Umweltzertifikate

Umweltzertifikate (auch: handelbare Umweltverschmutzungsrechte; Umweltlizenzen) stellen – ähnlich wie Umweltabgaben – ein marktwirtschaftliches Instrument der Umweltpolitik dar. Während aber bei Umweltabgaben ein (Abgaben-) Preis für die Nutzung der Umweltressourcen (die Umweltverschmutzung) festgelegt wird und sich die Gesamtmenge an Schadstoffemissionen erst als Reaktion der Emittenten auf diesen Preis ergibt, stellen Umweltzertifikate ein Mengeninstrument dar, bei dem die Schadstoffmenge vorgegeben wird und sich ein Preis erst als Folge von Angebot und Nachfrage auf dem Markt für Umweltzertifikate einstellt.

Der Grundgedanke von Umweltzertifikaten geht auf Überlegungen von Herman Daly (1968) und Thomas Crocker (1966) zurück. Während Umweltzertifikate lange Zeit nur als theoretisches Instrument der Umweltpolitik erwogen wurden, haben sie mit dem Handel von Schwefeldioxid-Zertifikaten in der U.S.-amerikanischen Luftreinhaltepolitik seit 1990 und dem Handel mit Kohlendioxid-Zertifikaten in der europäischen Klimapolitik seit 2003 auch Eingang in die praktische Umweltpolitik gefunden. Seitdem werden Märkte für Umweltzertifikate nicht nur für den Bereich der Luftreinhaltung und der Klimapolitik, sondern auch für andere Umweltbereiche wie den Gewässerschutz und den Biodiversitätsschutz diskutiert (Hansjürgens, Antes, Strunz, Hrsg., 2011).

Der Grundgedanke für die Einführung von Umweltzertifikaten besteht, vereinfacht gesagt, in vier Schritten:

  • In einem ersten Schritt ist die Gesamtmenge der zulässigen Umweltverschmutzung (Umweltbelastung) festzulegen und in Umweltzertifikate aufzuteilen, wobei jedes Umweltzertifikat einer bestimmten Menge an Umweltverschmutzung (z.B. einer Tonne CO2) entspricht.
  • In einem zweiten Schritt werden die Umweltzertifikate an die Emittenten über eine Versteigerung (Auktionierung), einen Verkauf zu einem Festpreis oder eine kostenlose Vergabe (sog. Grandfathering) verteilt.
  • Der dritte Schritt beschreibt den eigentlichen Handel der Umweltzertifikate unter den Emittenten. Hierbei ergibt sich über Angebot und Nachfrage ein (Knappheits-)Preis.
  • Ein vierter Schritt sind ein Monitoring der Schadstoffemissionen und der gehaltenen Umweltzertifikate sowie geeignete Sanktionen – es muss geprüft und sichergestellt werden, dass die Umweltzertifikate, die die Emittenten nutzen, mit ihren Schadstoffemissionen übereinstimmen, und es müssen Sanktionen greifen, wenn dies nicht der Fall ist.
Jeder einzelne Emittent wird, so die theoretische Überlegung zu Umweltzertifikaten, seine jeweiligen Kosten der Vermeidung eines zusätzlichen Schadstoffs (Grenzvermeidungskosten) mit dem Preis der Umweltzertifikate vergleichen. Sind die Vermeidungskosten geringer als der Zertifikatepreis, wird er vermeiden und überschüssige Zertifikate am Markt verkaufen, um hierdurch Erlöse zu erzielen. Sind die Vermeidungskosten höher als der Zertifikatepreis, wird er es vorziehen, statt die (höheren) Vermeidungskosten aufzuwenden die erforderlichen Umweltzertifikate zu erwerben. Damit kommt es volkswirtschaftlich gesehen zu dem Effekt, dass Schadstoffvermeidung von denjenigen in der Volkswirtschaft vorgenommen wird, die die geringsten Vermeidungskosten aufweisen. Damit ist auch das Ziel eines Handels mit Umweltzertifikaten umschrieben: Es geht darum, Umweltschutz zu minimalen volkswirtschaftlichen Kosten zu betreiben. Das Umweltziel wird dennoch eingehalten, weil die Gesamtmenge an Umweltzertifikaten vorweg festgelegt ist – es gibt einen „Deckel“. Der Handel mit Umweltzertifikaten wird deshalb auch als „cap-and-trade-System“ bezeichnet.

Literaturhinweise:

  • DALES, H. (1968), Pollution, Property and Prices, Toronto;
  • CROCKER, T. (1966), The structuring of atmospheric pollution control systems, in: Wolozin, H. (Ed.), The Economics of Air Pollution, New York, S. 61-86;
  • HANSJÜRGENS, B. (Hrsg.) (2005), Emissions Trading for Climate Policy. US and European Perspectives, Cambridge;
  • HANSJÜRGENS, B./ ANTES, R./ STRUNZ, M. (Hrsg.) (2011), Permit Trading in Different Applications, New York;
  • ENDRES, A. (2007), Umweltökonomie, 3. Aufl., Stuttgart;
  • FEESS, E. (2007), Umweltökonomie und Umweltpolitik, 3. Aufl., München;
  • SIEBERT, H. (Hrsg.) (1996), Elemente einer rationalen Umweltpolitik. Expertisen zur umweltpolitischen Neuorientierung, Tübingen.
Bernd Hansjürgens