Marktwirtschaft

„Der Mensch steht im Mittelpunkt des Wirtschaftens“. Damit ist gemeint, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen soll und nicht umgekehrt. Woher wissen wir, ob die Wirtschaft dem Menschen dient? Betrachten wir den Menschen in seiner Rolle als Konsument. Er hat gearbeitet und ist dafür entlohnt worden. Nun will er seinen persönlichen Bedarf decken. Wenn er lange suchen und warten muss, um dann doch leer auszugehen oder um bloß etwas Minderwertiges kaufen zu können, dann dient die Wirtschaft nicht dem Menschen. Minderwertige Waren und lange Schlangen waren der wirtschaftliche Alltag im real existierenden Sozialismus. Hier stoßen wir auf das Paradoxon, dass diese Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bewusst auf die Bedürfnisse der Menschen hin geformt werden sollte und dass die Wirklichkeit das Gegenteil bewirkte.

In der Marktwirtschaft signalisieren bewegliche Preise Konsumenten und Produzenten die Knappheit der Güter. Verschiebt sich die Nachfrage zwischen Gütern, so verändert sich ihr relativer Preis (Tauschwert): Das stärker nachgefragte Gut wird teurer – gemessen in Einheiten der nun weniger nachgefragten Güter – und umgekehrt. Damit erhalten die Produzenten Informationen über die Kaufabsichten der Konsumenten. Die Veränderung der relativen Preise macht es für die Produzenten einerseits lohnend (steigende Gewinnaussichten), nun das stärker nachgefragte Gut vermehrt zu produzieren, während andererseits die Produktion der anderen Güter zurückgeht; die Produzenten dort werden die Produktion umstellen, d.h. produktiver zu arbeiten versuchen, oder in die Bereiche abwandern, in denen die Gewinnaussichten höher sind. Die zentrale Voraussetzung dafür ist Privateigentum, das wir als Verfügungsrechte privater Akteure über Güter und Dienstleistungen charakterisieren können. Das bedeutet, dass diese Akteure auch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen selbst zu tragen haben, also haften – positiv in Form von Gewinnen, negativ in Form von Verlusten – bis hin zum Konkurs. Eine funktionierende Marktwirtschaft ohne Konkurse gibt es nicht.

Da sich in einer Marktwirtschaft die Produktionsstruktur selbsttätig – über Preise als Informationssignale und Gewinnaussichten als Anreize – auf die Wünsche der Konsumenten („Konsumentensouveränität“) einstellt, stoßen wir auf das Paradoxon, dass diese Ordnung nicht bewusst auf die Erfüllung der Bedürfnisse der Menschen hin geformt wurde, dass sie aber genau das bewirkt. Adam Smith (1721-1790), der Theoretiker der Marktwirtschaft, sieht den einzelnen Produzenten in einer Marktwirtschaft von einer „unsichtbaren Hand“ („invisible hand“) geleitet, in aller Regel ( im englischen Original heißt es „frequently“) einem Zweck (bessere Güterversorgung) zu dienen, der ursprünglich nicht in seiner Absicht lag.

Es lässt sich auch zeigen, dass die Marktwirtschaft die wirtschaftliche und gesellschaftliche Wohlfahrt fördert, weil der Wettbewerb die Akteure zu besseren Lösungen drängt, teilweise auch zwingt, um sich im Konkurrenzkampf zu behaupten, und dass sich so die überlegenen Produkte und Produktionsverfahren herauskristallisieren und verbreitet werden: „Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“ (F. A. v. Hayek). Marktwirtschaft und Wettbewerb sind zugleich ein Instrument zur Machtkontrolle; sie sichern damit individuelle Freiheit (Franz Böhm).

Die Marktwirtschaft erzieht sogar zu guter Moral – im wirtschaftlichen Kontext. Der Austausch von Gütern und Dienstleistungen auf dem Markt und die Möglichkeit der Abwanderung zwingen die Produzenten zur Ehrlichkeit: Übereinstimmung von Leistungsversprechen und -erfüllung. Kann der Käufer dem Leistungsversprechen vertrauen, so wird er dem Produzenten die Treue halten, anderenfalls wird er abwandern. Dies zwingt den Verkäufer zu Zuverlässigkeit und Liefertreue. Es lässt sich mit Hilfe von Computerexperimenten sogar Folgendes zeigen: Eine „ehrliche“ Verhaltensweise (Übereinstimmung von Leistungsversprechen und -erfüllung), solange der Tauschpartner auch ehrlich ist, setzt sich auch in einer betrügerischen Population durch. Wenn Betrüger mit Betrügern handeln und jeder betrogen werden kann, weiß niemand, wo schließlich der Nettovorteil sein wird. Daher ist es selbst für Betrüger rational, den Tausch mit ehrlichen Partnern zu suchen und auf Betrug zu verzichten; dann entfallen nämlich für sie die hohen Informations- und Transaktionskosten. Das Paradoxe ist also, dass in Marktwirtschaften Moral entsteht oder gestärkt wird, indem man den Einzelnen seinen eigenen Interessen folgen lässt, während sie oft unter die Räder gerät, wenn man den Einzelnen von seinen Interessen abbringen und ihn dahin erziehen will, unmittelbar für das allgemeine Wohl tätig zu sein.

Die These, dass in der Marktwirtschaft die Akteure zu verantwortungsbewusstem Handeln erzogen werden, gilt freilich nur bei einem Kontinuum wechselseitiger Aktionen. Der Verkäufer will die Erwartungen des Käufers erfüllen und umgekehrt, weil er den Fortgang der Handelsbeziehungen sichern will. Ist der Verkäufer dagegen nicht darauf angewiesen, dass er den Käufer zufrieden stellt, weil er nur einmal (z. B. Verkauf eines gebrauchten PKW) oder letztmalig einen Abschluss macht, dann freilich muss der Käufer in Rechnung stellen, dass er übervorteilt werden kann. Auch vollzieht sich die Erziehung zu Verlässlichkeit und guter (Geschäfts-) Moral bloß oder hauptsächlich in einem Umfeld, das durch rechtsstaatliche Prinzipien geregelt ist: „ Herrschaft des Rechts“ („rule of law“) und „Regierungen unter der Herrschaft des Rechts“ („government under the law“). Ansonsten muss mit dem Krebsübel „Korruption“ gerechnet werden. Die Korruption richtet sich gegen Produzenten und Konsumenten und bereichert diejenigen, die sanktionslos gegen Gesetze verstoßen dürfen. Die Schaffung rechtsstaatlicher Bedingungen wiederum ist Konsequenz freiheitlicher Ordnungspolitik – „die höchste kulturelle Leistung, die ein Volk erbringen kann“ (Franz Böhm).

Literaturhinweise

  • Eucken, W. (1940/ 1989): Grundlagen der Nationalökonomie, 9. Aufl., Berlin;
  • Hayek, F. A. von (1969) : Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren, in: Freiburger Studien, Gesammelte Aufsätze von F. A. von Hayek, Tübingen;
  • Smith, A. (1776/ 1999): An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Letzte deutsche Ausgabe und Übersetzung: Der Wohlstand der Nationen: Eine Untersuchung seiner Natur und Ursachen, 8. Aufl., München.
Joachim Starbatty

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