Konservatismus

Umgangssprachlich wird unter Konservatismus (oder Konservativismus) eine allgemein menschliche Haltung des Bewahrens verstanden (Traditionalismus), die manchmal zu einem starren Festhalten an Überholtem (reaktionäres Denken) führt. Von dieser Ebene bis zum Konservatismus als einer besonderen Strömung der Geistes- und Politikgeschichte zwischen Liberalismus und Sozialismus führt kein eindeutiger Weg. Die geistige Entwicklung des Konservatismus reicht von der Kritik der Aufklärung und des Rationalismus über den Sozialkonservatismus (G. Schmoller und der Verein für Socialpolitik 1872), die „konservative Revolution“ und die Kritik an der Frankfurter Schule bis zur heutigen Kultur- und Gesellschaftskritik. Die politische Linie setzt bei der Auseinandersetzung mit der französischen Revolution an, führt über die Gründung der ersten konservativen Parteien (1832 in England), die Sozialgesetzgebung Bismarcks (1883 ff.) und den National-Konservatismus in der Weimarer Republik bis zu den christlichdemokratisch- konservativen Parteien der Bundesrepublik Deutschland (CDU und CSU).

In allen Phasen seiner geistigen und politischen Entwicklung hat der Konservatismus zeitgemäß seine eigenen, ausgleichenden und weiterführenden Akzente gesetzt. Gegen die Betonung der Gleichheit setzte er Freiheit, Verantwortung und Autorität; gegen den Rationalismus die ordnungsgebundene Vernunft; Evolution und Tradition gegen Revolution; Werte, Ethik und Moral gegen Indifferenz und Beliebigkeit; Nation und Staat gegen Anarchie und Chaos; Vertrauen in die Zukunft und Erfahrung gegen Konstruktivismus und Interventionismus. Vor allem aber ist der Konservatismus aller Schattierungen mit einer realistischen Auffassung vom Menschen verbunden und damit widerstandsfähig gegen extremistische anthropologische Utopien, die von einer Selbstüberschätzung des Menschen und seiner Möglichkeiten ausgehen.

Moderner Konservatismus als Position der Mitte ist darum nicht mehr denkbar ohne eine christliche oder humanistische Anthropologie (Lehre vom Menschen; Thielicke) als Grundlage für ein kritisches Geschichtsbewusstsein, eine personale Pflicht- und Verantwortungsethik, Familien- und Gemeinschaftsdenken, Naturliebe und Umweltverantwortung, gemeinwohlorientiertes Staatsethos und „Verfassungspatriotismus“ (D. Sternberger). Hieraus ergibt sich der geistige Anspruch des modernen Konservatismus und seine Orientierungskraft für die Zukunft in einer Zeit des individualistischen Hedonismus (an persönlichem Lustgewinn orientiertes Leben), materialistischer Konsumorientierung und massenmedialer Beliebigkeit in Presse, Funk, Fernsehen und Film. Heute ist allenthalben eine fast schon beängstigende Orientierungslosigkeit festzustellen, in der auch Kirchen, Schulen und Parteien als Sinnstifter kaum in Frage kommen, weil sie selbst auf der Suche nach Orientierungswissen und Bildung sind und keine Antworten auf die brennenden Fragen der Zeit haben. Autoritätsverlust bis hin zu Politik-, Parteien- und Staatsverdrossenheit ist die Folge.

Der politische Anspruch ergibt sich einerseits aus der zunehmend progressiven Ausrichtung des Konservatismus: Verantwortungsprinzipien wie Vorsorge (z. B. im Gesundheitswesen), Nachhaltigkeit (in der Ökologie), Gerechtigkeit (bei Sozialreformen und in der Tarifgestaltung) und Subsidiarität (z. B. in der föderalen Kompetenzzuordnung von den Gemeinden über die Länder und Staaten bis zur Europäischen Union) verbinden die bewahrende und die gestaltende Kraft des Konservatismus. Andererseits erfordert die aktuell erlebte Globalität politischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge eine verlässliche Orientierung in der Komplexität der Lebensverhältnisse durch ein Denken in Interdependenzen (wechselseitige Abhängigkeiten; Eucken) sowie die Sicherung des „Wettbewerbs als Entdeckungsverfahren“ ohne „Anmaßung von Wissen“ (F. A. von Hayek) als Motor gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung in einer globalen Welt. Ein solches Programm lässt sich heute nur noch parteiübergreifend bewältigen. Diese Erneuerung der Demokratie und der Sozialen Marktwirtschaft aus dem Geiste des Konservatismus ist allerdings unabdingbar angesichts der großen Herausforderungen der Zukunft.

Literaturhinweise

  • Ottmann, H. (1995), Konservativismus, in: Staatslexikon, Band 3, S. 636-640 (mit weiterführender Literatur);
  • Kaltenbrunner, G.-K. (1974), Die Herausforderung der Konservativen. Absage an Illusionen, (mit weiterführender Literatur), Freiburg i. Br.;
  • Schrenck-Notzing, C. v. (Hrsg.) (1996), Lexikon des Konservatismus, (mit weiterführender Literatur), Graz, Stuttgart.
Klaus Weigelt