Konstruktivismus

Das Problem

Möglichkeiten und Grenzen politischen Handelns in modernen Gesellschaften

Der Begriff „Konstruktivismus“ entstand in der Kapitalismus-Sozialismus-Debatte der letzten beiden Jahrhunderte. In dieser erhoben die Vertreter liberaler Positionen gegen die gesellschaftsplanerischen Vorschläge vor allem sozialistischer Autoren den Einwand, dass Gesellschaften weder als Ganzes noch in wichtigen Teilen planbar seien.

Als gesellschaftspolitisches Leitbild zeichnen sich die als konstruktivistisch bezeichneten Richtungen durch großes Vertrauen in staatliches Handeln aus, so bei der Bereitstellung wichtiger Güter und Dienstleistungen oder bei der Bewältigung komplexer sozialer Probleme. Wesentliche Instrumente des „Staates der Daseinsfürsorge“ sind die bürokratische Anordnung, die staatliche Planung, die Ausübung von Zwang zwecks Durchsetzung der von der Politik vorgegebenen Ziele und die Befürwortung

kollektivistischer Lösungen.

Gegen diese planende Vernunft wird seitens der Konstruktivismuskritiker ins Feld geführt, (1) dass die menschlichen Verstandeskräfte begrenzt wären und daher sozialplanerischen Bestrebungen enge Grenzen setzten, (2) dass wichtige gesellschaftliche Institutionen nicht bewusst geschaffen wurden, sondern ungeplant durch menschliche Interaktion entstanden seien und sich auch nicht mit planerischen Mitteln weiterentwickeln ließen, und (3) dass Versuche zur Umsetzung gesamtgesellschaftlicher Planungen nicht nur ihr propagiertes Ziel, die Erhöhung des allgemeinen Lebensstandards, verfehlten, sondern über zunehmende Einschränkungen der individuelle Freiheit oft genug auch bis zur Diktatur führten. Die Kritiker treten anders als die konstruktivistischen Denkrichtungen für Wettbewerb statt Planung, für Dezentralisierung statt Zentralisierung und für freiwillige Koordination statt zentrale Lenkung ein.

Zu den Konstruktivismuskritikern gehören die frühen Mitglieder der schottischen Schule der Moralphilosophie, angefangen von Adam Smith (1723-90) und David Hume (1711-76) bis hin zu neueren liberalen Autoren wie F. A. v. Hayek (1899-1992) , ferner die kontinentalen Neoliberalen und die zeitgenössischen angelsächsischen klassischen Liberalen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie großes Vertrauen in freiheitliche Formen des menschlichen Zusammenlebens und in die spontanen Kräfte einer offenen Gesellschaft setzen.

In der Sache geht es in der Konstruktivismusdebatte nicht um eine ideologische Fragestellung, sondern um ein Grundlagenproblem der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Lässt sich die menschliche Gesellschaft in ähnlicher Weise manipulieren und kontrollieren wie die physikalische Welt? M. a. W., kann der moderne technisch-naturwissenschaftliche Denkstil mit gleichen Erfolgsaussichten auch auf gesellschaftliche Probleme übertragen werden? Kann z. B. die „sichtbare Hand“ des Staates den Wirtschaftsprozess so steuern, dass Konjunkturen und Krisen, der Schrecken aller Marktgesellschaften, bald der Vergangenheit angehören?

Der ältere Konstruktivismus

In der ökonomischen Doktrinentwicklung gehen die Meinungen darüber weit auseinander. Adam Smith und seine intellektuellen Nachfolger ziehen die Grenzen für erfolgreiches sozialtechnologisches Handeln sehr eng, auch wenn sie dem Staat als politischem Akteur eine Reihe wichtiger öffentlicher Aufgaben zuschreiben. Frühsozialisten wie August Comte (1798-1857) und Henri de Saint-Simon (1760-1825) hingegen postulieren als Aufgabe jeder sozialen Ordnung die Ausrichtung aller Gesellschaftsmitglieder auf ein „allgemeines Ziel“, den „gesellschaftlichen Fortschrittsplan“. Diesen legen jedoch nicht die Betroffenen selbst fest, sondern die Gelehrten, denen die Fähigkeit zugesprochen wird, die künftige Gesellschaftsentwicklung richtig vorauszusehen (Fehlbaum).

Karl Marx (1818-83) schließlich vertritt die Ansicht, dass aus dem unvermeidlichen Zusammenbruch des Kapitalismus historisch zwangsläufig ein „Reich der Freiheit“ und damit eine Neue Gesellschaft resultiere. Das Scheitern dieser Prognose nach der sozialistischen Revolution in Russland (1917) hatte zur Folge, dass sich die Gründer der Sowjetunion für die zwangsweise Durchsetzung des kommunistischen Gesellschaftsideals entschieden. Diesem Beispiel folgten später Mao Tsetung, Pol Pot und viele andere Diktatoren in dem Sinne, dass sie die Liquidierung ganzer Klassen und sozialer Schichten mit dem Argument verteidigten, eine Neue Gesellschaft schaffen zu wollen (Courtois) .

Der neuere Konstruktivismus

Ausgangspunkte des neueren Konstruktivismus sind die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges (1914-18) und die Folgen der Weltwirtschaftskrise (1929-38). Beide Ereignisse wurden als Versagen der alten liberalen Ordnung, die sich im 19. Jh. über die westliche Welt erstreckte, interpretiert. An die Stelle der liberalen Sozialphilosophie traten der Sozial- oder Wohlfahrtsstaat und der Glaube an eine weitreichende nichtsozialistische Wirtschaftssteuerung. Die damaligen Gesellschaften sollten auf demokratischem Wege anhand der Kriterien sozialer Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit umgestaltet werden. Das bedeutete z. B., dass Chancengleichheit mit Mitteln der Schul- und Bildungspolitik geschaffen, dass Einkommensunterschiede durch Progressivsteuern eingeebnet, dass gleiche medizinische Versorgung für alle durch Zwangsversicherungen gewährleistet, und dass die Abhängigkeit des Einzelnen von der Familie durch staatliche Sicherungs- und Versorgungssysteme abgelöst werden sollten.

Zur Kritik des Konstruktivismus

Beide Spielarten des Konstruktivismus werden häufig mit Wertargumenten kritisiert. Besonders den radikalen Entwürfen wird entgegengehalten, sie seien utopisch. Die neuere Konstruktivismuskritik hingegen schlägt einen anderen Weg ein. Sie bedient sich erkenntnistheoretischer und fachwissenschaftlicher Einwände. Ihr Anliegen ist es v. a., die Grenzen politischen Handelns in einer freien Gesellschaft deutlich zu machen

Die liberale Kritik am Konstruktivismus basiert auf der Sentenz „Wollen impliziert Können“. Gesellschaftliche Ziele können dann nicht erreicht werden, wenn ihnen unrealistische Annahmen über menschliches Verhalten zugrunde liegen. Der sozialingenieurhaften Sicht sozialer Beziehungen wird seitens der Konstruktivismuskritiker das evolutionäre Verständnis sozialer Prozesse entgegengesetzt. Danach gehen die wichtigsten Institutionen menschlichen Zusammenlebens, so die Sprache, das Recht, die Kunst, die Wissenschaft, die Moral, die Sitten, die Arbeitsteilung oder die Märkte, nicht aus gezielten menschlichen Planungen hervor, sondern sie entstehen unbeabsichtigt und ungeplant infolge menschlicher Interaktionen.

Das Adam Smith’sche Theorem der „unsichtbaren Hand“ bzw. die Idee der Selbststeuerung oder Selbstorganisation sozialer Gebilde verdeutlichen diese Weltsicht. Die genannten Institutionen lassen sich weder planerisch schaffen noch planerisch erfolgreich weiterentwickeln. Dort, wo – etwa in der Kunst, der Wissenschaft oder der Moral – eine politische Steuerung nach vorgefassten politischen Zielen versucht wird, entsteht intellektuelle Stagnation, und es werden soziale Scheinwelten aufgebaut.

Evolutionäre versus statische Sicht der Gesellschaft

Die älteren Entwürfe einer Neuen Gesellschaft sind in der Regel mit dem Versprechen einer zeitlos gültigen und dauerhaft gerechten Gesellschaftsordnung verknüpft. Sie sind mithin statischer Natur. Dagegen lassen sich aus der evolutionären Sicht sozialer Prozesse vier Argumente ableiten.

(1) Politische Versuche des totalen Umbaus einer bestehenden Gesellschaftsordnung begegnen erstens der Schwierigkeit, dass der jeweils existierende gesellschaftliche Zustand durch eine lange Reihe vorangegangener Ereignisse bestimmt ist. Sie schlagen sich in überkommenen Regeln, Verhaltensweisen und Einstellungen nieder, die den handelnden Subjekten nicht oder nur teilweise bekannt bzw. bewusst sind (Hayek). Dort, wo Regeln „entdeckt“ werden, sind sie jedoch nicht den naturwissenschaftlichen Gesetzeskonstanten vergleichbar. Dies wird u. a. daraus ersichtlich, dass es im sozialen Bereich bis heute keine den Naturgesetzen entsprechenden „gesellschaftlichen Gesetze“ gibt. Wo sie aufzustellen versucht wurden, scheiterten sie. M. a. W., die Sozialwissenschaften verfügen nicht (oder noch nicht?) über ein gut überprüftes erfahrungswissenschaftliches Wissen, das es erlaubt, Fortschritte zu erzielen, wie sie das moderne technische Wissen nahezu tagtäglich hervorbringt.

(2) Die „Wirtschaft“ oder die „Gesellschaft“ ist zweitens ein höchst komplexes Gebilde, das vom Standpunkt einer lenkenden Instanz nicht (oder zumindest nicht befriedigend) überschaubar ist. Ein entscheidendes Großexperiment war der Versuch, zuerst in der Sowjetunion und dann in vielen anderen Ländern, die überkommenen Verfahren der Koordination individueller Wirtschaftspläne über Märkte durch zentrale Planung zu ersetzen. Erwartet wurde ein funktionsfähiges und dem vermeintlichen „Chaos der Märkte“ auf breiter Front überlegenes Wirtschaften. Dieses Experiment scheiterte jedoch u. a. an der Unmöglichkeit, die hochkomplexen In- und Outputströme zwischen Unternehmen auch nur halbwegs befriedigend durch zentrale Anweisungen zu koordinieren. Im Alltag mussten Produktionsprozesse ständig unterbrochen werden, weil „kein Material da war“. Es ist deswegen nicht verwunderlich, dass dort, wo die gesamtwirtschaftliche Planung auch heute noch zwangsweise aufrechterhalten wird (Kuba, Nordkorea), der Lebensstandard großer Teile der Bevölkerung auf oder unter dem Subsistenzniveau liegt.

(3) Soziale Großexperimente, wie die Planung einer Neuen Gesellschaft, sind drittens mit dem Problem konfrontiert, dass die Kontrolle der Erfolge auf dem Wege zur Neuen Gesellschaft zum Politikum wird. Im Vergleich zu schrittweisen und begrenzten Reformen, die es in offenen Gesellschaften möglich machen, aus Fehlern zu lernen (Popper) , stellt das Programm, eine völlig neue Gesellschaft zu errichten, ein Vorgehen dar, bei dem das Aufdecken von Fehlern ungemein schwierig und gleichzeitig für Kritiker riskant ist.

Alle menschlichen Institutionen sind mit Mängeln behaftet. Treten diese etwa in Form von Planungsversagen oder der typischen „Mangelwirtschaft“ auf dann, stellt sich die Frage nach den Gründen. Da revolutionäre Umwälzungen bestehender Gesellschaftsordnungen politisch nur mit dem Argument vermittelbar sind, dass sie in eine bessere Welt führen, muss jedes Systemversagen durch „Feinde“ – seien es Klassenfeinde, Abweichler, Dissidenten oder ausländische Agenten – zu erklären versucht werden. Der Vorwurf, das Neue System habe immanente Konstruktionsfehler, setzt daher denjenigen, der es vorbringt, dem Verdacht aus, ein „Staatsfeind“ zu sein. Auf diese Weise wird das wichtigste Verfahren im Dienste des menschlichen Fortschritts, der Prozess von trial and error, (die Methode Neues zu versuchen und laufend Irrtümer zu eliminieren), außer Kraft gesetzt. Dass am Ende einer solchen Politik Zusammenbrüche stehen, wie 1989-91 in den sozialistischen Ländern, ist kaum verwunderlich.

(4) Die Hoffnung auf das erfolgreiche Planen und Erreichen einer besseren Welt durch das Wirken von Sozialingenieuren wird viertens in der Regel mit der Vorstellung verbunden, dass es aufgeklärte Eliten, eine Avantgarde des Proletariats, eine unfehlbare Partei oder einen vom Volk geliebten Führer gibt, der den richtigen Weg in die Zukunft weist. Keine Erwartung der älteren Gesellschaftsplaner ist so gründlich durch die Erfahrung widerlegt worden wie diese. Die neuere Geschichte der Diktaturen in Ost und Süd zeigt eindrucksvoll, dass die regierenden Autokraten und ihre Anhängerschaft die persönliche Bereicherung als ersten Zweck ihrer Herrschaft verfolgen. Das Versprechen eines höheren Lebensstandards für die breite Bevölkerung ist allenfalls relevant, wenn es um die Sicherung der jeweiligen Machtpositionen geht.

Interventionismus und Konstruktivismus

Angesichts des Zusammenbruchs fast aller sozialistischen Gemeinwesen in den letzten beiden Jahrzehnten wird der Anspruch auf Schaffung einer völlig Neuen Gesellschaft heute kaum mehr vertreten. Es wird weitgehend akzeptiert, dass es sich hier um eine utopische Vorstellung handelt oder – im vorliegenden Zusammenhang ausgedrückt –, dass das nötige Wissen und die erforderlichen Mittel für die Verwirklichung einer sozialistisch durchgeplanten Wirtschaft und Gesellschaft nicht existieren.

Damit rückt die Frage in den Vordergrund, ob Gleiches auch für die wohlfahrtsstaatlichen Nachfolgemodelle des Sozialismus gilt. Für sie ist typisch, dass für zentrale Bestandteile des menschlichen Lebens Regulierungen geschaffen werden, denen sich der Einzelne, wenn überhaupt, nur mit hohen Kosten entziehen kann. Die dabei geschaffenen staatlichen Monopole zur Absicherung des Alters, der Gesundheit, der Erziehung oder der Vermittlung des Zugangs zum Arbeitsmarkt, gefährden nicht nur die individuelle Freiheit, sondern erweisen sich unter dem Gesichtspunkt der Konstruktivismuskritik als Lösungen, die im

Endeffekt nicht lebensfähig sind, und die die ihnen aufgetragenen Aufgaben nicht bewältigen.

Ein Beispiel ist die konstruktivistisch-kollektivistische Lösung, der die Alterssicherung in den meisten Wohlfahrtsstaaten unterworfen ist. Hier erweisen sich in kurzen Zeitspannen „Jahrhundertgesetze“ immer wieder als revisionsbedürftig. Ein sachlicher Grund für das ständige Scheitern der sog. Reformen ist die große Zahl unbekannter, d. h. nicht prognostizierbarer Variabler, die alle vorangegangenen Schätzungen schnell zu Makulatur werden lassen.

Ähnliches gilt für das Gesundheitswesen oder die staatliche Vermittlung von Arbeitslosen oder die Versuche, Krisen und Konjunkturen nach Keynes’schen Rezepten weitgehend auszuschalten. Selbst das weniger schwer überschaubare staatliche Schulwesen, das trotz mancher Liberalisierungsschritte weiterhin von staatlichen Vorgaben abhängig bleibt, ist kaum in der Lage, auch nur annähernd die Leistungen hervorzubringen, die andernorts in weniger regulierten und stärker dem Wettbewerb ausgesetzten Schulsystemen Standard sind.

Aus Sicht der Konstruktivismuskritik aber liegt der Hauptmangel konstruktivistischer Lösungen darin, dass sie – im Gegensatz zu liberalen Ansätzen – das Ausprobieren von Alternativen, das Experimentieren mit neuen Lösungen und das Lernen aus der Erfahrung ungemein erschweren, wenn nicht sogar ganz verhindern. Änderungen können allenfalls auf dem mühsamen Wege über die Politik erstritten werden, mit der Folge, dass die im politischen Prozess erzielten Kompromisse und nicht die Sache selbst dominieren. Die Kritiker des konstruktivistischen Denkansatzes plädieren deswegen für einen Rückzug des Staates aus zahlreichen Tätigkeiten, die di eser in den letzten acht Jahrzehnten an sich gezogen hat.

Literaturhinweise

  • Courtois, S. u. a. (1998), Das Schwarzbuch des Kommunismus, München, Zürich;
  • Fehlbaum, R.-P. (1970), Saint-Simon und die Saint-Simonisten. Vom Laissez-Faire zur Wirtschaftsplanung, Basel, Tübingen;
  • Hayek, F. A. v. (1970), Die Irrtümer des Konstruktivismus und die Grundlagen legitimer Kritik gesellschaftlicher Gebilde, München, Salzburg;
  • Ders. (1971), Die Verfassung der Freiheit, Tübingen;
  • Popper, K. R. (1992), Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, 2 Bde. 7. Aufl., Tübingen;
  • Watrin, C. (1979), Vom Wirtschaftsdenken der Klassiker zu den neoliberalen Ordnungsvorstellungen, in: Linder, W./ Heibling, H./ Bütler, H., Liberalismus – nach wie vor, Buchverlag der Neuen Zürcher Zeitung, S. 81-102;
  • Yergin, D./ Stanislaw, J. (1999), Staat oder Markt. Die Schlüsselfrage unseres Jahrhunderts, Frankfurt/ M.
Christian Watrin