Verteilung

Einkommen und Kriterien seiner Verteilung

Die Verteilung der Einkommen auf Personen gewinnt ihre Anziehungskraft durch die stets gegenwärtige Frage nach der gerechten Verteilung (Soziale Gerechtigkeit). Was unter Verteilungsgerechtigkeit zu verstehen ist, lässt sich nicht verbindlich festlegen, weder durch die Wissenschaft noch durch die Politik. Dazu bedarf es der Wertungen und Zielsetzungen. Deren Herleitungen und Begründungen ergeben sich aus der politischen Grundordnung der Gesellschaft. Entscheidendes Gestaltungselement ist in Deutschland die Soziale Marktwirtschaft.

In der Marktwirtschaft bestimmt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage den Preis für die Arbeitsleistung und den Einsatz von Kapital und damit die personelle Verteilung von Arbeits- und Kapitaleinkommen. Deshalb ist das Leistungsprinzip die oberste Norm der Gestaltung der Einkommensverteilung. Danach ist das gesamtwirtschaftliche Einkommen entsprechend der individuellen Leistungen auf die einzelnen Wirtschaftssubjekte, die diese durch ihren Einsatz von Kapital und Arbeit erbringen, aufzuteilen. Jede Person soll nach ihrer Leistung entlohnt werden. Das ist die austeilende Gerechtigkeit. Sie impliziert, dass Ungleichheiten in den Leistungserstellungen Ungleichheiten in den Einkommenshöhen zwischen Personen begründen.

Die Entlohnung, die den Marktkräften überlassen bleibt, setzt zugleich Leistungsanreize frei, auf denen das wirtschaftliche Wachstum und der technische Fortschritt der Marktwirtschaften beruhen. Werden wesentliche Teile des Einkommens, das am freien Markt erzielt werden kann, durch staatliche Eingriffe verhindert oder nachträglich über die Steuern den Einkommensbeziehern entzogen, wird der individuelle Leistungswille geschwächt. Die Folgen sind Fehlleitungen von Kapital (zum Beispiel Abwanderung in das Ausland) und Arbeit (etwa in die Schwarzarbeit), mangelnde Steigerung der Produktivität und Schwächung des wirtschaftlichen Wachstums.

Die Einhaltung des Leistungsprinzips erfordert ergänzend, dass gleiche Startchancen für alle Marktteilnehmer gewährleistet werden. Jeder Mensch muss seine Fähigkeiten, mit denen er auf den Arbeitsmärkten ein Einkommen zu erzielen vermag, auch durch eine entsprechende Ausbildung entfalten können. Zudem besteht eine Wechselwirkung zu einer gerechten Verteilung der Vermögen.

Selbst wenn die staatliche Ordnungspolitik diese Rahmen setzt, wird es immer Menschen geben, die nicht in der Lage sind, einen auskömmlichen Lebensunterhalt durch eigene individuelle Leistungen zu verdienen. So kann die Erwerbsfähigkeit durch mangelndes Leistungsvermögen und durch Krankheit oder Invalidität eingeschränkt oder durch unverschuldete Arbeitslosigkeit nicht realisierbar sein. Politisches Einvernehmen besteht deshalb darin, allen Menschen ein Mindesteinkommen zu garantieren. Das Leistungsprinzip wird ergänzt durch das Recht auf ein Existenzminimum. In diesem Recht kommt das Egalitätsprinzip zum Durchbruch, nach dem alle Menschen gleich seien. Dessen rigorose Umsetzung in eine vollkommen gleiche Einkommensverteilung würde allerdings das Leistungsprinzip aushebeln und die Wohlfahrt aller Wirtschaftseinheiten einschneidend senken.

Bei der Bestimmung des Existenzminimums unterscheidet man zwischen einer physischen und einer kulturellen Komponente. Das physische Existenzminimum umfasst alle materiellen Güter, die zum Überleben notwendig sind (Nahrung, Kleidung, Wohnung). Das kulturelle Existenzminimum soll eine Mindestteilhabe an dem gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Die Ansichten über die Höhe des Existenzminimums gehen erheblich auseinander. Das Leistungsprinzip erfordert, dass das garantierte Mindesteinkommen nicht den Leistungswillen in dem Sinne aufhebt, dass es nicht lohnend ist, eine vorhandene Erwerbsfähigkeit auch auf dem Arbeitsmarkt anzubieten.

Das Recht auf das Existenzminimum wird durch das Bedarfsprinzip erweitert. Danach soll die Einkommensverteilung den ungleichen Bedürfnissen der Wirtschaftssubjekte entsprechen. Darüber lässt sich kein gesellschaftlicher Konsens erzielen. Das gelingt allein in konkreten Problemen der Annäherung an das Existenzminimum. Ein Beispiel ist der familienabhängige Mehrbedarf. Welcher Teil von der Gesellschaft zu tragen ist, bleibt bereits wieder umstritten.

Das so verstandene Bedarfsprinzip und das Recht auf ein Existenzminimum erfordern eine Politik der Einkommensverteilung über die Einkommensteuer und Einkommenstransfers. Die aus dem Leistungsprinzip sich einstellende Primärverteilung wird durch diese staatlichen Verteilungsaktivitäten in eine Sekundärverteilung umgewandelt. Das ist ein Ausdruck des Solidaritätsaspekts der Sozialen Marktwirtschaft. Dennoch sollte bei der Bemessung der Umverteilungspolitik gerade in der Sozialen Marktwirtschaft im Interesse der langfristigen Wohlstandsmehrung dem Leistungsprinzip der Vorrang eingeräumt werden.

Maße der Einkommensverteilung

Die Verteilung der Einkommen kann nach zahlreichen wirtschaftlichen, sozio-ökonomischen und auch regionalen Merkmalen statistisch erfasst und dargestellt werden. Zur Veranschaulichung werden einige Beispiele für die Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 2003 angeführt. So enthält Schaubild 1 in der Schlusszeile die Beträge der durchschnittlichen monatlichen Bruttoeinkommen der privaten Haushalte in dem früheren Bundesgebiet (West) und den neuen Ländern einschließlich Berlin-Ost (Ost). Die Graphik informiert über die Quellen der Bruttoeinkommen und liefert damit einen Hinweis auf die staatlichen Verteilungsaktivitäten (Sekundärverteilung). Das private Bruttoeinkommen in Ostdeutschland lag demnach auch noch im Jahr 2003 um ein Viertel niedriger als in Westdeutschland, und die öffentlichen Transferzahlungen fielen in etwa um den gleichen Anteil höher aus. Tabelle 1 bestätigt, dass die Einkommen der Frauen weiterhin deutlich unter denen der Männer liegen.

Schaubild 1: Höhe und Quellen des durchschnittlichen monatlichen Brutto-Haushaltseinkommens 2003

Tabelle 1: Durchschnittliches monatliches Haushaltseinkommen nach Erwerbsstatus und Geschlecht in 2003

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Die personelle Einkommensverteilung setzt die Höhe der einzelnen Einkommen in Beziehung zu der Zahl der Wirtschaftseinheiten, denen dieses Einkommen zugeflossen ist. Weit verbreitet für die graphische Darstellung dieser Verteilung ist die Lorenzkurve (Schaubild 2). Beginnend bei den niedrigen Einkommen – alle Einkommen eingeteilt in Größenklassen – werden sowohl die relativen Anteile der Bezieher jeder einkommensklasse (Abszisse) als auch deren relativen Anteile an dem Gesamteinkommen (Ordinate) sukzessive aufaddiert. Je weiter die so ermittelte empirische Verteilungskurve von der Geraden der Gleichverteilung abweicht, desto größer fällt die Fläche zwischen der empirischen Lorenzkurve und der Linie der Gleichverteilung aus. Das Verhältnis zwischen dieser Verteilungsfläche und dem Dreieck unter der Diagonalen ist der Gini-Koeffizient als Maß für die Einkommenskonzentration.

Schaubild 2: Einkommensverteilung und Gini-Koeffizient in Deutschland 2003

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In dem obigen Schaubild ist anstelle des gemessenen Einkommens das statistische Konstrukt des Nettoäquivalenzeinkommens verwendet. Hierzu werden den Mitgliedern eines privaten Haushalts bestimmte Gewichte zugeordnet und das tatsächliche Einkommen durch die Summe der Äquivalenzgewichte dividiert. Dadurch ergibt sich ein gewichtetes Einkommen je Person des Haushaltes, wodurch Strukturunterschiede zwischen den Haushalten kompensiert werden (Zahl der Haushaltsmitglieder, Alter der Kinder). Diese Einkommensgröße dient der Festlegung einer relativen Grenze der Armut. Eine Person mit einem Äquivalenzeinkommen niedriger als 60 v.H. eines Mittelwertes (Median) gilt per definitionem als arm. Im Jahr 2003 lag die Armutsquote in der Bundesrepublik bei 13,6 v.H. Für das frühere Bundesgebiet wurde eine Quote von 12,2 v.H., für die neuen Länder hingegen von 19,8 v.H. ermittelt.

Literaturhinweise:

  • Statistisches Bundesamt (2006), Wirtschaftsrechnungen: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe;
  • Einkommensumverteilung in Deutschland 2003. Fachserie 15, Heft 6, Wiesbaden;
  • Siebke, J. (1999), Verteilung, in Bender, D., u.a., Vahlens Kompendium der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, 7. Aufl., Band 1, S. 417-452, München.
Jürgen Siebke

Zu neueren Zahlenangaben siehe Einkommen.