Leistungsprinzip

Jede Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass ihre Mitglieder zu Leistungen für sich selbst und für andere motiviert werden. Leistungen für andere werden außerhalb kleiner Gemeinschaften durch öffentliche Anerkennung, meist aber durch eine Gegenleistung vergolten. Das gilt unabhängig von der Wirtschaftsordnung.

In Marktwirtschaften bewerten zahllose Nachfrager im Wettbewerb den ihnen entstehenden Nutzen aus Leistungen miteinander konkurrierender Anbieter, indem sie als Gegenleistung einen Betrag anbieten, den sie im Regelfall deswegen zahlen können, weil sie ihrerseits eine anderen dienende Leistung am Markt verkauft haben. Diesem Austausch müssen beide Marktpartner zustimmen und sind insoweit gleichberechtigt.

In hierarchischen Systemen (Behörden, Schulen, Unternehmen) bewerten demgegenüber Übergeordnete, die nicht Empfänger der Leistung sein müssen, Leistungen derjenigen, die ihrem Urteil unterworfen sind. Dabei kann ein Willkürspielraum bestehen, der durch Regeln und Kontrollen oder die Möglichkeit, auf Märkte auszuweichen, eingeengt wird. Wenn in freiheitlichen Systemen Beurteilte auf andere Beurteiler und Märkte ausweichen können, werden sie insoweit vor Willkür in der Leistungsbewertung geschützt. In Zentralverwaltungswirtschaften, also ohne freie Märkte, fehlt dieser Ausweg (Sozialismus). Es kann zwar noch der sozialistische Grundsatz gelten: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung.“ Wirtschaftliche Leistung wird aber nur noch sehr unvollkommen daran gemessen und danach entlohnt, in welchem Umfang politisch festgelegte Pläne erfüllt werden. Sie sind wenig anpassungsfähig und bewerten Leistungen vorwiegend nach technischen Maßstäben.

Vollkommen ist das Leistungsprinzip nicht: Märkte sind oft unvollkommen, der Wert insbesondere immaterieller Leistungen wird nicht selten erst zu spät erkannt oder sie bleiben unbelohnt, die Bewertungsmaßstäbe ändern sich zusammen mit Zielen und Werturteilen. Mancher sieht im Leistungswettbewerb eine Quelle der „Selbstausbeutung“ (Vernachlässigung von Besinnung und Muße) und der Vergiftung zwischenmenschlicher Beziehungen, insbesondere gegenüber Wettbewerbern. Dem Streben nach Gewinnmaximierung und Verlustvermeidung werden soziale Bewertungsfehler unterstellt. Ein Gesamturteil hängt jedoch nicht zuletzt von der Einkommensverwendung ab. Nur eigenes Einkommen und Vermögen erlaubt Freigiebigkeit, kann aber auch aus Wettbewerbsbeschränkungen, Behinderungen anderer und Privilegien hervorgehen.

Der Leistungswettbewerb führt zu besseren und billigeren Produkten und lässt damit Ergebnisse des individuellen Leistungsstrebens anderen zugute kommen. Nur aus hinreichendem Leistungseinkommen und Vermögen können Sozialleistungen für Leistungsunfähige finanziert werden. Solange der Abgabendruck die Leistungsantriebe nicht übermäßig schwächt und Leistung anerkannt bleibt, kann die Einkommensverteilung korrigiert und können Steuern nach der Leistungsfähigkeit erhoben werden.

Literaturhinweise:

  • Willgerodt, H. (1973), Das Leistungsprinzip – Kriterium der Gerechtigkeit und Bedingung des Fortschritts?, in: Rauscher, A. (Hrsg.), Kapitalismuskritik im Widerstreit, Köln, S. 89-115;
  • Gehlen, A. u. a. (1974), Sinn und Unsinn des Leistungsprinzips, München;
  • Kammer der EKD für Soziale Ordnung (1978), Sozialethische Überlegungen zur Frage des Leistungsprinzips und der Wettbewerbsgesellschaft, Gütersloh.
Hans Willgerodt