Keynesianismus

(1.) Keynes und seine Wirkung

Der Brite John Maynard Keynes (1883-1946) gilt nach seinen fachlichen Leistungen und politischen Anstössen als der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts. An seinen Namen knüpft der sogenannte Keynesianismus an, den es in vielerlei makroökonomischen Spielarten gibt. Obwohl plakative und grobe Kennzeichnungen von anwendungsfernen makroökonomischen Theoriegebäuden nur von begrenztem Aussagegehalt sein können (vgl. etwa auch „neoklassische Theorie“ oder „Monetarismus“), sind einige Akzente zu setzen. Als der Name Keynes noch ein Kürzel für karriereträchtige eigene Arbeiten war, musste Keynes noch zu seinen Lebzeiten zu einigen seiner Interpreten auf Distanz gehen und feststellen, er sei in deren Sinne kein Keynesianer. Von dem über Jahrzehnte florierenden Deutungsgeschäft, das zu einem Teil vergeblich und zu einem Teil überflüssig bleiben muss, zeugt die Kapitelüberschrift in einem Buch von E. R. Weintraub aus dem Jahre 1979: „The 4,827th reexamination of Keynes’ system“. Wollten einige schon die Seiten mit Keynes aus den Lehrbüchern herausreißen, so ist Keynesianismus seit der Banken- und Finanzkrise wieder relevant. In Deutschland gibt es eine Keynes-Gesellschaft, die interessante weitere Forschung betreibt.

(2.) Das Keynes-Problem

(2.1) Das Keynes-Problem, das immer noch Aufmerksamkeit finden muß, lässt sich in etwa mit diesen Fragen umschreiben: Warum gibt es kein Arbeitsmarktgleichgewicht, sondern anhaltend hohe Arbeitslosenquoten? Warum erweist sich die Geldpolitik, die ehedem einzige etablierte Art staatlicher Prozesspolitik, oftmals als ohnmächtig dagegen (Ordnungspolitik - Prozesspolitik)? Quintessenz einer überspitzten Version des Keynesianismus sind die pauschale Geringschätzung der Geldpolitik („money doesn’t matter“) und ein grenzenloses Vertrauen in die Nachfragesteuerung durch Variation von Steuern und/oder Staatsausgaben (Konjunkturpolitik). Was blieb und bleibt für die Wirtschaftspolitik aus der keynesianischen Theorie? Zwei wegleitende Thesen sind zu notieren: (1.) Da die Beschäftigung als erstrangige gesellschaftliche Zielgröße von der gesamtwirtschaftlichen Güternachfrage abhängt, muss und kann der Staat durch globale Nachfragesteuerung („demand management“) die Vollbeschäftigung des Arbeitspotenzials gewährleisten. (2.) Von den beiden hauptsächlich der Globalsteuerung zur Verfügung stehenden Instrumenten, der mit dem Saldo des staatlichen Finanzhaushalts operierenden Fiskalpolitik sowie der über Geldmenge und Zinssatz wirkenden Geldpolitik, ist die Fiskalpolitik die wirksamere, weil sie direkt Nachfrage schöpfen und abschöpfen kann (siehe näher Konjunkturpolitik).

(2.2) Als Keynes sein 1936 veröffentlichtes Buch „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ verfasste, arbeitete er nach den Worten seiner bekannten Schülerin Joan Robinson (1903-1983) „an der theoretischen Grundlegung der Idee, die dem gesunden Menschenverstand schon immer einsichtig gewesen war: dass in einer Marktwirtschaft, wenn Arbeitskräfte und Produktionskapazität nicht ausgelastet sind, eine Erhöhung der Ausgaben in Form von Geld auch den Ausstoß in Form von Gütern erhöht.“ Ausgaben steigern und sichern die Beschäftigung – „ganz gleich, ob sie nun von der Regierung, von Privatunternehmen oder vom Publikum stammen; ganz gleich auch, ob sie klug oder unklug gewählt sind“ (so J. Robinson 1968). „Von dieser Annahme ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu der Annahme, dass die Regierung gezwungen wäre, Autos zu kaufen und zu stapeln,“ warnte dagegen David Riesman 1957. Man muss systematisch darauf eingehen.

(3.) Fiskal- und/oder Geldpolitik

(3.1) Volkswirtschaftliches Denken richtet sich in jeglichem Gedankengebäude der langen Lehrgeschichte darauf, (a) bestimmte Größen als maßgeblich einzubeziehen und andere wegzulassen sowie (b) zwischen den als relevant ausgewählten Größen Verknüpfungen und Zusammenhangsvermutungen herzustellen, um daraus Erklärungen, politische Empfehlungen und Prognosen abzuleiten. Variablenauswahl und Zusammenhangsvermutungen machen – in kleinen Lehrbuchmodellen sowie in großen makroökonometrischen Modellen der Praxis – die Abgrenzung keynesianischen und nicht-keynesianischen Denkens über das Funktionieren von Volkswirtschaften aus. Die Methodologie der Volkswirtschaftslehre als einer Sozialwissenschaft bringt es mit sich, dass die Gleichungsabbilder vom geografischen und zeitgeschichtlichen Hintergrund des Betrachters (evtl. ökonometrisch) geprägt sind. Insofern sind makroökonomische Modelle allesamt Quasi-Theorien (mit raum-zeitlich begrenzter Gültigkeit). Prinzipienstreitigkeiten eines Entweder-Oder machen demnach keinen Sinn, obwohl sie tatsächlich vorgekommen sind.

(3.2) Fiskal- und/oder Geldpolitik? – erschien lange Zeit als eine Prinzipienfrage nach Keynesianismus und Nicht-Keynesianismus. Um diesen ernsten konjunkturpolitischen Streitpunkt zu versachlichen, wurden oftmals sogenannte Hicks-Diagramme verwendet. Im Jahre 1937 bereits hatte John Hicks seinen Versuch zur Integration und Abgrenzung herkömmlicher und keynesianischer Makroökonomik vorgelegt. Er wird allerdings nicht von allen keynesschen Arbeitsrichtungen akzeptiert. Man kann versuchen, das Wesentliche ohne Gleichungen und ohne Kurvenbilder zu vermitteln und zu verstehen. Zentrale Bedeutung haben mögliche Gleichgewichtslagen mit Sozialprodukts- (X) und Zinsniveaukombinationen (r) in den Überlegungen, wobei mit dem Sozialproduktsniveau (X) – nachgeordnet – der Arbeitsmarkt und das Beschäftigungsniveau (A) verknüpft sind. Die Beschäftigung (A) zu steigern, hängt demnach an der erreichbaren Zielsetzung einer Erhöhung des Sozialprodukts (X).

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(3.3) Zu unterscheiden sind letztlich dreierlei empirisch mögliche Ausgangslagen von makroökonomischen Gleichgewichten in einer Volkswirtschaft, die man analysieren und politisch gestalten möchte. Zuerst einmal geht es darum, die Angebots-Nachfrage-Stimmigkeit auf dem Gütermarkt in den Blick zu nehmen. Diese liest man an der Übereinstimmung des Investitions- und Ersparnisniveaus ab (Suchbegriff für Interessierte: „IS-Kurve“). Festzuhalten ist, dass hierbei höhere Sozialprodukte mit niedrigeren Zinsen einher gehen, was an einem gewissen dämpfenden Einfluss höherer Zinsen (und strengerer Finanzierungsbedingungen) auf die Investitionen hängt. Autonome Staatsausgaben (Fiskalpolitik) können bewirken, dass zu jedem Zinsniveau höhere Sozialprodukte möglich werden (Rechtsverschiebung der sog. IS-Kurve). Sodann geht es darum, auf den Geldmarkt zu schauen, der mit einem bestimmten Geldangebot der Zentralnotenbank einerseits und einer Geldnachfrage für Transaktions- oder Anlagezwecke andererseits ebenfalls bestimmte gleichgewichtige Sozialprodukts- und Zinsniveaukombinationen (X, r) zulässt (Suchbegriff für Interessierte: „LM-Kurve“). Im unstreitigen „Normalbereich“ gehen höhere Sozialproduktsniveaus mit höheren Zinsniveaus einher. Autonome Geldmengenerhöhungen (Geldpolitik) können bewirken, dass zu jedem Zinsniveau höhere Sozialprodukte möglich werden (Rechtsverschiebung der sog. LM-Kurve). In dem „mittleren Normalbereich“ der LM-Kurve wirken Fiskal- und Geldpolitik sozialprodukts- und beschäftigungssteigernd, wobei die expansive Geldpolitik eine expansive Fiskalpolitik zur Vermeidung höherer Zinsen flankieren kann. Erstes Zwischenergebnis: Fiskalpolitik und Geldpolitik sind im „Normalbereich“ wirksam einsetzbar.

(3.4) Alte Streitpunkte über Fiskal- und/oder Geldpolitik sind mit zwei Randbereichen der (X,r)-Kombinationen auf dem Geldmarkt (Suchbegriff für Interessierte: „LM-Kurve“) zu erläutern und zu beseitigen. Da gibt es einmal den sogenannten „klassischen Bereich“, in dem alles Geld für Transaktionszwecke eingesetzt ist oder wird. Selbst bei noch so hohen Zinsniveaus lässt sich das Sozialprodukt nicht steigern. Die Geldmenge begrenzt jede weitere Ausdehnung des Sozialprodukts; expansive Geldpolitik allein vermag insgesamt expansiv zu wirken (und eine expansive Fiskalpolitik zu ermöglichen). Ein zweiter Randbereich ist der sogenannte keynessche Bereich (auch Liquiditätsfalle genannt). Die potentiellen Anleger warten bei sehr niedrigen Zinsen ab, so dass alles zusätzliche Geld in die Anlage- oder Spekulationskasse geht. Expansive Geldpolitik vermag hier nichts an Sozialproduktssteigerung zu bewirken; nur Fiskalpolitik wirkt. Zweites Zwischenergebnis: Im „klassischen Bereich“ vermag nur expansive Geldpolitik zur Sozialprodukts- und Beschäftigungssteigerung beizutragen; expansive Fiskalpolitik vermag nichts auszurichten. Im „keynesschen Bereich“ dagegen wirkt allein expansive Fiskalpolitik; expansive Geldpolitik bliebe wirkungslos. Gesamtergebnis: Es kommt auf die Ausgangslage für fiskal- oder geldpolitische Maßnahmen an, um mögliche Effekte zu beurteilen: Nur Geldpolitik (vom klassischen Bereich aus), sowohl Fiskal- als Geldpolitik (vom Normalbereich aus), nur Fiskalpolitik (vom keynesschen Bereich aus).

(3.5) Für weltoffene Volkswirtschaften genügen die inländischen Gleichgewichtsloki des Gütermarktes (Suchbegriff: „IS-Kurve“) und des Geldmarktes (Suchbegriff: „LM-Kurve“) nicht. Bei nicht allzu großen Volkswirtschaften ist das Weltmarkt-Zinsniveau einzubeziehen, das bei inländischen Gleichgewichten dominant wird. Eine waagerechte Linie bei r’ (Suchbegriffe: „ZB-Kurve“, „Arbitragelinie“) repräsentiert das Weltmarkt-Zinsniveau. Vom Weltmarkt her oder zum Weltmarkt hin werden durch Kapitalströme schließlich übereinstimmende Zinsniveaus r* im Inland hergestellt.

(4.) Keynes nach der Banken- und Finanzkrise

Keynesianismus war lange Zeit nicht mehr gefragt, ist allerdings seit der anhaltenden Banken- und Finanzkrise wieder aktuell. Keynesianisches Denken setzt nun bei Hyman P. Minsky (1919-1996) an. „Finanzinstitutionen, finanzielle Instabilität und Investitionstempo“ (Kapitel 6 bei Minsky) wären hier näher zu beleuchten. Bedeutsam ist dabei besonders die altbekannte „Keynes-Jöhr-Instabilität des Investitionsverhaltens“, die nach John Maynard Keynes auf prinzipiell unsicheren Erwartungen von Investoren in einer Marktwirtschaft und nach Walter Adolf Jöhr (1910-1987) auf einem „sozialpsychologischen Kernprozess der Konjunkturen“ beruht.

Literaturhinweise:

  • BOMBACH, G., u. a. (Hrsg., 1976 und 1981), Der Keynesianismus I, Berlin u. a. O.;
  • KRUGMAN, P., WELLS, R. (2010), Volkswirtschaftslehre, Stuttgart;
  • KURZ, H. D. (Hrsg., 2008/2009), Klassiker des ökonomischen Denkens, in zwei Bänden, München;
  • MANKIW, N. G., TAYLOR, M. P. (2012), Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Stuttgart;
  • MINSKY, H. (2007), John Maynard Keynes. Finanzierungsprozesse, Investition und Instabilität im Kapitalismus, Marburg;
  • STATISTISCHES BUNDESAMT (Hrsg., 2000), Konjunkturforschung heute – Theorie, Messung, Empirie, Wiesbaden;
  • WAGNER, A. (2009), Makroökonomik. Volkswirtschaftliche Strukturen II, 3. Aufl., Marburg;
  • WAGNER, A. (2009), Volkswirtschaft für jedermann. Die marktwirtschaftliche Demokratie in Finanzkrisen und Globalisierung, 3. Aufl., München.
Adolf Wagner

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