Kreditwirtschaft, Struktur und Aufsicht

Im Rahmen ihrer Liquiditätsausgleichsfunktion tragen Kreditinstitute dazu bei, Friktionen im Geldstrom einer Volkswirtschaft zu überbrücken. So können sich Kapitalanbieter und -nachfrager an unterschiedlichen Orten befinden, ihre Präferenzen im Hinblick auf den betreffenden Betrag, die Laufzeit und das Risiko der Anlage bzw. Aufnahme mögen auseinanderfallen. Kreditinstitute können ihre Existenz dann begründen, wenn sie Nachfrager und Anbieter von Kapital auf indirekte Weise als Finanzintermediär (Zwischenhändler in Geld) zu niedrigeren Kosten zusammenführen als dies bei einem Direktkontakt der Fall wäre. Im Rahmen ihres „klassischen“ Einlagen- und Kreditgeschäfts (Commercial Banking) bieten sie sich daher an, Beträge durch den Raum zu transportieren sowie im Hinblick auf Laufzeit, Volumen und Risiko zu transformieren. Für die Überschuss- und die Defiziteinheiten einer Volkswirtschaft können sich dadurch die Kosten für die Suche nach Vertragspartnern sowie die Anbahnung, den Abschluss, die Durchführung und die Kontrolle von Verträgen verringern.

Charakteristisch für die deutsche Volkswirtschaft ist das Universalbanksystem. Im Gegensatz zu der in den USA bis 1999 vom Staat vorgeschriebenen Spezialisierung auf bestimmte Geschäftsarten (Trennbankensystem) unterliegen Banken hierzulande keinerlei Begrenzungen mit Blick auf die von ihnen angebotenen Produkte. Unabhängig davon lassen sich anhand der gewählten Rechtsform aber mehrere Sektoren der Kreditwirtschaft unterscheiden. Als Aktiengesellschaft treten vor allem die vier mit Filialsystemen überregional operierenden Großbanken (Deutsche Bank, Bayerische Hypo- und Vereinsbank, Dresdner Bank, Commerzbank) sowie einige regional tätige private Banken auf. Die Großbanken haben ihr Auslandsgeschäft in den letzten Jahrzehnten deutlich ausgebaut und zählen mittlerweile weltweit zu den führenden Instituten in den Bereichen des gehobenen und standardisierten Privatkundengeschäfts (hier durch die gesetzlichen Neuregelungen der privaten Altersvorsorge zunehmend in Konkurrenz zu den Versicherungen), der Finanzierung großer Industrie- und Handelskonzerne sowie des Mittelstands.

In öffentlich-rechtlicher Trägerschaft befinden sich dagegen die Sparkassen, deren Geschäftsbetrieb durch (einzelne oder mehrere) Städte bzw. Kreise sichergestellt wird. Da hieraus auch eine geographische Beschränkung der Geschäftsgebiete folgt, bestehen darüber hinaus Landesbanken, die im Eigentum einzelner oder mehrerer Bundesländer sowie der regionalen Sparkassenverbände stehen. Dem Subsidiaritätsprinzip folgend, sollen sie diejenigen Geschäfte betreiben, für die den einzelnen Sparkassen die erforderliche Größenordnung bzw. das Know-how fehlen (z. B. Auslandsgeschäft, komplexe Finanzierungskonstruktionen). Das Spitzeninstitut der Organisation ist die Deka Bank Deutsche Girozentrale, zuständig insbesondere für Zahlungsverkehrsaufgaben und Wertpapierfinanzierungen. Nimmt man die in gleicher Rechtsform betriebenen Spezialinstitute wie Versicherungen, Kapitalanlagegesellschaften und Bausparkassen hinzu, dann wird ein öffentlichrechtlicher Verbund sichtbar, der im Aufbau den Großbanken mit ihren Zentralen in Frankfurt/ M. und den über Deutschland verteilten Niederlassungen ähnelt, im Gegensatz zu diesen aber dezentral aufgebaut, aus selbstständigen Unternehmen zusammengesetzt ist. Die Institute dieses Sektors verfolgen im Unterschied zu den privaten Banken ausdrücklich nicht das Ziel der Gewinnmaximierung. Dem in den Gesetzen auf Ebene der Länder niedergelegten „öffentlichen Auftrag“ entsprechend, sollen sie sich am „Gemeinwohl“ orientieren, indem sie die kreditwirtschaftliche Versorgung vor allem wirtschaftlich schwächerer Bevölkerungskreise sowie des Mittelstands sicherstellen, eine regionalpolitische Ausgleichsfunktion wahrnehmen und den Wettbewerb in der Kreditwirtschaft stärken. Allerdings ist die Notwendigkeit dieser Einflussnahme der öffentlichen Hand aus ordnungspolitischer Sicht derzeit stark umstritten, so müssen Landesbanken und Sparkassen aufgrund europäischer Vorgaben ab 2005 auf die Gewährträgerhaftung (Übernahme des Verlustrisikos) durch Land bzw. Kommune verzichten.

Als dritter großer Sektor sind die in der Form von Genossenschaften organisierten Volks- und Raiffeisenbanken zu nennen. Als Pendant zur Gemeinwohlorientierung richten sich Genossenschaften, die als Selbsthilfeeinrichtungen entstanden, bei denen nur Mitglieder der Genossenschaft auch Kunden sein konnten, am „Förderauftrag“ aus. Dieser bedeutet heute faktisch eine primäre Orientierung an der Ausschüttung von Geschäftsüberschüssen auf die Genossenschaftsanteile. Zu den Zielgruppen gehören traditionell vor allem die Privatkunden des sog. Mengengeschäfts sowie Firmenkunden aus Handel, Handwerk, Kleingewerbe und Landwirtschaft. Ebenso wie die öffentlich-rechtlichen Institute bildet dieser Sektor einen Verbund aus den Primärgenossenschaften und einem Spitzeninstitut (DZ Bank); allerdings ist die den Landesbanken vergleichbare mittlere Stufe der Zentralbanken in Folge von Strukturkrisen der Organisation auf nur noch ein Institut (WGZ Bank) geschrumpft. Darüber hinaus bestehen genossenschaftliche Versicherungs-, Bauspar- und Fondsunternehmen, und es ergeben sich Ähnlichkeiten dadurch, dass die Kreditgenossenschaften in räumlich stark beschränkten Geschäftsgebieten tätig sind.

Neben diesen drei großen Sektoren der Kreditwirtschaft sind mehrere kleinere, zumeist auf bestimmte Geschäftsarten spezialisierte Gruppen zu nennen. Hierzu zählen die traditionsreichen Privatbankiers, die sich vor allem für das Vermögensmanagement im gehobenen Privatkundensegment und die anspruchsvolle Unternehmensfinanzierung anbieten, die Hypothekenbanken und Bausparkassen mit dem Geschäftsschwerpunkt der Immobilienfinanzierung, Auslandsbanken oder auch Bankgründungen von Industrie- und Handelsunternehmen (z. B. VW-Bank, C&A-Bank).

Bedingt vor allem durch den technischen Fortschritt sowie die internationale Vernetzung (Globalisierung) hat sich der Wettbewerbsdruck auch in der deutschen Kreditwirtschaft verstärkt. So wird das traditionelle Commercial Banking zunehmend vom Investment Banking bedroht, das sich rund um das Wertpapiergeschäft dreht – sei es bei der Geldanlage der Privathaushalte (z. B. in Form von Aktien anstelle von Spareinlagen), sei es bei der Unternehmensfinanzierung (etwa Ersatz von klassischen Bankkrediten durch Anleihen, Kapitalmärkte). Dieser Trend zu verbrieften Finanzierungen (Securitization) hat neben der Technisierung (Vertrieb von Bankleistungen über das Internet) wesentlich zur Konzentrationswelle in der deutschen Kreditwirtschaft beigetragen, in deren Folge die Zahl der selbstständigen Institute von über 8.000 (1970) über gut 5.000 (1980) und 4.500 (1990) auf rund 2.000 (2010) gesunken ist, ein im internationalen Vergleich allerdings immer noch hoher Wert.

Der Handlungsspielraum der Kreditwirtschaft wird ebenso wie der der Versicherungswirtschaft wesentlich stärker als in anderen Branchen durch staatlich gesetzte Regeln eingeschränkt. Die Begründung für diese Regulierung wird aus einer besonderen Vertrauensempfindlichkeit des Bankwesens abgeleitet. Gerade ökonomisch weniger aufgeklärte Sparer kleinerer Beträge − so das Argument − würden schon von vagen Gerüchten über wirtschaftliche Schwierigkeiten eines Kreditinstituts dazu veranlasst, ihre Einlagen abzuziehen. Es könnte sich dann ein Windhundrennen um den vordersten Platz am Bankschalter entwickeln (Run), der die Liquidität der betroffenen Bank auszehrt. Daher wäre das Institut gezwungen, Gelder von anderen Banken abzurufen, was nach und nach die gesamte Kreditwirtschaft in Schwierigkeiten bringen könnte (Domino-Effekt). Im Endergebnis drohte eine Systemkrise, die dazu führen könnte, dass einerseits die Altersvorsorge breiter Bevölkerungskreise verloren geht und andererseits die Kreditversorgung der Wirtschaft ins Stocken gerät.

In den Jahren 2007 bis 2010 ist das Weltfinanzsystem – und so auch die deutsche Kreditwirtschaft – durch die schwerste Krise der Nachkriegszeit gegangen (Finanzmarktkrise). Immobilienfinanzierungen aus den USA, abgeschlossen in Zeiten niedriger Zinsen und kontinuierlich steigender Häuserpreise, konnten von den Schuldnern nicht mehr bedient werden. Ausfälle und Kursverluste bei den Wertpapieren, zu deren Besicherung sie dienten, waren die direkte Konsequenz. In der Folge litten aber nicht nur diejenigen Kreditinstitute, die (wie vor allem die deutschen Landesbanken) in diese Papiere investiert hatten. Vielmehr ging speziell nach dem Zusammenbruch der renommierten US-Investmentbank Lehmann Brothers am 15. September 2008 temporär das Anlegervertrauen in den Finanzsektor insgesamt und in unterschiedlichste Finanzprodukte pauschal verloren. Nur durch Staatshilfen in Milliardehöhe konnten Bankenzusammenbrüche auch hier zu Lande verhindert werden, wodurch allerdings die Staatsverschuldung (wie im Ausland) stark anstieg. Wie wichtig der Finanzsektor indes für die Volkswirtschaft ist, zeigte sich daran, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt (auch) infolge der Finanzmarktkrise 2009 um 5 % einbrach.

Da sich demnach nicht nur in der großen Bankenkrise 1931, sondern auch in der jüngsten Finanzmarktkrise gezeigt hat, dass alptraumhaften Systemstörungen letztlich nicht vollständig auszuschließen sind, sieht der Staat unverändert eine Berechtigung für den Eingriff in das marktwirtschaftliche Geschehen (Interventionismus). Im Gesetz über das Kreditwesen schreibt er den Banken insbesondere vor, in Abhängigkeit von den von ihnen eingegangenen Risiken (z.B. des Kreditnehmerausfalls, der Wechselkurs-, Aktienkurs- oder Zinsänderungen) Mittel zum Verlustausgleich in Form von Eigenkapital zu unterhalten. Die Beachtung dieser und anderer Regeln zum Umgang mit Risiken wird von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Aufsichtsämter) in Kooperation mit der Deutschen Bundesbank als „Bank der Banken“ überwacht.

Noch vor der Finanzkrise fand 2007 ein epochaler Umbruch der Bankenregulierung statt. Die Grundlagen dazu wurden durch die Vorarbeiten des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht gelegt, einem Gremium der Bankenkontrolleure aus den wichtigsten Industriestaaten. Seither dürfen Kreditinstitute die von ihnen selbst entwickelten Risikomanagement- und Rating-Systeme zur Berechnung der notwendigen Eigenkapitalbeiträge heranziehen. Dadurch wurden die zuvor starren, nicht auf die individuelle Risikosituation der einzelnen Bank abzielenden Vorgaben der Bankenaufsicht ersetzt. Allerdings behielt sich diese die eingehende regelmäßige Kontrolle der Risikomanagement-Systeme vor Ort vor („qualitative Aufsicht“). Außerdem schreibt das als „Basel II“ bezeichnete Regelungspaket den Banken eine ausführlichere Information der Finanzmärkte (Publizität) vor, damit die Güte des Kreditinstituts besser eingeschätzt werden kann. Einleger sollen damit die Möglichkeit erhalten, bei ihrer Geldanlage angemessene Risikoprämien zu fordern (Marktdisziplinierung). – Nach den Erfahrungen der Finanzmarktkrise werden die Regulierungsstandards („Basel III“) die Banken zwingen, deutlich mehr Eigenkapital für die eingegangenen Risiken vorzuhalten.

Literaturhinweise:

  • Paul, S./ Kösters, W. (2009), Die Bankenkrise als Kern der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, in: Politische Bildung, 42. Jg., Nr. 3, S. 41-62;
  • Süchting, J./ Paul, S. (1998), Bankmanagement, 4. Aufl., Stuttgart;
  • Thießen, F. u. a. (Hrsg.) (2007), Enzyklopädisches Lexikon des Geld-, Bank- und Börsenwesens, 2 Bde., 5. Aufl., Frankfurt/ M..
Stephan Paul