Liberalismus

Der politische und wirtschaftliche Begriff des Liberalismus (lat. liberalis = dem Freien geziemend) entstand in der Zeit der Aufklärung und fand u. a. im 19. Jh. starke Verbreitung. Liberale Ansätze streben nach freiheitlichen, auf die Individualität des einzelnen Menschen ausgerichtete Ordnungen zur Bewältigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Arbeitsteilung. Dem Staat kommt v. a. die Aufgabe zu, die Freiheitsrechte der Menschen zu schützen. Die oft übliche, formale Unterscheidung zwischen dem politischen und dem wirtschaftlichen Liberalismus geht von der scharfen Abgrenzung dieser beiden Sphären aus und verkennt die gemeinsamen Elemente.

Zu den antiken geistigen Vordenkern des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus zählt Aristoteles (384-322 v. Chr.). Er versteht das Individuum als ein zoon politikon, ein gesellschaftliches Wesen, eingebunden in einen Staat, der durch das Ideal der individuellen Freiheit und Gleichheit geprägt ist, und unter der Herrschaft eines durch die Menschen selbst gegebenen Gesetzes steht.

Die früh-liberale Bewegung setzt im 16. Jh. mit der Aufklärung und der Renaissance als „Freiheitsforderung gegenüber dem Staat“ (Alfred Müller-Armack) ein. John Locke (1632-1704) postuliert einen Gesellschaftsvertrag als konstitutionelle Herrschaft zum Schutze des Privateigentums (Eigentum). Bürgerliche Gesetze (die Herrschaft des Rechts bzw. die „rule of law“) und das spontane Verhalten der Individuen sollen das menschliche Handeln in situationsgerechte Formen lenken. Zu den frühen Vertretern einer spontanen, evolutionären Ordnung zählt David Hume (1711-1776). Diese Ära findet ihren Höhepunkt in Adam Smith (1723-1790) mit seinem Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“ sowie Jeremy Bentham (1748-1832) mit der Formel: „Das größte Glück der größten Zahl“ (von Menschen), was zum klassischen politischen Liberalismus des späten 18. und des 19. Jh. überleitet.

Der deutsche Liberalismus gründet sich auf die Beiträge von E. Kant, J. G. Fichte und A. von Humboldt. Der französische Liberalismus – repräsentiert durch die Idee einer Dreiteilung der Gewalten in Gesetzgebung, Regierung und Rechtswesen – wird durch F. M. Voltaire, J.-J. Rousseau und Ch. de Montesquieu (1689-1755) vertreten. Der klassische Liberalismus (Hochliberalismus) beginnt mit der Menschenrechtserklärung in Frankreich (1789) und führt im 19. Jh. zur Realisierung liberaler Verfassungen, charakterisiert durch immer stärkere Volksrechte und liberale wirtschaftliche Ordnungen, insbesondere für den internationalen Handel.

Im späten 19. Jh. führen der Mitgliederschwund der liberalen Parteien, reaktionäre Strömungen und Arbeiterbewegungen zu einer Verdrängung des Liberalismus. Enttäuschungen über die Auswirkungen des wirtschaftspolitischen „Laisser-faire“ und die Illusion einer sich natürlicherweise selbst erzeugenden Wirtschaftsordnung führen zur Ablösung des wirtschaftlichen Liberalismus während und nach dem Ersten Weltkrieg. Die Zurückhaltung der Politik gegenüber der Wirtschaft wurde nicht nur aufgegeben, sondern wechselte zu einer Politik der Interventionen und des handelspolitischen Protektionismus.

Auf dieser Basis des Interventionismus entwickelten vor allem Ludwig von Mises und Max Weber die geistigen Grundlagen des Neoliberalismus. Er umfasst eine breite Ideen- und Wertskala für eine freiheitliche staatliche und wirtschaftliche Ordnung als Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft. Hieran anknüpfend entsteht die ordoliberale Freiburger Schule mit Walter Eucken, Wilhelm Röpke, Alfred Müller-Armack, Franz Böhm, Alexander Rüstow, Ludwig Erhard u. a., die letztendlich die Soziale Marktwirtschaft als moderne Wirtschaftsordnung in Deutschland einführen. In Abgrenzung zum klassischen Liberalismus führte die Ordoliberale Schule auch den Begriff des Paläo-Liberalismus (=Alt-Liberalismus) ein, der einen konsequenten Liberalismus mit minimalen Staatseingriffen und ohne soziale Komponente kennzeichnen soll (wie zur Blütezeit des Kapitalismus im 19. Jahrhundert angestrebt).

Friedrich August von Hayek entwirft die Idee einer spontanen, evolutionären Ordnung und, kongenial (geistig ebenbürtig) mit Karl R. Popper, das Konzept einer „Großen“ oder „Offenen“ Gesellschaft mit einer freiheitlichen demokratischen Verfassung. Auch die Idee des Gesellschaftsvertrages erfährt durch John Rawls, Robert Nozick und James McGill Buchanan eine Renaissance. Eine starke neoliberale Ausstrahlung entfaltet die Chicago Schule, welcher u. a. Milton Friedman angehört.

Schaubild: Varianten des Liberalismus

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Literaturhinweise:

  • Redhead, B./ Starbatty, J. (Hrsg.) (1988), Politische Denker. Von Plato bis Popper, Bonn;
  • Hasse, R. H./ Molsberger, J./ Watrin, C. (Hrsg.) (1994), Ordnung in Freiheit: Festgabe für Hans Willgerodt, Stuttgart, Jena, New York;
  • Hayek, F. A. von (1991), Die Verfassung der Freiheit, 3. Aufl., Tübingen.
Ralph G. Anderegg