Preisniveaustabilität

Wenn man im Zusammenhang mit wirtschaftspolitischen Zielen – wie etwa bei der Europäischen Zentralbank – die Formulierung „Preisstabilität" findet, dann ist eigentlich die „Stabilität des Preisniveaus" gemeint, wie es zum Beispiel im deutschen Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 exakter formuliert ist. Es geht nämlich nicht um Preisstabilität im Sinne von fehlender Flexibilität oder Reagibilität der Einzelpreise, sondern darum, Preis(niveau)steigerungen auf breiter Front zu vermeiden. Ziel ist es somit, den Gesamtwert eines Warenkorbes konstant zu halten, nicht hingegen jeden Einzelpreis der zahlreichen in diesem Korb enthaltenen Waren und Dienstleistungen. Denn es ist gerade Ausdruck des freien Spiels der Marktkräfte, dass einzelne Preise im Zeitablauf steigen, andere sinken und dritte konstant bleiben – nur in der gewichteten Summe sollen sich diese Veränderungen zu einem stabilen Preisniveau addieren. Vielfach spricht man in diesem Zusammenhang auch von Geldwertstabilität.

Die besondere Bedeutung, die man diesem Ziel gerade in Deutschland beimisst, ist einmal durch die historischen Erfahrungen zu erklären. Zwei schwere Inflationen nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg sowie die damit verbundenen Währungsreformen haben insbesondere die älteren Menschen gegenüber der Inflation und ihren sozialen Kosten sensibilisiert.

In einer Marktwirtschaft übernehmen die (relativen) Preise eine Steuerungs- und Signalfunktion. Kommt es zur Inflation, so ist für die Unternehmer nicht mehr eindeutig sichtbar, welche Güter wirklich knapp sind und in welchen Bereichen neue Investitionen zu tätigen sind. Die Inflation täuscht vielmehr Knappheiten vor, und die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital werden in falsche Verwendungen gelenkt. Es kommt letztlich zu einer Störung der Allokationsfunktion der Preise und zu einem verminderten Wachstum.

Vor diesem Hintergrund zählte bei Walter Eucken eine auf Geldwertstabilität gerichtete Währungspolitik zu den konstituierenden Prinzipien der von ihm und seinem ordoliberalen Freiburger Kreis entworfenen Wettbewerbs- und Gesellschaftsordnung. Die Geldwertstabilität nimmt dabei sogar den ersten Rang ein: „Alle Bemühungen, eine Wettbewerbsordnung zu verwirklichen, sind umsonst, solange eine gewisse Stabilität des Geldwertes nicht gesichert ist. Die Währungspolitik besitzt daher für die Wettbewerbsordnung ein Primat“ (Eucken, 1955, S. 256). Auch für Ludwig Erhard war klar: „Die (...) soziale Marktwirtschaft (ist) ohne eine konsequente Politik der Preisstabilität nicht denkbar“ (Erhard, 1964,S. 15). In seiner Regierungserklärung vom 18. Oktober 1963 hieß es: „Das Bemühen um ein stabiles Preisniveau steht an der Spitze der wirtschaftlichen Rangordnung". Aus heutiger Sicht machen die in der modernen Theorie und Empirie ausführlich diskutierten (ökonomischen) Kosten der Inflation die zuvor angeführten Aussagen erst recht verständlich. Dabei ergeben sich negative Konsequenzen von Inflation sowohl bei Wachstum und Beschäftigung als auch bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen.

Die häufig geäußerte Ansicht, Inflation begünstige die Beschäftigung und das Wachstum, gilt allenfalls kurzfristig bei Geldillusion. Die scheinbare Wahlmöglichkeit vor dem theoretischen Hintergrund der Phillips-Kurve gipfelte in dem Ausspruch des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, „lieber 5 Prozent Inflation als 5 Prozent Arbeitslosigkeit“ zu akzeptieren. Mittel- und längerfristig lassen sich jedoch positive Beschäftigungseffekte nicht durch Inflation erkaufen. Die Arbeitnehmer werden sich nicht auf Dauer täuschen lassen und (der erwarteten Inflation) entsprechend höhere Löhne fordern, die kurzfristige positive Beschäftigungseffekte wieder zunichte machen. Neuere empirische Untersuchungen kommen sogar zu dem Ergebnis, dass die oben erläuterten negativen Wachstumseffekte die Arbeitslosigkeit eher erhöhen, was sich dann in einer positiv geneigten Phillips-Kurve niederschlagen würde (Zielkonflikte in der Wirtschaftspolitik).

Betrachtet man im nächsten Schritt eine offene Volkswirtschaft mit einem System fester Wechselkurse gegenüber den Handelspartnern, dann führt (höhere Inlands-) Inflation in diesem Rahmen zu einer Minderung der internationalen Preiswettbewerbsfähigkeit der inländischen Anbieter. Die heimischen Exporte werden sinken, während die Importe zunehmen. Der damit verbundene Nachfragerückgang nach heimischen Waren und Dienstleistungen wirkt wiederum negativ auf die inländische Beschäftigungssituation.

Ferner können mit der Inflation verschiedene negative Umverteilungseffekte verbunden sein. In der Theorie spricht man zum einen von der sogenannten Lohn-lag- und der Transfer-lag-Hypothese (von engl. „lag" = Verzögerung). Wenn die Lohneinkommen der unselbstständigen Arbeitnehmer oder staatliche Transferleistungen wie etwa Renten, Sozialhilfe, Wohngeld oder Kindergeld langsamer steigen als das Preisniveau, dann kommt es zu einer Verschlechterung der Realposition dieser Personengruppen (Kaufkraft der Renten/ des Einkommens sinkt). Zum anderen nimmt im Rahmen der Theorie der Vermögensverteilung die Gläubiger-Schuldner-Hypothese an, dass Inflation die Gläubiger zu Verlierern macht, weil die nominal fixierten Forderungen an Wert verlieren, während die Schuldner zu Inflationsgewinnern werden. Dies ist auch der Grund dafür, dass man dem Staat – in den vergangenen Jahrzehnten typischerweise Kreditnehmer (Staatsverschuldung) – häufig ein erhebliches Interesse an Inflation zuschreibt. Auf europäischer Ebene versucht man, mit den fiskalischen Kriterien im Vertrag von Maastricht und in dem Stabilitäts- und Wachstumspakt dieses Inflationsinteresse des Staates einzudämmen.

Drittens werden vielfach das Finanzvermögen und das Sachvermögen unterschiedlich durch die Inflation getroffen. Die Gefahr eines Substanzverlustes beim Finanzvermögen in Zeiten der Geldentwertung führt daher häufig zu einer „Flucht in die Sachwerte" (Betongold), die am ehesten einen Inflationsschutz versprechen. Inflation behindert somit die Ersparnisbildung und führt durch allokative Verzerrungen (Fehlleitungen) gesamtwirtschaftlich zu einer Unterversorgung mit Produktivkapital.

Abschließend sei noch auf negative Inflationswirkungen hingewiesen, die sich aus dem Steuersystem ergeben können. Werden zum Beispiel höhere (nominale) Einkommen mit einer durchschnittlich höheren Steuer (progressiver Einkommensteuertarif) belastet, so führt Inflation zu einer Einkommensumverteilung zugunsten des Staates und zulasten der privaten Wirtschaftssubjekte. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „kalter Progression“. Auch hieraus können negative Anreizeffekte entstehen, die zu Wachstumseinbußen führen.

Unter Verteilungsgesichtspunkten ist Inflation somit höchst unsozial und eine konsequente stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik die beste Sozialpolitik. Gerade wenn es – wie auch in der aktuellen Diskussion – darum geht, Ansprüche an den Staat und an soziale Sicherungssysteme zurückzudrängen und statt dessen Selbstverantwortung und Privatinitiative in den Vordergrund zu rücken, kommt der Preisniveaustabilität eine bedeutende Rolle zu. Nur wenn die Geldwertstabilität gewahrt wird, hat der Einzelne eine Chance, für Alter und schlechte Zeiten vorzusorgen.

Preisniveaustabilität liegt – wie eingangs erläutert – streng genommen dann vor, wenn die Inflationsrate null Prozent beträgt. Im Mittelpunkt der qualitativen Operationalisierung (allgemeine Definition und Messkonzept) der Preisniveaustabilität steht folglich die Suche nach einem Maßstab, mit dessen Hilfe Inflation erfasst werden kann. Dabei geht es um die Festlegung eines Warenkorbes (Güterbündel), dessen Verteuerung es zu messen gilt. Je nach der Zusammensetzung dieser Warenkörbe unterscheidet man verschieden weit abgegrenzte Indizes wie etwa den Deflator des Bruttoinlandsprodukts, den Preisindex für die Lebenshaltung privater Haushalte, den Index der Einfuhrpreise, den Index der Ausfuhrpreise usw. Da den einzelnen Konsumenten (und Wähler) in erster Linie die Preisentwicklung derjenigen Güter interessiert, die er typischerweise kauft, spielt der Preisindex für die Lebenshaltung privater Haushalte für die Inflationsmessung eine herausragende Rolle.

Im Rahmen der Europäischen Währungsunion wird die Preisniveaustabilität in der Euro-Zone mit Hilfe des harmonisierten Verbraucherpreisindexes (HVPI-EWU) überwacht, der sich wiederum als gewogenes Mittel der harmonisierten Verbraucherpreisindizes der Mitgliedstaaten ergibt. Die „Harmonisierung" bezieht sich dabei in erster Linie auf Verfahren und Methoden der Berechnung und nicht so sehr auf die nationalen Verbrauchsgewohnheiten.

Die quantitative Operationalisierung (Festlegung eines Schwellenwertes) ihres primären Ziels Preisstabilität hat die Europäische Zentralbank mit einer Inflationsrate (HVPI-EWU) von „unter aber nahe 2 Prozent" vorgenommen. Dieser Grenzwert oberhalb von Null wird insbesondere mit methodischen (Mess-) Problemen begründet. Verändern sich zum Beispiel die Verbrauchsgewohnheiten, ohne dass der Warenkorb (unmittelbar) angepasst wird, so verringert sich die aktuelle Aussagekraft des Preisindexes. Ein weiteres Problem ergibt sich aus Qualitätsveränderungen. Verbessert sich die Qualität eines Gutes und steigt zugleich dessen Preis im gleichen Verhältnis, so liegt eigentlich keine Inflation vor. Diese Effekte können aber nur in Ausnahmefällen zutreffend statistisch erfasst werden, so dass die Inflation möglicherweise überzeichnet wird.

Insbesondere angesichts der zuvor erläuterten Kosten der Inflation ist es begrüßenswert, dass sich in den letzten Jahren – auch international – ein zunehmender Konsens herausgebildet hat, die Sicherung der Preisniveaustabilität als Kernaufgabe der Geld- und Währungspolitik zu akzeptieren. Empirische Studien haben ergeben, dass eine positive Beziehung zwischen der Unabhängigkeit der Notenbank von Weisungen der Politik und der Geldwertstabilität besteht. Länder mit unabhängigen Notenbanken weisen demnach im Durchschnitt niedrigere Inflationsraten auf als Länder mit abhängigen Notenbanken, ohne dass die größere Preisniveaustabilität mit geringeren Wachstumsraten „bezahlt“ werden muss. Beim Stabilitätserfolg der Deutschen Bundesbank handelte es sich somit keineswegs um einen historischen Einzel- oder Ausnahmefall. Auf der anderen Seite stellt die Unabhängigkeit der Notenbank lediglich eine notwendige Bedingung für Preisniveaustabilität dar. Man darf sie nicht als hinreichende Bedingung im Sinne einer Erfolgsgarantie interpretieren.

Literaturhinweise:

  • Buchwald, W. (1998), Die Harmonisierung der Verbraucherpreisindizes in Europa, List Forum, Bd. 24, S 1-12;
  • Erhard, L. (1964), Wohlstand für Alle, 8. Aufl., Düsseldorf;
  • Eucken, W. (1955), Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Tübingen;
  • Issing, O. (1999), Stabiles Geld – Fundament der Sozialen Marktwirtschaft, Reden und Aufsätze der Universität Ulm, Heft 2, Ulm.
Heinz-Dieter Smeets