg, unterschiedliche Stabilität, mangelnde Rechtssicherheit, unzureichender Minderheitenschutz oder fehlende Freiheitsrechte u. a. m.). Ebenso kann Auswanderung eine Reaktion sein auf fehlende lokale Perspektiven eines Strukturwandels von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Schließlich dürften ökologische Kollapse auch immer wieder zu sog. Umweltflüchtlingen führen.

Folgen

Die Effekte der Migration sind komplex und vielfältig. Vor allem die zeitliche Dimension und die Wechselwirkungen sind wichtig. Kurzfristige Niveaueffekte werden von langfristigen Wachstumseffekten überlagert. Zuwanderung verändert das verfügbare Arbeitsangebot und die relativen Knappheiten der Produktionsfaktoren.

Makroökonomische Folgen der Zuwanderung

Arbeitskräftewanderungen sind zunächst einmal positiv zu bewerten. Sie sind ein Ausgleichsverfahren. Zuwanderung erlaubt, einen Mangel auf dem Arbeitsmarkt zu beseitigen und Köpfe oder Hände, die im Inland fehlen, im Ausland zu suchen und zu finden. Damit ist Migration eine Art Arbitragephänomen. Sie trägt dazu bei, Preis- (= Lohn-) Unterschiede auf den Arbeitsmärkten auszugleichen. Messlatte aus der Sicht der Ökonomie ist das „Gesetz des einheitlichen Preises“ als „Benchmark“ für Effizienz. Diese Regel besagt, dass (handelbare) Güter überall in der Welt mehr oder weniger gleich viel kosten müssten und die reale Kaufkraft der Stundenlöhne für identische Arbeit weltweit ähnlich sein sollte. Zuwanderung ist also für das Gastland makroökonomisch positiv, weil sie zur Stabilität oder gar Senkung des Lohnniveaus beiträgt, zugleich aber Beschäftigung und Nachfrage erhöht. Wie Freihandel auf Gütermärkten ist eine freie Wanderung der Produktionsfaktoren eine unabdingbare Notwendigkeit für das Wachstum des Sozialprodukts.

Migration kann allerdings auch kritischer beurteilt werden. Wenn nämlich nicht nur überzählige Hände, sondern kluge Köpfe wandern, können die Folgen ganz anders sein. Dieses Phänomen wird als „Brain-drain“ bezeichnet und konnte beispielsweise im Falle der Süd-Nord-Wanderung in Italien beobachtet werden. Migration ist dann nicht ein ausgleichendes Regulativ oder ein kurzfristiges Arbitragephänomen, sondern eine selbstverstärkende Ursache für ein beschleunigtes Auseinanderklaffen der wirtschaftlichen Entwicklung von faktorexportierenden armen und faktorimportierenden reichen Ländern. Sie vergrößern dann die Wohlfahrtsdifferenzen zwischen unterentwickelten (peripheren) Herkunfts- und industrialisierten Zielregionen.

Die Verteilungsproblematik

Das Problem der Migration liegt darin, dass Zuwanderung für die Volkswirtschaft zwar insgesamt positiv ist, dass aber nicht alle Einheimischen zu den Gewinnern gehören. Durch die Zuwanderung wird ein Strukturwandel ausgelöst, der langfristig zwar dringend notwendig ist und der erlaubt, die durchschnittliche Produktivität zu erhöhen. Kurzfristig kommt es aber zu Verdrängungseffekten für einzelne. Insbesondere verlieren jene Einheimischen, die im Produktionsprozess Aufgaben erfüllen, bei denen sie durch die Zuwandernden ersetzt werden. Werden beispielsweise wie im Falle der von Wirtschaftsverbänden immer wieder geforderten Absenkung der Zuwanderungshürden für Hochqualifizierte fehlende Informatiker oder Ingenieure im Ausland angeworben, werden in der Tendenz die Löhne jener einheimischen Spezialisten sinken, die mehr oder weniger denselben Job erfüllen. Hingegen profitieren komplementäre deutsche Produktionsfaktoren (etwa der arbeitgebende Unternehmer selbst oder auch andere, besonders haushaltsnahe Dienstleistungsbetriebe vor Ort): Dank der zuwandernden Spezialisten steigen deren eigene Arbeitsproduktivität bzw. Umsatzchancen.

Schließlich konkurrieren Einwanderer mit Einheimischen um:

  • Sozialleistungen, die direkt über Beiträge oder indirekt über Steuergelder finanziert werden und um
  • die Nutzung öffentlicher Güter (Rechtsrahmen, Justizwesen, innere und äußere Sicherheit), Infrastrukturanlagen (Verkehrs-, Telekommunikations- und Energienetze) und Dienstleistungen (Gesundheits- und Bildungswesen), die allen zur Verfügung stehen und die direkt über Abgaben und Gebühren oder indirekt über Steuern finanziert werden.
In welchem Ausmaß Einwanderer mit zur Finanzierung der von ihnen beanspruchten Sozial- und Fürsorgeleistungen sowie der von ihnen mitgenutzten öffentlichen Güter beitragen, hängt eng mit den Möglichkeiten zusammen, die den Zuwandernden auf dem Arbeitsmarkt sowohl konjunkturell als auch einwanderungsrechtlich offen stehen. Nicht zuletzt sind Aufenthaltsdauer und der Prozess der Integration wichtig. Zum Urteil über die Effekte der Zuwanderung tragen ebenso Agglomerations- oder Ballungseffekte sowie Verdrängungseffekte bei. Dabei geht es weniger um objektive gesamtwirtschaftliche Belastungen als weit stärker um subjektive individuelle Betroffenheiten.

Im Europa der Zukunft werden Arbeitskräfte knapper werden. Der Rückgang der Geburten in den letzten Dekaden wird in den kommenden Jahren ein Nachwuchsproblem verursachen – gerade auch in jenen Bereichen des Sozialstaates, in denen künftige Generationen alte Lasten abzutragen haben. Je stärker Westeuropa demographisch altert, weil immer mehr älteren Menschen immer weniger Junge gegenüberstehen, desto notweniger wird der Zugriff auf ausländische Arbeitsmärkte werden (Demographische Entwicklung). Dazu kommt, dass in einer hoch arbeitsteiligen „globalisierten“ Welt eine nationale Abschottung der Arbeitsmärkte zunehmend zum Anachronismus wird (Globalisierung). Sie ist wirtschaftlich teuer, bedarf eines kostspieligen Kontrollapparates und provoziert illegale (Umgehungs-) Geschäfte. Das eigentliche Migrationsproblem Europas im 21. Jahrhunderts dürfte somit nicht durch zu viel, sondern durch zu wenig Mobilität verursacht werden.

Literaturhinweise

  • Bade, K. (2000), Europa in Bewegung, München;
  • Eurostat (2009), Statistics in Focus: Population and social conditions (Heft 94/2009), Luxemburg;
  • International Organization For Migration (2008): World Migration Report 2008. Managing Labour Mobility in the Evolving Global Economy, Genf;
  • OECD (2009), International Migration Outlook (Sopemi 2009), Paris;
  • OECD (2010), International Migration Outlook (Sopemi 2010), Paris;
  • Sachverständigenrat Deutscher Stiftungen Für Integration Und Migration (2010), Einwanderungsgesellschaft 2010. Jahresgutachten 2010 mit Integrationsbarometer, Berlin;
  • Straubhaar, T. (2001), Migration im 21. Jahrhundert – Von der Bedrohung zur Rettung der sozialen Marktwirtschaft, Tübingen
Stefan Kolev

Thomas Straubhaar