Spekulation

Spekulation ist eine Handlungsmaxime, die in allen Lebensereichen anzutreffen ist. Es wird eine Entscheidung getroffen mit der Erwartung, in der nahen oder ferneren Zukunft einen Vorteil zu haben. Der allgemeine Sprachgebrauch bezieht den Begriff Spekulation jedoch vornehmlich auf Geschäfte an Güter- und Finanzmärkten bzw. Börsen.

Ein Autofahrer, der an einer Tankstelle mit vermeintlich zu hohen Benzinpreisen vorbeifährt, tut dies in der Erwartung, dass bei einer anderen Tankstelle oder in den nächsten Tagen der Benzinpreis niedriger sein wird. Spekulation versucht, Preisunterschiede für ein Gut zwischen zwei verschiedenen Zeitpunkten gewinnbringend zu nutzen. Kennzeichen der Spekulation ist die Erwartung und die Unsicherheit, die Unsicherheit, ob sich der Preis tatsächlich in die erwartete Richtung verändert.

Für Spekulationsgeschäfte eignen sich besonders Güter, die

- standardisiert bzw. homogen sind

- deren Preise flexibel sind bzw. stark schwanken

- und die an Börsen (Kassa- und Terminbörsen) in großem Unfang gehandelt werden.

Dazu zählen alle Finanzprodukte (Aktien, Anleihen, Devisen, derivative Finanzinstrumente) die an Finanzbörsen gehandelt werden, sowie Güter, die an Warenbörsen gehandelt werden (Getreide, Edelmetalle, Rohstoffe etc.).

Von der Spekulation zu unterscheiden ist die Arbitrage, die unterschiedliche Preise für ein Gut an zwei verschiedenen Orten nutzt. Im Einzelfall können allerdings Spekulation und Arbitrage zusammenfallen. Der mittelalterliche Fernhändler, der den Preisunterschied für ein Gut zwischen zwei Orten nutzte, spekulierte auch darauf, dass dieser Preisunterschied nach dem oftmals langwierigen Transport des Gutes vom Ort mit dem niedrigeren Preis zum Ort mit dem höheren Preis immer noch bestand.

Ebenfalls keine Spekulation ist die Anlage, z. B. in Aktien. Der langfristige Aktienanleger spekuliert nicht auf die kurzfristigen Schwankungen des Börsenkurses, sondern partizipiert am Gewinnwachstum und der daraus resultierenden Wertsteigerung der Unternehmen. Die Weiterentwicklung eines breit gestreuten Depots von Standardaktien ist langfristig – trotz der kurzfristig starken Kursausschläge – daher sehr stetig, weil die zahlreichen kurz- und mittelfristigen Ausschläge sich weitgehend ausgleichen, so dass langfristig der – in der Regel leicht positive – Trend der Unternehmenswertentwicklung zum Tragen kommt.

Eine Kassaspekulation ist der gegenwärtige Kauf eines Gutes in der Hoffnung auf zukünftig steigende Preise (à la hausse“). Tritt die Preissteigerung ein, besteht der Gewinn des Spekulanten im Unterschied zwischen Kauf- und Verkaufspreis abzüglich der Finanzierungskosten (Zinsen) für den entsprechenden Zeitraum. Steigt der Preis hingegen nicht oder nicht genug, um die Zinsen zu tragen, so erleidet der Spekulant einen Spekulationsverlust.

Eine Spekulation auf fallende Preise („à la baisse“) ist z. B. mit Leerverkäufen möglich. Der Spekulant verkauft eine Ware, die er nicht besitzt, in der Hoffnung, dass ihr Preis bis zur Lieferung unter den vereinbarten Preis sinkt und er sie mit einem Spekulationsgewinn bis zum vereinbarten zukünftigen Termin einkaufen und seine Verpflichtung erfüllen kann. Bei Leerverkäufen am Kassamarkt der Börse, wo nach wenigen Tagen das Geschäft erfüllt werden muss (in Deutschland gilt als Erfüllungsfrist z. B. t+2), werden die zu liefernden Aktien i. d. R. über eine Wertpapierleihe beschafft. Das Spekulationsgeschäft Leerverkauf endet dann bei Ende der Leihfrist, wenn die Aktie an der Börse erworben und dem Entleiher zurückgewährt werden muss.

Zu den Spekulationen am Terminmarkt zählen einmal Optionen, bei denen einer der Vertragspartner das Recht hat, sich bei Fälligkeit der Option gegen Zahlung eines zuvor vereinbarten Entgeltes für oder gegen eine Ausübung des Geschäfts zu entscheiden, oder Futures, bei denen bereits zum Zeitpunkt des Abschlusses die Lieferung einer bestimmten Ware zu einem bestimmten Preis und zu einer bestimmten Zeit in der Zukunft vereinbart wird, ohne dass eine der beteiligten Parteien noch ein Wahlrecht hätte, ob das Geschäft zustande kommt oder nicht.

Spekulation wird von Nichtökonomen oft kritisch beurteilt. Spekulationsgewinne gelten als „arbeitsloses Einkommen“, der Spekulant als Spieler, der seinen Gewinn aus dem Verlust anderer zieht. Auch wird behauptet, Spekulation sei die Ursache von Preisschwankungen. Spekulation hat jedoch eine wichtige gesamtwirtschaftliche Funktion, z. B. die zeitliche Glättung der Preisentwicklung der Waren, mit denen spekuliert wird. Langfristig wird nur derjenige Spekulant Gewinn erzielen, der bei niedrigen Preisen einkauft (und durch diese Nachfrage tendenziell die Preise steigert) und bei hohen Preisen verkauft (und durch dieses Angebot tendenziell preissenkend wirkt). Wer hingegen trotz bereits hoher Preise in Erwartung weiterer Preissteigerungen noch kauft und damit die Hausse anheizt oder trotz niedriger Preise weiter verkauft und damit die Baisse verschärft, wird im Durchschnitt keinen Spekulationsgewinn erzielen und muss aus dem Markt ausscheiden. Wirtschaftlich erfolgreiche Spekulation dämpft im Regelfall Preisschwankungen und ist nicht deren Ursache.

Bei Fehlen freier Preisbildung – z. B. bei festen Wechselkursen (Reform des internationalen Währungssystems), die durch Interventionen der Notenbank (Kauf/Verkauf von ausländischer Währung, um die eigene Währung zu verkaufen/kaufen) am Devisenmarkt verteidigt werden, wird Spekulation politisch als destabilisierend eingeschätzt. Im ökonomischen Sinne wirkt Spekulation verschärfend auf die Marksituation einer Währung, deren Wechselkurs nicht mehr marktgerecht ist und die nur noch auf- oder abgewertet werden kann.

Ein eigentliches Spekulationsrisiko besteht nicht mehr. Dann kann durch Spekulation ein Gewinn erzielt werden. Wenn in solchen Marktkonstellationen eine überbewertete Währung (sie steht unter Abwertungsdruck) verkauft wird und eine unterbewertete Währung (diese steht unter Aufwertungsdruck) gekauft wird, vergrößert sich das Ungleichgewicht auf dem Devisenmarkt: Die unterbewertete Währung wird in großem Umfang nachgefragt (Aufwertungsdruck wird größer) und die überbewertete Währung wird in großem Unfang angeboten (Abwertungsdruck).

Wenn die Regierung (sie hat das Recht einer Wechselkursänderung) dann dem zu großen Marktdruck nachgibt und den Wechselkurs ändert, verbuchen alle Spekulanten einen Gewinn in Höhe der Wechselkursänderung abzüglich möglicher Finanzierungs- und Transaktionskosten. Diese oft als „Destabilisierung“ interpretierte Spekulation ist jedoch in erster Linie auf die Wechselkursfixierung und das Zulassen einer Unter- bzw. Überbewertung der Währung zurückzuführen, deren Wechselkurs mit Interventionen oder anderen Maßnahmen verteidigt worden ist.

Kurzfristig kann, vor allem bei Wechselkursen bzw. Wechselkurserwartungen, ein Überschießen des Wechselkurses über den langfristigen Durchschnitt festgestellt werden. Die häufigsten Ursachen sind bei festen Wechselkursen stark verzögerte Anpassungen der Wechselkurse, die zu verstärkten Spekulationsaktivitäten anregen.

Ebenso sind spekulative Blasen zu beobachten, die kurzfristig oder auch längerfristig auf Märkten entstehen – vor allem auf Wertpapier-, Immobilien- und auf Rohstoffmärkten. Die plausibelste Erklärung ist Hysterie- oder Herdenverhalten, eine weitere Erklärung ist der massive Einstieg von „Amateurspekulanten“ mit Kauforders. Hauptursache dieser Entwicklung ist das Verdrängen der normalen Risikobewertung, das bloße Folgen der Verhaltensweisen so genannter Profianleger und die massiven Geschäfte institutioneller Anleger zur Prognose und Ausnutzung kurzfristiger Kursschwankungen. Die „Subprime-Krise“ in den USA mit ihren weltweiten Auswirkungen enthält alle diese Verursachungselemente.

Nach dem Platzen der Blase kommt es oft zu ebenso überzogenen Preisstürzen, bis sich wieder „normale“ Preishöhen und –schwankungen einstellen. Ursache der Blasen ist nicht die Spekulation an sich, sondern letztlich die mangelnde ökonomische Kenntnis und Vorsicht der beteiligten Spekulanten in Verbindung mit massenpsychologischen, z. T. bewusst ausgenutzten Ansteckungs- und Mitläufereffekten.

Literaturhinweise:

  • Maenning, W./ Wilfling, B. (1998), Außenwirtschaft: Theorie und Politik, München, S. 329 ff.
Franz-Josef Leven