Marktmechanismus

Der Begriff „Mechanismus“, besonders als „Marktmechanismus“, wird im ökonomischen Sprachgebrauch vor allem in der Theorie sehr häufig verwendet. Sein unreflektierter Gebrauch leistet allerdings Irrtümern über die zugrunde liegenden Prozesse Vorschub. Die Verbindung mit „Mechanismus“ rückt die Marktprozesse in die Nähe von mechanischen Abläufen, die durch festgelegte Zusammenhänge von Ursache und Wirkung vorgezeichnet sind. Diese mechanistische und materialistische Sicht wird der Ökonomie als Wissenschaft und Praxis von entschiedenen Gegnern einer marktwirtschaftlichen Ordnung (Sozialismus) und von jenen Kritikern vorgehalten, die ethische Grundlagen und Ziele des Wirtschaftens einfordern (Katholische Soziallehre, Evangelische Sozialethik). Als (wirtschafts-)politischer Kampfbegriff werden diese Vorwürfe vielfach in dem Schlagwort „Neoliberalismus“ zusammengefasst (Liberalismus, Soziale Marktwirtschaft).

Ökonomen tragen allerdings selbst zu dieser verzerrten Sicht bei, wenn sie die Grundlagen wirtschaftlicher Bewegungs- und Entscheidungsprozesse nicht ausreichend darlegen. Insbesondere deren Über-Mathematisierung dürfte dazu beigetragen haben, den Blick auf die Vielfalt wirtschaftlicher Ursachen-Wirkungs-Ketten und auf die handelnden Akteure zu verstellen.

Um angesichts der ungeheuren Komplexität wirtschaftlicher Prozesse einen ökonomischen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang isoliert herauszuarbeiten, hat ihn die Wirtschaftstheorie zu Analysezwecken von allen anderen (real existierenden) Einflussfaktoren befreit, indem sie diese als unverändert annimmt und somit aus der Betrachtung ausklammert (von diesen Faktoren abstrahiert) . An theoretischen Modellen mit einem derartig hohen Abstraktionsgrad ist in einer Funktion darstellbar, wie sich eine ökonomische Größe (z. B. die Nachfrage) ändert, wenn man eine andere (z. B. den Preis) variiert (Angebot und Nachfrage).Funktionen dieser Art werden gerade in der Wirtschaftstheorie viel verwendet, oft allerdings ohne die Bedingungen ihres Zustandekommens explizit zu nennen.

Besonders deutlich wird dies bei dem „homo oeconomicus“, einem virtuellen wirtschaftlichen Akteur. Er handelt nur in ökonomischen Kategorien, und seine Ziele sind festgelegt (z. B. Nutzenmaximierung als Konsument, Gewinnmaximierung als Produzent). Derartige Annahmen erlauben in bestimmten Modellsituationen eindeutige Lösungen (Aussagen, Ergebnisse). Diese Vorgehensweise ist gewissermaßen das Pendant zu Laborversuchen in anderen wissenschaftlichen Disziplinen und hilft, grundlegende Zusammenhänge zu verdeutlichen. Nur in diesen theoretischen Modellen kann man von einem Mechanismus sprechen, nicht aber bei der Betrachtung realer Personen in der realen (Wirtschafts-) Welt.

Das reale Leben in einer Gesellschaft und das Verhalten realer Menschen in der Wirtschaft werden von derartigen Modellen nur zu einem Teil erfasst. Auch wird nicht ausreichend einsichtig, dass Modelle unter der Annahme bestimmten Verhaltens zu Lösungen führen, die zwar als Regel gelten können, dass sich aber bei der Annahme anderen Verhaltens andere Lösungen ergeben, die als Ausnahme von der Regel angesehen werden.

So besagt die Regel, dass ein Gut weniger nachgefragt wird, wenn sein Preis steigt (regelmäßige Wirkung). In Anbetracht dieser Reaktion der Mehrzahl der Nachfrager kann sich aber jemand genau umgekehrt entscheiden und bei steigendem Preis mehr nachfragen, gerade weil nur noch wenige dieses Gut erwerben können (Snob-Effekt). Diese Reaktion ist die bewusste Ausnahme, die das Regel-Verhalten der „normalen“ Nachfrager zur Voraussetzung hat.

Eine rationale Entscheidung kann sogar vorliegen, wenn alle Nachfrager trotz Preiserhöhung mehr von einem Gut erwerben wollen. Das ist dann sinnvoll, wenn alle Nachfrager von der Erwartung ausgehen, dass der Preis noch weiter steigt. In einer solchen Marktsituation besteht die rationale Regel-Entscheidung darin, von einem Produkt rechtzeitig mehr nachzufragen, um dessen erwarteter weiteren Preiserhöhungen zu entgehen, falls auf dieses Gut nicht verzichtet werden soll.

Es wird ersichtlich, dass ökonomische Theorie Verhaltenstheorie ist. Die Einflussfaktoren auf das Verhalten von Wirtschaftssubjekten gegenüber ökonomischen Sachverhalten sind vielfältig, z. B. die Marktsituation, deren Wahrnehmung durch den Entscheidungsträger und dessen Informationsstand, die Ziele und Interessenlagen des Handelnden u. a. m. Je nach Ausprägung dieser Faktoren wird die Entscheidung unterschiedlich ausfallen.

Die Handelnden sind immer Personen, die für sich oder andere agieren (Eltern für ihre Kinder, Unternehmer, Manager für ihre Unternehmen bzw. für deren Eigentümer, Gewerkschaften für Arbeitnehmer, Politiker und Staatsbedienstete für die Bürger). Dabei ist die Interessenlage eines Einzelnen eindeutig, der für sich als Konsument oder Einzelunternehmer entscheidet. Bei Personen, die stellvertretend für andere handeln, ist die Feststellung der vorrangigen Interessenlage schwieriger, die die Entscheidungen bestimmen (z. B. die von dem Handelnden vermuteten Interessen der vertretenen Gruppe bzw. Institution oder auch dessen Eigeninteresse.

Alle Wirtschaftssubjekte, auch Unternehmen und Institutionen, handeln durch Personen. Das Menschenbild (Soziale Marktwirtschaft: Menschenbild), auf dem die ökonomische Theorie ihre Verhaltensannahmen gründet, ist der mündige Bürger, der rational im Sinne seiner ökonomischen Interessen handelt. Dabei werden ihm Grenzen durch geschriebene und ungeschriebene (Rechts-) Regeln und sittlich-ethische Normen gesetzt (Institutionenökonomik).

Selbst wenn die Akteure am Markt jeweils neu entscheiden, zeigt sich doch eine große Verlässlichkeit, wie sich die Marktteilnehmer unter Normalbedingungen verhalten. Die Erfahrungen menschlichen Verhaltens über Jahrhunderte erlauben der Theorie Grundaussagen über Reaktionsmuster und schaffen damit eine Basis, die zuverlässige Regel-Aussagen und Prognosen ermöglicht. Ökonomische Befunde und Instrumente werden auch fruchtbar in anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen angewandt, z. B. in der Politikwissenschaft und der empirischen Sozialforschung.

Dadurch wird aber kein Mechanismus im eigentlichen Sinne beschrieben, da eine Vielzahl unterschiedlicher Personen auf der Grundlage wechselnder Situationen jeweils neu entscheidet. Das sollte man beachten, um Missverständnisse und Fehlinterpretationen bei dem Begriff „Marktmechanismus“ zu vermeiden.

Hermann Schneider