Korporatismus

Seinem wörtlichen Ursprung nach bedeutet Korporatismus (von lat. „corporatio“ = Körperschaft) eine Verbindung von Personen gleichen Standes oder Berufs. So können z.B. die Handwerksinnungen als klassische korporatistische Vereinigungen bezeichnet werden. Heutzutage meint Korporatismus hingegen eine Form der Beteiligung gesellschaftlicher Gruppen an den sie betreffenden politischen Entscheidungsprozessen. Dabei soll ein planvolles, auf einander abgestimmtes Ineinandergreifen dieser Gruppen zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels erreicht werden. Annahmegemäß funktioniert ein korporatistisches Verhandlungssystem, weil alle beteiligten Akteure freiwillig zu Zugeständnissen bereit sind. So soll es zu einem tauschähnlichen Vorgang mit einem Ausgleich der Interessen kommen. Beispiele korporatistischer Arrangements sind Lobbying, Koordination der Arbeitsmärkte mit Hilfe von Staat, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften (sog. Tripartismus) sowie die Organisation weiterer sogenannter marktwirtschaftlicher Ausnahmebereiche, z.B. des Gesundheitssystems, mit Hilfe von Gruppenverhandlungen.

Formen des Korporatismus

Grundsätzlich ist zwischen einem autoritär-diktatorischen und einem demokratisch-liberalen Korporatismus zu unterscheiden. Der autoritär-diktatorische Korporatismus – auch als klassischer Korporatismus bezeichnet – ist durch eine begrenzte Anzahl von Verbänden mit Zwangsmitgliedschaft in Anlehnung an das mittelalterliche Zunftwesen gekennzeichnet. Die Verbände werden vom Staat nach funktionalen Aspekten gegeneinander abgegrenzt und stehen in keinerlei Wettbewerb miteinander. Eine faktische Umsetzung fand dieses Konzept im neuzeitlichen Europa insbesondere in den 1920er bis 1940er Jahren. Das Konzept des demokratisch-liberalen Korporatismus ist hingegen durch eine freiwillige Einbindung frei gebildeter Interessenverbände in staatliche Entscheidungsprozesse gekennzeichnet. Der Blick auf diese Spielart des Korporatismus erweiterte sich erst wieder in den 1970er Jahren, als die Politikwissenschaft den Begriff neu entdeckte und auf seine Tradition aus dem 19. Jahrhundert sowie seine demokratisch-liberalen Aspekte verwies. Er wird daher auch als Neokorporatismus bezeichnet, was die Neuformulierung der Beziehungen zwischen dem Staat und den organisierten Interessengruppen widerspiegeln sowie das Image des Korporatismus als wünschenswertem Mechanismus im Rahmen der politischen Steuerung gesellschaftlicher Prozesse verbessern soll.

Entsprechend der Steuerungsebene kann zudem zwischen einem Makrokorporatismus und

einem Mesokorporatismus unterschieden werden. Geht es dem Staat darum, die gesamtwirtschaftliche Entwicklung aktiv zu steuern, handelt es sich um Makrokorporatismus (z.B. die politikfeldübergreifende „Konzertierte Aktion“, Deutschland 1966). Ist hingegen nur ein besonderer Sachbereich der Politik betroffen, spricht man von Mesokorporatismus oder sektoralem Korporatismus (z.B. „Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen“, Deutschland 1977). Hier sollen scheinbar unzulänglich funktionierende Marktmechanismen durch ein zusätzliches Steuerungselement ergänz werden.

Eine korporatistische Koordination setzt konsolidierte Partner in Form von Verbänden, die Anspruch auf Repräsentanz – zumindest Meinungsführerschaft - erheben können, voraus. Diese Interessenverbände müssen einerseits einen gemeinsamen Ideologiegehalt besitzen, andererseits aber auch über ideologische Elastizität und Verhandlungskompetenz verfügen. Im Gegensatz zu klassischen Verhandlungen, können korporatistische Verhandlungen auch als stabile Verhandlungskartelle bezeichnet werden, die idealerweise durch ein Mindestmaß an Vertrauen gekennzeichnet sind. Die Bindungswirkungen korporatistischer Vereinbarungen können von einfachen Empfehlungen ohne jegliche verbindliche Wirkung bis hin zu rechtlich voll verbindlichen Wirkungen variieren.

Beispiele des Korporatismus in der Neuzeit

Ansätze zu einem eher demokratisch-liberal geprägten Korporatismus entwickelten sich bereits im 19. Jahrhundert, z.B. mit der Gründung der Spitzenverbände von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Deutschland und Dänemark. 1908 wurde in Schweden die erste tripartistische Institution, die Reichsversicherungsanstalt, gegründet. Eine korporatistisch geprägte „Politik des Arbeitsfriedens“ wurde hier in den 1930er Jahren schrittweise eingeführt. Das demokratisch-liberale Modell des Korporatismus musste in Europa aber schnell autoritär-diktatorischen Ansätzen weichen. So entwickelten sich bereits in den 1920er Jahren europaweit organisch berufsständische Korporatismusvarianten im Rahmen der faschistischen Ideologien der Zeit. Das faschistische Italien apostrophierte sich ganz explizit als korporativer Staat. Die deutschen Nationalsozialisten griffen ebenso Elemente autoritärer Korporatismuskonzepte auf, um die deutsche Wirtschaft „organisch neu zu ordnen“. Selbst Henri Pétain experimentierte im Vichy-Frankreich der Kriegszeit mit korporatistischen Institutionen.

Es verwundert daher nicht, wenn in der Nachkriegszeit der Korporatismus maßgeblich als Begleiterscheinung des Faschismus gesehen wurde. Allerdings räumen die Verfassungen aller westeuropäischer Länder den organisierten Großklassen der Industriegesellschaften einen privilegierten Status ein. Insbesondere die Dachverbände der Unternehmen sowie die Gewerkschaften für die Beschäftigten konnten so seit dem II. Weltkrieg ihren Einfluss in weite Bereiche der demokratisch legitimierten Politik hinein ausweiten. Dabei bestehen selbstverständlich erhebliche Unterschiede in der Ausgestaltung dieser Strukturen. Insbesondere Länder wie Österreich, Norwegen und Schweden sind stark zentralisiert und durch Konzertierung von ökonomischen Interessen gekennzeichnet. In Schweden trafen sich z.B. entsprechend einer ungebrochenen Tradition von 1955 bis 1964 die Vertreter der Arbeitgeber, der Gewerkschaften und des Staates regelmäßig in Harpsund zu einer informellen Beratung über wirtschaftspolitische Themen (bekannt unter dem Begriff „Harpsund-Demokratie“), was später in Kommission verlagert wurde.

Im Vergleich hierzu gilt Deutschland nicht unbedingt als korporatistisches Land. Seit der Großen Koalition von CDU und SPD in den Jahren 1966/67 kann man jedoch auch hier starke korporatistische Tendenzen finden. Die zu jener Zeit eingeführte „Konzertierte Aktion“ sollte die Lohnpolitik in die keynesianisch begründete Nachfragesteuerung einbeziehen, um die erste Rezession der Nachkriegszeit erfolgreich zu bekämpfen. Dafür sollte eine expansive Fiskalpolitik mit einer zurückhaltenden Lohn- und Tarifpolitik verbunden werden. Tatsächlich wurde die Rezession schnell überwunden. Allerdings schossen die öffentlichen Haushalte mit einer übermäßigen Expansion der Ausgaben weit über das Ziel hinaus, was eine der stärksten Boom-Phasen der Nachkriegszeit auslöste. Auch für die Gewerkschaften wurde die Konzertierte Aktion zu einem Debakel, da die moderate Lohnpolitik angesichts des hohen Wirtschaftswachstums nicht mehr an der Basis vermittelbar war und zu offenen Protesten der Arbeitnehmer gegen die Gewerkschaften führte. So wurde dem Konzept einer Verhaltensabstimmung zwischen den Tarifparteien und dem Staat bereits seit 1969 schrittweise die Grundlage entzogen, bis sie 1977 endgültig scheiterte. Dennoch wurde neben zahlreichen anderen korporatistischen Ansätzen in den 1970er Jahren ein neues Großprojekt mit Namen „Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen“ eingerichtet (1977), um durch eine Koordination von gesetzlichen Krankenkassen und den Erbringern der Gesundheitsleistungen für eine Kostenentlastung zu sorgen, was kurzfristig auch gelang.

In den 1980er Jahren setzten sich in vielen europäischen Ländern vermehrt marktkonforme Lenkungsmechanismen durch. Selbst im traditionell korporatistischen Schweden kam es 1980 zu problematischen Tarifverhandlungen, verbunden mit dem größten Streik seit 1909. Parallel setzte sich hingegen mit dem Abkommen von Wassenaar in den Niederlanden seit 1982 eine neue Form des Korporatismus durch, allerdings erst in einer prekären Zwangslage am Arbeitsmarkt. Durch dieses tripartistische Abkommen sollte ein Prozess der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und der Reform der sozialen Sicherungssysteme eingeleitet werden, um die Arbeitslosigkeit abzubauen. Die Gewerkschaften verstanden sich aufgrund dessen auf einen klaren Kurs der lohnpolitischen Zurückhaltung und größerer Lohndifferenzierung. Die Unternehmen schafften ein breites Angebot von Teilzeit- und flexiblen Arbeitsplätzen. Der Staat verzichtete auf das Vermittlungsmonopol am Arbeitsmarkt und sicherte sich die Unterstützung für die Reform der sozialen Sicherung. Entsprechend wuchs das Sozialprodukt in den Niederlanden seit Mitte der 1980er Jahre stärker als in den benachbarten Ländern. Deshalb wurde der Korporatismus in den 1990er Jahren noch einmal als Motor des „Dutch Miracle“ gefeiert.

Es inspirierte zahlreiche weitere korporatistische Arrangements in Europa, u.a. das „Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit“ in Deutschland im Jahre 1998. Im Zusammenhang mit der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion wurden auch in anderen Ländern der EU korporatistische Strategien wiederbelebt. Ihr Ziel war, die Konvergenzkriterien für eine Aufnahme in die Eurozone zu erreichen. Dazu gehörten insbesondere ad-hoc Pakte in Irland, Italien, Spanien und Portugal, also Länder, welche nicht durch starke Sozialpartner mit ausdifferenzierten Verbandsstrukturen gekennzeichnet waren und nur bedingt die theoretischen Voraussetzungen für korporatistische Koordination erfüllten. Auch in den Krisenjahren seit 2008 sind korporatistische Konzepte wieder in der öffentlichen Diskussion.

Ordnungspolitische Probleme

Grundsätzlich stehen sich die Konzepte Korporatismus und Marktwirtschaft diametral gegenüber. Während der Korporatismus auf einen gesellschaftlichen Konsens, ausgehandelt durch Interessenvertreter und Verbände, setzt, vertraut die Marktwirtschaft auf die Koordinationsfunktion wettbewerblich organisierter Märkte. Entscheidend ist daher die Frage, in welchem Fall welcher der beiden Mechanismen eine bessere Ressourcenallokation erreichen kann. Das häufig für korporatistische Arrangements genutzte Argument des Marktversagens hat dabei allerdings nur beschränkte Gültigkeit, da es sich häufig um kaschierte Fälle von Staatsversagen handelt. Auch mit dem demokratischen Entscheidungsfindungsprozess bestehen gewisse Konflikte. So ist ein häufig genanntes Argument für korporatistische Problemlösungen der Informationsgewinn, den der Staat durch Sonder- und Expertenwissen aus den beteiligten Verbänden und Interessengruppen zur Verfügung gestellt bekommt. Allerdings gewinnen die eingebundenen Verbände auf diese Weise auch größeren Einfluss auf den politischen Entscheidungsprozess. Während so im Korporatismus ein Stück demokratischer Willensbildung und Entscheidungsfindung gesehen werden kann, besteht auch die Möglichkeit, den Ergebnissen einer korporatistischen Verhandlung die demokratische Legitimierung vollständig abzusprechen, wurde sie doch nur von bestimmten Interessenvertretern geschlossen und nicht von den durch Wahlen legitimierten Abgeordneten eines Parlaments. Da die Verbände eher Partikularinteressen vertreten als das Gemeinwohl einer Gesellschaft, wird der politische Entscheidungsprozess zumindest verzerrt. Letztendlich führt der korporatistische Entscheidungsprozess zu einer Vermischung und damit auch Verwischung von eigentlich getrennten Verantwortlichkeiten. Dadurch wird die Zurechenbarkeit von Verantwortung beeinträchtigt und somit auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, reduziert.

Betrachtet man die Bildung korporativer Strukturen allein, gibt es ambivalente Entwicklungen zu unterscheiden. Einerseits sind durch die Bündelung verschiedener Einzelinteressen zu einheitlichen Positionen Kostenersparnisse zu erzielen. Der Staat kann sich in diesen Fällen z.B. kostenintensive Ermittlungen der Einzelinteressen ersparen und hat nur einen Verhandlungspartner. Andererseits bestehen auch Risiken bei übermäßiger Interessenaggregation: ein Beispiel sind Auflösungserscheinungen im Bereich der deutschen Tarifautonomie mit ihren Flächentarifen. Die mangelnde Berücksichtigung der Bedürfnisse einzelner und wichtiger (regionaler und sektoraler) Gruppen am Arbeitsmarkt kann zu Abspaltungsbewegungen führen.

Auch das Argument einer erhöhten gesellschaftlichen Akzeptanz von im korporatistischen Konsens gefundenen Lösungen kann nach heutiger Erkenntnis nicht mehr gelten, beinhalten sie doch drei entscheidende Gefahren: Die größte Gefahr des Korporatismus liegt dabei in seiner Tendenz zur Besitzstandswahrung durch entsprechende Verbandsinteressen. Würden die beteiligten Verbände dem Wandel der wirtschaftlichen Verhältnisse positiv gegenüberstehen, wären die korporatistischen Verhandlungen überflüssig. Sie dienen daher tendenziell eher dazu, defensive Strategien zu vereinbaren, welche die Veränderungsdynamik der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung bremsen sollen. Durch eine solche Verfestigung (Sklerotisierung) der Strukturen kommt es aber zu verringertem Wirtschaftswachstum und zu einer Verschlechterung der Wettbewerbsposition der betroffenen Länder im internationalen Standortwettbewerb. Des Weiteren besteht eine Gefahr in der Versuchung, Lösungen zu finden, welche zu Lasten Dritter gehen. Das betrifft insbesondere auch die tripartistischen Vereinbarungen auf den Arbeitsmärkten, wo hohe Löhne und Kündigungsschutzregeln zu Lasten von Arbeitslosen, Steuer- und Sozialbeitragszahlern oder sogar kommender Generationen beschlossen werden. Zudem ist es für korporatistische Institutionen typisch, Regelungen zu entwickeln, die kurzfristig vorweisbare Erfolge versprechen, jedoch die langfristigen Konsequenzen wenig beachten. Diese kurzfristige Orientierung wird durch das Interesse der Politik gefördert, rechtzeitig vor den nächsten Wahlen Lösungen zu präsentieren. Auch die Verbandsführungen profitieren davon, gegenüber ihren Mitgliedern einen direkten Einfluss auf Politik und Gesellschaft vorweisen zu können. Es ist daher eher unwahrscheinlich, dass korporatistische Institutionen besonders geeignet und hilfreich sind, um langfristige Reformen zu entwerfen.

Aus ordnungspolitischer Sicht ergibt sich damit nur ein geringer Wert für den Korporatismus als gesellschaftlicher Koordinationsmechanismus. Wie das Beispiel der Niederlande gezeigt hat, können korporatistische Ansätze in Ausnahmefällen auch ordnungspolitische Reformen unterstützen. Es kann vermutet werden, dass dies gerade in kleinen, außenhandelsintensiven und relativ homogenen Gesellschaften, die über einen geringeren Grad an Interessendivergenz verfügen, möglich ist. Es ist jedoch kaum anzunehmen, dass korporatistische Arrangement s immer in der Lage sind, einen adäquaten ordnungspolitischen Rahmen zu schaffen, der mehr Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt oder in anderen betroffenen Sektoren zulässt. Ganz im Gegenteil, korporatistische Strukturen sind tendenziell eher defensiv auf Besitzstandswahrung ausgerichtet, welche zu Lasten Dritter durchgesetzt werden muss.

Literaturhinweise:

  • Berthold, Norbert (1999), Ende des Korporatismus oder europäischer Neubeginn?, in: Wirtschaftsdienst 1999/X, S. 579 – 582;
  • Czada, R. (2000), Dimensionen der Verhandlungsdemokratie: Konkordanz, Korporatismus, Politikverflechtung, Hagen;
  • Neumann, M. (2000), Korporatismus – eine Gefahr für die marktwirtschaftliche Ordnung, in: Wirtschaftsdienst 2000/IX, S. 538 – 541;
  • Rehling, Andrea (2011), Konfliktstrategie und Konsenssuche in der Krise: Von der Zentralarbeitsgemeinschaft zur Konzertierten Aktion, Baden-Baden;
  • Schmitter, P. / Lembruch G. (Hrsg.) (1979), Trends Towards Corporatist Intermediation, Beverly Hills / London;
  • Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie (2000), Aktuelle Formen des Korporatismus - Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Berlin.
Ralph Michael Wrobel

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