Konjunktur

(1.) Zum Phänomen:

Konjunktur ist eine wellenartige Bewegung, die eine gesamte Volkswirtschaft erfasst (so Gottfried Haberler 1937). Die Entwicklung der Konjunkturtheorien reicht in eine Zeit zurück, in der das Wort Konjunktur stets auch Wachstumsphänomene mit einschloß (so Erich Preiser 1967). Konjunktur i. w. S. meinte die empirische Einheit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die sich nur künstlich in eine „glatte Komponente“ (Trend oder „Wachstum“) und eine „Schwankungskomponente“ (Zyklus oder „Konjunktur i. e. S.“) aufspalten lässt. Die Aufspaltung wird mit unterschiedlichen Verfahren angestrebt, die allesamt statistischen und/oder wirtschaftstheoretischen Vorbehalten unterliegen. Man kann z. B. einen statistischen Trend nicht als „Gleichgewichtswachstum“ deuten (wie etwa Wilhelm Krelle 1959), und man muß jede daraus abzuleitende Zerlegung nach neueren Erkenntnissen als wenig sinnvoll ansehen.

(2.) Zur statistischen Messung:

Statistisch beobachtet wird die gesamtwirtschaftliche Entwicklung anhand von bestimmten Summengrößen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (Wirtschaftskreislauf, Volkseinkommen, Nationaleinkommen, Sozialprodukt). Stand früher das reale Bruttosozialprodukt im Vordergrund, so schaut man neuerdings (wegen der verlässlicheren Ermittlung in den hochgradig verflochtenen Volkswirtschaften) primär auf das Bruttoinlandsprodukt. Bei der Beschreibung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung oder Konjunktur i. w. S. einer Volkswirtschaft geht man in etwa so vor wie früher Arthur Spiethoff (1873 – 1957) bei der Darstellung seiner „Wechsellagen“. Nach der Methodologie des National Bureau of Economic Research der USA (und Ilse Mintz 1969) grenzt man legitimerweise (1.) „step cycles“ ab (d. h. man nimmt eine schrittweise Betrachtung des Bruttoinlandsprodukts nach periodenweise zunehmenden und abnehmenden (1.1) absoluten Differenzen oder (1.2) relativen Differenzen (Wachstumsraten) vor, das sind „Konjunkturen als Wachstumszyklen“). Wer aufgrund bestimmter Hypothesen eine erwähnte Aufspaltung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wagt, sucht (2.) irgendwelche „deviation cycles“ zu bestimmen (nach periodenweise größeren oder kleineren Abständen von einem vorab zu bestimmenden Trend), und zwar (2.1) Trendabweichungen der Absolutwerte, das sind „Konjunkturen als Auslastungsschwankungen“, oder (2.2) Trendabweichungen der Wachstumsraten. Datierungen per „deviation cycles“ verändern sich laufend, und zwar auch im Nachhinein, weil jeweils neue Zukunftswerte die Trendfunktion sowie die Abweichungen davon ändern.

(3.) Wachstumszyklen der Europäischen Kommission:

In der Europäischen Kommission (F. Keereman 1999) geht man zumeist nach (1.2) vor und nicht nach (2.2): „The businss cycle is here assessed in terms of GDP growth rates and not the output gap“. Ein „Auf und Ab der Wachstumsraten“ kann als wellenartige Bewegung i. S. von Gottfried Haberler verstanden werden. Die Konzeption von „step cycles“ sowie die trend- und insofern „theoriefreien“ zu erklärenden Entwicklungspfade kann man mit Blick auf das Bruttoinlandsprodukt (X) der Bundesrepublik Deutschland von 2000 bis 2010 illustrieren.

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Gesamtwirtschaftliche Entwicklung („Konjunktur“ als Wachstumsratenzyklus) in der Bundesrepublik Deutschland von 2001 bis 2010 entspricht dem Auf und Ab der Wachstumsraten gemäß der letzten Tabellenspalte. Man unterscheidet eine ältere Konjunkturforschung, die phänomenologisch auf die Erkenntnis bestimmter Verlaufsformen ausgerichtet war (I.) und eine neuere Konjunkturforschung, die auf die Erkenntnis der Strukturform dynamischer Modelle ausgerichtet ist (II.). Im Sinne der alten, überholten Konjunkturforschung I., vgl. (4.), liegen keine augenfälligen Regelmäßigkeiten vor; im Sinne der modernen Konjunkturforschung II., vgl. (5.), bedarf der abgebildete Pfad des Bruttosozialprodukt-Wachstums eines erklärenden strukturellen oder ökonometrischen Modells. Selbstverständlich sind raum-zeitlich unterschiedlich abgegrenzte und empirisch gültige nationale Konjunkturmodelle weder nach den relevanten Variablen noch nach den Makrogleichungen deckungsgleich; denn die Nationalökonomik vermag bekanntlich nur Quasi-Theorien (mit raum-zeitlicher Einschränkung) hervorzubringen.

(4.) Erkenntnisinteressen der alten Konjunkturforschung:

Die ältere Konjunkturforschung trachtete danach, bestimmte Zyklusdauern und Phasenlängen zu erkennen. Jede derartige „Zyklus-Diagnose“ hatte ehedem prognostische Implikationen: Mit einer Zyklustheorie suchte man die Erkenntnis zu erlangen, dass ein Abschwung nach einer bestimmten Zeit an einem gewissen Minimum in einen Aufschwung umschlägt, der wiederum – im sozialwissenschaftlichen Sinne „gesetzmäßig“ und prognostizierbar – nach Erreichen eines Maximums in den erneuten Abschwung mündet. Man wollte erkennen, ob – nach einem biblischen Beispiel – jeweils sieben fette und sieben magere Jahre aufeinander folgen; man wollte sich danach richten und die Jahre abzählen können. Dies hielten Skeptiker zu allen Zeiten für unmöglich. Sie behaupteten etwa, es gebe stets nur geschichtlich einmalige, sich nicht wiederholende Konjunkturen („Business history repeats itself, but always with a difference“ - nach Wesley C. Michell 1874-1948). Diese Skeptiker kamen der modernen Konjunkturforschung bereits recht nahe. Der älteren Denkrichtung sind auch scheinbar modernere Konzeptionen zuzurechnen, die vom wirtschaftstheoretischen Hintergrund her als atheoretische Rechenverfahren gelten müssen, etwa bestimmte Filter (so nach R. J. Hodrick und E. C. Prescott 1997), vektorautoregressive Modelle (siehe J. D. Hamilton 1994) oder Euler-Gleichungen.

Neben Schwankungen von Bruttoinlandsprodukt oder Bruttonationaleinkommen spielen selbstverständlich noch weitere zentrale Größen eine Rolle (z. B. Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, Umsätze, Investitionen). In der Geschichte der Wirtschaftstheorie (alte Konjunkturforschung I.) hatten idealisierte Konjunkturzyklen konstanter Form und Länge eine bedeutende Rolle: Beispielsweise die Vier-Phasen- Einteilung in Rezession, Aufschwung, Hochkonjunktur und Abschwung sowie die Modellierung von drei Kitchinzyklen (3,5 bis 4 Jahre) als einem Juglarzyklus (7 bis 11 Jahre), und etwa sechs Juglarzyklen als einem Kondratieffzyklus (50 bis 60 Jahre). Dabei bezeichnen Kitchin, Juglar und Konratieff die Namen von Forschern.

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(5.) Erkenntnisinteressen der neuen Konjunkturforschung:

Die neuere Konjunkturtheorie ist weniger auf vordergründige Phänomene von Zeitfiguren angelegt, sondern mehr auf die Erkenntnis der Strukturform dynamischer Modelle. Dabei kommt die Weltsicht der Nationalökonomen durch die Brille von Gleichungssystemen zum Tragen. Sie sehen die Zusammenhänge einer Volkswirtschaft als ein mathematisches System von Gleichungen (einige wenige lt. Lehrbuch oder einige hundert lt. Bundesbank und EU-Kommission). Die empirisch gültigen Gleichungssysteme für eine Volkswirtschaft müssen – wenigstens für die Beobachtungen der Vergangenheit – die „Wachstumszyklen“ erzeugen oder reproduzieren können. „Evolutorische Strukturen“ der Gleichungssysteme bringen dabei keineswegs die in früheren Zeiten erwarteten regelmäßigen Schwankungsbilder hervor. Im übrigen können sich die - gedachten – Gleichungsbilder von Volkswirtschaften laufend verändern („Strukturwandel“) und damit auch die möglichen Pfade der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Konjunktur i. w. S“). Die „erzeugenden Modelle“ moderner Konjunkturforschung können also durchaus „evolutorischen Strukturen“ entsprechen, die keine phänomenologischen Regelmäßigkeiten erkennen lassen.

Die neuere Konjunkturforschung (II.) brachte komplexe makroökonometrische Viel-Gleichungsmodelle hervor, aber auch überschaubare kleine Theoriegebäude der Lehrbücher. Dazu gehören die Klasse der Multiplikator-Akzelerator-Modelle (vgl. Keynesianismus nach Paul A. Samuelson, 1915 – 2009, oder John R. Hicks, 1904 - 1989) sowie die Goodwin-Modelle. Multiplikator-Akzelerator-Modelle vermögen nur mit ganz besonderen Parametern permanente Schwankungen zu erzeugen. Goodwin-Modelle dagegen im Sinne von Jäger-Beute-Modellen und Lotka-Volterra-Differentialgleichungen (nach Richard Goodwin, 1913 – 1996) bringen ständig und mühelos permanente Schwankungen hervor. Sie gehören mit anhaltenden Schwankungen und ständiger Gleichgewichtsferne zu den modernen Konjunkturmodellen der Evolutorischen Makroökonomik. Die „erklärenden Modelle“ der neueren Konjunkturforschung mit makroökonometrischen Viel-Gleichungs-Systemen bestehen aus diesen Arten von Gleichungen: Definitionen (insbesondere auch Realdefinitionen), Verhaltensgleichungen (wie Konsum- und Investitionsfunktionen), Institutionengleichungen (wie Besteuerungsfunktionen oder Mindestreservefunktionen) und Technologiegleichungen (Makro-Produktionsfunktion mit Arbeits- und Realkapital-Input oder Input-Output-Tabellen). Wichtig für das dynamische Verhalten der Modelle und Theorien sind die Datierungen der Variablen („leads“ als zeitliche Vorgriffe und „lags“ als zeitliche Rückgriffe).

Anhänge für näher Interessierte:

Zur Erklärung von Konjunkturen sind dynamische Mehr-Gleichungs-Modelle erforderlich. Dynamische Modelle weisen Variablen mit unterschiedlicher Datierung auf (zeitliche Rückgriffe mit „Lags“ und zeitliche Vorgriffe mit „Leads“ neben den aktuellen zeitgleichen Variablen). Diese Modelle (und Aussagensysteme) sind nur schwer und unzulänglich mit Worten zu beschreiben. Bekannt für diese Schwierigkeiten wurden die Ausführungen von Joan Robinson von 1965 über „The Accumulation of Capital“ in der kurzen Frist. Gleichwohl sind hier zwei Modellfamilien kurz zu kennzeichnen: (a) Multiplikator-Akzelerator-Modelle und (b) Goodwin-Modelle. Es handelt sich um Anregungen für besonders interessierte Leser.

a) „Multiplikator-Akzelerator-Modelle“ gehen auf Paul A. Samuelson (1939) und John R. Hicks (1950) zurück. Sie bestehen aus mindestens drei Gleichungen: Erstens einer Definitionsgleichung für das Zustandekommen von Gesamtnachfrage und Gesamtprodukt, zweitens einer speziellen Investitionsfunktion, die man Akzeleratorprinzip nennt, wonach vergangene Änderungen (!) der Umsätze und der Einkommen mit einem bestimmtem Faktor (dem Akzelerator) zu neuen, sogenannten induzierten Investitionen führen. Hinzu kommt drittens eine Konsumfunktion, die den bisherigen und den zusätzlichen Konsum mit einer zeitlichen Verzögerung gemäß einer bestimmten Konsumquote (kleiner als eins) aus dem Einkommen erklärt. Das Zusammenspiel der Gleichungen bildet wirtschaftstheoretisch ein „Aufschaukeln“ der makroökonomischen Variablen aus zusätzlichen Investitionen und multiplikativem Konsum ab. Rechentechnisch exakt resultiert aus den Verhaltensgleichungen für Konsum und Investitionen sowie der Definitionsgleichung eine inhomogene Differenzengleichung zweiter Ordnung für Gesamtnachfrage und Gesamtprodukt. Das konjunkturtheoretische Fazit betrifft die Frage, bei welchen Parameterkonstellationen aus Konsumquote und Akzelerator Schwingungen auftreten und von welcher Art die Schwingungen sind. Oftmals verschwindet das Konjunkturphänomen bei explodierenden oder konvergierenden Schwingungen nach einiger Zeit. Gleichförmige Schwingungen, die ein anhaltendes Konjunkturphänomen belegen, stellen sich nur bei ganz speziellen, grenzwertigen Parameterkonstellationen ein: Wurzel aus Konsumquote mal Akzelerator gleich eins (Samuelson) oder Akzelerator gleich eins und Konsumquote kleiner eins (Hicks). Im Hicks-Modell kommen noch obere und untere Grenzen der Investitionen hinzu. Die Multiplikator-Akzelerator-Prinzipien findet man weiter angereichert in den gängigen makroökonometrischen Modellen der geld- und konjunkturpolitischen Praktiker.

b) „Goodwin-Modelle“ übertragen bekannte Jäger-Beute-Modelle der Biologie in die Makroökonomik. Man spricht auch von Raubtier-Beute-Modellen und beschreibt mit dem Fressen und Gefressenwerden ein ständiges Pendeln von zunehmenden Raubtier- oder Jägerpopulationen bei reichlichem Beuteangebot einerseits sowie von abnehmenden Raubtier- oder Jägerpopulationen bei knappem Beuteangebot andererseits. Rechentechnisch exakt zu beschreiben sind die Vorgänge mit den altbekannten Lotka-Volterra-Differentialgleichungen (1925 bzw. 1931): Wachstumsraten hängen in den beiden Gleichungen „über Kreuz“ von den jeweils anderen Niveau-größen ab. Das gegenläufige Auf und Ab beider Populationen kommt nie zur Ruhe oder auf ein mittleres Niveau hin. Richard M. Goodwin (1913-1996) war Naturwissenschaftler (nebenbei: Mathematik-Privatlehrer von Joseph A. Schumpeter) und hat die Lotka-Volterra-Gleichungen analog als innovative Konjunkturmodelle genutzt. Modellvarianten stammen von 1947, 1951 und 1967. Im bekanntesten Goodwin-Modell bildete die Lohnquote das ökonomische Analogon der Jägerpopulation und die Beschäftigungsquote (eins minus Arbeitslosenquote) das Analogon der Beutepopulation. Das Konjunkturphänomen erschien auf diese Weise als ein Ergebnis andauernder Verteilungskonflikte zwischen dem Unternehmenssektor und der Arbeitnehmerschaft. Wichtig an den Goodwin-Modellen ist der neuartige Mechanismus, der zu andauernden Konjunkturschwankungen im Ungleichgewicht führt (nicht nur zu lediglich ausnahmsweise auftretenden permanenten Schwingungen wie in den Multiplikator-Akzelerator-Modellen).

Literaturhinweise:

  • KRUGMAN, P., WELLS, R. (2010), Volkswirtschaftslehre, Stuttgart;
  • MANKIW, N. G., TAYLOR, M. P. (2012), Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Stuttgart;
  • STATISTISCHES BUNDESAMT (Hrsg.) (2000), Konjunkturforschung heute – Theorie, Messung, Empirie, Wiesbaden;
  • VOSGERAU, H.-J. (1978), Konjunkturtheorie, in: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, 4. Bd., Stuttgart, New York, Tübingen u. a. O., S. 478-507;
  • WAGNER, A. (2000), Konjunkturtheorie – zum Wandel der Begriffe und Modelle, in: STATISTISCHES BUNDESAMT (Hrsg.), S. 46-61;
  • WAGNER, A. (2009), Makroökonomik. Volkswirtschaftliche Strukturen II, 3. Aufl., Marburg.
Adolf Wagner