Konversion

In jedem (markt)wirtschaftlichen System geht generell der Einsatz von Ressourcen mit einem Verlust an Nutzungspotenzial einher – sei es für eine erneute Verwendung in der vorgesehenen Bestimmung oder aber für alternative Einsatzbereiche, die bei der ursprünglichen Allokationsentscheidung zunächst einmal ausgeschlossen wurden (Gedanke der Opportunitätskosten). Der Werteverzehr wird im Hinblick auf die Wiederholungsmöglichkeiten buchhalterisch durch Abschreibungen erfasst. Demgegenüber werden die Einbußen, die bei der Überführung einer Ressource in andere Nutzungsbereiche zu verzeichnen sind, in der Literatur unter dem Begriff der Faktorspezifität im Sinne von Oliver E. Williamson oder dem der „versunkenen Kosten“ diskutiert: Damit wird der Sachverhalt gekennzeichnet, dass die Aufgabenerfüllung in einem bestimmten Nutzungsbereich notwendigerweise Investitionen erfordert; diese können jedoch bei einem Abbruch der betreffenden Aktivitäten nicht oder nur teilweise wieder rückgängig gemacht werden. Wegen der Ressourcenknappheit leuchtet es ein, dass solche versunkenen Kosten möglichst zu minimieren sind – denn zum einen ist die ursprünglich beabsichtigte Aktivität nicht mehr hinreichend attraktiv genug und zugleich wird die Aufnahme einer neuen Aktivität durch diese Kosten erschwert oder sogar verhindert (Prozess des strukturellen Wandels).

Grundsätzlich hat sich im Laufe der Wirtschaftsgeschichte die Problematik der versunkenen Kosten mit der Herausbildung von arbeitsteiligen Prozessen erhöht, da Spezialisierungen immer auch eine Konzentration auf massgeschneiderte Lösungen beinhalten. Besonders ausgeprägt sind solche versunkenen Kosten jedoch im Zusammenhang mit der Überführung von Ressourcen aus der zivilen Verwendung in die militärische Nutzungsdimension einer Gesellschaft und umgekehrt: Begründen lässt sich diese Einschätzung mit dem Umstand, dass zum einen eine militärische Nutzung auf die Überwindung eines Gegners durch den Einsatz oder Androhung von Gewalt abzielt. Zum anderen müssen die militärischen Kontrahenten zum Erreichen ihrer Ziele weniger Restriktionen beachten als bei zivilen Wirtschaftsbeziehungen, die im Rahmen der Marktwirtschaft einem regelgeleiteten Wettbewerb unterworfen sowie im Normalfall an gewalttätigen (und illegalen) Aktivitäten erfolgreich gehindert werden.

Geht es um die Nutzbarmachung ehemals militärischer Ressourcen für eine zivile Verwendung, wird dies mit dem Begriff der Konversion bezeichnet. Diese Herausforderung hat auch in früheren Zeiten eine Rolle gespielt – zu denken ist hierbei vor allem an die Entlassung von Söldnern nach der Beendigung eines kriegerischen Konflikts. Signifikant hat die Konversion in der öffentlichen Diskussion mit dem Ende des Kalten Krieges an Bedeutung gewonnen. Denn die Auflösung des Warschauer Pakts veränderte die Bedrohungslage für den Westen fundamental – vor allem ist die Notwendigkeit zu einer konventionellen umfassenden Territorialverteidigung auf absehbare Zeit unwahrscheinlich geworden. Dementsprechend sind nach dem Jahr 1989 (mit der Schaffung der deutschen Einheit und dem Beitritt der mittel- und osteuropäischen Staaten in die EU) die bestehenden militärischen Kapazitäten verringert worden. Ebenso wurden die Finanzmittel für deren Aufrechterhaltung oder sogar Erweiterung tendenziell gekürzt, um als so genannte „Friedensdividende“ zugunsten ziviler Aktivitäten im staatlichen (Haushaltskonsolidierung) oder im privaten Bereich verwendet zu werden (Stichworte: Reform der Bundeswehr; Abschaffung der Wehrpflicht).

Da Finanzmittel einen Liquiditätsgrad von „Eins“ aufweisen, ist deren Überführung in die zivile Dimension nicht mit einem Konversionsproblem im Sinne „versunkener Kosten“ verbunden. Vielmehr stellt sich für den Militärhaushalt die (in jedem staatlichen Aufgabenbereich diskutierte) Frage, ob überhaupt und in welchem Maße eine Reduktion des Budgets gerechtfertigt ist – was sowohl politische Befürworter als auch deren Gegner auf den Plan ruft. Demgemäß konzentriert sich die Konversionsaufgabe auf drei grundlegende Teilbereiche, die sich – gemäss der klassischen volkswirtschaftlichen Unterteilung der Produktionsfaktoren nach Arbeit, Kapital und Boden – wie folgt kennzeichnen lassen:

  • die Rüstungsgüterkonversion, die sich mit der Umnutzung bestehender Waffensysteme und der zu ihrer Herstellung benötigten Produktionsanlagen auseinandersetzt,
  • die Humankapitalkonversion, die sich mit zivilen Beschäftigungsmöglichkeiten für Soldaten, Zivilangestellte im Verteidigungsbereich und den Mitarbeitern in der Rüstungsindustrie befasst,
  • die Standortkonversion, bei der militärisch genutzte Immobilien wie Kasernen, Flughäfen und Hafenanlagen, Depots und Truppenübungsplätze für zivile Anschlussnutzungen gewonnen und umgewidmet werden sollen.
Allen drei Bereichen ist die oben besprochene Problematik der versunkenen Kosten gemein. Zum Ausdruck kommt dies vor allem in einer geringen Marktfähigkeit beziehungsweise der Existenz dünner Märkte bei den betreffenden Ressourcen: Beispielsweise ist die Nachfrage nach schweren Raupenschleppern für die Forstwirtschaft nicht so gross, dass sich damit eine Weiterverwendung aller überschüssigen Panzer sichern ließe, die zum Zeitpunkt des Jahres 1989 in Europa vorhanden waren. Ebenso sind Militärareale, die sich in erheblicher Entfernung zu Ballungsräumen befinden, für die Zivilwirtschaft häufig nicht hinreichend attraktiv. Zudem sind diese häufig mit Gebäuden und Infrastruktur versehen, die gemäss militärischen Vorgaben wie einer Beschussfestigkeit sowie der Minimierung einer Trefferwahrscheinlichkeit konstruiert worden sind. Schließlich zeichnen sich militärische Organisationen beispielsweise durch Führungsprinzipien (Stichwort: Befehl und Gehorsam) aus, die aufgrund der beleuchteten Existenzbedrohung im militärischen Einsatz von denen des zivilen Erwerbslebens abweichen.

Im Rückblick auf die Konversionserfahrungen, welche bei den politischen Akteuren und bei den privaten Wirtschaftssubjekten während der vergangenen zwanzig Jahre entstanden sind, lässt sich zeigen, dass zum einen die Problematik der versunkenen Kosten durch Erfahrungsgewinne der Akteure minimiert wird – so durch die Identifikation von innovativen Nutzungsmöglichkeiten für Rüstungsgüter sowie für Immobilien oder durch die Begleitung der Konversion im Rahmen einer föderalen Arbeitsteilung zwischen den Gebietskörperschaften. Zudem zeigen sich auch länderspezifische Unterschiede – beispielsweise dürften in der Schweiz, in der die Grenzen zwischen der Inneren und Äusseren Sicherheit erheblich durchlässiger sind als in Deutschland, die Herausforderungen für die Humankapitalkonversion einen geringeren Stellenwert einnehmen. Schließlich haben die Rüstungsproduzenten auf das Spannungsfeld aus nationalen Budgetkürzungen, gewandelten Anforderungen an die Waffensysteme im Zuge asymmetrischer Konflikte und die Öffnung neuer Märkte mit Strategien wie der Schwerpunktverlagerung auf beidseitig (zivil und militärisch) nutzbare (dual-use-) Güter und der Exportausweitungen von Rüstungsgütern reagiert.

Wie dem auch sei: In der Summe ist die Nutzung der knappen volkswirtschaftlichen Ressourcen für friedliche, zivile Zwecke häufig höher einzuschätzen als diejenige für militärische Aufgaben. Dennoch bleibt dabei zu beachten, dass jedwede marktwirtschaftliche (zivile) Tätigkeit letztlich die Sicherung des Friedens und den Schutz der Freiheit durch den Einsatz und durch die Verwendung militärischer Güter im Sinne wirkungsvoller Abschreckung voraussetzt.

Literaturhinweise

  • Baltes, P. T. (2004), Handlungsökonomie und neue Institutionenökonomie – eine theoretische Auseinandersetzung anhand der Transaktionsmechanismen zur Liegenschaftskonversion, Baden-Baden;
  • Bonn International Center for Conversion (Hrsg.) (2012), Jahresbericht (Jahrgänge: 1996-2011): http://www.bicc.de/publications.html (Stand: 18. Januar 2012);
  • Brzoska, M. (2007), Success and Failure in Defense Conversion in the ‚Long Decade of Disarmament’, in: Handbook of Defense Economics, Vol. 2, ed. by SANDLER, T., HARTLEY, K., Amsterdam u. a., S. 1176 ff;
  • Dickertmann, D., Baltes, P. T. (2001), Standortkonversion – Herausforderung als Chance, in: Wirtschaftdienst, Jg. 81, H. X, S. 580 ff.;
  • Reuther, F. (2010), Konversion als Strukturwandel in Rheinland-Pfalz, Norderstedt;
  • Hiller, J. (2010), Konversionspolitik als landespolitische Herausforderung Rheinland-Pfalz: Medienpolitische Tradition und Perspektive, in: Politik in Rheinland-Pfalz – Gesellschaft, Staat und Demokratie, hrsg. v. SARCELLI, U. u. a., S. 529 ff.
Peter T. Baltes

Dietrich Dickertmann